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Biografiearbeit in einer Tagesgruppe für an Demenz Erkrankte

Kann Biografiearbeit ein Weg zu mehr Lebensqualität sein?

Studienarbeit 2009 83 Seiten

Soziologie - Medizin und Gesundheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Aufbau der Empirischen Studie

2. Die demografische Entwicklung als Impuls für neue Herausforderungen
2.1 Die demografische Revolution
2.2 Folgen für die Gesellschaft und die Betreuung älterer Menschen mit
Demenz

3. Gerontologie als wertvolle Quelle für die Pflegepraxis
3.1 Definition und Ziele
3.2 Schnittstellen zur Pflegewissenschaft und -praxis

4. Erläuterungen wichtiger Begriffe
4.1 Lebenserfahrung
4.2 Biografiearbeiten
4.3 Autobiografisches Erinnern

5. Biografisches Arbeiten
5.1 Begriffserklärungen
5.2 Methoden der Biografiearbeit
5.3 Ziele der Biografiearbeit
5.4 Regeln für Interviewer und Interviewten

6. Angewandte empirische Methoden
6.1 Qualitative Fallstudie: Was bedeutet das hier?
6.2. Forschungsprozess und -design
6.3 Die Aktionsforschung: Was bedeutet das für den Interviewer?
6.4 Auswahlverfahren
6.5 Erhebungsmethode
6.6 Besondere Problematik bei der Befragung Demenzkranker
6.7 Die Befragung anhand eines strukturierten Biografiebogens in Form
eines Leitfadens in der qualitativen Forschung

7. Darstellung der Untersuchungsergebnisse
7.1 Die qualitative Inhaltsanalyse
7.2 Die Auswertung
7.3 Einzelauswertungen der Interviews
7.4 Gesamtauswertung der Interviews
7.5 Wünsche und Bedürfnisse und die Umsetzung in der Tagesgruppe
7.6 Wert-Schätzung und Sinn-Findung
7.7 Nutzen der Biografiearbeit für die Arbeit in der Tagesbetreuung

8. Anhang
8.1 Leerer Biografiebogen-Leitfaden
8.2 Anonymisierte Biografiebögen der Interviewten I-V
8.3 Literaturlisten
8.4 Abbildungsverzeichnis
8.5 Abkürzungsverzeichnis
8.6 Begriffserklärungen

Danksagung

„Die Würde {ist}dem Mensch als Mensch gegeben{…}, sie ist der menschlichen Existenz grundlegend zu Eigen, sie wird ihm nicht durch andere gegeben. Aber wir haben die Aufgabe, alles zu tun, damit die Würde des Menschen nicht verletzt wird.“[1]

1. Aufbau der Empirischen Studie

Biografiearbeit ist eine in der Pflege heutzutage weitgehend anerkannte Methode, die es dem Pflegepersonal erleichtert, einen Zugang zu den zu betreuenden Menschen zu finden, besonders im Falle von an Demenz Erkrankten.

Ziel dieser empirischen Studie ist die Darstellung des Konzeptes „Biografiearbeit“ im Zusammenhang mit der ambulanten Betreuung in einer Seniorentagesgruppe mit an Demenz erkrankten älteren Menschen. Der Hauptfokus liegt dabei auf dem Konzept des biografischen Arbeitens selbst.

Die Arbeit besteht aus sieben Hauptkapiteln. Im ersten Kapitel werden die aktuelle Situation und Perspektiven hinsichtlich Altersverteilung in der Bevölkerung und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Gesellschaft und die zu betreuenden hochaltrigen Bürger skizziert. In Zuge dessen wird versucht, eine Brücke zur besonderen Situation der ambulanten Versorgung an Demenz Erkrankten zu schlagen. Als Ergebnis dieses Kapitels soll deutlich werden, warum die Betreuung an Demenz erkrankter Menschen zunehmend auf wirkungsvolle Methoden zur Versorgung angewiesen ist.

Im zweiten Kapitel geht es um den Arbeitsbereich der Gerontologie und der Betreuung an Demenz erkrankter Menschen. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Biografiearbeit seine Wurzeln in der Gerontologie hat, wird in diesem Kapitel erläutert, warum ein Zusammenhang von Gerontologie und Betreuung für an Demenz Erkrankter für beide Seiten sinnvoll und notwendig ist.

Im dritten Kapitel werden dann die Begriffe „Lebenserfahrung“, „Biografie“, und „autobiografisches Erinnern“ erläutert, da sie im Kontext der Biografiearbeit von besonderer Relevanz sind.

Im vierten Kapitel wird das biografische Arbeiten vorgestellt. Nach einleitender Klärung des Begriffes „Biografiearbeiten“ werden sowohl Chancen als auch Risiken des Konzeptes für die alltägliche Arbeit mit an Demenz erkrankten Probanden vorgestellt.

Im fünften Kapitel werde ich die empirische Methode der Befragung in Betracht ziehen und die Befragungspartner vorstellen.

Abschließend im sechsten Kapitel, wird die angewandte empirische Methode beschrieben. Es wird die quantitative Fragebogenerhebungsmethode erklärt und angewandt, sowie deren Problematik, die bei der Befragung an Demenz erkrankter Menschen auftritt. Alle Interviews sind in dialektischer Form festgehalten.

Im siebten Kapitel erfolgt die Darstellung der Untersuchungsergebnisse. Die empirische Studie dient der Erforschung von Anwendungsmöglichkeiten biografischen Wissens und Anwendungsstrategien im Betreuungsalltag an Demenz erkrankter Menschen. Wie erfährt der an Demenz erkrankte Wert-Schätzung und Sinn-Findung?

Im Anhang achten Kapitel befinden sich das Literaturverzeichnis, die Biografiebögen, das Abbildungsverzeichnis, das Abkürzungsverzeichnis, die Begriffserklärungen und die Danksagung.

2. Die demografische Entwicklung als Impuls für neue Herausforderungen

2.1 Die demografische Revolution

Etwa eine Million Menschen leiden derzeit in Deutschland an einer Demenz. Die Zahl wird in den nächsten Jahren weiter ansteigen und sich nach aktuellen Prognosen bis zum Jahr 2050 mehr als verdoppeln (vgl. Bickel 2001:40).

Das Phänomen „Alter“ ist weltweit zu einem zentralen Thema avanciert sowohl im Allgemeinen als auch in unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen und -feldern. In allen Gesellschaften gehört das Alter neben dem Einkommen und Vermögen, Bildung, Geschlecht und sozialer Herkunft zu den bedeutendsten Merkmalen sozialer Differenzierung (vgl. Kruse A. Was stimmt? Alter, die wichtigsten Antworten; Herder 2007:13). Der Hauptgrund dafür ist der, so der Bevölkerungsmathematiker Shripad Tuljapurkar von der Universität Stanford, er hat für den Zeitraum von 2010 bis 2030 tief greifende Veränderungen der Bevölkerungsstruktur in den Industrienationen vorausgesagt: „Die durchschnittliche Lebensspanne der Menschen könne dort in den kommenden 20 Jahren, um bis zu 25 Jahre ansteigen“. Zu dem sei es nicht unrealistisch anzunehmen, dass die Lebenserwartung in den Industrienationen in ferner Zukunft auf 100 Jahre ansteigen wird (vgl. Kruse A. Was stimmt nicht? Alter, die wichtigsten Antworten, Herder 2007:18). Dieses Szenario bezeichnet eine Entwicklung des stetigen Anstieges der Lebenserwartung bei gleichzeitiger Stagnation der Geburtenraten, welche den Anteil älterer Menschen mehr ansteigen lässt. Den weltweit größten Anstieg haben dabei die entwickelten Länder, so z.B. Deutschland zu verzeichnen.

Abbildung 1: Prävelenz/Inzidenz. In: Kruse-Bickel 2002

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2 Folgen für die Gesellschaft und die Betreuung älterer Menschen mit Demenz

Die Folgen betreffen die Gesellschaft, aber auch eine Vielzahl Betagter Bürger sowie die sozialen Versorgungssysteme. Für die Senioren scheint die hohe Lebenserwartung zwei Gesichter zu haben. So kann das Erreichen eines hohen Lebensalters mit völlig neuen Möglichkeiten und Chancen verbunden sein, sofern es gelingt, die negativen Begleiterscheinungen des Alters würdevoll zu umschiffen. Wahl und Heyl (2004[2]) beschreiben in diesem Kontext von einer „Viel versprechenden Kultur der späten Lebensphase“.

Auf der anderen Seite kann das Alter auch ein anderes Gesicht haben und Probleme generieren, die zu einem deutlichen Verlust der Lebensqualität führen. Hiervon betroffen sind meist die Hochaltrigen. Zu diesen Problemen zählt neben dem Verlust körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit besonders der signifikante Anstieg des Risikos für demenzielle Erkrankungsformen. Diese führen durch fortschreitende Hirnleistungsstörungen zu einer Abnahme des Gedächtnisses und des Denkvermögens, zu Orientierungsstörungen sowie Verhaltensstörungen und Persönlichkeitsverände-rungen. Als weitere Konsequenz folgt dann der Verlust der Alltagskompetenz verbunden mit einem hohen Maß an Unselbständigkeit.

Auseinandersetzungen mit dem Alter finden brisant auf der gesellschaftlichen und sozialpolitischen Ebene statt. Die Betreuung der Senioren wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine stetige Zunahme der Anzahl älterer Pflegebedürftiger einstellen müssen.

Abbildung 1 Statistisches Bundesamt, 2006:16

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In diesem Zusammenhang rechnet das KDA mit einer Zunahme der Anzahl von Menschen mit Demenzen um 500.000 bis zum Jahr 2030. Für die ambulante Betreuung stellt dies eine besondere Herausforderung dar. Hauptziel der gesetzlichen Pflegeversicherung ist die Förderung der häuslichen und ambulanten Pflege und Pflegebereitschaft der Angehörigen.

Anfängliche bis fortgeschrittene Demenzen sind der Grund für den Besuch einer Seniorentagesgruppe oder die Einbeziehung ambulanter Pflegedienste, um professionelle psycho-soziale Betreuung und Förderung der Alltagskompetenz so lange wie möglich zu erhalten.

Dies unterstreicht die Notwendigkeit dafür, wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Altersforschung als wirksame Konzepte bzw. „Werkzeuge“ besonders für den Umgang mit Demenzen, in die ambulante Betreuung zu transferieren.

3. Gerontologie als wertvolle Quelle für die Pflegepraxis

3.1 Definition und Ziele

Gerontologie, die Lehre vom alten Menschen, setzt sich wissenschaftlich mit den Fragen des Alters auseinander. Zu ihren Hauptaufgaben zählen insbesondere die Beschreibung und Erklärung von typischen, mit dem Prozess des Alterns einhergehenden Phänomenen, deren Beeinflussung sowie die Vorhersage über die zukünftige Stabilität der gewonnenen Erkenntnisse (Wahl& Resch-Römer, 2000: 117). Die Definition von Baltes und Baltes versucht, die genannten Zielsetzungen und Aufgaben zu thematisieren. Dabei wird auch unsere Umwelt als relevanter Faktor berücksichtigt. Die Gerontologie beschäftigt sich mit der Beschreibung, Erklärung und Modifikation von körperlichen, psychischen, sozialen, historischen und kulturellen Aspekten des Alterns und des Alters, einschließlich der Analyse von altersrelevanten und Alterskonstituierenden Umwelten und sozialen Institutionen“. (Baltes & Baltes, 1992, zitiert in Wahl & Heyl, 2004:35)

Nachdem in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts zunächst ein „Defizitbild des Alters in der Gerontologie vorherrschend war, hat sich dieser Trend seit den 70er und 80er Jahren in Richtung aktiver Beeinflussung des Alterungsprozesses geändert. Im Zuge dessen hat sich die so genannte „Interventionsgerontologie“ herausgebildet, welche die praktische Anwendung gerontologischen Wissens in den Vordergrund stellt. Ihre Grundlage ist die Überzeugung, das sich der Verlauf des Alterns beeinflussen und sich dadurch die Lebenssituation und -qualität für die alten Menschen nachhaltig verbessern lässt (Wahl & Tesch - Römer, 2000; Wahl & Heyl, 2004).

Die WHO definiert gesundes Älter werden als „aktive Lebensgestaltung“ (Ottawa - Deklaration 1986). Aktive Lebensgestaltung bedeutet, dass Menschen an Prozessen in ihrer Umwelt aktiv teilhaben und diese mitgestalten, dass sie ein selbstverantwortliches und mitverantwortliches leben führen (Kruse A., Was stimmt? Alter, die wichtigsten Antworten, Herder 2007) Besonders bedenklich ist die beobachtete Tendenz, alle ältere Menschen gleich zu behandeln, ohne Rücksicht auf deren individuelle Situation, deren Kompetenzen und deren Handlungsmotivationen.

3.2 Schnittstellen zur Pflegewissenschaft und -praxis

Das Alter ist jung, es ist eine Errungenschaft des 20. Jahrhunderts, dass viele Menschen alt werden. In gewisser Weise kann man von einem Kulturentwicklungsdefizit des Alters sprechen. Altersforschung konzentriert sich nicht nur auf die gegenwärtige Realität des Alters, sondern versucht, die Erkenntnisse über die Formen und Bedingungen des Alterns und des Alters zu hinterfragen. Aber nicht nur die Wissenschaft erkundet dies, die älteren Menschen selber, sie helfen sich selbst, sie zeigen die Wege, die Politik und Forschung beschreiben können, um Neues über die Zukunft des Alters zu erkunden. Viele alte Menschen gehen in Selbsthilfe- und Innovationsgruppen, helfen sich also auch selbst.

4. Erläuterungen wichtiger Begriffe

4.1 Lebenserfahrung

Die fundamentale Pragmatik des Lebens ist ein „Wissenskörper“ über das Leben, welches sich durch ungewöhnliche Kenntnisse und Einsichten, ausgewogene Urteile sowie fundierte Ratschläge und Lebensführung auszeichnet. Entscheidend für die Entwicklung des Lebenswissens (oder von Weisheit) im Alter, ist die bereits in vorangehenden Lebensabschnitten geleistete Reflexion über grundlegende Fragen des Lebens im Lebenslauf (vgl. Kruse. A., Was stimmt? Die wichtigsten Antworten, Herder 2007:35). Zur Aktivierung und Erfassung solcher weisheitsbezogener Wissensbestände und Fähigkeiten könnte man sich in der alltagsbezogenen Förderung von an Demenz Erkrankten, durch Biografiearbeit nähern.

4.2 Biografiearbeiten

Biografiearbeit ist Arbeit in den Lebensspuren des alten Menschen. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass die Darstellung des eigenen Lebens oft wenig mit der Realität des Lebens zu tun hat. Filter blenden unerwünschtes oft aus. Menschen konstruieren ihre eigene Wirklichkeit. Erinnern ist keine sachliche Beschreibung der Vergangenheit sondern eine kreierte für den Einzelnen tragbare Wirklichkeit. Biografiearbeit ist fragmentarisch, der Einzelne entscheidet selbst, was er preisgibt.

Jeder Mensch hat eine einzigartige Lebensgeschichte. Dieser individuell gegangene Weg und dessen Erfahrungen haben den an Demenz Erkrankten Menschen geprägt und bestimmen nun weiterhin sein Verhalten, seine Gewohnheiten, Vorlieben und Empfindlichkeiten. Das Wissen um die Lebensgeschichte hilft zu verstehen. In der Quelle der Lebenserfahrung liegt eine besondere Möglichkeit zum besseren Öffnen des Verborgenen. Ressourcen und Bedürfnisse können „entschlüsselt“ und vorhandene Fähigkeiten bewusst gefördert und möglichst lange erhalten werden. Es gibt Verlustprozesse, die unabwendbar sind; diese können aber verlangsamt, allerdings nicht aufgehalten werden.

4.3 Autobiografisches Erinnern

Durch das Befragen anhand eines Biografieleitfadens der einzelnen Gäste (hier Menschen, die an Demenz erkrankt sind) und ihrer Angehörigen in der Seniorentagespflegegruppe in Ilsfeld können wichtige Informationen eingeholt und durch Fotoalben und/ oder selbst geschriebene Lebensläufe verstärkt genutzt werden. Diese Informationen haben einen hohen Stellenwert für das Finden der „passenden“

- Kommunikation - z.B. Worte und Ausdrucksweisen zu verwenden, die zur Biografie passen;
- Orientierungshilfen - z.B. Biografie passende Stützen, passende Räumlich-keiten, Möbel, Bilder;
- und die basale Stimulation - z.B. biografienahe Materialien zur Beschäftigung anzubieten, wie das Backen, das Gärtnern;
- Musiktherapie, singen von Heimatliedern,
- Geschichten und Gebräuche aus der Heimat.

Wie schon erwähnt, ist die Biografie eines Menschen eine wertvolle Ressource, auf die in der Begleitung des an Demenz Erkrankten nicht verzichtet werden kann. In der Arbeit mit an Demenz erkrankten Menschen ist das oberste Ziel, dem Verlust der personalen Identität entgegenzuwirken, indem die Erinnerung möglichst lange aufrechterhalten wird. Dies kann geschehen durch tages- und jahreszeitlich gebundene Aktivitäten, s.o. kann Biografiearbeit dazu beitragen, Ungewohntes zu Gewohnten zu machen und das Gefühl von Selbstbestimmung aufrecht zu erhalten.

Des Weiteren kann das Verhalten, aus der Biografie-Arbeit verstanden werden, und man kann dem Menschen gerechter werden, wenn man Vorlieben und Charakter-eigenschaften kennt.

Ein weiterer Aspekt ist, dass an die in der Vergangenheit entwickelten Ressourcen angeknüpft werden kann, um die gegenwärtige Situation zu bewältigen, z.B. das Berichten über die Erfahrungen im II. WK, hier werden Erinnerungen wach! Diese Kompetenzen können in Gesprächen wach gerufen werden, es findet eine Identifikation statt, und der Erzähler ist stolz auf das Geleistete.

5. Biografisches Arbeiten

5.1 Begriffserklärungen

Bei der Biografiearbeit werden die Menschen und ihre Geschichte ins Zentrum der Erinnerung gerückt, und sie können Anerkennung und Zuwendung erfahren. Dabei kann jeder selbst entscheiden, was er mitteilen möchte. Ziel des biografischen Arbeitens ist die Stärkung der Identität. Es gilt, den roten Faden der Lebensgeschichte aufzunehmen und zugänglich zu machen, damit sich die an Demenz erkrankte Person wieder als identisch und im Kontext der eigenen Biografie erleben kann.

Biografiearbeit meint nun nicht nur die Arbeit der Betreuungsperson an, sondern auch mit der Lebensgeschichte des älteren Menschen durch das gezielte Erinnern an frühere Ereignisse.

Solche „Reisen in die Vergangenheit“ können entweder innerhalb einer Gruppe oder im Einzelkontakt stattfinden und werden anhand von unterschiedlichen Materialien durchgeführt, wie alte Fotos, Tagebücher, Poesiealben, Möbel, Musik, Düfte, Handarbeiten oder individuelle Erinnerungsstücke.

5.2 Methoden der Biografiearbeit

Ein speziell auf die Demenz ausgerichteter Ansatz vertritt die so genannte Reminiszenztherapie (REM) von Robert N. Butler (1960), die sich vor allem den langen Erhalt des Altgedächtnisses Demenzerkrankter zunutze macht. „Reminiszenz“ bedeutet „Erinnerung“, „Anklang oder Ähnlichkeit“ (vgl. Langenscheidt 2004). Dabei wird von der Annahme ausgegangen, dass im Alter eine Lebensrückschau und „Bilanzziehung“ stattfindet, in der ungelöste Probleme und Konflikte aus der Vergangenheit bearbeitet werden. Die REM soll bei der Bewältigung behilflich sein und zugleich dazu beitragen, dass Selbstwertgefühl zu erhalten, Spannungen abzubauen und soziale Kontakte zu vermitteln. Denn:

Über früher zu sprechen, bringt Licht in die Finsternis ihres Geistes“ (vgl. Buijssen, 1994:177).

Erinnerungsarbeit kann grundsätzlich von jedem durchgeführt werden, der in Kontakt mit dem an Demenz Erkrankten steht. Dabei sollte berücksichtigt werden, dass Erinnerungen an Vergangenes nicht immer nur angenehm sind, sondern auch mit schlechten Erfahrungen und auch mit negativen Emotionen verbunden sein können. Aus diesem Grund empfiehlt das Kuratorium Deutsche Altenhilfe (2001), folgende Aspekte zu beachten:

- Das Erinnern sollte immer freiwillig geschehen, Ablehnung sollte respektiert werden;
- Privatsphäre und Datenschutz sollte sichergestellt sein;
- Sensible Themen erfordern einen besonders einfühlsamen und vorsichtigen Umgang.

5.3 Ziele der Biografiearbeit

Die wichtigsten Ziele hat das Kuratorium Deutsche Altenhilfe wie folgt formuliert:

- Lerne die Persönlichkeit des Klienten kennen.
- Stelle die Person in den Mittelpunkt deines uns.
- Schnelleres Verständnis von Bedürfnissen und Wünschen. Verringerung von Fehlinterpretationen und bessere Meisterung kritischer Situationen;
- Schaffung eines Zugangs, Verbesserung der Beziehung, Erkennen von Ressourcen.
- Bewahrung des Respekts, Erweiterung des eigenen Horizontes;
- Herstellung einer Kommunikationsebene und Erhalt von Außenkontakten.
- Schaffung von Sicherheit und Geborgenheit;
- Stärkung der Identität;
- Wecken positiver Gefühle und Minderung von Traurigkeit und Gereiztheit (vgl. KDA, 2001:206).

5.4 Regeln für Interviewer und Interviewten

Zu beachten ist dabei:

- Nicht jeder Gesprächsverlauf löst direkt Erinnerungen aus, man muss oft geduldig sein und viele Versuche machen.
- Dem verwirrten Menschen Zeit zum Reagieren geben.
- Nicht in hektischer Umgebung einen Gesprächsversuch starten, sondern Gemütlichkeit bei Kerzenlicht und Kaffee und Kuchen in einem separaten gemütlichen kleinen Raum
- W-Fragen sind schwierig, da sie eine konkrete Antwort fordern und so mit Defiziten konfrontieren können. Offene Fragen („Erzählen Sie doch mal, wie es in der Schule war“).
- Gesprächsführung mit verwirrten Menschen erfordert Zeit und Sensibilität um auch verwirrte Äußerungen zu verstehen.

Wichtig ist die persönliche und vertrauensvolle Atmosphäre, die hergestellt wird. Auch einem verwirrten Menschen kann man gut erklären, warum man soviel über ihn wissen möchte (zum Beispiel damit man die Gewohnheiten kennt, damit man sich besser kennen lernt…). Weigerungen, über bestimmte Dinge Auskunft zu geben, sollen in jedem Fall respektiert werden. Es ist wichtig, dem Interviewten sorgfältig zuzuhören, es wird dadurch deutlich, die subjektive Sichtweisen der Betroffenen erschlossen und tiefe Einblicke in deren Krankheitserleben sichtbar. Das Reflexionsvermögen von Demenzkranken ist im frühen Stadium teilweise noch sehr hoch, und Wünsche und Bedürfnisse können meist klar artikuliert werden (vgl. Burgener, Dickerson-Putman 1999; Phinney 1998; Chesla 2003; Synder 1999).

6. Angewandte empirische Methoden

6.1 Qualitative Fallstudie: Was bedeutet das hier?

Eine Fallstudie ist eine gezielte Methode der empirischen Forschung, hier der Praxisforschung, die zur Untersuchung und dem Studium von Einzelpersonen genutzt wird, eben dem speziellen, zu definierenden Fall. Durch eine Fallstudie wird versucht, im genauen Hinschauen auf dieses „kleine“ Praxisfeld explorativ, hier durch Befragung und Protokollnotizen, und beschreibend, hier die Vorstellung des Feldes, konkrete Aussagen über den Untersuchungsgegenstand zu erlangen.

Unter qualitativer Forschung wird eine sinnverstehende, interpretative, wissen-schaftliche Verfahrensweise bei der Erhebung und Aufbereitung (Analyse) sozial relevanter Daten verstanden. „Das Erkenntnisinteresse bei qualitativen Untersuchungen ist auf den Nachvollzug des subjektiven Sinns, die Deskription oder Rekonstruktion sozialen Handelns und die Rekonstruktion von Strukturen, Mustern, und Schemata der Untersuchten gerichtet. Es geht also um konkrete Lebenspraxis von ausgewählten Personen (hier Gästen einer Tagesgruppe) und dabei vor allem darum, implizite Regeln, die den Alltag strukturieren, herauszuarbeiten; unabhängig davon, ob den Untersuchten diese Regeln bewusst sind oder nicht. Dabei versucht die Fallstudie durch die Methode der Beschreibung und der Erfragung ein holistisches Verständnis des Untersuchungs-gegenstandes zu erreichen.

Die qualitative Studie bietet sich hier als Methode an, denn es geht bei meinem Thema um das Erforschen von Werten, subjektiver Wahr-Nehmung und Sinn-Bedeutungen. Eine quantitative Untersuchung kann mir zu Fragen nach Haltung, Empfinden und Befindlichkeit nicht weiterhelfen. Zum anderen bräuchte man eine größere Untersuchungsgruppe um repräsentative Ergebnisse zu erhalten.

6.2. Forschungsprozess und -design

Mit dieser qualitativen Fallstudie beziehe ich mich also auf ein ganz spezifisches Feld, auf die darzustellenden Gäste der Tagesgruppe für Demenzkranke. Ich verwende die Bezeichnung Fallstudie, da ich mich explizit auf diesen spezifischen Fall, fünf an Demenz erkrankte Gäste beziehe.

Mein Ziel ist in den Schlussfolgerungen nicht, möglichst schnell einen Beschäftigungs-Leitfaden aus der Distanz zu entwickeln, sondern die Gäste bei der Sinn-Findung zu unterstützen, indem ich mich bei der Fallauswahl auf fünf Gäste befrage und Daten auswerte. Dies sollte, im Sinne der Gäste-Konzeption, eine auf Dauer angelegte aktive Beteiligung und wertschätzendes Einbeziehen der einzelnen Gäste ermöglichen.

In einer Art Erstuntersuchung soll hier erfasst werden, wie die Einzelnen sich erleben, was wichtig ist, was förderlich erlebt wird, was eher hindert, was vom Einzelnen dazu beigetragen werden kann. Daraus folgt für die Leitung der Tagesgruppe: Was sie im Blick haben sollte, wie gezielte Interaktionen, wie Interventionen, ein Entwickeln und Wach-Halten von Ressourcen gemeinsam möglich ist. Es soll die Nutzung und Wertung des erhobenen Materials zu gemeinsamen weiteren Schritten führen, um dem Gast einen sinn-erfüllten Tag in der Tagesgruppe zu geben.

Ich habe mir zur Aufgabe gestellt, mich dieser Realität in einem ver- und auswertbaren Untersuchungsdesign zu nähern. Welcher Realität will ich mich annähern? Gibt es eine die Realität der Gäste in der Alltagsbetreuung?

Jeder hat eine subjektive Realität, erlebt Wirkungen und Wirklichkeit anders, re- und agiert entsprechend individuell verschieden. Nach meinen Erfahrungen in der Tagesgruppe ist die Realität ein deutlich subjektiver Begriff geworden. Alle Gäste sind an der Gestaltung der aktuellen Situation beteiligt, tragen dazu bei. Also beziehe ich mich auf die eine für alle zugängliche Ausgangssituation, nämlich die Gäste der Tagesgruppe und frage mich mit einem Leitfaden orientierten Interview in die Nähe dessen, was, wie und mit welchem Hintergrund die/ der Einzelne hier erlebt, wahrnimmt.

Es geht mir darum, die Situationsdeutungen der Einzelnen in diesem Feld ansatzweise zu erfassen. Jede und Jeden verstehe ich daher als Experten, Expertin für die eigene Wahrnehmung. Ziel ist dabei nicht nur, Informationen über den Forschungsgegenstand zu erheben und zu wissenschaftlichen Zwecken zu verarbeiten, sondern auch den Gegenstand der Forschung durch die Forschung selbst zu verändern (HFH Empirische Methoden Studienbrief 2:27). Dabei werden Informationen, die ich bei den Gästen gewinne, unmittelbar zurückgemeldet. So verändert sich der Monolog zum Dialog, vom Beforschten zum Forscher, von Subjekt-Objekt zu Subjekt-Subjekt. Es wird hierbei der beiderseitige Nutzen der Forschung zum zentralen Kriterium. Es wird der Erkenntnis-, Lern- und Veränderungsprozess auf beiden Seiten gesehen. Das heißt auch, ich beschränke mich nicht darauf, die erhobenen Daten des Gastes nur zu sehen, nein es sollen die gewonnenen Erkenntnisse unmittelbar in den Alltag einfließen und ein sinn- gebendes Miteinander schaffen.

[...]


[1] Kruse 2000,zit.n.Maciejewski 2001:14

[2] Wahl, H.W., Tesch-Römer, C.T. (2004): In: Gerontologie, Einführung und Geschichte, Kohlhammer Verlag, Stuttgart.

Details

Seiten
83
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640470808
ISBN (Buch)
9783640470785
Dateigröße
769 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v138876
Institution / Hochschule
Hamburger Fern-Hochschule
Note
1,3
Schlagworte
Biografiearbeit Tagesgruppe Demenz Erkrankte Kann Biografiearbeit Lebensqualität

Autor

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Titel: Biografiearbeit in einer Tagesgruppe für an Demenz Erkrankte