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Max Goldt als popliterarischer Autor

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 27 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Popliteratur?

3. Max Goldt als Popliterat
3.1. Zur Person
3.2. Selbstinszenierung
3.3. Themen
3.3.1. Alltag
3.3.2. Medien und Konsum
3.3.3. Sprache
3.4. Erzählweise

4. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Max Goldt ist zweifellos populär: Lange Zeit war er bei dem Satiremagazin Titanic beschäftigt, seine Texte füllen zahlreiche Bände, der Autor ist immer wieder auf Lesetouren. Doch genügt die Popularität allein, um ein Popliterat zu sein? In dieser Hausarbeit soll Goldt hinsichtlich seiner Zugehörigkeit zur Popliteratur untersucht werden. Angesichts der Schwierigkeit, diesen Begriff klar abzugrenzen, sollen zunächst Merkmale der Popliteratur zusammengetragen werden, um dann Goldts Texte und auch sein Auftreten als Autor daraufhin zu untersuchen, inwiefern sie den popliterarischen Ansprüchen genügen. Das Ziel dieser Arbeit ist die Klärung, ob und aus welchen Gründen Goldt als Popliterat bezeichnet werden kann.

2. Was ist Popliteratur?

Bei der Beschäftigung mit dem Thema Popliteratur stößt man in Aufsätzen, Interviews und dergleichen schnell auf den vorweggeschickten Hinweis, dass diese Literatur schwer zu definieren sei. Während sie anderswo einfach als Teil der Popkultur wahr – oder gar hingenommen wird, ist anscheinend „Popliteratur nur ein Problem, wenn sie aus Deutschland kommt“[1]. Auf einer Lesereise in Deutschland mit dem Begriff konfrontiert, wusste beispielsweise der US-amerikanische Autor Bret Easton Ellis „gar nicht, was das sein sollte“[2]. Zwar lieferte gerade die amerikanische Beat-Generation der 1950er Jahre die Impulse, eine neue Literatur zu schaffen, aber die ursprünglichen Ziele und Absichten der Popliteratur, die Leslie A. Fiedler 1968 in seinem Aufsatz „Cross the border, close the gap“ formulierte, sind allein nicht ausreichend, um neuere deutsche Popliteratur ausführlich zu untersuchen. Der Aufruf Fiedlers, die Grenzen zwischen elitärer, hochkultureller und unterhaltender Literatur einzureißen und auch Genres wie Western, Science Fiction und Pornographie vorbehaltlos zu konsumieren, veränderte sicher das Verständnis und die Wahrnehmung von Unterhaltungsliteratur und sorgte – auch durch Rolf Dieter Brinkmanns Ausarbeitung der Thesen – dafür, dass profane Alltäglichkeit „quasi propagandistisch gegen die Kultur der Väter, der bürgerlichen Sphäre ins Feld geführt“[3] wird.

Doch auch die Definition des Metzler Literaturlexikons, in der Popliteratur in einerseits triviale Unterhaltungsliteratur und andererseits provokante Undergroundliteratur zergliedert wird, trifft auf die neuere Erscheinungsform der Gattung kaum zu.[4] Ausgehend von der Auflagenhöhe mancher Titel kann man natürlich von populärer Unterhaltungsliteratur sprechen und an dieser Stelle sollte auch auf die Benennung dieser Literatur hingewiesen werden. So steht die Kurzform Pop für ‚populär’, was im Wortsinn nichts anderes meint als die Eigenschaft des Volkstümlichen, Beliebten und Gemeinverständlichen.[5] In dieser Wortbedeutung finden sich also gleich drei Merkmale: Popliteratur beschäftigt sich, wenn man vom Namen ausgeht, mit den Angelegenheiten oder Themen der breiten Volksmasse, sie ist darüber hinaus in einer leicht verständlichen Sprache verfasst und zu guter Letzt ist sie – vermutlich wegen der beiden vorher genannten Punkte – bei der Allgemeinheit beliebt. Gerade wegen ihrer Prägnanz ist diese Definition sehr verlockend und, wie gleich zu sehen sein wird, auch treffend, aber dennoch sind diese drei Komponenten nicht hinreichend, um Popliteratur vollständig charakterisieren zu können.

Obwohl man angesichts dieser Überlegungen versucht ist, zu sagen, dass man besser definieren könnte, was Popliteratur alles nicht ist, soll hier der Begriff doch in Grundzügen umrissen werden, wobei auch dabei immer angemerkt sein sollte, dass aufgrund der Heterogenität der Autoren keine abschließende und vor allem umfassende Definition gegeben werden kann.

Laut Frank kann man „den kleinsten gemeinsamen Nenner popliterarischer Texte“[6] formell in der eingängigen Schreibweise und inhaltlich in der Hinwendung zur Alltagswelt finden. Sowohl Prosa, als auch Lyrik seien einfach gehalten und mitunter finden Umgangs- und Szenesprache Verwendung. Als Beispiel für die verständliche Sprache und gleichzeitigem Gebrauch von Slang lässt sich Alexa Hennig von Langes Romandebüt „Relax“ ins Feld führen, in dem sich der Leser permanent Sätzen wie „Ist doch soft“ und „hör auf, mir die ganze Zeit den Rauch in die Fresse zu blasen“[7] gegenüber sieht.

Das Material und die Themen popliterarischer Texte finden sich passender Weise überall dort, „wo die Hochliteratur, die sich traditionell dem Unergründeten, Unbeschriebenen und Authentischen widmet, die Inszenierung, den Hype, die Oberfläche vermutet“[8]. Dass gerade das Alltägliche und Profane, welches in die Popliteratur Eingang findet, Authentizität und Lebenswirklichkeit vermittelt, sei hier nur am Rand bemerkt. Aber natürlich ist der beschriebene Alltag kein beliebiger, sondern die Welt „jugendlicher und jung gebliebener Menschen“, die zu keinem geringen Teil durch die Medien geprägt ist. So liest sich allein die Kapitelübersicht zu Stuckrad-Barres „Remix“ wie eine einzige (Medien-)Alltagsdokumentation: Von der Schreiberin der BILD-Zeitung Katja Kessler, über den Kommentar zu der Verbreitung von Janoschs Tigerente, bis hin zu einem Text über CD-Werbung kann man hier ablesen, woraus sich anscheinend die Welt eines jungen Menschen zusammensetzt.[9] Und tatsächlich wird die Welt teilweise so treffend skizziert, dass man als Leser aus dem eigenen Erfahrungsschatz und Lebenseindrücken ganz genau memorieren kann, was der Autor meint, wenn er beispielsweise von einem „Billardcafé-Kenwoodaufkleberartig[em]“[10] Händeschütteln spricht.

Gewissermaßen der Auffassung Brinkmanns – „Worte sollen funktionieren wie Fotos oder Filme“ – teilweise entsprechend, teilweise widersprechend werden Szenen und Momente der Wirklichkeit entnommen und dokumentiert, dabei aber gleichzeitig reflektiert und bewertet. So wird in Krachts „Faserland“ (wenngleich als literarische Fiktion) die Szene, in der die Hauptfigur in einem Flugzeug von einem Fluggast beim Joghurtstehlen beobachtet wird, in ihrer gesamten Banalität geschildert, um gleichzeitig aber die ganze Handlung und die betreffende Person zu interpretieren und als „Betriebsratsvorsitzende[n]“ und „SPD-Schwein“[11] zu bewerten, das nur dann etwas sagen würde, wenn sein Gegenüber „ein Ausländer wäre und kein Jackett anhätte, wofür er einen halben Monatslohn hergeben müsste“[12]. Generell findet sich das Einordnen und Bewerten von Dingen, Menschen und Situationen in popliterarischen Texten recht häufig. Im Grunde geht es darum, Gesagtes, Sprechweisen, Gesten, kurz: alles Alltägliche zusammenzutragen und zu archivieren, um es dann „(sehr selten) emphatisch zu begrüßen“ oder „(zumeist) mit beißendem Spott zu überziehen“[13]. Stahl hat schon Recht, wenn er feststellt, dass diese Beschreibung doch im Wesentlichen mit der Definition der Gattung Feuilleton übereinstimmt, deren Anliegen es ist, kulturelle Geschehnisse und Gegebenheiten in Berichten, Essays, Kritiken und dergleichen zu bewerten und zu kommentieren, also eine subjektive Meinung zu einem allgemeinen Thema der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.[14] Dazu ist allerdings zu bedenken, dass allein das Katalogisieren und Bewerten kein ausreichendes Merkmal popliterarischer Texte ist. So ist auch Moritz Baßlers Ansatz, der das Katalogisieren von Markennamen „zur Demarkationslinie der zeitgenössischen deutschen Literatur aufbauscht“[15], wie Stahl selbst bemängelt, keineswegs zur vollständigen Charakterisierung dieser Gattung geeignet. Es scheint, als könne kein singuläres Erkennungszeichen gefunden werden, das für alle Texte gleichermaßen gilt, und dass auch die Zulassung einer Gesamtheit von Merkmalen (Einfachheit, Medienprägung, Alltagsbeobachtung, Markennamen) nicht garantiert, dass diese zwingend vorliegen.[16] So sollte zur schon erwähnten Einfachheit literarischer Texte hinzugefügt werden, dass diese zwar sicherlich in eingängiger Sprache und somit von der Form her allgemein zugänglich sind, aber dennoch nicht oberflächlich und ohne Tiefgang sind. In Stuckrad-Barres „Livealbum“, in dem der Lesereisealltag des Autors beschrieben wird, gibt es eine Szene, in der während des Frühstücks im Hotel eine Gruppe älterer Herrschaften am Nebentisch belauscht wird. Diese ergeht sich unter anderem über die Spaßgesellschaft, in der das „postmoderne Abendmahl […] aus einem Schluck Red Bull aus dem Einzelkelch und einer Ecstasy-Tablette“[17] bestehe. Wenn sich daraufhin nur eine Seite weiter ein anwesender Reporter eines Fanzines am Frühstücksbüffet „an der komplizierten goldenen Milchkuh das ganze Hemd bespritzt“[18], so ist die Assoziation einer Jugend, die aus Sicht der älteren Generation in der Pop- und Spaßkultur eindeutig ein Götzenbild – also das sprichwörtliche goldene Kalb – anbetet, keineswegs aus der Luft gegriffen. Dass dann auch noch eine Formulierung dieser Gruppe von den Jüngeren als Altmännersprache verurteilt wird, und damit die oben schon zitierte Väterkultur untergräbt, setzt der ganzen Szene die Krone auf.[19] Dieses Beispiel soll natürlich nicht zeigen, dass in jedem Satz eine solche Hintergründigkeit entdeckt werden will oder ein „BIG SINN“[20] darin steckt, aber es macht doch deutlich, dass popliterarische Texte mehr als nur leichte und manchmal auch witzige Alltagslektüre sind, sondern dass sie sich mit dem Oberflächlichen beschäftigen, aber „ohne dabei selber oberflächlich sein zu wollen“[21].

Natürlich gibt es in Anbetracht der oben angeführten Definitionsschwierigkeiten die Möglichkeit, dazu überzugehen, den Begriff Popliteratur nicht von den Produkten (also Texten) her zu erklären versuchen, sondern von den Produzenten. Dementsprechend sieht Stahl die Popliteratur als ein Produkt erfolgreicher Marketing- und Werbestrategien, die nicht etwa von irgendwelchen „bösen Major-Companies“[22], sondern zumindest größtenteils von den Autoren selbst eingefädelt sind. Besonders die Musiksender sorgen für Popularität und Verbreitung von bestimmten Auffassungen über „Habitus, Gestus, Kleidung, Frisur oder auch Inneneinrichtung“[23]. In diese Kultur hinein treten die Popautoren und passen sich ihr an, was ihnen wiederum Publikumserfolg sichert. Es ist nicht die Literatur selbst, sondern eher „die Inszenierung der Autoren, ihre Beanspruchung der Pop-Rolle“, die man als Pop bezeichnen kann. Dies beginnt beim Erscheinungsbild, wie zum Beispiel dem „dandyhafte[n] Stilbewusstsein“[24] des popkulturellen Quintetts, und wird in der Übernahme von Strategien aus dem Musik- und Filmbusiness fortgeführt. Texte werden nicht nur geschrieben, ihre Autoren gehen auf Lesereisen, die es dann später als Hör-CDs zu kaufen gibt, sie geben Interviews, nehmen an TV-Talkshows teil, machen Werbung und Romane wie Leberts „Crazy“ und Stuckrad-Barres „Soloalbum“ werden mit populären Schauspielern verfilmt. Medienwirksame Auftritte sind bedeutend für die Inszenierung des Autors – wobei Goetz’ Auftritt beim Wettbewerb zum Ingeborg-Bachmann-Preis 1983, bei dem er sich mit einer Rasierklinge die Stirn aufschnitt und blutend die Lesung beendete, sicherlich zu einer Darbietung besonderer Extravaganz gehört. Unverkennbar in der Selbstdarstellung der Autoren ist jedenfalls der Drang hin zur medialen Öffentlichkeit, die ein Massenpublikum erreichen und den Literaten somit „den Status von Popstars“[25] ermöglichen. Auch wenn es nicht immer zugegeben wird, so ist doch eine „Popliteratur, die ohne Öffentlichkeit und mediale Rückkopplungseffekte auskommt, nicht denkbar“[26], was wohl nur logisch ist für eine Literatur, die zu einer größtenteils mediengeprägten Kultur gehört. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass die Autoren häufig selbst anderweitige Erfahrungen im Medienbereich gemacht haben, indem sie für Zeitungen und Musikzeitschriften schrieben, selbst Musik aufgelegt oder gar gemacht haben und dies alles teilweise auch parallel zu ihrer schriftstellerischen Tätigkeit fortführen. Diese breite Selbstdarstellung durch die verschiedenen Medien lässt den Vorwurf entstehen, diese Marketingstrategie mache deutlich, dass es den Popliteraten an echtem Sinn für das Gute, Wahre, Schöne der Literatur mangele und sie nur den Konsum und damit ihr Einkommen steigern wollen. Mitunter wird seitens der Autoren auch unumwunden zugegeben, dass Schriftstellerei und Lesereisen natürlich (auch) als Einkommensquelle dienen, sodass es die so genannte High-Brow-Culture als Affront empfindet, „wenn ein Autor sich in Maßanzüge kleidet, sich offen auf die Seite der Besserverdienenden schlägt und der scheinhaften Produktwelt“[27] zugetan ist.

Wie man unschwer erkennen kann, lässt sich Popliteratur nur schwer definieren. Zwar lässt sich eine Vielzahl von Facetten fassen, aber wenn es um den einzelnen Text geht, wird man prüfen müssen, in welchem Maße er Pop ist, oder besser: wie sehr sich gefundene Merkmale auf ihn anwenden lassen.

[...]


[1] Sack, Adriano: „Kampf um die Deutungshoheit“ (Interview mit Helge Malchow), in: Weltonline, 14.10.2001.

[2] Ebd.

[3] Stahl, Enno: „Popliteratur – Phänomen oder Phantasma?“, in: Neue Deutsche Literatur 2/2003 (548. Heft), S. 94.

[4] Vgl. Stahl, S. 94.

[5] Vgl. Müller, Michael (Mitarbeiter): „Kleines Fremdwörterbuch“, S. 231.

[6] Frank, Dirk (Hg.): „Arbeitstexte für den Unterricht – Popliteratur“, S. 6.

[7] Hennig von Lange, Alexa: „Relax“, S. 147 und S. 167.

[8] Frank, S. 6f.

[9] Vgl. von Stuckrad-Barre, Benjamin: „Remix“, S. 9.

[10] Von Stuckrad-Barre, Benjamin: „Livealbum“, S. 41.

[11] Kracht, Christian: „Faserland“, in: Frank, S. 112.

[12] Ebd., S. 112.

[13] Stahl, S. 98.

[14] Vgl. Ebd., S. 98.

[15] Ebd. S, 99.

[16] Hier könnte man fragen, warum überhaupt so ein Definitionszwang besteht, denn dass man eine Gattung vollständig und grundlegend bestimmen kann, ist ohnehin utopisch, da Literatur keinem festgelegten Schema entspricht und ständiger Veränderung unterliegt.

[17] Stuckrad-Barre, „Livealbum“, S. 41.

[18] Ebd., S. 42.

[19] Vgl. ebd., S. 43.

[20] Rainald Goetz; zitiert nach Joachimsthaler, Jürgen: „Politik bis Pop. Gegenwartsliteratur in Deutschland 1980-2005“, in: Orbis Linguarum, Vol. 30, 2006, S. 59.

[21] Frank, S. 7.

[22] Stahl, S. 94.

[23] Stahl, S. 95.

[24] Joachimsthaler, S. 60.

[25] Frank, S. 5.

[26] Ebd., S. 6.

[27] Stahl, S. 100.

Details

Seiten
27
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640491230
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v139311
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Pop Max Goldt Pop-Literatur Popliteratur Popkultur

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Titel: Max Goldt als popliterarischer Autor