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Individuum und Individualität im Kosmos Sparta

Versuch einer Analyse zur Bedeutung und Funktion von Individualität in Xenophons "Die Verfassung der Spartaner"

Hausarbeit 2005 19 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Individuum und Individualität im Kosmos Sparta

1. Einleitung, Fragestellung, Forschungsdiskussion

2. Funktion und Bedeutung von Individualität in Xenophons „Die Verfassung der Spartaner“
2.1 Individualität in der Erziehung
2.2 Individualität in der Polis
2.3 Individualität im Militär

3. Abschlussbetrachtung

4. Bibliographie
4.1 Quellen
4.2 Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften
4.3 Monographien und Herausgeberschaften

1. Einleitung, Fragestellung, Forschungsdiskussion

Die vorliegende Hausarbeit will eine Untersuchung über die Rolle des spartanischen Vollbürgers als Individuum bzw. über die Bedeutung von dessen Individualität in Sparta versuchen. Als Grundlage hierfür soll Xenophons „Die Verfassung der Spartaner“[1] dienen.

Um zu aussagekräftigen Ergebnissen zu gelangen, erscheint es mir zunächst nötig, den äußerst differenzierten, komplexen, abstrakten und vielschichtigen Begriff der „Individualität“ einzuschränken.

Da meine Untersuchung das Ziel hat, das Individuum und dessen Handeln in der Polis Sparta zu analysieren, erscheint eine Ausweitung des Begriffes „Individualität“ auf spezielle Eigengesetzlichkeiten einer Persönlichkeit, Charaktereigenschaften und Wesensmerkmale zweitrangig. Meine primäre Absicht liegt darin, eigenverantwortliches Handeln allgemein und als solches, dessen Wahrnehmung, Anerkennung oder Missbilligung im Staat der Lakedaimonier zu betrachten und zu bewerten. Ergebnis dieser Formalisierung und Ausgangspunkt meiner Analyse ist daher ein „prototypischer“ Individualismus, der auf „alle“ Spartaner angewendet werden kann und somit die Möglichkeit eröffnet, Potentiale und Grenzen von Individualität in der „Gesellschaft der Gleichen“ zu definieren.

Daraus ergeben sich folgende Erarbeitungsprämissen:

1. Welche Formen von individuellem Handeln existierten in einem totalitären Staat[2] Sparta?
2. Konnte sich ein spartanischer Vollbürger durch seine Individualität in den Staat einbringen und wenn ja, wie?
3. Welche Formen der Einflussnahme des Staates auf Ausbildung und Entwicklung von Individualität und Selbstbewusstsein sind in Xenophons „Die Verfassung der Spartaner“ fassbar?
4. Welche Folgen bzw. Konsequenzen konnte Individualität nach sich ziehen?

Die wissenschaftliche Bearbeitung dieser Thematik ist nach meiner Auffassung unbefriedigend. Hauptgrund hierfür ist sicherlich der notorische Quellenmangel sowie das für einen Menschen der Moderne teilweise schwer nachzuvollziehende Werteverständnis bzw. Lebensbild der Antike.

Daneben muss von einem bis in die Gegenwart existierenden Mythos oder Topos „Sparta“[3] ausgegangen werden, der mit den unterschiedlichsten politischen, militärischen und ideologischen Konnotationen behaftet ist. So hat sich die Geschichtswissenschaft bei der Betrachtung des Aufbaus der Polis Sparta meines Erachtens auf die Verfassung und Ideologie der Lakedaimonier fixiert, so dass ein Großteil der wissenschaftlichen Beiträge von einem Kollektiv[4], einem totalitären Kriegerstaat[5] oder gar einer homogenen Soldatenkaste[6] ausgeht und auf diese Weise die Bedeutung bzw. Funktion des einzelnen Spartiaten in den Hintergrund rückte.

Dennoch existieren Untersuchungen zur spartanischen Sozial- oder Kulturgeschichte[7], die jedoch das spartanische Zusammenleben in der Polis vermehrt auf der Makroebene des Staates (Phylenordnung etc.) oder nur diskursiv für einige separate Bereiche des Lebens[8] und weniger auf der Mikroebene des Individuums erfassen.

Mit der Verwendung von Xenophons „Die Verfassung der Spartaner“ als Grundlage meiner Untersuchung beschränkt sich meine Betrachtung auf den vom Autor vorgegebenen inhaltlichen Rahmen, der sich grob aus den Themenblöcken Erziehung, Leben in der Polis, Militär und Königtum zusammensetzt. Zur Erhöhung der Aussagekraft müsste dieses Spektrum spartanischen Lebens um einige Aspekte erweitert werden, was aber den zur Verfügung stehenden Rahmen sprengen würde.

Zusätzliche Beachtung bei der Bearbeitung der Thematik muss dem Autor Xenophon zugemessen werden. Dessen Ablehnung der Demokratie nach Athenischem Vorbild und Befürwortung der spartanischen Oligarchie[9] verhängte über seinen Text einen Schleier der Idealität, welcher die tatsächlichen Zustände teilweise korrumpierte. An einigen Stellen wird es daher nötig sein, die Angaben Xenophons zu relativieren oder durch Hinzunahme anderer Quellen zu ergänzen.

2. Funktion und Bedeutung von Individualität in Xenophons „Die Verfassung der Spartaner“

2.1 Individualität in der Erziehung

Xenophon begann seine Darstellung der Verfassung Lykurgs mit dem Themengebiet der Erziehung der zukünftigen spartanischen Vollbürger. Hierzu zählten für den Autor ebenfalls die Umstände, Rahmenbedingungen und besonderen lakedaimonischen Voraussetzungen der Kindererzeugung[10], auf die aber aufgrund der inhaltlichen Schnittmenge mit dem Kapitel „Individualität in der Polis“ an jener Stelle näher eingegangen werden soll.

Bevor Xenophon auf das System der spartanischen Erziehung, der sogenannten agoge[11], zu sprechen kam, benannte er kurz die verweichlichenden bzw. schwächenden Erziehungsmethoden der „anderen Griechen“[12], welche ihre Sprösslinge bereits im frühesten Kindesalter paidagogi[13] anvertraut hätten. Im folgenden wurde dieser Verfahrensweise die bereits kurz erwähnte spartanische agoge gegenübergestellt und die abhärtende und auf die Umstände des Krieges vorbereitende Wirkung erwähnt. Während in dieser allgemeinen Einführung der normative und voraussetzende Charakter der agoge für den Status eines lakedaimonischen Vollbürgers deutlich hervortritt, zeigen sich in den anschließenden Detailaussagen Xenophons zur erzieherischen Nahrungsbeschaffung durch den legitimen Diebstahl Indizien von individuellem Handeln. So rechtfertigte er die eigentliche Straftat mit dem Ziel Lykurgs „ ... die Knaben gewandter in der eigenverantwortlichen Beschaffung von Lebensmitteln und tauglicher für den Krieg zu machen.“[14] Offensichtlich verortete der Autor die Entwicklung von Eigenverantwortlichkeit bzw. von eigenverantwortlichen Handlungen und Fähigkeiten an dieser Stelle nur im Rahmen und zum Zweck der Kriegführung. Sie erscheint während der Erziehung (selbst in der Polis) als Ideal und Maßstab moralischen Handelns[15], die sogar erfolgreiches kriminelles Verhalten tolerierte, förderte und anerkannte, jedoch „Versagen“ maßregelte. Nach Darstellung Xenophons sollten demnach heranwachsende Vollbürger Individualität unter der opportunistischen und pragmatischen Prämisse des Überlebens (oder besser längeren Überlebens) für die zukünftigen kriegerischen Auseinandersetzungen entwickeln. Dadurch kann von Individualität nur bedingt gesprochen werden, wobei jedoch festzuhalten bleibt, dass in dem engen Rahmen, in dem sich Individualität während der agoge entwickeln durfte, eine teilweise Übertretung der Gesetze der spartanischen Polis toleriert wurde.

[...]


[1] Rebenich, Stefan: Xenophon. Die Verfassung der Spartaner. Darmstadt 1998.

[2] Ehrenberg, Victor: Ein totalitärer Staat (1946). In: Christ, Karl (Hg.): Sparta. Darmstadt 1986, S. 217 ff.

[3] Rawson E.: The Spartan tradition in European thought. Oxford 1969.

[4] Hanson, Victor Davis: Der Krieg in der griechischen Antike. Aus dem Englischen von Kerstin Braun. Berlin 2001, S.51.

[5] Ehrenberg, Victor: Ein totalitärer Staat (1946). In: Christ, Karl (Hg.): Sparta. Darmstadt 1986, S. 217 ff.

[6] Kromayer, Johannes / Veith, Georg: Heerwesen und Kriegführung der Griechen und Römer. München 1923, S. 28ff.

[7] Zu nennen wären hierfür: Hodkinson S.: Property amd Wealth in Classical Sparta. London 2000. Hodkinson S. / Powell A. (Hg.): Sparta. New Perspectives. London 1999. Gschnitzer, Fritz: Griechische Sozialgeschichte. Von der mykenischen bis zum Ausgang der klassischen Zeit. Wiesbaden 1981.

[8] Stibbe, Conrad M.: Das andere Sparta. Aus dem Niederländischen von Herbert Post. Mainz am Rhein 1996.

[9] Rebenich, Stefan: Xenophon. Die Verfassung der Spartaner. Darmstadt 1998, Erläuterung S. 7ff.

[10] Rebenich, Stefan: Xenophon. Die Verfassung der Spartaner. Darmstadt 1998, S. 51.

[11] Marrou, Henri-Irenee: Geschichte der Erziehung im klassischen Altertum. Freiburg / München 1958, S. 38.

[12] Rebenich, Stefan: Xenophon. Die Verfassung der Spartaner. Darmstadt 1998, S. 53.

[13] Ebenda, S. 53.

[14] Ebenda, S. 55.

[15] Dies deckt sich ebenfalls mit der Ausrichtung des gesamten spartanischen Staates auf die Kriegführung. Siehe u.a. bei: Dreher, Martin: Athen und Sparta. München 2001, S. 54.

Details

Seiten
19
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640492121
ISBN (Buch)
9783640492169
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v139304
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
2,0
Schlagworte
Individuum Individualität Kosmos Sparta Versuch Analyse Bedeutung Funktion Xenophons Verfassung Spartaner

Autor

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