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Fatih Akins 'Im Juli': Eine Analyse anhand der audiovisuellen Stilmittel Bild, Kamera, Schnitt, Ton und Musik

von Annika Wildersch (Autor)

Hausarbeit 2006 19 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Filmsprache in Im Juli
2.1 Bild
2.2 Kamera und Schnitt
2.3 Ton und Musik

3 Zusammenfassung

4 Sequenzprotokoll

5 Quellen

1 Einleitung

Fatih Akin gehört heutzutage zu den wichtigsten und erfolgreichsten Filmemachern in Deutschland. Seinen bisher größten Erfolg verzeichnete er mit dem Thriller ‚Gegen die Wand’, der ihm auf den Berliner Filmfestspielen 2004 den Goldenen Bären einspielte. Akin hat sein Handwerk auf der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg gelernt und schon früh angefangen, unterwegs Notizen für Drehbücher zu schreiben. Seine ersten Werke, die Kurzspielfilme ‚Sensin – du bist es’ und ‚Getürkt’, kamen 1996 und 1997 während seiner Studienzeit zustande. Akin schrieb das Drehbuch und führte Regie wie in den meisten seiner späteren Filme. Im preisgekrönten ‚Getürkt’ geht es auf humorvolle Weise um die Vereinigung von Familieninteressen und dem Gangsterdasein eines jungen Deutsch-Türken, den Akin selber spielt. Ein Jahr später folgte schon sein Langfilmdebüt ‚Kurz und Schmerzlos’, welches die packende Geschichte von der Freundschaft und den Abgründen zwischen drei jungen Männern in Altona erzählt.

‚Kurz und Schmerzlos’ ist ebenfalls im Genre des Gangsterfilms anzusiedeln. Die Bilder wurden überwiegend nachts oder in Innenräumen aufgenommen und auch inhaltlich beschäftigt sich der Film mit eher dunklen Angelegenheiten. Die drei Protagonisten Gabriel, Bobby und Costa bewegen sich in einem Milieu zwischen Waffendeals, Diebstahl und Prügeleien und Akin zitiert mit dem Film mehrmals Quentin Tarantino und Martin Scorsese. Unübersehbar, wenn auch nicht ausschlaggebend für den Film sind die verschiedenen Herkünfte der Hauptdarsteller in ‚Kurz und Schmerzlos’: Gabriel hat Wurzeln in der Türkei, Costa stammt aus Griechenland und Bobby aus Jugoslawien. Diese Multikulturalität ist in dem Film nicht erstrangig für die Entwicklung der Charaktere und des Plots, die Hauptproblematik in dem Film stellen vielmehr universelle Faktoren wie Liebe, Freundschaft, Betrug und Rache dar. Trotzdem hat dieser Aspekt dem bis dahin unbekannten Fatih Akin zunächst den Ruf beschert, ein Produzent von Migrantenkino zu sein. An dieses eine Genre wollte Akin nicht angebunden werden, wie er sagt: „Ich will nicht in eine Schublade gesteckt werden, denn ich will den Cross-over, will raus aus der Nische [...]“[1]. So gesehen erscheint es nachvollziehbar, dass 1999 ‚Im Juli’ folgte, ein Film der in fast jeder Hinsicht das genaue Gegenteil zu ‚Kurz und Schmerzlos’ darstellt.

‚Im Juli’ ist eine Mischung aus luftiger Sommerkomödie, abenteuerlichem Roadmovie und lieblicher Romanze. In diesem Film geht es nicht um Migranten, die in Deutschland leben, sondern um Deutsche, die ins Ausland reisen. Authentischerweise hat Akin daher als Protagonisten Moritz Bleibtreu und Christiane Paul gewählt. Die Wahl fiel auf diese beiden Jungschauspieler, weil beide ‚deutsch-deutsche’ Schauspieler sind und weil sie zu dem Zeitpunkt bereits berühmt waren. Denn eines von Akins großen Anliegen war es zu dem Zeitpunkt laut eigener Aussage ein „kommerzieller Filmemacher“[2] zu sein.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit Akins zweitem Langspielfilm ‚Im Juli’. Es sollen die Besonderheiten der visuellen und auditiven Stilmittel herausgearbeitet werden. Anhand der Analyse von Bild, Kamera, Montage, Ton und Musik soll deutlich gemacht werden, wie Akin es geschafft hat, die sommerliche und gleichzeitig märchenhafte Atmosphäre zu kreieren, in der ‚Im Juli’ sich vom Debütfilm unterscheidet und mit der er es geschafft hat, erstmals ein großes Kino-Publikum zu bedienen.

2. Filmsprache in Im Juli

2.1 Bild

Was in ‚Im Juli’ sehr auffällt, sind die hellen und sonnendurchfluteten Bilder, die daher rühren, dass die meisten Szenen tagsüber und draußen gedreht wurden. Außerdem besticht der Film durch die warmen Farbtöne. Die Farben Gelb und Rot kommen überdurchschnittlich oft vor an Kulissen und Kleidung. Hinzu kommt, dass der gesamte Film mit einem Gelb-Filter versehen worden zu sein scheint und „[w]eil Gelb die hellste aller Farben ist, assoziieren wir mit Gelb die Sonne.“[3] Durch die farbenfrohen Bilder entsteht eine sommerliche Stimmung. Die Farbtöne in ‚Im Juli’ stehen außerdem für Wärme, Liebe, Glück, Energie und Leben. ‚Im Juli’ unterscheidet sich somit schon auf rein optischer Ebene von dem Vorgängerfilm ‚Kurz und Schmerzlos’, in dem kalte Farben und dunkle Bilder dominieren.

Bereits die Einblendung des Filmtitels am Anfang lässt sich mit Sommer und Wärme assoziieren. Mit riesengroßen Buchstaben wird der Schriftzug ‚im juli’ auf schwarzem Hintergrund eingeblendet. Die fetten Buchstaben wechseln von orange zu gelb und flimmern dabei wie unter starker Sonnenbestrahlung. Auch der Ton erinnert an eine Mittagshitze im Hochsommer, denn man hört das Zirpen von Grillen. Beendet wird diese Einstellung mit dem abrupten Einsetzen eines Punktes hinter dem Schriftzug, begleitet von einem Schlagton, wonach die erste Filmsequenz beginnt.

Die Sonnensymbolik zieht sich durch den ganzen Film. Es beginnt damit, dass Isa wegen einer totalen Sonnenfinsternis auf der Straße in Bulgarien anhält. Er steigt aus seinem Auto um das Phänomen zu betrachten und stösst deswegen auf Daniel. Die Sonne führt die beiden Figuren zusammen und stellt in dem Film damit ein dramaturgisches Element dar. Dieselbe Sonnenfinsternis wird im Film ein weiteres Mal gezeigt, und zwar aus Daniels Sicht, der kurz darauf Isa trifft. Was zwischen den beiden Szenen liegt, sind zwei Drittel des Films, die eine Rückblende darstellen, in der Daniel Isa seine Geschichte erzählt, wie es ihn nach Bulgarien verschlagen hat. Das doppelte Zeigen der Sonnenfinsternis stellt somit einen erzählerischen Rahmen für die Rückblende dar.

Die Sonne auf dem Maja-Ring, den Daniel von Juli abkauft, soll ihn zu dem Mädchen seiner Träume führen. Wie Juli sagt, wird dieses Mädchen, das Daniel bald treffen wird, auch eine Sonne tragen. Damit fängt Daniels lange Odyssee an auf der Suche nach etwas, das er glaubt weit weg in Istanbul zu finden. Wen Juli mit diesem Mädchen gemeint hat, ist natürlich sie selber und nicht Melek, die Daniel am selben Tag trifft und in die er sich augenblicklich verliebt.

Die Person Juli selber hat viel mit Sonnensymbolik zu tun. Ihr Name schließt an den Filmtitel und an den wärmsten Monat im Jahr an. Durch Christiane Pauls rundes Gesicht, ihr strahlendes Lächeln, die Sonnen-Tätowierung und dadurch, dass sie im Film meist gelb oder rot gekleidet ist, verkörpert Juli selber die Sonne. In einer Szene (Sequenz 13) trägt sie ein T-Shirt, das mit roten Sonnenstrahlen bedruckt ist. Dies passt zu der Figur Juli, denn sie ist ein quirliger, lebensfroher und emotionaler Charakter in dem Film.

In Daniels Zimmer hängt ein Plakat, welches das Sonnensystem abbildet. Für Daniel als angehenden Physiklehrer hat die Sonne jedoch zunächst keine tiefe Bedeutung. Seine Erklärung lautet: „Die Sonne ist ein Gasballon, um den sich die Erde und die anderen acht Planeten drehen, und das Ganze, das nennt man dann Sonnensystem.“ Woraufhin Juli antwortet: „Die Sonne macht Licht! [...] Ein anderes Wort für Licht ist?“ - Daniel: „Energie?“ - Juli: „Ein anderes Wort für Licht ist Glück!“ (Sequenz 3). An diesen verschiedenen Interpretationen des Begriffs ‚Sonne’ lassen sich bereits die unterschiedlichen Charaktere von Juli und Daniel erkennen.

Das Gegenstück zu der Sonne stellt der Mond dar. Er wird in der Figur der Luna, gespielt von Branka Katic verkörpert. Das Wort ‚luna’ bedeutet auf romanischen Sprachen ‚Mond’. Luna trägt ein dunkelblaues Kleid und schwarze Stiefel und fährt einen blauen Kleinbus. Die dunklen und kühlen Farben an Luna verleihen ihr etwas Geheimnisvolles. Die verführerische Luna versucht, Daniel von seinem Weg abzubringen, vergleichbar mit den Syrenen beim Odysseus.

Eine weitere visuelle Besonderheit in ‚Im Juli’ bilden die eingeblendeten Ort- und Zeitangaben. Ann-Christin Demuth bemerkt dazu: „[Die Einblendungen] vermitteln dem Zuschauer ein Gefühl dafür, wo sich die Figuren gerade befinden und helfen ihm bei der Orientierung. Sie geben der Handlung und den Orten Authentizität.“[4] Interessanterweise wird der Zuschauer über die Zeit minutengenau informiert und wird über den genauen Ort meist im Unklaren gelassen. So lauten die Angaben gleich zu Beginn des Films: „Donnerstag, 7. Juli – 12:10 Irgendwo in Bulgarien“. Diese unpräzise Angabe weist darauf hin, dass der genaue Ort zweitrangig ist. Wichtiger ist das Datum und die Zeit, denn Daniel muss pünktlich am Freitag unter der Bosporusbrücke stehen. Es verdeutlicht auch, in welcher Einöde Daniel sich zu dem Zeitpunkt befindet, denn es gibt weit und breit keine Ortschaft. Dieser leere Ort ohne genauen Namen erscheint wie eine Wüste und der Film kann dadurch am Anfang leicht dem Genre Western zugeordnet werden. Dies hat Fatih Akin absichtlich so konzipiert, denn er sagt: „Ich wollte damit eigentlich den Zuschauer irritieren“[5].

Es gibt eine visuelle Veranschaulichung bei dem Übergang von der Rahmenhandlung zu der Rückblende. Dabei wird der Himmel von Bulgarien in den Himmel von Hamburg übergeblendet. Dadurch werden auch die Orte Bulgarien und Hamburg visuell miteinander verknüpft. Eng im Kontext zu der Überblendung steht Julis Aussage „Der Himmel ist überall blau“ in Sequenz 11. Es wird damit der philosophische Denkansatz thematisiert, dass es eigentlich nicht wichtig ist, wo der Mensch sich befindet. Denn das, was Daniel am Ende wirklich findet ist nicht an den Ort Istanbul gebunden. Sich selbst hätte er auch woanders finden können. Und Juli, in der er am Bosporus sein gesuchtes Glück sieht, hat ihn die ganze Zeit begleitet. ‚Der Weg ist das Ziel’ scheint eine Moral der Geschichte zu sein.

Von Daniels und Julis Fahrt durch Rumänien sieht man statt des laufenden Films eine Fotoreihe, die mit Musik unterlegt ist. Diese Maßnahme wurde aus der Not ergriffen, da das Filmteam in Rumänien keine Drehgenehmigung erhielt. Die Fotoreihe wirkt aber nicht notgezwungen, da sie spielerisch in die Handlung eingeflochten wird durch die Fotokamera, die Juli in dem gestohlenen Auto findet. So entstehen zeitraffende Bilder, die dem Zuschauer den Gesamteindruck vermitteln, dass Daniel und Juli viel erleben und dabei eine gute Zeit haben.

2.2 Kamera und Schnitt

Bezüglich der Kamera und des Schnitts hat Fatih Akin sich in ‚Im Juli’ eher an die Norm gehalten. Es gibt keine auffälligen Detailaufnahmen wie in ‚Kurz und Schmerzlos’ und auch Reißschwenks kommen nicht mehr vor. Eine Besonderheit der Kameraführung in ‚Im Juli’ ist allerdings die Rotierung um Personen. Während Melek am Elbstrand ein türkisches Lied singt (Sequenz 7), scheint es, als würde die Kamera Melek umkreisen. Genau genommen bewegt sich nur der Hintergrund und Melek sieht man während der ganzen Drehung in einer Großeinstellung im Profil. Dieser Effekt wurde dadurch erreicht, dass Melek während der eine Minute langen Einstellung auf einem Drehstuhl sitzt, der bewegt wird[6]. Wie Planeten um die Sonne rotieren, so dreht sich in dem Moment für Daniel die ganze Welt um Melek. Er sieht sie gebannt an und in seinen Brillengläsern spiegeln sich nach dem Lied in einer Großaufnahme die Flammen des Lagerfeuers, die seine neu erweckte Leidenschaft symbolisieren. Die zweite, wirkliche Kameraumdrehung findet am Ende des Films statt, als Daniel und Juli sich auf der Bosporusbrücke wiedersehen (Sequenz 34). Während sie sich küssen, werden sie zweimal schnell von der Kamera umkreist. Dadurch wird symbolisiert, dass Juli die wahre Sonne ist, nach der Daniel gesucht hat. Die Szene findet an einem Freitag um 12:00 statt, zur Tageszeit zu der die Sonne ihren höchsten Stand hat. Auch hierdurch wird deutlich, dass Juli die Sonne ist. Die Umdrehung um Melek am Elbstrand findet nachts statt, und im Übrigen ist diese Umdrehung nur eine optische Täuschung. Interessanterweise ist Luna die einzige, um die die Kamera sich gar nicht dreht. Daraus kann gedeutet werden, dass sie für Daniel als die Sonne gar nicht in Frage kommt.

[...]


[1] Jasper, Dirk: Fatih Akin im Interview.

Auf www.djfl.de/entertainment/stars/f/fatih_akin/fatih_akin_i_01.html

[2] ibid.

[3] Susanne Marschall, Farbe im Kino (Marburg: Schüren Verlag, 2005), 68.

[4] Ann-Christin Demuth, Das Problem der kulturellen Identität in den Filmen des deutsch-türkischen Regisseurs Fatih Akin, (Hamburg: Magisterarbeit, Universität Hamburg, 2004), 79-80

[5] Siehe Audiokommentar von Fatih Akin auf der DVD ‚Im Juli’

[6] Siehe Audiokommentar von Fatih Akin auf der DVD ‚Im Juli’

Details

Seiten
19
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640476473
ISBN (Buch)
9783640476558
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v138835
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Insitut für Medien und Kommunikation
Note
2,0
Schlagworte
Fatih Akins Juli Eine Analyse Stilmittel Bild Kamera Schnitt Musik

Autor

  • Annika Wildersch (Autor)

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