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"Diese Kinder inspirieren mich"

Der fiktive Lehrer Monsieur Mathieu, seine Kinder und die Widerspiegelung von Verzweiflung und Hoffnung in der Musik zum Film

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 25 Seiten

Musikwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inhaltliche Aspekte
2.1 Die Handlung
2.2 Die Figur des Monsieur Mathieu
2.2.1 Zum Genre des Lehrerfilms
2.2.2 Monsieur Mathieu als eine typische Figur des guten Lehrers im schlechten System
2.2.3 Gescheitert oder erfolgreich? Monsieur Mathieu als Komponist
2.2.4 Fazit zum Figurenkonzept

3. Der Einsatz von Musik im Film
3.1 Zur Orientierung: Die Filmmusik und ihre zentrale Themen
3.2 Analyse exemplarischer Ausschnitte aus dem Film
3.2.1 Ausschnitt 1 – Wiedersehens-Sequenz – Thema 1
3.2.2 Ausschnitt 2 – Stillarbeit/Schlafraum-Sequenz – Thema 1
3.2.3 Ausschnitt 3 bis 4 – Krankenstation-/Diebstahl-Sequenz – Thema 2
3.2.4 Ausschnitt 5 – Zweite Schlafsaal/Krankenstation-Sequenz – Thema 1 und 2
3.2.5 Ausschnitt 6 bis 7 – Vois Sur Ton Chemin und Caresse Sur L'océan als Musik-Videos

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1 Monographien
5.2 Unselbstständige Publikationen
5.3 Digitale Medien

1. Einleitung

Die Kinder des Monsieur Mathieu (Originaltitel: Les Choristes) ist ein französischer Spielfilm aus dem Jahr 2004, der mit seiner um eine Lehrer-Hauptfigur gesponnenen Internatserzählung in der Tradition der in der Sekundärliteratur vielfach als Lehrerfilme bezeichneten Werke steht[1].

Nach einem kurzen Einstieg in die Handlung des Films soll in der vorliegenden Arbeit als erster analytischer Schritt herausgearbeitet werden – und zwar auf der Grundlage von vergleichenden Arbeiten über Lehrerfilme – inwiefern es sich bei Die Kinder des Monsieur Mathieu um einen Film handelt, der sich kaum von Klischees distanziert, sondern überwiegend auf bekannte Versatzstücke des Lehrerfilm-Genres zurückgreift. Im Fokus der Betrachtung stehen dabei die Lehrerfigur Monsieur Mathieu und die Entwicklung der Beziehung zwischen ihm und seinen Schülern. Da die von Mathieu komponierte Musik als treibende Kraft dieser Beziehungsentwicklung im Zentrum des Films steht, soll auch die Darstellung von Mathieu als Komponist betrachtet werden. (Kapitel 2)

Vor dem Hintergrund der Schlussfolgerungen aus Kapitel 2 soll als zentrale Analyse der Arbeit dann der Frage nachgegangen werden, inwiefern sich die herauskristallisierten Aspekte der Handlungsebene in der eingesetzten Musik widerspiegeln. Die Fragestellungen der Analyse beziehen sich also auf die Gestaltung der Tonspur mit Musik. Wie wird Musik sowohl auf der Ebene der Filmmusik (non-diegetisch) als auch auf der Ebene der Source-Musik (diegetisch) eingesetzt? Wie kommen dabei die in Kapitel 2 betrachteten Figuren- und Beziehungsaspekte durch den Einsatz von Musik zur Geltung? Um diesen Fragestellungen auf den Grund zu gehen, soll zunächst auf die Filmmusik generell eingegangen werden. Erst daraufhin sollen ausgewählte Sequenzen bzw. Ausschnitte exemplarisch analysiert werden. In jeder Analyse eines Filmausschnitts soll einerseits der Inhalt der Handlungsebene, d.h. der durch Bild und Rede vermittelte Inhalt, paraphrasiert werden, und andererseits auf den Einsatz der Musik eingegangen werden, um dann den Versuch einer Erklärung zu unternehmen, inwiefern die (nicht musikalische) Handlungsebene und die Ebene der Musik zueinander in Beziehung stehen. (Kapitel 3)

2. Inhaltliche Aspekte

2.1 Die Handlung

Die Haupthandlung des Films spielt im Frankreich der Nachkriegszeit und ist als Binnenhandlung in eine kurze Rahmenerzählung der nicht näher beschriebenen Gegenwart eingebettet, die den Ausgangspunkt des Films bildet. Sie erzählt vom erfolgreichen Dirigenten Pierre Morhange, der sich aufgrund des Todes seiner Mutter auf dem Weg von New York in seine Heimat Frankreich begibt. In der Heimat erhält er Besuch seines ehemaligen Mitschülers Pépinot, der ihm ein Tagebuch des verstorbenen Monsieur Mathieu überbringt. Als Morhange beginnt, sich in die Aufzeichnung seines früheren Lehrers aus dem Jahr 1949 zu vertiefen, wird der Zuschauer in selbige Zeit zurückversetzt. An dieser Stelle übernimmt Mathieu als Voice-over -Sprecher die Erzählung der Binnenhandlung.

Der erfolglose Komponist und Musiklehrer Clément Mathieu beginnt eine Arbeitsstelle als ‚Aushilfslehrer’[2] an einem heruntergekommenen Internat für schwer erziehbare Jungen. An der autoritär geführten Schule, in der harte Disziplinierung und körperliche Misshandlung an der Tageordnung sind, bringt Mathieu den Kindern, die bisweilen mit Trotz und Ausreizen ihrer Grenzen auf die strengen Reglementierungen reagieren, Wohlwollen und Nachsichtigkeit entgegen. Eine fast absurd anmutende Idee bringt ihn dazu, seine brotlose Begabung als Komponist einzusetzen, in dem er aus den eigentlich schon auf ganzer Linie zum Scheitern verurteilten Jungen einen Knabenchor zusammenstellt. Trotz der Skepsis des hartherzigen Direktors Rachin scheint der Plan aufzugehen: In kürzester Zeit verwandelt Mathieu die ungezogenen Kinder zu einem Chor voller Engelsstimmen. Sogar der Konflikt zwischen ihm und dem ihm erst feindlich gesinnten, verschlossenen Schüler Morhange wird schlussendlich über die gemeinsame Leidenschaft zur Musik gelöst. Bemühungen, die beim notorisch-delinquenten Mondain völlig vergebens sind. Dessen Aufmüpfigkeit wird Mathieu schließlich zum Verhängnis: die Geschichte endet in einer Katastrophe, ein durch Mondain verschuldeter Gebäudebrand, durch den Mathieu als Aufpasser schließlich seine Arbeitsstelle verliert.

2.2 Die Figur des Monsieur Mathieu

2.2.1 Zum Genre des Lehrerfilms

Filme über Lehrer und mit Lehrern gibt es unzählige. Doch längst nicht alle sind typische Lehrerfilme. Denn letztendlich kann der Beruf des Lehrers in jedem Filmgenre auftreten. Ausschlaggebend für das Lehrerfilm-Genre ist es dagegen – ohne dabei den Anspruch zu erheben, dass es sich um ein klar umrissenes Genre handelt – dass die Lehrerfigur die Position der zentralen Hauptfigur einnimmt (vgl. Greiner/Vorauer, 2007, S. 18). Als eine weitere Deckungsgleichheit der in der Sekundärliteratur meist als Lehrerfilme bezeichneten Werke wäre aber zumindest noch die Schule als ein wichtiger Schauplatz der Handlung zu nennen. Angesichts dieser einfachen Eingrenzung bleibt natürlich immer noch eine fast unüberschaubare Fülle an Filmen übrig. Unzählig sind auch die meist normativ-erziehungswissenschaftlich motivierten Analysen über Filme dieses Genres, aus denen hervorgeht, dass trotz der endlosen Variationsmöglichkeiten der Lehrerfiguren und der Handlung doch immer ähnliche, fast stereotype Charaktere und Strukturen anzutreffen sind, die stets kopiert, variiert oder parodiert werden. In umfangreichen Analyse von Lehrerfilmen in Monographien wie The Hollywood Curriculum (vgl. Dalton, 2004, S. 22) und Lehrerfiguren im internationalen Spielfilm (vgl. Greiner/Vorauer, 2007, S. 18) oder Aufsätzen wie „A Thematic Profile of the Images of Teachers in Film“ von Burchbach und Figgins (vgl. Burbach/Figgins, 1993, S. 65 - 75) – um nur einige Beispiele zu nennen - kommen die Autoren mehr oder weniger zu dem Schluss, dass der kommerzielle Lehrerfilm – allen voran der Hollywood-Film – immer wieder aufs Neue zwischen guten und schlechten Lehrerimages dichotomisiert. Die Kinder des Monsieur Mathieu bildet hier keine Ausnahme und soll vor diesem Hintergrund betrachtet werden.

2.2.2 Monsieur Mathieu als eine typische Figur des guten Lehrers im schlechten System

In Die Kinder des Monsieur Mathieu ist die Hauptfigur Mathieu ohne Zweifel der gute Lehrer. Daltons Definition des guten Lehrers (vgl. Dalton, 2004, S. 22 – 43) passt in den Grundzügen wie eine Schablone auf die Konzeption der Figur: Dalton zufolge ist der gute Lehrer eine Außenseiterfigur, die als eine Art gute Kraft konträr zu seinen Vorgesetzten (hier: Direktor Rachin) gezeichnet ist und von diesen meist nicht gemocht oder respektiert wird. Er muss vor dem Hintergrund institutioneller und sozialer Probleme, die hier durch das heruntergekommene Internat Fond de L’Etang und seine schwer erziehbaren, aufmüpfigen „Insassen“ repräsentiert werden, agieren. Dies heißt in der Regel, die Schüler vor dem negativen Einfluss des dominanten Schulsystems, in diesem Film verkörpert durch Rachin und seine reaktionären Erziehungsmethoden, zu „retten“ (vgl. ebd., S. 22). Ayers stellt in Hinblick auf den Retter-Aspekt allerdings fest, dass letztendlich nicht alle Schüler gerettet werden können: „Giving up on some kids is okay“ (Ayers, 2001, S. 201f). Einen solchen hoffnungslosen Fall stellt die Schülerfigur Mondain dar und mag ein Mittel des Autors gewesen sein, den Spannungsbogen zu verstärken und die Schwarz-Weiß-Zeichnung ein klein wenig abzuschwächen.

Im Gegensatz zu Direktor Rachin verhandelt Mathieu mit den Schülern auf einer persönlichen, individuellen Ebene, er richtet sich nach ihren Bedürfnissen, lernt von ihnen, personalisiert seinen Unterricht und lässt dabei meist eine gesunde Portion Humor zutage treten. Selbst Strafen sind individualisiert, komisch oder verhandelbar: So zahlt es Mathieu dem Schüler Morhange, der ihn an der Tafel als Witzfigur gemalt hat, heim, indem er ihn selbst an der Tafel vor allen Schülern karikiert. Den Schüler Le Querrec will er wegen seines gemeingefährlichen Attentats auf den Hausmeister nicht an den Direktor verraten, sofern er auf das Angebot eingeht, sein Opfer im Krankenbett zu pflegen. Individualisierte Interaktion mit den Schülern, Strafe als Verhandlungssache, manchmal mit Witz praktiziert – auch das ist wiederum ein typischer Charakterzug, der in die gute Lehrerfigur des kommerziellen Kinos nur allzu oft eingearbeitet wird (vgl. Dalton, 2004, S. 26). Während die schlechten Filmlehrer Drill und noch mehr Drill als fundamental für die Erziehung der Schüler erachten, gehört es zum unkonventionellen Curriculum der guten Lehrer, ihre Schützlinge im Unterricht vor allem „ästhetische Erfahrungen“ (ebd., S. 45) erleben zu lassen. Ebendiese ästhetische Erfahrung, die dem Terror des Direktors Rachin entgegengesetzt wird, bringt Mathieu den Kindern mit der Chorpraxis nahe.

Tatsächlich gewinnt Mathieu aber nicht endgültig die Macht über das System. Denn am Ende des Films wird er von Rachin gefeuert. Den Kampf entscheidet er stattdessen auf einer subtileren, symbolischeren Ebene für sich. Als er die Schule verlassen muss, zollen ihm die Kinder Tribut, sagen symbolisch, dass sie von ihm inspiriert wurden und gelernt haben, indem sie für ihn beim Verlassen der Schule zum Abschied singen, während sie Lebewohl-Botschaften auf Papierflugzeugen aus den Fenstern segeln lassen. Vorauer und Greiner zufolge ist dies der typisch hollywoodianische Ausgang für den Lehrerhelden. Statt Happy End widerfährt ihm meist eine Art ‚poetische Gerechtigkeit’ bzw. ein ‚moralisches Gleichgewicht’ (vgl. Vorauer/Greiner, 2007, S. 13). Variationen von Lehrerfilmen im zeitgenössischen europäischen gesellschafts- und sozialkritischen Kinos eröffnen hingegen einen ganz anderen Zugang und zeichnen „höchst ambivalente und von Krisen geschüttelte Lehrerfiguren, deren Scheitern [...] von keiner höheren poetischen Gerechtigkeit mehr aufgefangen wird“ (Greiner/Vorauer, 2006, S. 234). Zwar handelt es sich bei Die Kinder des Monsieur Mathieu um einen zeitgenössischen europäischen Film, er spiegelt aber dennoch eher das Hollywood-Prinzip wider: Mathieu mag zwar viel unentschlossener mit seinen Ambitionen umgehen als seine amerikanischen Kollegen wie beispielsweise die zielstrebige, überambitionierte Heldenfigur des Keatings in Deat Poets Society (USA, 1987) (vgl. Greiner/Vorauer, 2006, S. 201), was für ihn als ambivalent gezeichnete Figur spräche. Dies ändert sich aber im Laufe des Films, und schließlich kommt ihm die dem Hollywood-Kino geschuldete symbolische Gerechtigkeit als Ersatz zum Happy End entgegen.

2.2.3 Gescheitert oder erfolgreich? Monsieur Mathieu als Komponist

Eine wichtige Komponente, die Mathieu als Musikliebhaber und Künstler anhaftet, die in keiner der Definitionen zum positiven Lehrerbildtypus des sich aufopfernden, selbstlosen Helfers thematisiert wird, ist eine eher egoistische und macht Mathieu dann doch ein Stück weit ambivalenter als seine Lehrervorbilder aus Hollywood: Monsieur Mathieu geht es nicht ausschließlich um die alleinigen Bedürfnisse der Kinder, vielmehr will er seine eigenen subjektiven Bedürfnisse als (bislang gescheiterter) Künstler an seine neue Rolle als Helfer der Kinder koppeln. In dieser Hinsicht assistieren seine Schüler als eine Art Projektions- und Experimentierfläche seiner egozentrischen Wunschvorstellungen. Er möchte seine musikbezogene Lebenserfahrung und musikalische Leidenschaft mit anderen Menschen teilen und sein bisheriges Scheitern als Künstler dadurch kompensieren, dass sein Wirken als Komponist doch noch eine höhere Bedeutung erlangt. Seine Ambitionen sind allerdings nicht mehr nur durch den bloßen Wunsch des Erfolgs als großer Komponist geleitet, sondern von der ideologisch-verklärten und pathetisch anmutenden Vorstellung, dass der in der „normalen Welt“ gescheiterte Künstler in dem kleinen sozialen Teilsystem der Schule einzig durch die Kraft seiner Musik auf Kinderseelen einwirken kann und dadurch negative Verhaltensweisen und soziale Probleme beeinflusst. Genau diese Idee stellt in der Kategorie kommerzieller Musiklehrerfilm eine sehr typische Charakterzeichnung der Hauptfigur des leidenschaftlichen Musikpädagogen dar (vgl. Oberhaus, 2007, S. 72ff).

Mathieus Kunst kann nur aus einer Art symbiotischen Beziehung zwischen ihm und den Kindern heraus gedeihen, auf anderen Ebenen ist er ein Versager. Das heißt, Mathieu kann nur künstlerisch tätig sein, sofern die Kinder ihn inspirieren. Nur über sein künstlerisches Schaffen wiederum gelingt es ihm, die Kinder für sich zu gewinnen. Seine Kunst ist die Musik, theoretisch könnte es sich auch um andere Künste handeln, um eine vom Prinzip her gleiche Geschichte zu erzählen (s. Dead Poets Society: Lehrer Keating begeistert seine Schüler für Poesie). Musik als Medium bietet diesem Film allerdings aufgrund der auditiven Form vielfältigere mediale Möglichkeiten der Inszenierung dieses Beziehungszusammenhangs.

Mathieu begreift die Möglichkeit, seinem künstlerischen Wirken als Hilfslehrer einen neuen Sinn zu geben, allerdings nicht sofort. Diese Idee kommt ihm erst in den Sinn, als er zufällig die Kinder im Schlafsaal singen hört. An dieser Stelle exponiert ihn der Film überhaupt erst explizit als bis dahin erfolgloser Künstler, der das Komponieren von Partituren für französische Chansons einst aufgegeben hat, und diese Tätigkeit erst wieder aufnimmt, als ihm seine Schüler den entscheidenden Anstoß dazu geben. Sein Chor-Experiment startet er erst ab Filmminute 30 (Filmlänge ca. 130 Minuten). Zuvor hadert Mathieu noch mit sich und seinen Selbstwertkomplexen: In seiner ersten Unterrichtsstunde lässt Mathieu die Kinder einen Aufsatz über ihre Berufsträume schreiben, als sinnierte er insgeheim selbst über seine eigenen. Beim späteren Lesen der Aufsätze wird ihm sein eigenes trostloses Dasein vor Augen geführt, denn er stellt fest: keines der Kinder möchte, wie er, Pedell werden. Besonders deutlich wird sein Selbstbewusstseinskomplex als gescheiterter Künstler, als er drei seiner Schüler mit Partituren aus seiner Tasche, die sie ihm zuvor geklaut haben, erwischt. Mathieu ist merklich in seiner Privatsphäre verletzt, als er die in der Jungentoilette zu Boden gefallenen losen Blätter auf allen Vieren kriechend einsammeln muss und den ob der Partituren neugierig gewordenen Kindern verärgert erwidert: „Das geht Sie überhaupt nichts an!“. In dieser Hinsicht weicht der Film ein wenig vom Hollywood-Konzept des ‚goal oriented heros’ ab: Häufiger Ausgangspunkt der hollywoodianischen Dramaturgie ist zunächst eine ‚background wound’, die ein unverarbeitetes Problem der Vorgeschichte des Protagonisten dargestellt, das sich in die filmische Gegenwart schleicht und gelöst werden soll. Im Lehrerfilm ist es meist ein Zustand privater oder persönlicher Natur (Vorauer/Greiner, 2007, S. 12). Soweit entspricht Mathieu dem Hollywood-Hero: seine ‚background wound’ ist das Scheitern als Komponist. Ein ‚goal oriented hero’ wäre allerdings derjenige, der stets zielgerichtet handelt, der direkt zu Beginn der Geschichte um sein Problemzustand weiß und gleich mit der Problembewältigung beginnt. Im Gegensatz dazu „verbringen [die Protagonisten des europäischen Films] den halben Film damit, herauszufinden, was sie wollen“ (Bordwell, 1995, S. 163.). In dieser Hinsicht rückt die Figur Mathieu doch wieder, wenn auch nur ein wenig, von Hollywood ab in Richtung des europäischen Films.

Die Frage, ob Mathieu als Komponist mit seinem Rauswurf aus der Schule am Ende nicht doch gescheitert ist, sondern tatsächlich erfolgreich war, kann durchaus positiv beantwortet werden. Der Kommentar des in die Jahre gekommenen Morhange über seinen früheren Lehrer „Würde gern wissen, was aus dem geworden ist“ spielt zwar indirekt darauf an, dass Mathieu der kommerzielle Erfolg als Musiker auf Lebzeiten verwehrt geblieben ist. Doch Erfolg muss hier nur als das verzögerte Resultat begriffen werden, dass nicht Mathieu selbst, sondern sein Schüler Morhange – gerade der, der mit ihm auf Kriegsfuß stand – auch dank ihm zu dem erfolgreichen Komponisten geworden ist, als der er in der Rahmenhandlung exponiert wird. Die Rahmenhandlung bildet also eine Art Understatement der Aussage: Mathieu war erfolgreich. Erfolgreich als Komponist in seiner gleichzeitigen Rolle als Pädagoge.

[...]


[1] Der Film basiert weitestgehend auf Ein Käfig voller Nachtigallen (La Cage des Rossignols), einem ebenfalls französischen Film aus dem Jahr 1945, wobei Regisseur und Drehbuchautor Christophe Barratier für sein Remake die Handlung der Vorlage bis auf wenige Aspekte vollständig übernommen hat (vgl. Mattenklott, 2008, S. 132). Hinzugefügt wurde zum einen die Figur des Schülers Mondain als hoffnungsloser Fall, zum anderen wurde auf ein Happy End verzichtet.

[2] ‚Pedell’, die Übersetzung für ‚Pion’ in der deutschen Fassung des Films, ist nicht ganz passend. Während Pedell etwa einen Hausmeister meint, ist Mathieu als Pion dazu verpflichtet, die Schüler in den Zeiten, in denen kein regulärer Unterricht herrscht, zu disziplinieren. (vgl. Mattenklott 2008, 133)

Details

Seiten
25
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640486830
ISBN (Buch)
9783640486687
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v139195
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Institut für Kommunikationswissenschaften - Abteilung für Musikwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
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Titel: "Diese Kinder inspirieren mich"