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„Der Vater – Eine Abrechnung“ von Niklas Frank. Eine Sonderform unter den biografischen Romanen?

Ein literarischer Prozess

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 26 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Komposition

3. „Warum verschweigst Du Deine Antwort?“ – Zur Kommunikation zwischen Erzähler und Figur
3.1 Die Anklage – Aufbau und Komposition
3.1.1 Pervertierung – Die Rhetorik des Erzählers
3.1.2 „Wunschdenken“ – Wie der Vater hätte sein können.

4. „War es so?“ – Innen- vs. Außenperspektive

5. Erzählerfigur vs. Reflektorfigur

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Gegenstand der folgenden Arbeit ist eine literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem biographischen Roman Niklas Franks „Der Vater – Eine Abrechnung“. Dies sei aus dem Grund zu Beginn bemerkt, da hier nicht die historische Behandlung des nationalsozialistischen Hintergrunds dieses Buches Thema dieser Arbeit ist und weder erzählte noch zitierte Aussagen und Handlungen der auftretenden Charaktere auf ihre historische Richtigkeit überprüft oder einer Bewertung unterzogen werden.

Das Werk „Der Vater – Eine Abrechnung“ zeichnet sich durch ein stark emotional beladenes Verhältnis zu den handelnden Figuren aus, das sich in erzählerischen Besonderheiten ausdrückt, die den Roman womöglich auf eine Sonderposition im Bereich der biographischen Romane stellen. Diese Besonderheiten herauszuarbeiten, darzustellen und zu diskutieren, wird den Schwerpunkt dieser Arbeit bilden.

Einleitend wird die Strukturierung und die Komposition des Romans untersucht werden, anhand derer der Gesamtaufbau des Werks und die inhaltliche Fokussierung des Autors deutlich werden soll. Im Anschluss soll auf das herausragende Merkmal des Romans eingegangen werden: die Kommunikation zwischen Erzähler und der Hauptfigur der Biographie, Hans Frank („Der Vater“), sowie der Nebenfigur Brigitte Frank. Der Aufbau und die Komposition des Kommunikationsprozesses sollen von dieser Beobachtung ausgehend untersucht werden und Tendenzen der Erzählsituation offen legen.

Der Hauptbestandteil des Kommunikationsprozesses ist die Anklage des Erzählers, die sich konsequent durch den gesamten Roman zieht und die Handlungen der Figuren in besonderer Weise verurteilt. Unter anderem werden Situationen imaginiert, in denen sich ein Wunschdenken manifestiert, gewisse Ereignisse hätten in ihrem Verlauf den Vorstellungen des Erzählers entsprochen. Dieser Stil fügt sich zwar in die Tradition der Erzählweise eines biographischen Romans ein, wird allerdings hier durch eine besondere Rhetorik hervorgehoben, die durch eine Pervertierung des Vaters und eine Selbstpervertierung des Erzählers gekennzeichnet ist. Die Funktion und eine mögliche Wirkung der Rhetorik sollen hierbei Diskussionspunkte der Analyse sein.

Weiterführend soll auf der Basis ausgewählter Textelemente, in denen ein Einblick in die Sichtweise des Vaters offeriert wird, die Erzählperspektive näher untersucht werden. Hier zeigt sich ein Wechsel von Innen- und Außenperspektive der Erzählsituation. Diegetisch organisierten Dialogen und Zitaten stehen z. T. mimetische Szenen gegenüber, die eine Erzählperspektive aus der Sicht der Figur zu verdeutlichen scheinen. Daraus resultierend wird zum Schluss dieser Arbeit das Verhältnis von Erzählerfigur und Reflektorfigur innerhalb des gesamten Werks in Anlehnung an die Begriffsbestimmungen Franz K. Stanzels in Theorie des Erzählens[1] kurz diskutiert.

Ziel dieser Arbeit ist es, aufzuzeigen, wie es dem Erzähler literarisch gelingt seine Verachtung und seinen Abscheu gegenüber der Figur Hans Frank auszudrücken. Die genealogische Verbindung des Erzählers (hier auch der Autor Niklas Frank) zur Hauptfigur – bereits in den ersten Zeilen des Buches deutlich markiert – orientiert den Erzähler dahingehend, die Verachtung Hans Franks auf sich selbst zu projizieren und damit umzugehen. Zu welchem bzw. ob es zu einem Resultat führt, soll im Rahmen eines Fazits formuliert werden.

2. Zur Komposition

Der biographische Roman „Der Vater – Eine Abrechnung“ erzählt das Leben und Wirken Hans Franks, der während seiner Laufbahn als Jurist im Dritten Reich zum Justizminister, zu Beginn des zweiten Weltkriegs im Jahre 1939 zum Generalgouverneur von Polen ernannt und 1946 im Nürnberger Prozess zum Tode durch Erhängen verurteilt wurde. Der Erzähler, der Sohn Hans Franks, setzt dabei den Schwerpunkt auf die Ausführungen der Zeit Hans Franks im Amt des Generalgouvernements. Der Inhalt des Romans stützt sich auf dokumentiertes und protokolliertes Material der Tätigkeiten Hans Franks und dessen veröffentlichte Tagebucheinträge sowie auf geschilderte Ereignisse, die aus dem persönlichen Erfahrungsspektrum der Erzählfigur mit Hans Frank stammen.

Formal gliedert sich das Werk in 34 Kapitel, die jeweils leitmotivisch betitelt sind. Neben der Bedeutung als formales Strukturierungselement markieren einzelne Kapitel bestimmte zeitliche Etappen der Erzählung und unterstützen in ihrer Anordnung die inhaltliche Komposition.

Die Generalgouverneurszeit Hans Franks im Fokus wird diese in einen Erzählrahmen eingebettet, dessen Einheiten sich anhand der vorgegebenen Strukturierung markieren und inhaltlich einordnen lassen. Der Erzähler beginnt mit den Schilderungen der letzten Augenblicke des Vaters – zeitlich lokalisiert am Ende des Nürnberger Prozesses gegen H. Frank und der Kindheit des Erzählers –, in denen er den letzten Wortwechsel zwischen sich und dem Vater dokumentiert. Die darauf folgenden Kapitel 2 bis einschließlich 5 (S. 12-23) thematisieren die Möglichkeit zwei weiterer Väter („Zehn Jahre alt hatte ich Verstand genug, um das Geraune Verwandter zu hören. Ich konnte wählen zwischen drei Vätern. Der eine warst Du, der zweite Karl Lasch, Dein Freund, […] Drittvater Carl Schmitt“[2] ), die juristischen Relikte Hans Franks und des gesamten NS-Regimes in der BRD („dann gratulier ich Dir zum Aufbau der Bundesrepublik in Deinem Geiste. […] es wird immer mehr ein Staat nach Deinem Geiste.“[3] ) sowie den Recherche-Auftakt des Erzählers und den damit verbundenen Erfahrungen und Erlebnissen. Mit dem 6. Kapitel, „Von Opa und vom Eiweißschock“ (S. 23), beginnt die weitgehend chronologisch angelegte Darstellung des Lebens des Vaters Hans Frank und in Teilen der Mutter Brigitte Frank, die im 32. Kapitel „»…hab das Befohlene geschafft.«“ (S. 245) mit dem Tod des Vaters und anschließend im 33. Kapitel „Alte Kameraden“ (S. 255) mit dem Tod der Mutter endet. Das letzte Kapitel schließlich versetzt den Leser in den Zeitraum des Verhörs Hans Franks während der Nürnberger Prozesse. Mit dem Schlusssatz H. Franks, schließt das letzte Kapitel inhaltlich an dem Punkt ab, an dem das erste beginnt: vor der Hinrichtung. Somit bildet es einen literarischen turn-around, der den Leser und den Erzähler an den Anfang des Romans katapultiert und somit an den Beginn der Lebensgeschichte H. Franks. Der Kreis schließt sich, Erzähler und Leser werden erneut mit der Person H. Frank konfrontiert.

Die Auswirkungen dieser Konfrontation und deren Bedeutung sollen in den anschließenden Kapiteln dieser Arbeit ausführlicher behandelt werden. And dieser Stelle genügt es zu erwähnen, dass der Gesamtaufbau des Buchs aus dieser Perspektive eine gewichtige Rolle für die Formulierung einer möglichen Intention des Autors und die Wirkung des Romans einnimmt.

Bei der Betrachtung der Gesamtkomposition en détail, fällt zusätzlich auf, dass die überwiegend chronologischen Ausführungen des Lebens der Hauptfigur durch erzählerische Elemente unterbrochen, ergänzt und/oder kommentiert werden, die folgenden zeitlichen und thematischen Einordnungen zu Grunde liegen:

A) Ereignisse und Aussagen zum Zeitpunkt der Verhaftung respektive während des Nürnberger Prozesses und der Hinrichtung, die entweder protokolliert oder im Interview von Zeitzeugen geschildert wurden.

„Das Gnadengesuch deines Rechtsanwalts Seidl, kurz vor Deinem Treffpunkt Galgen eingereicht – noch heute bangt mein Herz, wenn ich daran denke, daß es Erfolg gehabt hätte – , hast Du nicht gewollt – Du hofftest noch auf das von Papst Pius. Dabei hätte Dir Seidls Gnadengesuch gefallen, denn so, wie Du Dein Schuldbekenntnis vom Gründonnerstag 1946 in Deinem Schlusswort im Herbst relativiertest, die Verbrechen der Deutschen gegen die Verbrechen der Alliierten aufrechnetest, [...]“ , S. 18,

[...]

„ »Wenn ich für jeweils sieben Polen, die ich erschießen lasse, einen Anschlag machen würde, die Wälder Polens würden nicht ausreichen, um all das Papier herzustellen!«

Der Satz hat atemberaubenden Schwung, gar eine Pointe, denn er geht nicht direkt aufs Ziel zu, da merkt man den gebildeten Theaterbesucher, der später seinen US-Verhörern empfahl, Schillers »Kabale und Liebe« zu lesen, allerdings nur, um sich bei den dann klassisch Gebildeten besser als Opfer eines Sekretärs Himmler/Wurm darstellen zu können.“, S. 23,

[...]

„[...] prompt verriet sie der SS, wo und wann wieder ein Laster für den Kriegsgewinnler heimwärts fuhr. Oder gab Mutter den Tip? Du weißt ja, wie sie fighten konnte! Pater O´Conner wußte es genau: »Dein Vater, der hatte noch in der Zelle Angst vor Deiner Mutter!«“, S. 14,

etc. (insbesondere das letzte Kapitel des Buchs: „Das Ende einer Unschuld“, S. 270)

B) Die Zeit zwischen dem Tod des Vaters (16. Oktober 1946) und dem Tod der Mutter (1959), in der auch die Kindheit und die Jugend des Erzählers durchlebt werden.

„ Ich hab mir als Kind Deinen Tod zu eigen gemacht.“, S. 8,

[...]

„Mutter saß nach dem Krieg dem Krieg gerne mit dem Mitgliederverzeichnis Deiner Akademie für Deutsches Recht auf dem Schoß und machte sich ein hämisches Vergnügen, Namen, auf die sie durch mächtige Todesanzeigen in Tageszeitungen oder durch Meldungen von Berufungen in hohe und höchste Richter- und Staatsämter stieß, anzukreuzen.“, S. 17,

[...]

„Vor allem beim Trampen hast Du mir unendlich geholfen. Wer fuhr nach dem Krieg die ersten Autos? Natürlich die alten Nazis.[...] Ich kam, saß ich erstmal drin, beim Trampen gediegen voran, brauchte ich doch nur zu sagen: »Wissen Sie eigentlich, daß ich der Sohn des in Nürnberg als Hauptkriegsverbrecher hingerichteten Reichsministers ohne Portefeuille und Generalgouverneurs von Polen bin?«

Deine wahrlich nicht leicht auszusprechenden Titel konnte ich schon als Kleinkind, und der Erfolg damit war auch als Großkind noch beachtlich.“, S. 24,

etc. (insbesondere das Kapitel „Alte Kameraden“ , S.255.)

C) Die „Gegenwart“, der Zeitpunkt der Recherche und der Zusammentragung der vorhandenen Materialien zu Hans Frank.

„Ich flog nach Amerika, um Dich in Zeugen näher zu erfahren. Pater Sixtus O´Conner zu Albany, 72 Jahre alt [...]“, S. 10,

[...]

„»Nein«, dachte sich Frau K., Deine Sekretärin, die ich Jahrzehnte später besuchte, [...]“, S. 13,

[...]

„Er lebte noch, als ich ihn tot wähnte, ich las es 1985 in der Zeitung, daß er erst jetzt gestorben sei, biblisch alt. Ich wollte die letzte Ehre geben meinem dritten Vater, fuhr hin nach Plettenberg, [...]“, S. 15,

etc. (insbesondere Kap. „Vom galanten Herrn Hitler“, S. 19, und Kap. „18000 Mark für Frank-Reliquien“, S. 21)

Die Basis der biografischen Ausführungen bilden protokollierte oder dem Tagebuch entnommene Aussagen des Vaters[4], die vom Erzähler zitiert und in den Erzählfluss eingebunden werden. Diesen Zitaten sind häufig kommentierende Sätze voran- oder nachgestellt, die einerseits den Inhalt der Aussagen thematisieren andererseits diese inhaltlich bzw. thematisch miteinander Verknüpfen.

„Sagt man als Folge eines jugendlichen Eiweißschocks als 43jähriger Generalgouverneur am 25. Januar 1943 in Schloß Bélvedére zu Warschau dieses:

»Zimperlich dürfen wir nicht sein, wenn wir die Zahl von 17000 Erschossenen hören. [...] Wir sind also sozusagen Komplicen im welthistorischen Sinne geworden.«

Sind Opa und der »Schellingsalon« wirklich daran Schuld, daß Du etwa 20 Jahre später während einer Regierungssitzung auf der Burg Worte, die jedes für sich unschuldig sind, so zusammenbautest, daß ich sie vor Wut und Scham kaum lesen kann, sie aber immer wieder lese?

»Mit den Juden – das will ich Ihnen ganz offen sagen – muß so oder so Schluß gemacht werden. [...]«“, S. 27, etc.

In einer weiteren Variante greift der Erzähler kommentierend – typografisch markiert durch Einklammerungen und Kursivschrift – direkt in den zitierten Text ein.

„Ein neues, großes Deutschland wird aus den Trümmern entstehen, ein Reich, das die Welt der Kultur bedeutet und dem Gründer dieses Reiches das Diadem erlösender Menschlichkeit (Vater, das ist anders gelaufen, es war ein Deutschland gegen die Kultur, voll Haß und Mordlust.) ! Mit Freuden merke ich, daß ich so 16 Stunden arbeiten kann, ohne zu ermüden. Das werde ich einst brauchen können (als Bonze, mein Lieber, warst Du hundefaul).“, S. 20 , etc.

Die kompositorischen Merkmale des Werks deuten bereits an, dass es weit über den Sinn und Zweck eines traditionellen biographischen Romans „die Hauptfigur als Repräsentanten einer bestimmten Idee, Epoche, Gesellschaftsschicht […] herauszustellen“[5], hinausragt. In romanhaften Ausschmückungen formulierend, verwertet der Erzähler die historisch-biographischen Fakten Hans Franks und unterzieht sie einer persönlichen kritischen Bewertung. Weiterhin wird durch Zitierung der überlieferten Aussagen H. Franks der Grad der Authentizität der Figur erhöht, der auf der literarischen Ebene die Figur selbst sprechen lässt. In Verbindung mit den kommentierenden Einfügungen seitens des Erzählers wird somit durch die Komposition der biographischen Erzählung ein Prozess unterstützt, der im anschließenden Kapitel näher untersucht werden soll: Die Kommunikation zwischen Erzähler und Figur.

[...]


[1] Stanzel, Franz K.: Theorie des Erzählens, Vandenhoeck u. Ruprecht, Göttingen 1989

[2] S. 13 -15, Frank

[3] S.16, ebd.

[4] Vgl. S. 20, Frank: „Ich greif hinein in den Schmutzhaufen, den mir Dein Leben an Dokumenten, Briefen, Fotos, Zeugenaussagen hinterlassen hat, ich, immer auf der Suche nach Feigheiten Deines Seins.“

[5] S.56, Metzler 1984

Details

Seiten
26
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638194129
ISBN (Buch)
9783638643177
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v13886
Institution / Hochschule
Universität Konstanz – Fachbereich Literaturwissenschaft
Note
1-2
Schlagworte
Niklas Frank Vater Familiengeheimnisse Hans

Autor

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