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Chronische Schmerzen bei Migranten/Innen in der Psychiatrie

von Youcef Hamerlain (Autor)

Diplomarbeit 2008 24 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung.
1.1 Ausgangslage und Begründung der Themenwahl...
1.2 Fragestellung und Ziele der Arbeit.
1.3 Abgrenzung
1.4 methodisches Vorgehen

II Hauptteil
2. Bearbeitung der Theorie...
2.1 Definition von chronischen Schmerzen
2.2 Schmerzwahrnehmungen, Schmerzverhalten .
und Schmerzverständnis unter kulturellen Aspekten ...
2.3 Bedeutung des Sozialnetzes bei Migranten.
2.4 Kommunikation und Sprachbarrieren bei Migranten...
2.5 Einsatz von Dolmetschern/Mediatoren in der Psychiatrie.
2.6 Pflegerische Methoden/Interventionen im Umgang mit chronischen Schmerzen
2.6.1 Schmerzassessment
2.6.2 Ergotherapie
2.6.3 Sprachunterricht
2.6.4 Musik in der Pflege
2.6.5 Humor und seine Wichtigkeit bei der Pflege chronisch Kranker

3. Fallbeispiel...
3.1 Beschreibung des Patienten
3.2 Pflegerische Interventionen und Verlauf.

4. Verbindung zwischen Theorie und Praxis..

5. Schlussvolgerungen und Zusammenfassung..

6. Lernprozess

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

1.Einführung

1.1 Ausgangslage und Begründung der Themenwahl

Weltweit befinden sich mehr als 21 Millionen Menschen auf der Flucht. Viele von ihnen fliehen vor bürgerkriegsähnlichen Zuständen in ihrem Herkunftsland, aus politischen oder sozioökonomischen Gründen.

Die bis in die Schweiz geflohenen Menschen erhalten die Möglichkeit, einen Antrag auf Asyl zu stellen, dessen Anerkennung jedoch aufgrund der Verschärfung des Asylrechts zunehmend ungewiss ist. Die Lebenssituation der Flüchtlinge ist häufig von Angst vor Ausgrenzung, Diskriminierung und Abschiebung geprägt. Fehlende Perspektiven und eingeschränkte Gestaltungsfreiheiten eines selbstbestimmten Lebens verstärken die gesundheitlichen Belastungen und erhöhen den psychischen Druck. In dieser Situation macht Migration auch vor den Toren psychiatrischer Kliniken nicht halt. Dies betrifft mich sowohl in beruflicher als auch in persönlicher Hinsicht: Als diplomierter Psychiatriepfleger arbeite ich seit mehr als 5 Jahren auf einer gemischten Akutaufnahme- Abteilung in einer psychiatrischen Klinik. Die Abteilung ist eine halb offene psychiatrisch-psychotherapeutisch geführte Akutstation mit 18 Betten und Schwerpunkt illegaler Sucht zur Behandlung erwachsener Patienten.

Mir fällt auf, dass zeitweise über 40% der gesamten Belegung Patienten mit Migrations-hintergrund sind. Aufgrund der zunehmenden Einweisungen von Migranten mit Schmerzproblematik und Depressionen werden meine Kollegen und ich zunehmend mit Krankheitsvorstellungen aus anderen Kulturkreisen konfrontiert, die von den westeuropäischen abweichen.

Wir stehen vor Verständigungsproblemen, erleben sprachliche und kulturelle Missverständnisse und müssen mit unermesslichem Leid bei Opfern politischer Verfolgung, Folter oder Vergewaltigung umgehen.

In meiner Funktion als Gerichtsdolmetscher und Mediator der arabischen und französischen Sprache erhalte ich eine weitere Perspektive auf die komplexe Problematik der Migranten bzw. Asylsuchenden und vorläufig Aufgenommenen

Aufgrund meines eigenen Migrationshintergrundes schliesslich –ich stamme aus Algerien- berührt mich die Situation von Migranten in der Psychiatrie auch persönlich.

1.2 Fragestellung und Ziele der Arbeit

Welche besonderen pflegerischen Interventionen erfordert die Behandlung der asylsuchenden Migranten/Innen mit Schmerzsymptomatik?

Ziel der Arbeit ist für mich, ein praktisches Vorgehen darzustellen, das im Pflegealltag der Migranten mit chronischen Schmerzen angewandt, erprobt und durch weitere Erfahrungen zukünftig noch ergänzt werden kann.

1.3 Abgrenzung:

Das Thema „chronische Schmerzen bei Migranten“ weist eine sehr hohe Komplexität auf. An dieser Stelle soll nicht etwa für ein „Patentrezept“ für die Pflege aller Migranten mit Schmerzproblematik in der Psychiatrie plädiert werden, sondern für eine Individualpflege. Es geht nicht um Vereinheitlichung kultureller Besonderheiten, sondern ganz im Gegenteil um respektvollen Umgang mit dem Fremden. Ich werde in dieser Arbeit nicht das Thema „chronische Krankheiten“ und ihre Entstehung bzw. Therapie erschöpfend behandeln können. Ebenso wenig ist es möglich, das Gesamtthema „Migration und Gesundheit“ abschliessend zu behandeln.

1.4 Methodisches Vorgehen

Ich werde zur Bearbeitung der Fragestellung wie folgt vorgehen:

Anhand verschiedener Nachschlagwerke und Literaturquellen werde ich die chronischen Schmerzen zuerst definieren, dann die Schmerzwahrnehmung unter Besonderheiten der Kultur betrachten und schliesslich versuchen darzustellen, wie wir in der Psychiatrie der „Sprachlosigkeit“ im Umgang mit Chronisch-Schmerzkranken begegnen können. Des Weiteren werde ich einige pflegerische Hilfsmittel im Umgang mit dieser Patientengruppe darstellen. Dies soll an einem Fallbeispiel anschaulich werden. Ein Transfer zwischen Theorie und Praxis erfolgt im vierten Kapitel, in dem überprüft wird, inwieweit sich die theoretischen Überlegungen auf das Fallbeispiel anwenden lassen.

Zum Schluss möchte ich gerne meine gewonnenen Erkenntnisse und die Schlussfolgerungen formulieren.

Der persönliche Lernprozess wird abschliessend erläutert.

II Hauptteil

2. Bearbeitung der Theorie

2.1 Definition von chronischen Schmerzen:

Von "chronischen Schmerzen" sprechen wir, wenn die Schmerzen länger als sechs Monate anhalten. In diesem Falle hat der Schmerz keine Schutz- und Warnfunktion mehr, sondern wird zu einer eigenständigen Krankheit, der "chronischen Schmerzkrankheit". Anhand des NANDA Pflegediagnosensystems wird chronischer Schmerz folgendermaßen definiert: „Schmerzen, chronisch: Ein Zustand, bei dem ein Patient plötzliche oder langsam ansteigende Beschwerden von geringer bis schwerer Intensität mit einem nicht vorhersehbaren oder vorhersagbaren Ende erlebt (Dauer 6 Monate und länger)“. (Stefan et al. 2003, S.529).

Im Folgenden soll die Definition der Internationalen Vereinigung zum Studium des Schmerzes (1979) Grundlage der Ausführungen des Schmerzes bei Migranten sein:“ Schmerz ist ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit aktueller und potentieller Gewebesschädigung verknüpft ist oder mit Begriffen einer solchen Schädigung beschrieben wird“. (Hüper 1997, S.178). Hier wird deutlich, dass Schmerz nicht nur als Zeichen einer körperlichen Störung gesehen werden kann, sondern, dass Schmerz auch als psychisches Phänomen betrachtet werden muss, das nur die betroffene Person fühlt und erlebt:

„Schwere Schmerzen können ohne Gewebsverletzungen bestehen, schwere Verletzungen brauchen nicht mit Schmerz verbunden zu sein“

(Uexküll 1990, S.537).

2.2 Schmerzwahrnehmungen, Schmerzverhalten und Schmerzverständnis unter kulturellen Aspekten:

Die Internationale Vereinigung zum Studium des Schmerzes weist daraufhin, dass es viele Schmerzen gibt, “ die unabhängig von irgendwelchen körperlichen Schmerzreizen auftreten. Für das subjektive Schmerzverständnis ist es völlig belanglos, ob eine Gewebeschädigung vorliegt oder nicht. Das heisst durch seelische (psychische) Probleme ausgelöste Rückenschmerzen werden von Patienten genauso intensiv und real erlebt wie Rückenschmerzen durch zerschlissene Wirbelgelenke. Nichts wäre so falsch, wie im ersten Fall von eingebildeten und im zweiten Fall von echten Schmerzen zu reden“ (Hüper 1997, S.176) Schmerz wird als existentielles Bewusstseinsphänomen erlebt und ist auf diese Weise eng mit dem kulturellen Hintergrund verbunden, insofern der Schmerz die Deutung erfährt, die die jeweilige Kultur entwickelt hat.

Nach einer Untersuchung von Blechner zu 954 Schmerzpatienten gehen Migranten mit vielen Schmerzen überhaupt nicht zum Arzt: “So sind zum Beispiel Rheumaschmerzen für viele Türken etwas Bekanntes und dabei unabänderliches und schicksalhaftes- eine Meinung, die sich aufgrund der Nichtinanspruchnahme ärztlicher Hilfe fortlaufend stabilisiert. In solchen Fällen ist die Einstellung von Schmerzen durch Stoizismus, Fatalismus und Kapitulation geprägt. Die Formel “La havle vela korrete illa dillah“ – zu deutsch „ausser bei Gott gibt es bei niemandem Kraft und Macht“ ist in diesem Zusammenhang zu verstehen“. (Hüper 1997, S.180)

Anderseits wird aber auch vom so genannten „Viel-Schmerz“ oder „Mamma-Mia-Sydrom“ gesprochen (Habermann 1992, S.34), einem Schmerzverhalten, bei welchem durch heftige verbale und nonverbale Signale der Schmerz geäussert wird.

Ein weiteres Konfliktfeld liegt schliesslich auch in der Behandlung solcher deutlich vorgetragener Schmerzen, einer Behandlung, die oftmals auf eine pharmakologische Intervention reduziert ist und Zuwendung und Aufmerksamkeit für die Lebenssituation ausser Acht lässt.

Die Arbeitsgruppe „Interkulturelle Pflege“ interviewte einen türkischen Patienten, der nach einer „Schmerzodyssee in einer Poliklinik erst auf der Intensivstation beruhigt werden konnte: „ Ich schreien, ich sag das, machen sie mir eine Spritze(…) sehen Sie, ich habe so viel Schmerzen, warum machen Sie wenigstens eine Spritze?!, willst Du bei mir eine Spritze machen oder nicht? Machen Sie eine Gift, geben Sie mir eine Gift, ich kann auch unterschreiben, aber ich kann nicht ertragen diese Schmerzen. Geben Sie mir eine normale Spritze dann kann ich da bleiben oder geben Sie mir eine Gift, ich will auch sterben, so Schmerzen.“ Das Krankenhauspersonal hatte ihm u.a. “Theater machen“ und „Du machst Schau!“ unterstellt. Im Interview war der Patient in der Lage, seine Situation zu reflektieren. „Es könnte sein, dass dies alles wegen meiner Probleme (berufliche Belastung) gekommen ist“, denn die Ursache der Schmerzen konnte bei keinem der insgesamt drei Krankennhausaufenthalte genauer diagnostiziert werden“. (Hüper,1997, S.165)

Migranten verleihen ihrem Schmerz in einer Weise Ausdruck, der ihre Umwelt veranlassen soll, ihnen zu helfen. Die Äußerungen sind häufig metaphorisch geprägt, zum Beispiel wie „ein Riesenmesser in meinem Rücken“, und werden theatralisch untermauert. So sollen die Bilder und Gesten eine stärkere Untermalung des Gesagten erreichen.

Dies setzt jedoch voraus, dass der Empfänger der Botschaft diese versteht oder im Fall des Unverständnisses die Gesten und Worte nicht abwertet. Auch beim Umgang mit Analgetika

wird deutlich, dass das Pflegepersonal häufig mit der Art der Schmerzäußerungen überfordert ist. Zum einen soll der Patient nicht unnötig leiden, zum anderen kann das Pflegepersonal häufig die Intensität der Schmerzen nicht richtig einschätzen. Dies führt häufig zur Stereotypisierung, wie etwa „Morbus balticum“ oder „Morbus mediteraneum“. (Wekker et al. 2004, S.10)Foto: dpa

2.3 Bedeutung des Sozialnetzes bei Migranten

Nach Achermann und Chiementi (2006) kommt dem Sozialnetz eine wichtige Rolle als „gesundheitsfördernder und das Wohlbefinden steigernder Faktor“ zu.

Die Autoren besprechen das soziale Netz sowohl hinsichtlich Ressourcen als auch bezüglich Risiken und Problemen. Als Ressource kann das soziale Netz -so die Autoren- emotionale, instrumentelle, soziale und ökonomische Unterstützung bedeuten.

Die emotionale Unterstützung entsteht durch Verständnis, Interesse oder Anteilnahme im Gespräch mit Angehörigen oder Bekannten: Durch das Erzählen der Probleme und der Schwierigkeiten mit der besonderen Lebenssituation kann sich ein emotionaler Rückhalt bilden, der „viel Kraft“ gibt. Neben persönlichen Kontakten spielen hier regelmässige Telefongespräche eine grosse Rolle. Die Häufigkeit dieser Gespräche variiert je nach Kosten und Erreichbarkeit.

Bei den bedeutsamen Kontakten handelt es sich einerseits um andere Migranten/Innen aus dem gleichen Herkunftsland, anderseits um Migranten/Innen aus anderen Ländern oder um SchweizerInnen. Auch Mitarbeiter von offiziellen Stellen können eine wichtige Funktion als Gesprächspartner erhalten. Insbesondere in der Beziehung zu Familien- Mitgliedern kann auch das Gefühl „für andere wichtig zu sein und gebraucht zu werden“ als weitere Ressource im Bezug auf das soziale Netz angesehen werden.

Unter Instrumenteller Unterstützung versteht man praktische Hilfe, zum Beispiel bei der Informationsbeschaffung für Reisemöglichkeiten, administrativen Fragen, Familienproblemen oder institutionellen Kontakten. Bei diesen Kontakten handelt es sich in erster Linie um professionelle Beziehungen (Ärzte, Mitarbeiter von Institutionen, Betreuer von Durchgangszentren).

Die soziale Unterstützung bedeutet in erster Linie “gemeinsame Aktivitäten“. So wird deutlich, dass Ausflüge oder Besuche von oder bei Angehörigen und Bekannten eine willkommene Abwechslung sind, die nicht nur für Vergnügen sorgen, sondern auch die gelegentliche Isolation durchbrechen können

Die ökonomische Unterstützung bezieht sich einerseits auf finanzielle Zuschüsse, die Engpässe zu überbrücken helfen, aber auch auf Güter wie Kleider und Möbel anderseits. Die Nutzung des Sozialnetzes ist jedoch teilweise problematisch: “Die Einschränkungen auf verschiedenen Ebenen erschweren auch die regelmässige Pflege von sozialen Kontakten. Die Problematik der eingeschränkten Reisefreiheit, die einen Besuch bei Verwandten und Bekannten in anderen europäischen Ländern oder im Herkunftsland verhindert, wurde ebenfalls bereits genannt. Zahlreiche Interviewte sagten, dass ihre eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten es nicht erlauben würden, zu Angehörigen oder Bekannten in der Schweiz zu reisen, diese zu sich einzuladen oder häufig ins Herkunftsland anzurufen.“ (Achermann, Chiemienti 2006, S.101)

Ein zweites Problem bezieht sich auf die emotionale Ebene: Die Mehrheit erzähle, dass ihre Schwierigkeiten aus verschiedenen Gründen meist für sich behielten und mit kaum jemandem darüber sprächen. Ein oft genannter Grund dafür ist, dass sie ihren Bekannten in der Schweiz nicht vertrauten und sie fürchteten, dass diese ihre Probleme weiter erzählen würden. Viele bevorzugten lieber das Schweigen als von Problemen zu sprechen, weil man ohnehin ihre Situation nicht verstehen könne, wenn man sie selbst nicht erlebt hat. Die Betroffenen erhoffen sich mehr Unterstützung von ihren zuständigen SozialarbeiterInnen, sie beklagen sich, dass diese so wenig Zeit für Gespräche haben und dass sich die Gespräche auf Sach- und Finanzfragen beschränken. (vergl. Achermann, Chiementi, S. 101-102). Auch die bescheidenen ökonomischen Mittel können zu Schwierigkeiten innerhalb des Sozialnetzes führen:

Das Hauptproblem der vorläufig Aufgenommenen auf der Ebene der ökonomischen Unterstützung ist die Abhängigkeit von anderen. Diese hinterlässt bei Ihnen das Gefühl, Schmarotzer zu sein, zumal sie wenig eigene Beiträge als ausgleichende Gegenleistung erbringen können. Zudem besteht ihr näheres soziales Umfeld oftmals aus Personen, die ebenfalls in bescheidenen Verhältnissen leben und darum auch nur geringe ökonomische Unterstützung bieten können(Achermann, Chiemienti 2006, S.101).

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Details

Seiten
24
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640497362
ISBN (Buch)
9783640497546
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v139829
Institution / Hochschule
Fachhochschule Nordwestschweiz
Note
Gut
Schlagworte
Chronische Schmerzen Migranten/Innen Psychiatrie

Autor

  • Youcef Hamerlain (Autor)

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Titel: Chronische Schmerzen bei Migranten/Innen in der Psychiatrie