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Principal Agent Theory in Verbindung mit sozial motivierten Peer-to-Peer Banking Plattformen

Herausforderungen und Lösungsansätze

Bachelorarbeit 2009 49 Seiten

Informatik - Wirtschaftsinformatik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definitionen
2.1 Principal Agent Theory
2.2 Mikrokredite
2.3 Peer-to-Peer Banking

3 Asymmetrische Informationsverteilung
3.1 Systematisierung
3.2 Verborgene Eigenschaften
3.2.1 Verborgene Eigenschaften im Allgemeinen
3.2.2 Verborgene Eigenschaften bei der Mikrokreditvergabe
3.3 Verborgenes Handeln und verborgene Informationen
3.3.1 Verborgenes Handeln und verborgene Informationen im Allgemeinen
3.3.2 Verborgenes Handeln und verborgene Informationen bei der Mikrokreditvergabe
3.4 Verborgene Absichten
3.4.1 Verborgene Absichten im Allgemeinen
3.4.2 Verborgene Absichten bei der Mikrokreditvergabe
3.5 Schlussfolgerung

4 Lösungsansätze bei ausgewählten Onlineplattformen
4.1 Kiva.org
4.2 MyC4.com
4.3 Microplace.com
4.4 Betterplace.org
4.5 Vergleich der Lösungsansätze

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 - Trade-Off bei der Kontrolle des Agents

Abbildung 2 - Peer-to-Peer Topologien

Abbildung 3 - Modell des Peer-to-Peer Bankings mit intermediären MFIs

Abbildung 4 - Monetärer Kreislauf über Kiva

Abbildung 5 - Plattform- und MFI-Entlohnung bei MyC4

Abbildung 6 - Modell der Mikrokreditvergabe bei Microplace.com

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 - Mittelbeschaffung für Mikrofinanzen

Tabelle 2 - Zusammenfassung der assymetrischen Informationsverteilung

Tabelle 3 - Vergleich der Plattformen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

„Your tool for change“ (MyC4 2009a).

Veränderungen, so scheint es, sind beim Thema Entwicklungshilfe dringend nötig. Die staatliche Entwicklungshilfe sei ein Kind des kalten Krieges und habe mit der jahrzehntelangen Erfolglosigkeit einen Hilfspessimismus ausgelöst, schreibt der Politikwissenschaftler Franz Nuschler (vgl. 2001, S. 6). Die bisherigen Konzepte der Entwicklungshilfe seien fehlgeschlagen. Zudem hinterlasse die Entwicklungshilfe oft den Eindruck der Dauersubvention, Abhängigkeit und Bevormundung (vgl. Erkens 2006, S. 8). Eine Alternative stellen Mikrokredite dar, die direkt an Menschen in Entwicklungsländer ausgezahlt werden, die ansonsten keinen Zugang zum Kapitalmarkt haben, und die als „Hilfe zur Selbsthilfe“ dienen sollen. Die Empfänger werden dabei nicht als Bittsteller sondern als gleichberechtigte Geschäftspartner angesehen. Mit der Verbreitung des Internets in den Entwicklungsländern eröffnete sich ein neuer Vertriebsweg. Er bietet die Möglichkeit Menschen, auch über große Entfernungen hinweg, kostengünstig miteinander zu verbinden. Über Onlineplattformen wie Facebook, Twitter, Ebay oder Flickr können Privatpersonen schon seit einigen Jahren untereinander Nachrichten, Waren oder Bilder austauschen, ohne sich persönlich zu kennen. Seit 2005 haben sich auch Plattformen gebildet, die es erlauben, Geld online zu verleihen. Im selben Jahr, das von der UN als Jahr des Mikrokredits ernannt wurde, startete mit kiva.org auch die erste Webseite, mit deren Hilfe Mikrokredite von Privatpersonen an Kreditnehmer in Entwicklungsländer vergeben werden können. Nachteilig ist, dass die Empfänger in den meisten Fällen nicht über einen Internetanschluss verfügen und deshalb Mittler eingesetzt werden müssen. Die Kommunikation und Abwicklung über diese Intermediäre führt zu Informationsasymmetrien, wie sie in der Principal Agent Theory beschrieben werden. Die einseitigen Informationsdefizite verursachen zahlreiche Probleme (siehe Kapitel 3). Der Erfolg der sozial motivierten Plattformen, die Mikrokredite anbieten, hängt auch vom Umgang mit diesen Problemen ab. Ideen dafür sind vorhanden und wurden auch umgesetzt, viele der Lösungsansätze sind jedoch noch nicht ganz ausgereift. Die ausgewählten Plattformen haben für die häufigsten Probleme unterschiedliche Lösungsansätze entwickelt (siehe Kapitel 4).

2 Definitionen

Die Principal Agent Theory gehört zum Forschungsgebiet Neuen Institutionenökonomik und wurde als Modell entwickelt. Mit ihr wird versucht, das Handeln der Wirtschaftssubjekte zu erklären, die bei unterschiedlicher Motivation und insbesondere bei unterschiedlichem Wissensstand als Auftraggeber (Principal) und als Auftragnehmer (Agent) kooperieren. Es ist notwendig, sich mit dieser Theorie auseinander zu setzen, um die Probleme und mögliche Lösungsansätze in sozial motivierten Peer-to-Peer Banking Plattformen beurteilen zu können (Kapital 2.1). Über diese Plattformen können Mikrokredite in Entwicklungsländern finanziert werden (Kapitel 2.2). Zum besseren Verständnis ist es wichtig, die Funktionsweise und die technichen Vorausssetzungen dieser Plattformen zu betrachten (Kapitel 2.3).

2.1 Principal Agent Theory

In der Literatur gibt es eine Vielzahl von Definitionen, von denen sich bisher keine durchsetzen konnte (vgl. Meinhövel 2004, S. 470). Eine eher allgemeine gehaltene Definition liefern Pratt und Zeckhauser (1985, S. 2): „Whenever on individual depends on the action of another, an agency relationship arises. The individual taking the action is called the agent. The affected party is the principal.” Eine etwas detailliertere Begriffsbestimmung stammt von Schneider (1988, S. 1182): „Principal-Agent-Beziehungen entstehen, wenn mindestens ein Auftragsgeber und mindestens ein Beauftragter unter Unsicherheit und bei uneinheitlichem Wissensstand untereinander gemeinsame Ziele erreichen wollen, die nur teilweise gleichgerichtet sind und bei denen teilweise auch der Vorteil des einen zum Nachteil des anderen werden kann.“

Eine Principal Agent Beziehung ist also ein Auftrag zur Durchführung einer Aufgabe, die durch einen Vertrag zwischen mindestens zwei Akteuren geregelt wird: Dem auftraggebendem Principal und dem auftragnehmenden Agenten (vgl. Alparslan 2005, S. 14). Als klassisches Beispiel für eine Principal Agent Beziehung wird immer wieder das Verhältnis zwischen Patient und Arzt herangezogen (vgl. Arrow 1985, S. 38). Der Patient ist dabei der Principal, dessen Wohlergehen vom Agenten (in diesem Fall dem Arzt) und dessen Wissen abhängt. Gleichzeitig ist es für den Patienten aber schwer nachzuprüfen, ob der Arzt bestmöflich für ihn entschieden und gehandelt hat (vgl. Arrow 1985, S. 38). Weitere Beispiele für Agent und Principal sind u. a. Manager und Aktionär, Bewerber und Personalchef oder auch Unfallverursacher und Opfer (vgl. Arrow 1985, S. 38).

Principal Agent Beziehung sind typischerweise durch eine ungleiche Verteilung der Informationen gekennzeichnet. Auf der einen Seite ist der Agent, der seine Aufgaben bzw. Produkte besser kennt, als der Auftraggeber, während auf der anderen Seite der Prinzipal üblicherweise eine genauere Vorstellung von den Ergebnissen eines Auftrags hat (vgl. Pratt; Zeckhauser 1985, S. 3). Das beste Ergebnis wird demzufolge nur in einem perfekten Markt ohne Informationskosten erreicht, oder wenn der Vertrag vollständig ist und alle Eventualitäten bereits vor Vertragsabschluss explizit geregelt sind (vgl. Alparslan 2005, S. 14 f.). Diese Annahmen sind in der Realität nicht anzutreffen. Das Ziel ist es also mit den gegebenen ungleichen Informationen das Bestmögliche zu erreichen, die sog. „second-best“ Lösung (vgl. Pratt; Zeckhauser 1985, S. 3). Die dabei entgangenen Gewinne bzw. die entstehenden Ausgaben, die zur Reduktion der ungleichen Informationsverteilung aufgewandt werden müssen, werden als agency loss oder agency costs bezeichnet (vgl. Pratt; Zeckhauser 1985, S. 3). Die unterschiedlichen Arten asymmetrischer Informationsverteilungen und ihre Auswirkungen werden im dritten Kapitel allgemein und im Bezug auf Mikrokredite eingehend betrachtet.

Der zeitliche Ablauf einer Principal Agent Beziehung lässt sich in fünf Phasen unterteilen (vgl. Jost 2001, S. 17 ff.):

1. Der Principal bietet dem Agenten einen Vertrag an. Unter einem Vertrag wird in diesem Zusammenhang jedes Regelwerk verstanden, das in der Lage ist, „die Entscheidungen des Agenten zu definieren, zu beeinflussen und zu koodinieren“ (Alparslan 2005, S. 14).
2. Der Agent kann den angebotenen Vertrag annehmen oder ablehnen, jedoch dem Principal kein Gegenangebot unterbreiten. Der Agent wird bei der Entscheidung über den Vertrag Alternativen in Betracht ziehen und ihn nur annehmen, wenn seine anderen Möglichkeiten ihm keinen größeren Nutzen bringen.
3. Kommt es zu einem Vertragsabschluss, wählt der Agent im Rahmen seiner verfügbaren Handlungsalternativen seine Arbeitsanstrengungen und führt die Aufgabe durch.
4. Bei der Aufgabendurchführung wirken exogene Einflußfaktoren und beeinflussen die Arbeit des Agenten.
5. Die Aktionen des Agenten sind beendet und das Ergebnis ist dem Agenten und dem Principal bekannt. Der Agent wird vertragsgemäß für seinen Einsatz entlohnt.

Um das Ergebnis zu verbessern bieten sich eine Überwachung des Agenten durch den Principal oder eine Belohnungs- bzw. Bestrafungsstrategie an. In vielen Situationen erweist sich auch die Selbstregulierung des Marktes als ausreichendes Überwachungsinstrument (vgl. Pratt; Zeckhauser 1985, S. 5). Ein gut besuchtes Restaurant oder ein Geschäft, das seit mehreren Jahren existiert, muss die Erwartungen der Kunden größtenteils erfüllt haben. Anbieter, die schlechte Qualität liefern oder Situationen auf Kosten ihrer Kunden ausnutzen, werden gemieden und in der Folge vom Markt verschwinden. Verlässt sich ein Auftraggeber nicht auf diese Selbstregulierung, muss er in Kontrolle oder Belohung investieren. Je umfangreicher und damit kostenintensiver diese Kontroll- und Überwachungsmethoden sind, umso eher wird sich der Principal auch mit weniger oder schlechteren Methoden zufrieden geben (vgl. Pratt; Zeckhauser 1985, S. 5). Vor dem Einsatz der Instrumente ist deshalb eine Kosten-Nutzen-Abwägung erforderlich (vgl. Thoms 2008, S. 74).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 - Trade-Off bei der Kontrolle des Agents (Thoms 2008, S. 74)

Bei komplexen Aufgaben, bei denen Kontrollinstrumente oder annähernd vollständige Verträge nur zu unverhältnismäßig hohen Kosten eingesetzt werden können, verbleibt nur das Vertrauen in den Geschäftspartner (vgl. Ripperger 2003, S. 61).

Ein Kredit im Sinne eines Gelddarlehens ist ein Zahlungsversprechen des Schuldners, den geliehenen Betrag mit Zinsen in Zukunft zurückzuzahlen (vgl. Holst 1996, S. 2). Der Gläubiger stellt ihm im Vertrauen auf dieses Versprechen das Geld zur Verfügung. Dies trifft insbesondere auf Kredite in Entwicklungsländer zu, die innerhalb einer Gemeinschaft, etwa eines Dorfes, vergeben werden (vgl. Akerlof 1970, S. 497 ff.). Auch „credere“, der lateinische Ursprung des Wortes Kredit, bedeutet übersetzt „glauben“ (vgl. Langenscheidt 2008) und weist auf den Vertrauenscharakter hin.

Vertrauen baut sich vor allen bei langfristigen Geschäftsbeziehungen auf, kann durch einen Intensivierung des Monitorings aber leicht wieder zerstört werden. Ein wenig kontrollierter Agent honoriert diesen Vertrauensvorschuss, in dem er die Intressen des Principals besonders berücksichtigt. Der Agent wertet verstärkte Kontrollen als Misstrauen ihm gegenüber. Mit dem Verlust des Vertrauens entfällt für den Agenten auch die Motivation, ein überdurchschnittliches Anstrengungsniveau aufrechtzuerhalten. Eine Misstrauensspirale wird so in Gang gesetzt. (vgl. Ripperger 2003, S. 69)

Da die Überwachung des Agenten nicht immer möglich, erwünscht oder zu teuer ist, können auch Messungen des Outputs oder geeignete Leistungsindikatoren dem Principal dabei helfen, die gewünschten Ziele zu erreichen (vgl. Paul 2006, S. 59; Pratt; Zeckhauser 1985, S. 5). Die Herausforderung liegt dabei in der Wahl des Indikators, der einfach zu messen sein muss und gleichzeitig die quantitativen und qualitativen Ziele widerspiegeln sollte (vgl. Paul 2006, S. 59).

Ein Anreiz für den Agenten sind auch immaterielle Güter wie beispielsweise das bereits erwähnte Vertrauen oder Ansehen, das bei bewusstem Fehlverhalten verloren gehen und damit zukünftige Geschäftsbeziehungen erschweren oder gar ganz verhindern kann (vgl. Pratt; Zeckhauser 1985, S. 6). Ferner verhindern auch langfristige Vertragsbeziehungen opportunistisches Verhalten des Agenten, da die drohende Vertragskündigung disziplinierend wirkt und sich bei langfristigen Engagements die Absichten und Qualitäten leichter erkennen lassen (vgl. Jost 2001, S. 139).

In der traditionellen Theorie wird von rein egoistischen Akteuren ausgegangen, die nur ihren eigenen Nutzen maximieren. Durch die Annahme vertikaler Ungleichheitsaversionen zwischen Principal und Agent in Form von Mitleid bzw. Neid lässt sich ein sozialer Kontext herstellen (vgl. Eberlein; Grund 2006, S. 136). Dies kann aber sowohl positive (der Agent strengt sich besonders an, um keinen Neid mehr zu empfinden) als auch negative (der Agent sabotiert gezielt, um sich dem Principal anzunähern) Auswirkungen zeigen. Aufgrund der komplexen Folgen und der erst am Beginn stehenden Forschung auf diesem Gebiet (vgl. Eberlein; Grund 2006, S. 152) wird die Ungleichheitsaversion in dieser Arbeit nicht weiter berücksichtigt.

2.2 Mikrokredite

Mikrokredite zählen neben Sparangeboten, Versicherungen, Kreditkarten und Zahlungsabwicklungen zu den Mikrofinanzen, die von Mikrofinanzinstituten (MFI) angeboten werden (vgl. Ledgerwood 1998, S. 66). Üblicherweise liegen die ausgezahlten Kreditsummen zwischen 100 und 3.000 US-Dollar bei Laufzeiten von sechs Monaten bis zu fünf Jahren und sind meist für vorher vertraglich festgelegte Ausgaben vorgesehen (vgl. Ledgerwood 1998, S. 83). Als Kreditnehmer für diese Kleinstkredite kommen Personen in Betracht, die die sonst üblichen Sicherheiten für Kredite nicht aufbringen können oder keinen Zugang zu konventionellen Finanzinstituten haben.

Der Bedarf an Mikrokrediten wird jedoch von einigen Organisationen überschätzt: Um zu junge oder zu alte Empfänger nicht mit zu berücksichtigen teilen einige Hochrechnungen zur Bedarfsermittlung die Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze durch die durchschnittliche Haushaltsgröße und rechnen pro Haushalt mit einen Mikrokredit (vgl. Worldbank 2006). Andere Schätzungen reduzieren die Anzahl der potentiellen Empfänger auf die Quote der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung des Landes (vgl. Ledgerwood 1998, S. 126 f.), den sog. „working poor“ (vgl. Ehrbeck 2006, S. 2). Die geschätzen Zahlen schwanken dabei zwischen 0,5 Milliarden (vgl. Deutsche Bank 2007) und 1,5 Milliarden Menschen (vgl. Ehrbeck 2006, S. 2). Nach der Consultative Group to Assist the Poor (CGAP) müssen bei diesen Zahlen aber noch drei wichtige Faktoren berücksichtigt werden (vgl. Anand; Rosenberg 2008, S. 1):

- Nicht jeder, der für einen Mikrokredit in Frage kommt, will auch einen Kredit aufnehmen.
- Unter den potentiellen Empfängern gibt es Personen oder Gruppen, die nicht in der Lage sind, einen Mikrokredit sinnvoll zu verwenden oder ihn zurückzuzahlen.
- Mikrokreditnehmer benötigen die Kredite nicht immer und nehmen nicht unmittelbar nach jeder Rückzahlung einen neuen Kredit auf.

Die Schätzungen zum Mikrokreditbedarf sollten kritisch hinterfragt werden, da die zu Grunde liegenden Daten in einigen Ländern lückenhaft und nicht immer konsistent sind (vgl. Anand; Rosenberg 2008, S. 3).

Auf Grund der hohen administrativen Kosten sind die Zinsen mit zum Teil über 50 % p. a. sehr hoch. Besonders arme Menschen, die oftmals keine regelmäßigen Einkommen haben, um die Kredite fristgerecht zu tilgen, werden deshalb ausgeschlossen (vgl. Terberger 2002).

Die Vergabe von Mikrokrediten durch MFIs erfolgt an Einzelpersonen, bei denen ihr Geschäftsmodell, ihre vergangenen Finanzaktivitäten und vor allem der Cashflow als Sicherheit gelten (vgl. Ledgerwood 1998, S. 68). Alternativ werden Kredite entweder nach dem Vorbild der Grameen Bank an einen Empfänger aus einer kleinen Gruppe von fünf bis zehn Personen vergeben oder die Kredite werden einer größeren Gruppe mit bis zu 100 Personen zur Verfügung gestellt (vgl. Ledgerwood 1998, S. 69 f.). In beiden Fällen bürgen die Gruppenmitglieder gesamtschuldnerisch für den Ausfall eines Kreditnehmers.

Ein Großteil der Mikrokredite wird an Frauen vergeben. So weist der Jahresbericht 2007 von The Foundation for International Community Assistance (FINCA) für alle Länder in denen die Organisation aktiv ist, einen Frauenanteil von mehr als 50 %, teilweise sogar bis zu 95 % aus (vgl. FINCA 2008, S. 5 ff.). Auch Muhammad Yunus, Gründer der Grameen Bank und Friedensnobelpreisträger (vgl. Nobelprize 2009), bestätigt in einem Interview einen Frauenanteil unter den Mikrokreditempfängern der Bank von 97 %. Frauen gingen weitsichtiger und zuverlässiger mit Geld um (vgl. Ertel; Rao 2006, S. 144).

Die Geldmittel der MFIs stammen entweder von Spendern oder von Investoren und werden in Tabelle 1 mit Beispielen näher erläutert (vgl. CGAP 2008).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1 - Mittelbeschaffung für Mikrofinanzen

Im weiteren Verlauf wird spezieller auf die Finanzierung durch private Investoren eingegangen, die über Peer-to-Peer Plattformen im Internet ihr Kapital zur Verfügung stellen.

2.3 Peer-to-Peer Banking

Das englische Wort „peer“ bedeutet ins Deutsche übersetzt soviel wie Ebenbürdiger oder Gleichgestellter. Demzufolge steht Peer-to-Peer für eine Verbindung unter Gleichen. In der Informatik versteht man unter Peer-to-Peer ein „sich selbst organisierendes System gleichberechtigter, autonomer Einheiten (Peers), das vorzugsweise ohne Nutzung zentraler Dienste auf der Basis eines Rechnernetzes mit dem Ziel der gegenseitigen Nutzung von Ressourcen operiert“ (Steinmetz; Wehrle 2004, S. 52). Damit kann Peer-to-Peer mit der im Vordergrung stehenden Kooperation und Dezentralisierung als Gegenstück zum Client-Server-Prinzip betrachtet werden (vgl. Steinmetz; Wehrle 2004, S. 53).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 - Peer-to-Peer Topologien (vgl Steinmetz; Wehrle 2004, S. 53)

Mit der Annahme, dass hinter jedem Client eine physische Person steht, könnte man Peer-to-Peer auch als „Person zu Person“ interpretieren. Mit diesem Ansatz wird es leichter vorstellbar, dass neben dem Austausch von Daten oder Ressourcen auch Gelder übertragen werden können. Dieses Verfahren ist als Peer-to-Peer Banking oder Peer-to-Peer Lending bekannt. Die Nutzer von Peer-to-Peer Banking gehören zur Gruppe der Internetteilnehmer mit der meisten Erfahrung, die auch ihre Finanzgeschäfte online abwickeln. Das Internet gilt dabei als Basistechnologie, die den Abschluss solcher Finanzvorgänge erst ermöglicht hat (vgl. Hulme; Wright 2006, S. 10).

Beim Peer-to-Peer Banking werden Kredite i. d. R. ohne ein zwischengeschaltetes Finanzinstitut gewährt. Dies stellt sowohl für Kreditnehmer als auch für den oder die Kreditgeber einen finanziellen Vorteil dar, da die Kreditzinsen geringen bzw. die Guthabenzinsen ohne Finanzintermediär höher ausfallen. Die von vielen Plattformen verwendeten Auktionsmodelle tragen ebenfalls zu vergleichsweise niedrigen Kreditzinsen bei (vgl. USAID 2008). Anleger wie Kreditsuchende empfinden aber auch die Anonymität und das einfache Konzept als positiv oder suchen gezielt einen Weg, um ohne Finanzinstitute auszukommen. Die vereinfachte Bonitätsprüfung wird auch von Kreditnehmern als Vorteil gesehen, da ihnen ohne die strengen Regeln einer Bank, eher und schneller ein Kredit gewährt wird (vgl. Siems 2008, S. 31). In dieser Einfachheit liegt für die Anleger wiederum das Risiko, denn auch über Peer-to-Peer Banking vergebene Kredite können ausfallen. Bonitätseinstufungen oder Ratings, die von Wertpapieremissionen bekannt sind, können vor der Vergabe für mehr Transparenz sorgen. Der Verkauf von Forderungen an Inkassounternehmen kann bei Ausfällen den Schaden mildern (vgl. Siems 2008, S. 32). Viele Plattformen setzten diese oder ähnliche Methoden ein und verringern das Risiko auch, indem sie keine 1:1-Finanzierung durchführen; d. h. dem Schuldner des Kredit steht nicht nur ein Gläubiger, sondern mehrere Gläubiger gegenüber.

International bekannt sind vor allem die englische Plattform Zopa, die in 2005 die erste ihrer Art war, sowie das amerikanische Pendant Prosper. Letztere musste die Vergabe von neuen Krediten vorläufig aussetzen, da die United States Securities and Exchange Commission (SEC), die für die Kontrolle und Regulierung des Wertpapierhandels zuständig ist, im November 2008 einen Verstoss gegen geltendes Recht sah und die Plattform dazu aufforderte, jeden weiteren Verstoss zu unterlassen (vgl. P2P-Banking 2008). In Deutschland konnte sich bisher nur smava durchsetzten. Dies liegt nicht zuletzt an den strengeren Aufsichtsbestimmungen, die eine Erlaubnis der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) erfordern, sobald die Kreditgeschäfte gewerbsmäßig betrieben werden oder ein bestimmter Umfang erreicht wird (vgl. Siems 2008, S. 32).

Im Februar 2008 sagte Gartner Research Peer-to-Peer Banking einen Anteil am weltweiten Kreditmarkt von 10 % voraus (vgl. Gartner 2008). Auch Havard Business Review wählte Peer-to-Peer Banking auf die Liste der „Breakthrough Ideas for 2009” und erwartet, dass es die wichtigste Innovation im Bereich der Finanzdienstleistungen der nächsten zehn Jahre sein wird (vgl. HBR 2009).

Neben den Onlineplattformen, die Kredite zwischen Privatpersonen oftmals nur innerhalb eines Landes vermitteln, haben sich in den letzten Jahren auch Plattformen etabliert, die Kredite von privaten Kreditgebern und Klein- bzw. Kleinstunternehmern in Entwicklungsländern ermöglichen. Im Gegensatz zu den Plattformen wie Zopa werden die Kredite an „micro-, small- and medium entersprises“ (MSME) in Entwicklungsländer über Intermediäre vergeben, die für Auswahl, Registrierung und auch die später finanzielle Abwicklung zuständig sind. Dies ist erforderlich, weil die potentiellen Kreditnehmer oftmals keinen Internetanschluss, keinen Computer oder keine Ausbildung haben, um sich selbst für einen Kredit zu bewerben (vgl. USAID 2008, S. 14). Auch wird über die Intermediäre eine Auszahlung der Gelder für Kreditnehmer ohne eigenes Bankkonto ermöglicht. Die Intermediäre verursachen jedoch zusätzliche Kosten. Dieser Nachteil spiegelt sich in höheren Zinsen wider und relativiert den Vorteil von Peer-to-Peer Banking. Ferner können die Intermediäre, wie noch gezeigt wird, das Kreditausfallrisiko erhöhen.

3 Asymmetrische Informationsverteilung

Wie bereits im Kapitel 2.1 dargelegt, sind bei einer Principal Agent Beziehung vor allem die ungleich verteilten Informationen mit verantwortlich für den Erfolg bzw. Misserfolg eines Geschäfts. Zu unterscheiden sind dabei die Ursachen für die Ungleichheiten und die Absichten, die die Akteure verfolgen. Die asymmetrische Informationsverteilung kann durch verborgene Eigenschaften (Kapitel 3.2), verborgenes Handel, verborgene Informationen (Kapitel 3.3) und durch verborgene Absichten (Kapitel 3.4) verursacht sein. Zunächst wird jedoch eine Systematisierung vorgenommen, um die Rollen der beteiligten Akteure näher zu betrachten.

3.1 Systematisierung

In der Theorie der Principal Agent Beziehungen bietet der Principal dem Agenten einen Vertrag an, den dieser entweder annehmen oder ablehnen kann – ein „take-it-or-leave-it“-Angebot (vgl. Jost 2001, S. 18). Auf den Kreditmarkt übertragen bedeutet dies, dass die Bank (bei Mikrokrediten das MFI) als Principal dem Kreditnehmer als Agenten einen Kreditvertrag anbietet (vgl. Pfeiffer 2008, S. 4). Die Überlassung eines Geldbetrags, die Informationsasymmetrie zugunsten des Agenten und, wie noch gezeigt wird, der Interessenskonflikt zwischen den beteiligen Akteuren, sind die wichtigsten Merkmale einer Principal Agent Beziehung (vgl. Holst 1996, S. 31). Der Kreditnehmer (Agent) hat dabei mehr bzw. bessere Informationen über seine beabsichtigten Handlungen als der Kreditgeber, dem durch die Auswahl, Überwachung und Durchsetzung der Forderungen erhebliche Verwaltungskosten entstehen (vgl. Pfeiffer 2008, S. 4). Doch auch für den Kreditnehmer besteht ein Interesse daran, das geliehene Geld vollständig und fristgerecht zurückzuzahlen, um seine Kreditwürdigkeit zu wahren und dadurch weitere Kredite zu günstigen Konditionen zu erhalten (vgl. Pfeiffer 2008, S. 16).

Bei der Weitervermittlung der Mikrokredite über die Peer-to-Peer Plattformen werden Intermediäre eingesetzt, häufig MFIs. Diese MFIs sind dann für die Kreditgeber die Agenten, die ihre Dienste über die Plattform den Nutzern anbieten. Die Rolle des auftraggebenden Principals nehmen dabei oft Privatpersonen ein, die sich von ihrem Kapitaleinsatz ein bestimmtes Ergebnis erhoffen, z. B. die Verzinsung ihres Geldes. Auch in dieser Beziehung besteht ein Informationsvorteil für den Agenten gegenüber dem Principal. Die Weitergabe dieser Vorteile an Kreditnehmer oder –geber variiert je nach Institut und benutzter Onlineplattform.

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Details

Seiten
49
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640471409
ISBN (Buch)
9783640471737
Dateigröße
675 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v139205
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
2,7
Schlagworte
Principal Agent Theory Microkredite P2P-Banking Peer-to-Peer Banking kiva.org moral hazard Entwicklungsländer

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Titel: Principal Agent Theory in Verbindung mit sozial motivierten Peer-to-Peer Banking Plattformen