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Folgen von sexuellem Missbrauch

Hausarbeit 2008 18 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition

3. Allgemeine Folgen

4. Erklärungsmodelle für die Entstehung von Folgen (Ätiologie)

4.1 Traumata
4.2 Das Modell der traumatogenen Dynamiken

5. Folgen unüberwundener und schwerer Traumata und somit Folgen des sexuellen Missbrauchs
5.1 Posttraumatische Belastungsstörung
5.2 Dissoziative Identifikationsstörung (Multiple Persönlichkeit)
5.2.1 Ätiologie der Dissoziativen Identifikationsstörung
5.2.1.1 Autoregulationshypothese
5.2.1.2 Rollen-Fluktuations-Hypothese
5.3 Essstörungen als Folge sexuellen Missbrauchs
5.3.1 Hauptformen
5.3.2 Ursachen

6. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als Kind oder auch als Erwachsener sexuell missbraucht zu werden, ist wohl eines der härtesten und schlimmsten Schicksale, das einem widerfahren kann. Nach einer solchen Tat, kann man nie wieder derselbe Mensch sein, der man zuvor war. Denn ein solcher Missbrauch zieht immer irgendwelche Konsequenzen nach sich, egal wie psychisch stabil oder unstabil derjenige auch sein mag. Häufig erfahren die Opfer nur wenig Hilfe bzw. verschweigen den Missbrauch ganz bewusst, da sexueller Missbrauch auch in unserer heutigen Gesellschaft immer noch so etwas wie ein Tabuthema ist. Dieses „Todschweigen“ führt auch häufig dazu, dass viele der begangenen sexuellen Missbrauchsfälle gar nicht bekannt werden bzw. auch nicht angezeigt werden. Viele Opfer schämen sich, mit dem was ihnen passiert ist, an die Öffentlichkeit zu gehen. Daher ist es auch besonders schwierig genaue Zahlen von Betroffenen anzugeben, da das Dunkelfeld viel größer ist als die offiziellen Zahlen dies belegen.

Besonders schlimm daran missbraucht worden zu sein, sind die psychischen und teilweise auch körperlichen Folgen, die dieser Missbrauch nach sich zieht. Das Spektrum dieser Folgen ist unendlich breit gefächert und umfasst so ziemlich jede psychische Störung, die man sich vorstellen kann. Doch häufig lassen sich hier nicht immer direkte Bezüge herstellen, da für das Entstehen einer Störung eine ganze Reihe von Faktoren verantwortlich sind. In der wissenschaftlichen Folgeforschung von sexuellem Missbrauch haben aber in jüngster Zeit vor allem die Posttraumatische Belastungsstörung und die Dissoziative Identifikationsstörung, als Resultat traumatischer Erlebnisse, und die Essstörung eine besondere Beachtung gefunden. Bei diesen drei Arten von psychischen Störungen lassen sich direkte Verbindungen zum sexuellen Missbrauch herstellen. Aufgrund dessen werde ich mich auch in dieser Arbeit mit diesen drei Erscheinungsformen näher beschäftigen. Zudem werde ich versuchen zwei Ansätze zur Entstehung dieser Störungen, das Trauma und das Modell der traumatogenen Dynamiken näher zu durchleuchten.

2. Definition

Sexueller Missbrauch bezeichnet unter Strafe gestellte sexuelle Handlungen, die durch Drohungen oder körperliche Gewalt erzwungen und gegen den Willen des Opfers vollzogen werden. Neben dieser allgemeingültigen Definition gibt es noch eine Reihe weiterer Definitionskriterien. Zum einen wird zunächst zwischen einer engen und einer weiten Definition unterschieden. Der weite Definitionsbegriff, der sämtliche potentiell schädliche Handlungen einschließt, umfasst lediglich sexuelle Handlungen ohne Körperkontakt, wie z.B. Exhibitionismus. Unter den engen Begriff fallen alle Handlungen, die bereits normativ als schädigend bewertet werden. Dies würde auch am ehesten sozialwissenschaftlichen oder psychologischen bzw. klinischen Definitionen entsprechen, die Handlungen umfassen, die nicht strafbar sind, aber moralisch verurteilt werden und die sich vor allem mit den subjektiven Folgen der Handlungen beschäftigen. Aus rechtlicher Sicht bezeichnet sexueller Missbrauch an Kindern „[…] sexuelle Handlungen vor, an oder mit einem Kind. Als Kinder werden, abhängig von nationaler Rechtsprechung, Personen vor dem 12. bis zum 18. Lebensjahr, in Deutschland vor dem 14. Lebensjahr, verstanden. Sexueller Missbrauch von Jugendlichen bezeichnet sexuelle Handlungen meist Erwachsener mit Jugendlichen, die gegen Entgelt stattfanden oder wenn die Fähigkeit zur sexuellen Selbstbestimmung des Jugendlichen fehlt und der Erwachsene dies ausnutzt. Als Jugendliche gelten weithin Personen im Alter von 14 bis 17 Jahren, wobei die Altersbereiche bezüglich der Strafbarkeit in Deutschland feiner aufgegliedert werden“ (www.wikipedia.de). Viele Definitionen beziehen auch ganz implizit die Altersunterschiede zwischen Opfer und Täter mit ein. In den meisten Fällen wird erst ab einem Altersunterschied von mindestens fünf Jahren von sexuellem Missbrauch gesprochen. Doch diese Definitionskriterien sind vor allem problematisch, da die sexuelle Gewalt unter Jugendlichen nach diesem Kriterium ausgeschlossen wird. Einige Definitionen greifen auch erst, wenn ein expliziter sexueller Körperkontakt stattgefunden hat. Befürworter dieser Sichtweise sind der Meinung, dass Handlungen ohne Körperkontakt nicht traumatisierend für die Opfer sind. Doch auch wenn objektiv keine Verhaltensauffälligkeiten bei den Opfern zu beobachten sind, bedeutet das nicht, dass diese nicht subjektiv unter den Folgen leiden. Zudem wird, richtet man sich nach Definitionen, die sich stark an den Folgen orientieren, diesen Opfern der sexuelle Missbrauch gänzlich abgesprochen, d.h. er hat nie stattgefunden.

Wie schon die vorangegangen Ausführungen deutlich machen, ist es sehr schwer eine allgemeingültige, und von allen akzeptierte Definition von sexuellem Missbrauch zu finden. Daher ist es auch sehr wichtig sich nicht nur an einem einzelnen Definitionskriterium zu orientieren. Um alle Fälle sexueller Gewalt zu erfassen, ist eine Kombination verschiedener Ansätze vonnöten.

3. Allgemeine Folgen

Die Folgen von sexuellem Kindesmissbrauch sind sehr vielfältig und breit gefächert und werden seit langem empirisch untersucht. Grundsätzlich wird in der Folgeforschung aber zwischen Kurzzeit- und Langzeitfolgen differenziert. Unter Kurzzeitfolgen versteht man alle unmittelbaren Reaktionen des Kindes auf den Missbrauch, sowie mittelfristige Folgen, die innerhalb der ersten beiden Jahre nach Beginn des sexuellen Missbrauchs in Erscheinung treten. Innerhalb dieser Folgen lassen sich vier Symptomgruppen unterscheiden. Zum einen emotionale Reaktionen, wie Angststörungen, Posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen, niedriger Selbstwert, Schuld- und Schamgefühle, Ärgerneigung, Feindseligkeit, Suizidgedanken und selbstschädigendes Verhalten sowie alle Störungen der Gefühlsregulation. Des Weiteren werden somatische und psychosomatische Folgen, wie Verletzungen im genitalen und oralen Bereich, frühe Schwangerschaften, Geschlechtskrankheiten, psychosomatische Beschwerden, Ess- und Schlafstörungen sowie Bettnässen und Einkoten als eine Symptomgruppe verstanden. Als eine weitere Kurzzeitfolge wird das unangemessene Sexualverhalten genannt. Dieses drückt sich aus in Symptomen wie einer enormen Neugier an Sexualität, frühen sexuellen Beziehungen, offenem Masturbieren oder Exhibitionismus sowie unangemessenem sexualisiertem Verhalten im Sozialkontakt. Die vierte Symptomgruppe sind Auffälligkeiten im Sozialverhalten wie z.B. von zu Hause weglaufen, Schulschwierigkeiten, der Schule fernbleiben, Rückzugsverhalten, hyperaktives, delinquentes und aggressives Verhalten sowie übermäßiger Drogenkonsum. Auf übergeordneter Ebene lassen sich alle Kurzzeitfolgen in zwei Breitbandfaktoren unterteilen. Diese sind internalisierende und externalisierende Reaktionsformen. Unter der internalisierenden Reaktion versteht man alle Reaktionen, die gegen die eigene Person gerichtet sind. Beispiel hierfür sind u.a. Depressionen, Ängste, Rückzugsverhalten und psychosomatische Beschwerden. Als externalisierend werden solche Reaktionen angesehen, die gegen die Außenwelt gerichtet sind, wie hyperaktives, delinquentes und aggressives Verhalten.

Diese Reaktionsformen werden zwar den Kurzzeitfolgen von sexuellem Missbrauch angerechnet, sie können aber auch durch andere Belastungen, wie Scheidungen, dysfunktionalem familiären Umfeld und durch andere Faktoren ausgelöst werden, so dass sich hier kein direkter Zusammenhang zwischen Missbrauch und Folgen herstellen lässt. Außerdem ließen sich in Studien, in denen missbrauchte Kinder mit einer Kontrollgruppe nicht-missbrauchter, jedoch klinisch auffälliger Kinder, verglichen wurden, bei den missbrauchten Kindern nicht mehr Symptome finden (vgl. Moggi in Amann 2005, S. 215).

Den Kurzzeitfolgen stehen die Langzeitfolgen gegenüber. Diese sind charakterisiert durch Folgen, die die Dauer der Kurzzeitfolgen überschreiten und die erst später als zwei Jahre nach Beginn des Missbrauchs auftreten. Auch sie lassen sich zu verschiedenen Symptomgruppen zusammenfassen. Diese sind u.a. Posttraumatische Belastungsstörung, emotionale und kognitive Störung, Persönlichkeitsstörung, selbstschädigendes Verhalten, psychosomatische Symptome, dissoziative Störungen, Schlafstörungen, substanzgebundenes Suchtverhalten, Essstörungen, sexuelle Störungen und Störungen interpersonaler Beziehungen. Derzeit wird die Annahme einer kausalen Verknüpfung zwischen sexueller Kindesmisshandlung und deren Langzeitfolgen kritisch diskutiert. So deuten empirische Befunde darauf hin, dass es nicht „das“ typische Missbrauchssyndrom gibt. „Indes kommen verschiedene Autoren in ihren Literaturübersichten zum Schluss, dass in der Mehrzahl der Untersuchungen emotionale (v.a. Depression, Angst, niedriges Selbstwertgefühl, Suizidalität), interpersonale (v.a. soziales Misstrauen, Reviktimisierung) und sexuelle Störungen (v.a. sexuelle Funktionsstörungen) als typische Langzeitfolgen festgestellt werden. In jüngster Zeit wird vermehrt der Posttraumatischen Belastungsstörung, der Multiplen Persönlichkeitsstörung und den Persönlichkeitsstörungen, insbesondere der Borderline-Persönlichkeitsstörung als Langzeitfolgen Aufmerksamkeit geschenkt“ (Moggi in Amann 2005, S. 216).

Die Frage, ob sexueller Missbrauch überhaupt zu Langzeitfolgen führt, wird ebenfalls in der Empirie kritisch diskutiert und die Forschung kommt nicht immer zu den gleichen Ergebnissen, die eine eindeutige Aussage zulassen. Dies liegt vor allem daran, dass es in der Folgeforschung häufig zu Verzerrungen kommen kann, da aus ethischen Gründen nur retrospektive Studien durchgeführt werden können. Derartige Studien sind besonders anfällig für Verfälschungen, da bei den meisten Befragten der Missbrauch schon einige Zeit zurück liegt. Weiterhin sind die unterschiedlich engen oder weiten Begriffsdefinitionen von Missbrauch, die Befragungsmethode und das Erhebungsinstrument als beeinflussende Faktoren zu nennen. In der Mehrzahl der korrekt durchgeführten Studien lassen sich aber schwache bis mittelstarke Zusammenhänge zwischen sexuellem Missbrauch und der Beeinträchtigung der seelischen Gesundheit im Erwachsenenalter aufweisen. In Zukunft gilt es daher näher zu untersuchen, unter welchen Bedingungen sexueller Missbrauch zu Langzeitfolgen führt. Erste Ergebnisse dieser Fragestellung besagen, dass die Schwere der Folgen durch die Art, Schwere und Dauer des Missbrauchs, sowie durch den Grad der sozialen Unterstützung und die Bewältigungsstrategien beeinflusst wird (vgl. Moggi in Bange 2002, S. 120). Das bedeutet, dass es auch Opfer sexuellen Missbrauchs geben kann, die subjektiv nicht unter Folgen leiden, da in diesen Fällen der Missbrauch nicht als derartig schwerwiegend anzusehen ist. Dies sind statistisch immerhin 1/3 der weiblichen und 1/2 der männlichen Opfer.

4. Erklärungsmodelle für die Entstehung von Folgen (Ätiologie)

4.1 Traumata

„Als Trauma (Plural: Traumata oder Traumen) oder Psychotrauma bezeichnet man in der Klinischen Psychologie eine von außen einwirkende Läsion der seelisch-psychischen Integrität. Der Begriff bezeichnet also nicht - wie häufig unterstellt - das gefährliche, bedrohliche Ereignis, welches die psychischen Verarbeitungskapazitäten fast jedes Menschen übersteigt und intensive Furcht, Hilflosigkeit oder Entsetzen auslöst. Sondern er beschreibt die von solchen Ereignissen schwer verletzte Seele (Psyche)“ (www.wikipedia.de). Man unterscheidet fünf Arten traumatischer Erfahrungen. Die individuelle und kollektive Gewalt, Natur- und Technikkatastrophen und körperliche und psychische Extrembelastungen. Für die vorliegende Arbeit besonders wichtig sind die Traumata aufgrund individueller Gewalt, unter die auch sexueller Kindesmissbrauch fällt. Weiterhin kann man zwischen den Arten nach Auftreten unterscheiden. Hier sind zum einen einmalige traumatische Ereignisse, wie z.B. ein Überfall oder eine einmalige Vergewaltigung, und zum anderen lange andauernde und wiederholte traumatische Erlebnisse, wie z.B. jahrelanger Missbrauch oder Krieg, zu nennen. Menschen, die über einen längeren Zeitraum an andauernden traumatischen Erlebnissen leiden, haben ein sehr großes Risiko an psychischen Störungen, wie z.B. der Posttraumatischen Belastungsstörung oder der Dissoziativen Identifikationsstörung, zu erkranken. Traumata sind immer mit außergewöhnlich belastenden Erfahrungen verbunden und daher seelisch und körperlich für den Menschen extrem belastend. Durch das Trauma entsteht ein Opfergefühl, bei dem sich die Betroffenen ohne Flucht- oder Handlungsmöglichkeit ausgeliefert fühlen. Die Entwicklung von Traumata wird vor allem anhand von kognitiven Theorien und Konditionierungstheorien erklärt und vollzieht sich folgendermaßen. Traumata erschüttern die positiven Annahmen (Schemata) einer Person über sich (Selbstwert) und über die Welt (Gerechtigkeit, Vertrauen, Sicherheit). Die Betroffenen assimilieren die traumatischen Erlebnisse an ihre kognitiv-emotionalen Schemata und / oder akkommodieren ihre kognitiv-emotionalen Schemata an die posttraumatische Realität. Dadurch werden neue Schemata, die sog. Hilflosigkeitsschemata, geformt, die wiederum das Ausmaß und die Art der Langzeitfolgen bestimmen (vgl. Moggi in Bange 2002, S. 219). Zu Beginn eines Traumas steht die vortraumatische Situation, der Alltag. Darauf folgt ein noch abgewehrter Beginn, bei dem die Coping-Strategien noch wirksam sind. Doch allmählich erfolgt eine zunehmende Bedrohung, die mit einer starken Stressreaktion und einer akuten Reizüberflutung, verbunden mit einer massiven Aktivierung von Stresshormonen, einhergeht. Schließlich entsteht das Trauma außerhalb der Wahrnehmung des Betroffenen. Auf diese akute Traumaphase folgt die Abklingphase, bei der sich eine Reduzierung der Bedrohung und eine Umschaltung zurück in das biografische Gedächtnis vollziehen. Im Anschluss daran, in der nachtraumatischen Phase, wird der Alltag wieder wahrnehmbar. Wird ein Trauma nicht überwunden können sich unter Umständen eine Posttraumatische Belastungsstörung oder eine Dissoziative Identifikationsstörung entwickeln.

Doch auch nach dem Verschwinden des Traumas kann nie wieder ein Zustand völliger Spannungslosigkeit erreicht werden, denn „[nach] jeder neuen Traumaerfahrung bleibt etwas mehr Spannung, mehr Stress bestehen, bis die Grundspannung insgesamt so hoch ist, dass die Phase der Abwehr- und der Copingmöglichkeiten schließlich in der nachtraumatischen und daher in der nächsten vortraumatischen Phase - beide gehen bei wiederholten Traumata ineinander über – nicht mehr erreicht werden kann“ (Olbricht 2004, S. 51).

[...]

Details

Seiten
18
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640494651
ISBN (Buch)
9783640494859
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v139595
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,3
Schlagworte
Folgen Missbrauch

Autor

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Titel: Folgen von sexuellem Missbrauch