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Die Varusschlacht als Gründungsereignis eines Deutschen Nationalbewusstseins

Für und Wider der populären Theorie des 19. Jahrhunderts

von Nicolai Meyer (Autor) Marcel Weitschat (Autor)

Hausarbeit 2009 47 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
1.1 Quellenlage zu Arminius
1.1.1 Cassius Dio
1.1.2 Velleius Paterculus
1.1.3 Lucius Annaeus Florus
1.1.4 Tacitus
1.1.5 Strabo
1.2 Die Varusschlacht und Arminius
1.3 Wilhelm II zum Kriegsausbruch 1914
1.3.1 Der Einigkeitsbegriff
1.3.2 Der deutsch-französische Krieg als zeitgenössisches Exempel

2. Die Varusschlacht als „deutscher“ Konflikt?
2.1 Geographisches Germanien
2.2 Stammesverhältnisse der Germanen
2.2.1 Vor der Schlacht
2.2.2 Nach der Schlacht
2.3 Motivation zum Widerstand gegen das römische Reich

3. Antikereflexion im langen 19. Jahrhundert
3.1 Besonderheiten der Rezeption der Varusschlacht

4. Abschluss – Wilhelm II. und das Aufgreifen der Varusschlacht zum Kriegsausbruch 1914

5. Literaturverzeichnis

6. Abbildungsverzeichnis

Anhang

Anhang 1 – An das Deutsche Volk. Rede Wilhelms II.

Anhang 2 – Detaillierte Karte des germanischen Siedlungsraumes

1. Einführung

„Wo find‘ ich es, dies Deutschland, von dem du sprichst, und wo liegt es?“[1] In Heinrich von Kleists Werk Katechismus der Deutschen von 1809 stellt der Inquisitor diese rhetorische Frage, die darauf hinzuweisen versucht, dass Deutschland sich auf der Suche nach seinem Ursprung und seiner Identität befindet. Anlässlich des 2000-jährigen Jubiläums der Hermannsschlacht sind die Problematik der Lokalisierung und der Streit unter den Verfechtern der möglichen Schauplätze zunehmend in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Dabei spiele nach Hinrich C. Seeba die Auffindung der endgültigen Beweise, ob der Kampf der Germanen unter der Führung von Arminius gegen die römischen Truppen unter Varus in Kalkriese oder in Hiddesen bei Detmold stattgefunden hat, keine große Rolle bei der Klärung der Frage, warum immer noch jährlich tausende Menschen zum Hermannsdenkmal aufbrechen. Im Vordergrund stünde dabei eher die „[…] Analyse der topographischen Symbolisierung von nationaler Identität“.[2] Der Bildhauer Ernst von Bandel entwarf Mitte des 19. Jahrhunderts jenes Denkmal, das als Warnung an Frankreich Richtung Westen blickt. Nach der Gründung des Deutschen Reiches wurde der Bau vollendet und die Suche nach deutscher Identität im 19. Jahrhundert vorerst befriedigt.[3] Signalwirkung einer machtbewussten deutschen Einigkeit ist die Inschrift auf dem Schwert des Denkmals. „Deutsche Einigkeit meine Stärke – Meine Stärke Deutschlands Macht“.[4] Kaiser Wilhelm II. nahm auf dieses Wechselspiel von Einheit und Macht Bezug, als er sich am 4. August 1914 bezüglich des Kriegsausbrauches an das deutsche Volk wandte. Die Aussage „Noch nie ward Deutschland überwunden, wenn es einig war“ vermittelt eine nationale Geschlossenheit, die auf den mythologisierten Begründer jener Einheit, Arminius – der im 16. Jahrhundert den Namen Hermann erhalten hatte – verweist.[5] Sowohl unter diesen politischen Aspekten als auch in literarischer Form spielte Arminius lange die Rolle der verkörperten deutschen Identität. Der preußische Dramatiker Ernst von Wildenbruch besang Hermann als deutschen Helden in der Not, auch Kleists Hermannsschlacht präsentiert den sich übermächtig erscheinenden Feinden entgegenstellenden Einer Germaniens.[6] Die Frage nach der Rechtfertigung der politisch motivierten Auslegungen von historischen Ereignissen, in diesem Fall der Varusschlacht als Grundstein bzw. Beispiel einer deutschen Nation, wird dadurch aufgeworfen. Die Siegesgewissheit sowohl in der Rede Wilhelms II. an das deutsche Volk als auch in den Theaterinszenierungen, Liedern, Mythen, Gedichten und im Kontext der Aufführungen gibt den Anlass, um nach Gründen und Motiven zu forschen, die gerade für die Wahl der Ereignisse um und mit Arminius als Symbol für die Geschlossenheit des deutschen Volkes sprechen.

Aus diesen Überlegungen ergeben sich zwei Fragen, denen in dieser Arbeit nachgegangen werden soll. Erstens, inwiefern und in welchem Maße historische Verweise wie die Wilhelms II. durch die Bevölkerung im 19. bzw. 20. Jahrhundert als Verweise auf die Varusschlacht als das deutsche Volk einigendes Ereignis verstanden wurden. Zweitens, ob in diesem Zusammenhang überhaupt die Rede von der Varusschlacht als einigendes Ereignis sein kann, ein solcher Vergleich also berechtigt ist.

Um sich der Fragestellung anzunähern sind zunächst einige Vorüberlegungen, Definitionen und Untersuchungen notwendig. Vorab verschafft das folgende Kapitel einen Gesamtüberblick über die Quellenlage. Die darin enthaltenden zeitgenössischen Angaben zum Arminiusbild geben erste Aufschlüsse hinsichtlich des Selbstverständnisses der Germanen und Römer in Germanien. Darüber hinaus wird auf Grundlage der Quellen sichtbar, wie der Charakter historischer Persönlichkeiten durch die Quellen nur partiell abgedeckt abgeduckt wurde, was der Rezeption ermöglichte, deutlich politisch oder ideologisch motiviert zu interpretieren.[7] Anschließend untersucht der darauf folgende Abschnitt 1.2 die Motivation des Arminius, sich an die Spitze des Widerstandes gegen die römischen Truppen zu stellen, und legt den Grundstein für weitere Untersuchungen dahingehend, ob die Schlacht und das Bündnis der germanischen Stämme als Beginn eines Umdenkens im nationalen Sinne gelten kann. Jedoch sind dazu auch Erklärungen darüber zu treffen, wie sich Einigkeit und Nation definieren. Diese Ergebnisse sind weiter in Bezug zum Einigkeitsbegriff von Kaiser Wilhelm II. in seiner Rede zum Kriegsausbruch 1914 zu setzen, um dann mit den Quellen entnommenen Tatsachen konfrontiert zu werden (Kapitel 2). Daran anschließend soll über das Antikeverständnis des Bildungsbürgertums eine Antwort auf die Fragestellung dieser Arbeit gefunden werden, die im abschließenden Kapitel 4 zu belegen ist.

1.1 Quellenlage zu Arminius

Hinweise und Berichte über Arminius und die Varusschlacht finden sich nur in den Schriften antiker römischer und griechischer Autoren des 1. und 2. Jahrhunderts nach Christus. Zu nennen sind dabei vor allem Berichte von Cassius Dio, Florus, Velleius Paterculus und die Annalen des Tacitus.[8]

1.1.1 Cassius Dio

Bei Cassius Dio 56, 18-23 ist der ausführlichste Bericht zur Varusschlacht überliefert. Der Autor, welcher trotz des großen Abstandes zwischen eigener Schaffenszeit und der Schlacht selbst als eine vertrauensvolle Quelle angesehen wird, beschreibt darin, wie es den Barbaren unter der Führung des Arminius gelang, die römischen Legionen unter Varus vernichtend zu schlagen. Über Arminius selbst erfährt man darin jedoch recht wenig. Als einer der Vertrauten des Varus unterhielt Arminius freundschaftliche Beziehungen zu dem römischen Feldherrn. Dieser war von der Vertrauenswürdigkeit des Germanen überzeugt und ließ sich Ratschläge zum Vorgehen gegen Aufständische im römisch beherrschten germanischen Raum geben.[9] Diese waren jedoch eine Falle, in die Varus mit seinen Legionen tappen sollte und die den Anfang des Befreiungskrieges darstellte. Aus dem Bericht des Cassius Dio wird seine Deutung der Hintergründe des Krieges insofern deutlich, als dass er die Gründe in dem offensiven Vorgehen bezüglich der Einführung der römischen Rechtssprechung sucht. Die Beschneidung der Machtbefugnisse der Fürsten sowie der befürchteten Steuerlasten förderten die Ablehnung der Fremdherrschaft.[10] Bei diesem Bericht handelt es sich um eine detaillierte Beschreibung der Ereignisse um 9 n. Chr., die der Verfasser aus einem möglichst unbefangenen Blickwinkel festzuhalten und zu beschreiben versuchte. Bei keinem anderen antiken Geschichtsschreiber wird der Varusschlacht so viel Aufmerksamkeit gewidmet wie bei Cassius Dio., trotz seiner späten Lebens- und Schaffenszeit von ca. 150 n. Chr. bis etwa 235 n. Chr. Der Detailorientiertheit des Historikers verdankt der Bericht seine umfangreichen Beschreibungen. Jedoch sind die 80 Bücher seines Hauptwerkes Geschichte Roms nicht vollständig überliefert, lediglich die Bücher 55-60, die den Zeitraum 9 v. bis 46 n. Chr. abdecken, sind heute in gekürzter Form zugänglich.[11] Zwar findet man darin keine eingehende Beschreibung der germanischen Völker bzw. Menschen, aber bereits eine erste Einschätzung des Autors bezüglich der Motive zum Widerstand der einzelnen germanischen Stämme – die Aussicht auf Beute treibe die Feinde der römischen Truppen zusammen.[12] Hinsichtlich der Fragestellung dieser Arbeit ist jedoch nicht nur das Verhalten bzw. die Kooperation der germanischen Stämme vor und während der Schlacht zu untersuchen, sondern auch die Entwicklung in den Jahren danach. Cassius Dio äußert sich in dem Sinne auch zu den Folgen, was in der Geschichtswissenschaft durchaus kritisch gesehen wird. Vor allem die phantasievolle Darstellung etwa der Landschaften erwecken dabei Misstrauen. Dieses geht soweit, dass die Schilderungen der Schlacht bisweilen als „[…] rhetorische Mittel ohne jeden Wert […]“[13] kommentiert worden sind.

1.1.2 Velleius Paterculus

Zur Zeit der Schlacht im Teutoburger Wald hat Gaius Velleius Paterculus gewirkt. Die Lebenszeit des römischen Geschichtsschreibers wird von ca. 19 v. Chr. bis nach 30. n. Chr. datiert, als Quästor fungierte er 7. n. Chr. sowie 15. n. Chr. Velleius Paterculus diente ferner als Soldat in Germanien, wodurch seine Berichte nicht nur aufgrund seiner Schaffenszeit, sondern auch wegen seiner persönlichen Kenntnis Germaniens interessant werden.[14] Hingegen gibt das offene Bekenntnis des Autors zum Kaisertum und zu Tiberius sowie die Bemerkung, die Texte eilig niedergeschrieben zu haben[15], Anlass zur Vorsicht beim Umgang mit den Berichten. Des Weiteren gilt der Text teilweise als unsicher und weist Lücken auf, sodass eine Ergänzung durch Berichte anderer Historiker – zum Teil byzantinische Geschichtsschreiber – erforderlich wurde.[16]

In seinem zweiten Buch beschreibt Velleius Paterculus die Geschehnisse um 9 n. Chr. in Germanien aus einer weniger neutralen Perspektive als es bei Cassius Dio geschieht. Die Bedeutung der Schlacht für das Reich und für Tiberius war bereits dem römischen Reiteroffizier, der von Hause aus kein Historiker war[17], bekannt, sodass er die Beschreibung der Ereignisse sowie die der Personen für notwendig erachtete.[18] Diese Quelle unterscheidet sich ferner dadurch von der des Cassius Dio, dass häufiger Charakterisierungen und Wertungen von Personen enthalten sind. Die Darstellungen der Germanen, die als Lügner und Wilde bezeichnet werden, begründet der Autor durch seinen eigenen Aufenthalt in Germanien. Arminius, den der Autor aller Wahrscheinlichkeit nach persönlich kannte, wird darin sehr ehrwürdig charakterisiert, wohingegen Varus bedeutend schlechter erscheint.[19] Darüber hinaus beinhaltet dieser Bericht keine so detaillierte Beschreibung der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Römern und Germanen, wie es bei Dio der Fall ist, sondern konzentriert sich stärker auf die Verantwortung der Niederlage, das Verhalten unmittelbar vor und während den Kämpfen des Heerführers Quintilius Varus sowie weiterer Offiziere des Heeres. Über Arminius ist zu erfahren, dass er ein Fürstensohn war, der das römische Bürgerrecht erworben hatte und zuvor beständig auf der Seite der Römer kämpfte. Seine Persönlichkeit wird gegensätzlich zum germanischen Barbaren beschrieben.[20]

1.1.3 Lucius Annaeus Florus

Der historische Wahrheitsgehalt des 120 n. Chr. entstandenen Berichtes über die römische Geschichte von Lucius Annaeus Florus ist zu bezweifeln. Der Autor erbringt kaum eine eigene geschichtswissenschaftliche Leistung, weil er sich hauptsächlich auf Historiker wie Livius bezieht. Ferner gibt Florus an, dass Varus in seinem Lager während einer Gerichtsverhandlung überfallen wurde. Er widerspricht damit grundlegend anderen antiken Geschichtsschreibern und dem aktuellen Forschungsstand.[21] Horst Callies führt zudem an, dass darüber hinaus eine Erstürmung des römischen Lagers durch die Germanen unwahrscheinlich sei, weil diese kaum über Belagerungserfahrung bzw. Belagerungstechnik verfügten. Annaeus Florus suche eher in dem irrationalen Feldherren Varus eine Projektionsfläche, auf der er Drusus als Held erscheinen lassen könne.[22] Der kurze Quellenabschnitt zur Varusschlacht ist deshalb nicht hilfreich.

1.1.4 Tacitus

Tacitus beschäftigt sich mit der Varusschlacht nur in indirekter Form, da die Annales 14 n. Chr. mit dem Tod von Augustus beginnen. Tacitus selbst wurde 55 n. Chr. in Südgallien geboren und starb 120 n. Chr. 97 n. Chr. wurde er zum Konsul gewählt und im weiteren Verlauf seines Lebens hatte er die Statthalterschaft in der Provinz Asia inne. Neben seinem Werk Germania und weiteren historischen Schriften verfasste er die Annales, die ebenso als Quelle für die Germanienfeldzüge des Germanicus dienen.[23] Aus diesem Grund stellen die Annales einen wichtigen Bestandteil für die Erforschung der Verhältnisse und Ereignisse in Germanien nach der Niederlage des Varus dar. Über Arminius erfährt man u.a. in den Annales II, 88, dass dieser durch seine Verwandten zu Tode kam. Ferner ist die Einschätzung der Person des Arminius von Interesse. Als „Befreier Germaniens“[24], der durch seinen Mut, Rom auf dem Höhepunkt der Macht Paroli zu bieten, zwar innerhalb Germaniens zu Ruhm gelangte, jedoch bei den Römer nicht sonderlich bekannt gewesen sein soll.[25] Tacitus berichtet eingehend von den Rachefeldzügen des Germanicus und rechnet dem dauerhaften Widerstand des Arminius gegen Germanicus größere Bedeutung zu als dem Sieg über Varus.

1.1.5 Strabo

Kurze Erwähnung erhält die Varusschlacht ebenfalls bei dem griechischen Geographen Strabo, dessen Wirken auf den Zeitraum 63 v. Chr. bis 26 n. Chr. datiert wird. In dessen Werk sind ferner kurze Bemerkungen zu den Familienverhältnissen des Arminius überliefert. Ehefrau, Schwager, Schwiegervater, Sohn des Arminius usw. werden namentlich genannt. Darüber hinaus zählt Strabo die Herkunft einiger Germanen auf, die zu den Römern überliefen und dem Triumphzug über Arminius beiwohnten.[26]

1.2 Die Varusschlacht und Arminius

Der Verlauf der Varusschlacht wird, wie bereits erwähnt, durch Cassius Dio sehr detailliert beschrieben. Auslöser des Konflikts war das Verhalten des neu eingesetzten Statthalters Quinctilius Varus. Velleius nennt als Ursache der Verärgerung der Germanen die Ansicht von Varus, „[…] die Einwohner des Landes seien Menschen, die außer Sprache und Gliedmaßen nichts weiter von Menschen an sich hätten, und mit Juristerei könne er denen beikommen, die mit dem Schwerte nicht zu bändigen waren.“[27] Cassius Dios Beschreibung fügt sich dieser Ausführung an und schildert einen Anspruch auf Mitspracherecht als Reaktion bzw. Gegensatz jener Auflagen und Unterdrückung. „Die Fürsten wollten ihre einflußreiche Stellung nicht einbüßen, und die große Masse des Volks zog die gewohnte Ordnung der Dinge der fremden Zwingherrschaft vor.“[28] Auch bei Florus werden die Führung und das Verhalten von Varus in der germanischen Provinz kritisiert. Velleius und Florus werden in Bezug auf das Wesen und den Charakter des Varus insofern persönlich, als dass von einem „[…] ruhigem Charakter, an Körper und Geist wenig regsam, mehr an das Nichtstun im Lager als an wirklichen Kriegsdienst gewöhnt“[29] und von der „[…] Willkür und de(m) Hochmut des Quintilius Varus […]“[30] gesprochen wird. Die Schuld an der Katastrophe, und dass es überhaupt erst zu einer aufständischen Haltung der Germanen kam, wird dem römischen Statthalter zugeschrieben. Jedoch geht Cassius Dio nicht so weit, Varus die volle Schuld anzulasten. Roms „[zweite] Phase der Germanienoffensive“[31] musste durch die Konflikte in Pannonien und Dalmatien ab 6 n. Chr. unterbrochen wurde, sodass Tiberius seine Truppen abzog und sich Richtung Balkan orientierte. In Germanien wurde damit eine Art Flickenteppich von römischen Befestigungen hinterlassen, die Cassius Dio in seiner Historia Romana 56, 18 als „[…] einige feste Plätze […]“[32], die „[…] nicht nebeneinander, sondern hier und da verstreut, so wie sie gerade erobert worden waren […]“[33] schildert. Des Weiteren liefert diese Quelle ein Bild der Lebensumwelt der Germanen, bevor Varus die Statthalterschaft antrat. Die mehr lockere Besiedelung bzw. Anwesenheit der römischen Truppen führte zur allmählichen Annahme von römischen Sitten, Abläufen und friedfertigem Umgang zwischen den germanischen Einwohnern und den Römern.[34] Bernd Manuwald führt an, dass es sich bei der Übergabe der Statthalterschaft an Varus zwar um einen Wendepunkt gehandelt habe, dieses an sich aber nicht als der Hauptgrund für das plötzlich feindselige Verhalten der Germanen anzusehen sei. Der römische Feldherr habe Dios Beschreibungen nach die römischen politischen Vorgaben bzw. Vorgehensweisen nur zu straff durchzusetzen versucht, prinzipiell aber nichts Falsches getan. Der für die Germanen nun deutlich fühlbar gewordene Umschwung habe letztendlich zu einer Gegenreaktion geführt, die sowohl aus der Tempoverschärfung der Romanisierungspolitik als auch aus der eingeschränkten Freiheit, die man bis dahin gewohnt war, resultierte.[35] In Anbetracht der römischen Übermacht am Rhein lockten die Germanen Varus ins Innere des Landes, in das Gebiet der Cherusker. Anschließend berichtet Cassius Dio davon, dass die germanischen Truppen bei Varus blieben und dieser ihnen sein volles Vertrauen entgegenbrachte.[36] Diese Stelle hat zu vielen Auslegungen, Interpretationen und Überlegungen geführt, die schließlich in einer These gipfelten, die auf Dieter Timpe zurückgeht. Gemäß dieser Theorie handelte es sich bei der Varusschlacht nicht um eine „[…] Folge eines germanischen Stammesaufstandes gegen die römische Okkupationsmacht, sondern (um) eine Meuterei der germanischen Auxilien des Rheinheeres [..]“.[37] Inwiefern das zutrifft, bleibt weiterhin Streitpunkt der Forschung. Jedoch spricht dafür, dass Meuterei unter römischen Soldaten aus verschiedenen Gründen durchaus üblich war. Ferner könne man nach Charles-Marie Ternes den Hinweis von Velleius Paterculus, Arminius sei römischer Bürger gewesen, als einen Hinweis auf Enttäuschung und somit als Anlass zur Meuterei werten.[38] Arminius konnte also entweder ein rebellischer Anführer einer Auxiliareinheit gewesen sein, der für sich und evtl. für seine Soldaten in einem Aufstand Verbesserungen erzwingen wollte, oder tatsächlich ein Anführer von Soldaten kooperierender germanischer Stämme, die sich gegen die mehr und mehr unbeliebt gewordene Fremdherrschaft auflehnten, je nachdem ob man der These von Timpe folgt oder nicht. Eine genauere Betrachtung der aus den Quellen überlieferten Informationen über Varus und dessen Familienverhältnisse könnte die Lösung dieses Problems unterstützen.

Arminius stammte aus einer angesehenen Familie der Cherusker. Der Name des Vaters – Segimer – ist überliefert, von der Mutter ist nichts bekannt.[39] Das genaue Geburtsjahr des Arminius, dessen Name nicht sicher auf römischen oder auf germanischen Ursprung zurückzuführen ist, wird zwischen 18 und 16 v. Chr. datiert.[40]

Zur Ergänzung der eigenen Truppen setzten die Römer auf Auxiliareinheiten aus den römischen Provinzen und sogar aus nicht komplett eroberten Gebieten, wie z.B. Germanien. Diese Hilfstruppen standen unter der Führung der einheimischen Stammesführung. Anreiz, sich aus nicht eroberten Gebieten für mehrere Jahre – in der Regel sollten die rekrutierten Männer 25 Jahre Dienst leisten – in die Dienste des römischen Heeres zu begeben, waren die gute Besoldung, aber ggf. auch eigene Wünsche nach Abenteuer, etc.[41] So leistete auch Arminius Dienst für Rom[42] und hat sich dadurch sowohl Respekt und Ansehen auf römischer Seite verdient – Velleius Paterculus erwähnt die Teilnahme an Feldzügen für Rom und den Erhalt der Ritterwürde sowie des römischen Bürgerrechts[43], welches an die Führer römischer Einheiten für besondere Dienste verliehen wurde – als auch an Ansehen unter Mitgliedern seines Stammes zumindest auf Seiten derer, die ein Bündnis mit Rom befürworteten bzw. dessen Vorteile zu erkennen glaubten. Ein solcher Befürworter Roms war Segestes, der spätere Schwiegervater des Arminius. Tacitus berichtet u.a. davon, dass dieser zunächst zwar Varus über die Pläne eines Hinterhalts gewarnt haben soll, sich jedoch noch nicht völlig auf die römische Seite schlug. Erst die Verbindung zwischen seiner Tochter Thusnelda und Arminius – der gleichzeitig auch sein politischer Kontrahent war – trieb Segestes soweit in Verzweiflung, dass er nicht vor einer Auslieferung seiner eigenen Tochter und seines Enkels an Rom zurückschreckte. Dem Triumphzug des Germanicus, auf dem Thusnelda und ihr Sohn Thumelicus als Gefangene demütigend vorgeführt wurden, wohnte Segestes als Gast bei.[44]

Ebenfalls in römischen Diensten war Arminius‘ Bruder Flavus gewesen, der jedoch beim römischen Militär blieb. Die cheruskische Oberschicht teilte sich also in ein romfreundliches und ein romkritisches Lager. Als Arminius nach Germanien in ‚sein‘ Gebiet der Cherusker zurückkehrte, hatte er nicht nur den zweithöchsten Adelsrang, den des Ritters, und das Bürgerrecht erhalten, sondern neben der lateinischen Sprache wohl auch unschätzbare ‚Insiderinformationen’ über römische Kriegskunst, Strategien, Techniken und Umgangsformen erhalten. Diese Kenntnisse zusammen mit den Eigenschaften, die ihm durch die Berichte u.a. des Velleius Paterculus zugeschrieben werden, macht Arminius zu einem Anführer, dem sich Teile der Germanen anvertrauten und nachfolgten. Velleius, der Arminius sehr wahrscheinlich persönlich kannte, berichtet über diesen: „Da benutzt ein junger Mann von vornehmer Abkunft, persönlicher Tapferkeit, rascher Auffassungsgabe und einer genialen Klugheit, die jenseits der Begabung eines Barbaren liegt, die Stumpfheit des Feldherrn zur Ausführung seines Frevels. […] Schon sein Gesichtsausdruck und seine Augen verrieten das Feuer seines Geistes […].“[45] Auf der Grundlage seiner Erfahrungen entwickelte Arminius die Taktik des Angriffs, der auf offenem Felde erfolglos gewesen wäre. Die Kenntnis der Umgebung sowie die größere Beweglichkeit der germanischen Soldaten nutzend griff er die römischen Truppen auf engem Terrain an.

Der Antrieb zum Aufstand und das Ziel, das Arminius damit verfolgte, ist nicht bekannt. Spekulationen und Folgerungen zeigen zwar verschiedene Ansätze und Möglichkeiten auf, aber aufgrund dessen, dass die antiken römischen und griechischen Quellen darüber keine bzw. keine genauen Angaben machen und germanische Quellen überhaupt nicht vorhanden sind, ist eine genaue Bestimmung schwierig. Tacitus berichtet in den Annales II, 88 davon, dass Arminius nach der Königswürde strebte und deshalb von seinen freiheitsliebenden Angehörigen umgebracht worden ist. Der Antrieb, König zu werden, könnte Arminius ebenso zur Varusschlacht und zum stetigen Widerstand gegen Germanicus getrieben haben, wofür u.a. nach Hermann Kesting auch sprechen könnte, dass Arminius nach der Schlacht im Teutoburger Wald den Kopf des Varus an den Markomannenkönig Marbod in Böhmen schickte, um eine Kooperation gegen das römische Reich und somit eine Einigung der Germanen in einem Nordreich herbeizuführen.[46] Kesting meint auch die These von Timpe widerlegt zu haben, da die germanischen Hilfseinheiten dauerhaft in Germanien bestanden haben sollen. Wolters hingegen steht dem kritisch gegenüber und kann keinen eindeutigen Beleg der Existenz einer solchen germanischen Auxiliareinheit um 9 n. Chr. finden.[47] Die Intention und die tatsächliche Rolle von Arminius während der Schlacht im Teutoburger Wald und in der Zeit der Germanicus-Feldzüge blieb und bleibt somit Streitpunkt der Forschung und ließ und lässt sich kaum belegen. Dadurch war allerdings der Nährboden für wiederum ganz andere Deutungen gegeben, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert ihren Höhepunkt fanden.

Den Beschreibungen in den Quellen des Tacitus und des Velleius Paterculus zufolge kommen die Autoren zu dem Schluss, dass es sich bei Arminius um einen großen Feldherren gehandelt habe, der aus den Kämpfen gegen die Römer hervorging. Valeius Paterculus beschreibt ihn in seiner Historia Romana als „[…] ein(en) jungen Mann vornehmer Abkunft, namens Arminius, der Sohn Segimers, des Fürsten seines Volks. Er war persönlich tapfer und besaß eine rasche Auffassungsgabe und größere geistige Gewandtheit als andere Barbaren. Seines Geistes Feuer leuchtete ihm aus Antlitz und Augen.“[48] Tacitus spricht gar von dem „[…] Befreier Germaniens, der das römische Volk nicht am Anfang seiner Geschichte, wie andere Könige und Heerführer, sondern das in höchster Blüte stehende Reich herausgefordert hat […].“[49] Zum 125-jährigem Jubiläum des Hermannsdenkmals am 16. August 2000 sprach Joachim Bünemann davon, dass es der Führung des Cheruskerfürsten Arminius zu verdanken sei, dass Rom seine machtpolitischen Interessen auf der rechtsrheinischen Seite letztendlich aufgab und sich schließlich lediglich auf die Sicherung der Rheingrenze beschränkte. Er betonte in seiner Rede ebenfalls, dass es der Widerstand gegen die als Unterdrückung empfundene Verwaltungsorganisation gewesen sei, der zum Aufstand führte. Jedoch sei eine für Rom bedrohliche germanische Koalition nicht zustande gekommen, sodass die römische Niederlage kaum weitreichende Folgen gehabt habe.[50] Doch in welcher Form und auf welche Art und Weise fand eine Auslegung der Varusschlacht als nationales Ereignis statt?

[...]


[1] Heinrich von Kleist: Katechismus der Deutschen. In: I.-M. Barth (u.a.) [Hrsg.] (1989) – Sämtliche Werke und Briefe. Bd. 3, S. 480.

[2] Seeba, C. (1995) – Hermanns Kampf für Deutschlands Not. Zur Topographie der nationalen Identität. In: R. Wiegels / W. Woesler (Hrsg.) – Arminius und die Varusschlacht. Geschichte-Mythos-Literatur, S. 356.

[3] Vgl. ebd., S. 356.

[4] Vgl. Arnold, H.L. (1971) – Der germanische Hermann im Teutoburger Wald. Das Hermannsdenkmal bei Detmold. In: Wallfahrtsstätten der Nation. Vom Völkerschlachtsdenkmal zur Bavaria, S. 7-19.

[5] Vgl. Seeba (1995), S. 356-358.

[6] Vgl. Kapitel 5 der vorliegenden Arbeit.

[7] Vgl. Süß, Gustav A. (1989) – Wer warst du, Arminius? Zum Arminiusbild in Deutschland. In: Praxis Geschichte 4/89, S. 38.

[8] Vgl. Capelle, W. (1929) – Das alte Germanien. Die Nachrichten der griechischen und römischen Schriftsteller. S. 87.

[9] Vgl. ebd., S. 101-103

[10] Vgl. ebd., S. 101.

[11] Vgl. Reclams Lexikon der Antike, Velleius Paterculus Gaius, hrsg. von M.C. Howatson (1996), S. 671.

[12] Vgl. Capelle (1929), S. 103.

[13] Zitiert in: Völker, W. (1984) – Als die Römer frech geworden… Die Schlacht im Teutoburger Wald, S. 31.

[14] Vgl. Howatson (1996), S. 671.

[15] Vgl. ebd.

[16] Vgl. Völker (1984), S. 25.

[17] Vgl. ebd., S. 24.

[18] Vgl. Giebel, M. [Hrsg.] – Historia Romana, S. 6.

[19] Vgl. Völker (1984), S. 25-27.

[20] Vgl. ebd., S. 6-7.

[21] Vgl. ebd., S. 28-29.

[22] Vgl. Callies, H. (1995) – Bemerkungen zu Aussagen und Aussagehaltung antiker Quellen und neuerer Literatur zur Varusschlacht und ihrer Lokalisierung, in: R. Wiegels / W. Woesler (Hrsg.) – Arminius und die Varusschlacht. Geschichte-Mythos-Literatur, S. 176.

[23] Vgl. Völker (1984), S. 36.

[24] Ebd., S. 62.

[25] Vgl. ebd., S. 62.

[26] Vgl. ebd., S. 22-23.

[27] Wonte, C. (1916) – Antike Quellen zur Geschichte der Germanen. Teil II. Die Kämpfe der Römer mit den Timbern und Teutonen (113-101 v. Chr.), S. 98.

[28] Ebd., S. 102.

[29] Völker (1984), S. 25.

[30] Ebd., S. 29.

[31] Künzl, E. (2008) – Die Germanen, S. 20.

[32] Wonte (1916), S. 102.

[33] Ebd., S. 102.

[34] Vgl. ebd., S. 102.

[35] Vgl. Manuwald, B. (2007) – Politisches Ungeschick oder vorbestimmtes Verhängnis? Cassius Dios Bericht über die Varusschlacht. In: G. A. Lehmann, R. Wiegels [Hrsg.] – Römische Präsenz und Herrschaft im Germanien der augusteischen Zeit. Der Fundplatz von Kalkriese im Kontext neuerer Forschungen und Ausgrabungsfunde, S. 434-435.

[36] Vgl. Wonte (1916), S. 102-103.

[37] Zitiert aus: Ternes, C.-M. (1986) – Römisches Deutschland. Aspekte seiner Geschichte und Kultur. S. 62.

[38] Vgl. Ebd., S. 62-63.

[39] Name des Vaters überliefert u.a. in: Velleius Paterculus II, 117 ff, in: Völker (1984), S. 38.

[40] Die Terminierung ist nach Peter S. Wells abhängig von der Deutung einer ungenauen Passage in den Tacitus Annalen. Vgl. Wells, P. S. (2005) – Die Schlacht im Teutoburger Wald, S. 103.

[41] Vgl. ebd., S. 103.

[42] In Tacitus II, 10, übersetzt in: Wonte (1916), S. 38: “Er mengte nämglich sehr viele lateinische Wörter in seine Rede; hatte er doch im römischen Lager als Anführer seiner Landsleute gedient“.

[43] Vgl. Velleius Paterculus II, 117ff., in: Völker (1984), S. 26.

[44] Vgl. Tacitus Annales I, 55-71, in: Völker (1984), S. 38-49.

[45] Velleius Paterculus II, 117ff., in: Ebd., S. 25-26.

[46] Vgl. Kesting, H. (1984) – Der Befreier Arminius im Lichte der geschichtlichen Quellen und der wissenschaftlichen Forschung, S. 18.

[47] Vgl. Timpe, D. (2006) – Neue Gedanken zur Arminius-Geschichte, in: D. Timpe [Hrsg.] – Römisch-Germanische Begegnungen in der späten Republik der frühen Kaiserzeit. Voraussetzung-Konfrontation-Wirkungen, S. 224.; Vgl. Kesting (1984), S. 18.; Vgl. Wolters, R. (1990) – Römische Eroberung und Herrschaftsorganisation in Gallien und Germanien. Zur Entstehung und Bedeutung der sogenannten Klientel-Randstaaten. S. 212ff.

[48] Ternes (1986), S. 99.

[49] Vgl. Völker (1984), S. 62.

[50] Vgl. Bünemann, J. (2000) – Festrede zum 125-jährigen Jubiläum des Hermannsdenkmals am 16.August 2000, in: Heimatland Lippe. Zeitschrift des lippischen Heimatbundes und des Landesverbandes Lippe, 93 / 9, S. 249.

Details

Seiten
47
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640494101
ISBN (Buch)
9783640493883
Dateigröße
2.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v139234
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,7
Schlagworte
Varusschlacht Gründungsereignis Deutschen Nationalbewusstseins Wider Theorie Jahrhunderts

Autoren

  • Nicolai Meyer (Autor)

  • Marcel Weitschat (Autor)

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Titel: Die Varusschlacht als Gründungsereignis eines Deutschen Nationalbewusstseins