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Verführung und Verführbarkeit in 'Emilia Galotti' und der 'Geschichte des Fräuleins von Sternheim'

Hausarbeit 2007 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Beschreibung der Männer
2.1. Der Prinz (aus „Emilia Galotti“)
2.2. Graf Appiani (aus „Emilia Galotti“)
2.3. Mylord Seymour (aus „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“)
2.4. Mylord Derby (aus „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“)
2.5. Der Fürst (aus „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“)

3. Beschreibung der Frauen
3.1. Emilia Galotti
3.2. Sophie von Sternheim

4. Es gibt Mensch- Mann und Mensch- Frau, welche verschiedenen Funktionen übernehmen sie in der Gesellschaft?

5. Was ist Verführung?

6. Was hat es mit der Gestalt des Verführers auf sich?

7. Wie gestehen die Männer ihre Leidenschaften? Und wie werden die Frauen daraufhin beschrieben?

8. Was für eine Rolle hatte die Frau in der Verführung? Was für Konsequenzen musste sie daraus ziehen und welche Möglichkeiten hatte sie?

9. Schluss

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Thema der Verführung und Verführbarkeit in den Werken „Emilia Galotti“ und der „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“.

Vor allem geht es darum, was Verführung im 18. Jahrhundert bedeutete und was für Probleme sie für die Frauen aufwarf.

Doch bevor ich auf die Verführung eingehe, werde ich zuallererst die wichtigsten Charaktere vorstellen. Ich gliedere sie in die „Beschreibung der Männer“ und in die „Beschreibung der Frauen“, um dann auf die gesellschaftlichen Geschlechterrollen des 18. Jahrhundert einzugehen und darzustellen wie unterschiedlich sie definiert wurden.

Dies ist deswegen von Bedeutung, um die Rolle der Frau zu begreifen, ohne die die Schwierigkeiten, die sich in der Verführung ergeben, nicht darzustellen wären.

Erst dann werde ich auf die Verführung kommen, die so eingebettet verständlicher wird.

Nach einer kurzen Definition über die Verführung, erläutere ich, was es mit der Gestalt des Verführers, in den beiden Werken auf sich hat und in Punkt sieben werde ich schildern, wie sich die Männer den Frauen annäherten bzw. wie die Frauen ab diesem Zeitpunkt beschrieben werden.

Zum Schluss komme ich zu den interessantesten Fragen, nämlich was für eine Rolle die Frau in der Verführung hatte, was für Konsequenzen sie daraus ziehen musste und welche Möglichkeiten sie hatte.

Wie wissend darf eine Frau sein und was für einen Unterschied macht es, ob ein Roman von einem weiblichen oder männlichen Autor des 18. Jahrhunderts geschrieben wurde? Was sind die Gründe warum die Frauen ihre wahren Gefühle nicht zeigen durften und religiöser erzogen wurden als Männer?

Warum konnten sich die beiden Frauen Emilia und Sophie nicht besser gegen ihre Verführer schützen und weshalb mussten sie zu Opfern werden?

Dies sind die wichtigsten Fragen meiner Hausarbeit über die Verführung.

2. Beschreibung der Männer

2.1. Der Prinz (aus „Emilia Galotti“)

Der Prinz verkörpert eine oberflächliche, leichtlebige Natur.[1] Diese oberflächliche Einstellung wird auch durch die Leichtfertigkeit gekennzeichnet, mit der er ein Todesurteil unterzeichnen will. Er möchte alles aus dem Weg räumen, was ihn von seinem erotischen Vorhaben ablenken könnte. Der Prinz ist so auf Emilia fixiert, dass ihm für ihr Bildnis jede Summe recht ist, und auch für Emilia selbst ist er bereit jeden Preis zu zahlen. Dadurch degradiert er sie zur käuflichen Ware, die er „besitzen“ möchte.

Sein leidenschaftliches Interesse, für das Mädchen, findet Ausdruck in: „Ich war so ruhig, Bild ich mir ein, so ruhig – auf einmal muss eine arme Bruneschi, Emilia heißen: - weg ist meine Ruhe, und alles - “[2]

Emilia ist eine wohlbehütete Tochter aus gutem Hause und der Prinz weiß, dass es ihm nicht leicht gemacht werden wird. „Auch kenn ich ihren Vater. Er ist mein Freund nicht. Er war es. Der sich meinen Ansprüchen auf Sabionetta am meisten widersetzte.“[3]

Die Figur des Prinzen ist durchgehend widersprüchlich angelegt. Zur Charakterisierung wird das ganze Stück in Widerspruch gesetzt: „(…) Widerspruch von Staatsinteresse und Persönlichkeit, von Amt und Menschsein.“[4] Als es zu zwei entgegengesetzten Versuchen kommt, Emilia zu gewinnen, setzt sich in der Figur des Prinzen der angelegte Gegensatz fort. Während er seine Machtmittel in Marinellis Hände legt, will er gleichzeitig selbst ein Gespräch mit ihr suchen. An die Seite der Intrige, des höfisch-politischen Mittels, tritt das menschliche Liebesgeständnis.

Durch seine egozentrische Schwärmerei überspringt der Liebhaber die Barrieren des guten Rufs und erschreckt Emilia in der Kirche.[5] So begeht er den Fehler, in der Kirche aus Zeitnot seine Liebeswerbung vorzubringen. "Mit allen Schmeicheleien und Beteuerungen konnt' ich ihr auch nicht ein Wort auspressen. Stumm und niedergeschlagen und zitternd stand sie da; wie eine Verbrecherin, die ihr Todesurteil höret. Ihre Angst steckte mich an, ich zitterte mit und schloß mit einer Bitte um Vergebung."[6]

Die Mutter erklärt Emilia daraufhin:[7] „Der Prinz ist galant. Du bist die unbedeutende Sprache der Galanterie zu wenig gewohnt."[8]

2.2. Graf Appiani (aus „Emilia Galotti“)

Sein einziger Auftritt im 2. Aufzug 7. Auftritt verrät seine stolze, gerade Haltung. „Adelsrang, Reichtum und persönliche Vorzüge zeichnen den Grafen aus. Er ist ein Mann voller Ehre, den zu heiraten seine Braut in jeder Hinsicht glücklich machen kann.“[9]

Er zollt Emilias Vater nicht nur Respekt, sondern verehrt ihn noch dazu abgöttisch. „(...) Welch ein Mann, meine Emilia, Ihr Vater! Das Muster aller männlichen Tugend! Zu was für Gesinnungen erhebt sich meine Seele in seiner Gegenwart! Nie ist mein Entschluss immer gut, immer edel zu sein, lebendiger, als wenn ich ihn sehe - wenn ich ihn mir denke."[10]

Die Ehre, dem Prinzen zu dienen, ist ihm weniger wichtig, als die Ehre Odoardos Sohn zu heißen. Er ist absolut nicht der Mann, der sich vom Prinzen etwas sagen lassen würde. Laut Emilias Vater ist Appiani tugendhaft und würdig ihr Ehemann zu werden. Die Aussage: „ Ich werde eine fromme Frau an ihnen haben; und die nicht stolz auf ihre Frömmigkeit ist"[11], zeigt, dass Appiani, im Gegensatz zum Prinzen, nicht oberflächlich ist. Ihm ist es nicht wichtig wie Emilia gekleidet ist. Selbst am Hochzeitstag erscheint ihm dies nur zweitrangig. „Wer kann Sie sehen, Emilia, und auch auf ihren Putz achten?"[12]

Auch will er sein Glück nicht länger am Hof suchen, sondern sein Glück soll die Verbindung mit Emilia ausmachen. Emilias Tugend, Gefühl, Witz und ihre ‘Frömmigkeit‘[13] schätzt er höher ein, als die Gnade des Prinzen. Wäre es darauf angekommen, hätte der Graf Appiani Gewalt mit Gegengewalt beantwortet, er hätte gekämpft und sich nicht von der fürstlichen Autorität abschrecken lassen. In der folgenden Textstelle kommt dies zur Geltung:

- Marinelli:" Tod und Verdammnis! - -Graf, ich fordere Genugtuung. "
- Appiani:" Das versteht sich"
- Marinelli:" Und würde sie gleich itzt nehmen (...)"
- Appiani:" Nach Massa freilich mag ich mich heute nicht abschicken lassen: aber zu einem Spaziergang mit ihnen hab ich Zeit übrig. - Kommen sie, kommen sie!"
- Marinelli:" Nur Geduld, Graf, nur Geduld."[14]

„Mit Appianis Tod erweist sich die Hofpartie als übermächtig. Der Traum vom Landleben kann nicht realisiert werden, solange höfische Interessen ihm entgegenstehen.“[15]

2.3. Mylord Seymour (aus „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“)

„Die La Roche zeichnet in Seymour den Idealtypus eines im vollendeten Sinne empfindsamen und tugendhaften Mannes, dessen „tötende Melancholie“ und unentschlossen – passive Haltung oft masochistische Züge tragen.“[16]

Seymour ist ein sehr emotionaler Mann. Sein Lehrer Doktor T** lehrte ihn, das wahre Gute und Schöne zu erkennen und zu lieben. „Ich wollte auch immer lieber sterben, als etwas Unedles oder Bösartiges tun."[17] Er begehrt Sophie von Sternheim nicht nur wegen ihres Äußeren, so schreibt er seinem Doktor T** in dem ersten Brief:" Erwarten Sie keine Ausrufungen über ihre Schönheit; aber glauben Sie mir, wenn ich sage, dass alle mögliche Grazien, deren die Bildung und Bewegung eines Frauenzimmers fähig ist, in ihr vereinigt sind: eine holde Ernsthaftigkeit in ihrem Gesichte, eine edle anständige Höflichkeit in ihren Bezeugen, die äußerste Zärtlichkeit gegen ihre Freundin, eine anbetungswürdige Güte und die feinste Empfindsamkeit der Seele."[18]

Seymour liegt viel an seiner Tugend und so ist er auch versucht Fräulein Sternheims Tugend, ihre Ehre und ihre Annehmlichkeiten zu retten. „Niemals, niemals ist mein Herz so eingenommen, so zufrieden mit der Liebe gewesen!“[19] Er befürchtet, dass das Fräulein Sternheim dem Fürsten zur Mätresse werden oder sie den Lord Derby rühren könnte. „Wenn er sie rührt, so ist mein Glück hin; ebenso hin, als wenn sie der Fürst erhielte; dann wenn sie einen Ruchlosen lieben kann, so hätte sie mich niemals geliebt.“

Seymour fühlt sich höchst elend und ist unsicher, was von seiner Seite weiter zu tun ist und so endet er den Brief an Doktor T** mit der Bitte, er möge ihm bald sagen, was er von ihm denkt und was er hätte tun sollen.[20] Auch macht ihn die ganze Zurückhaltung zu Fräulein Sternheim eifersüchtig auf Derby und den Fürsten, die ihre ganze Hochachtung zu erwerben suchen. "Ich mißgönnte Derbyn, sie gesehen und gehört zu haben."[21] Er selbst ist nur bemüht sie zu beobachten und eine untadelhafte Aufführung zu haben.[22] Durch seinen Eifer sagte er zu Derby: "Das Fräulein hat den edelsten und seltensten Charakter; wehe den Elenden, die sie zu verderben suchen!"[23]

Lord Seymours Welt bricht zusammen, als er Fräulein Sternheims Gang in den Pfarrgarten und ihre darauf folgende Zufriedenheit missversteht. "Itzt hingegen verachte, verfluche ich diese Sternheim und ihr Bild. Ihre Reize und meine Liebe liegen noch in dem Grunde meiner Seele; aber ich hasse beide, und mich selbst, daß ich zu schwach bin, sie zu vernichten."[24] Und aus diesem Grunde wollte er sie nicht ohne "Erinnerung und Bestrafung"[25] lassen und machte "ihr bittere und heftige Vorwürfe über ihre Frechheit, sich mit so viel Lustigkeit in ihrem schändlichen Putz zu zeigen."[26]

Ab diesem Augenblick ist Seymours "Gemütszustand nicht zu beschreiben; gefühllos, geistlos, mißvergnügt, unruhig."[27]

2.4. Mylord Derby (aus „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“)

Derby ist galant, skrupellos und intrigant. Für ihn sind Frauen austauschbar, gerade der Wechsel macht es für ihn aus. Er ist sich sicher, schon jede Art Frau gehabt zu haben, bis auf ein so gut erzogenes, tugendhaftes Mädchen, wie Sophie.

Aus diesem Grund macht er es sich zur Aufgabe, auch sie zu erhalten und alle seine Nebenbuhler zu zerstören. "Du weißt, daß ich der Liebe niemals keine andre Gewalt als über meine Sinne gelassen habe, deren feinstes und lebhaftestes Vergnügen sie ist. Daher war die Wahl meiner Augen immer fein, daher meine Gegenstände immer abgewechselt. Alle Klassen von Schönheiten haben mir gefrönet (...)"[28] Nur für ihn soll Sophie von Sternheim geblüht haben, das sei festgesetzt; all seinem Verstand ist aufgeboten, ihre schwache Seite zu finden.[29] Am Beginn des zweiten Briefes an seinen Freund in Paris, wird deutlich, dass er eine Intrige geplant hat, um Sophie zu besitzen. „Du bist begierig den Fortgang meiner angezeigten Intrige zu wissen."[30] (…) "Besitzen muss ich sie, und das mit ihrer Einwilligung."[31]

[...]


[1] Nolle. S.302 Zeile 3

[2] Lessing. I 1 S. 5 Zeile 19-22

[3] Lessing. I 4 S. 9 Zeile 35

[4] Schmitt-Sasse. S. 42 Zeile 2

[5] Nolle. S. 306 Zeile 12

[6] Lessing. III 3 S. 45 Zeile 30

[7] Nolle. S. 312 Zeile 5

[8] Lessing. II 7 S. 31 Zeile 12

[9] Schmitt-Sasse. S.75 Zeile 15

[10] Lessing. II 7 S. 32 Zeile 10-15

[11] Lessing. II 7 S. 32 Zeile 26-28

[12] Lessing. II 7 S. 32 Zeile 36

[13] Lessing. II 7 S. 32 Zeile 29

[14] Lessing. II 10 S. 38 Zeile 10-22

[15] Schmitt-Sasse. S. 79 Zeile 7

[16] Heidenreich. S. Zeile 24

[17] La Roche. S.91 Zeile1

[18] La Roche. S.91 Zeile 26-33

[19] La Roche. S. 92 Zeile 7-9

[20] La Roche. S.95 Zeile 24

[21] La Roche. S. 106 Zeile 1

[22] La Roche. S.104 Zeile 6-8

[23] La Roche. S.106 Zeile 4

[24] La Roche. S. 145 Zeile 7-11

[25] La Roche. S. 204 Zeile6

[26] La Roche. S. 204 Zeile 31-33

[27] La Roche. S. 205 Zeile 7

[28] La Roche. S.100 Zeile 23-28

[29] La Roche. S. 101 Zeile 15-17

[30] La Roche. S. 119 Zeile 1

[31] La Roche. S. 120 Zeile 1

Details

Seiten
22
Jahr
2007
ISBN (Buch)
9783640481408
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v139045
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Philologisches Institut
Note
2,3
Schlagworte
Verführung Verführbarkeit Emilia Galotti Geschichte Fräuleins Sternheim

Autor

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Titel: Verführung und Verführbarkeit in 'Emilia Galotti' und der 'Geschichte des Fräuleins von Sternheim'