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Die Valenz der Verben

Hausarbeit 2008 24 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kritik an der traditionellen Subjekt-Prädikat-Grammatik
2.1 Allgemeines zur Subjekt-Prädikat-Grammatik
2.2 Sätze ohne Subjekt oder ohne Prädikat
2.3 Die Kongruenz

3. Die Anfänge der Valenz- oder Dependenzgrammatik
3.1 Allgemeines zum Begriff Valenz
3.2 Der Valenzbegriff bei TESNIÈRE
3.2.1 Das Grundmodell der Dependenzgrammatik
3.2.2 Arten der Verbvalenz
3.2.3 Kritik am TESNIÈREschen Valenzbegriff

4. Erweiterung der Valenzgrammatik
4.1 Semantischer Valenzbegriff nach BONDZIO
4.2 Syntaktischer Valenzbegriff nach HELBIG / SCHENKEL
4.2.1 Das Verb als strukturelles Zentrum des Satzes
4.2.2 Obligatorische Valenz, fakultative Valenz und freie Angaben
4.2.3 Rolle der Satzglieder für die Valenz

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seitdem der französische Sprachwissenschaftler Lucien TESNIÈRE in den 1950er Jahren den Begriff der Valenz- bzw. Dependenzgrammatik entwickelt hat, ist dieses Modell auch bei der Betrachtung deutscher Grammatiken nicht mehr wegzudenken. Zahlreiche Grammatiker beschäftigten sich mit dem Begriff Valenz, der die traditionelle Grammatik hinter sich lässt und vom Verb als strukturellem Zentrum des Satzes ausgeht.

In dieser Arbeit sollen, aufbauend auf einer Kritik an der traditionellen Subjekt-Prädikat-Grammatik, erst die Grundzüge der Valenz- oder Dependenztheorie nach TESNIÈRE vorgestellt werden, um dann auf modernere Forschungsansätze einzugehen. Dabei wird der semantische Valenzbegriff nach BONDZIO kurz dargestellt, das Hauptaugenmerk liegt allerdings auf dem syntaktischen Valenzbegriff nach HELBIG /SCHENKEL. Im Rahmen dieser Arbeit ist es natürlich nicht möglich, alle Forschungsansätze bezüglich des komplexen Themas Verbvalenz zu durchleuchten, es soll jedoch in seinen Grundzügen verständlich gemacht werden.

2. Kritik an der traditionellen Subjekt-Prädikat-Grammatik

2.1 Allgemeines zur Subjekt-Prädikat-Grammatik

Laut Hadumod BUßMANNS Lexikon der Sprachwissenschaft ist die Subjekt-Prädikat-Beziehung eine „[g]rundlegende grammatische Relation, auf der die zweigliedrige Satzanalyse indoeuropäischer Sprachen in der traditionellen Grammatik beruht, die sich von den logischen Kategorien der zweigliedrigen Urteilsstruktur des Aristoteles herleitet.“[1] Dieser gliederte eine Aussage in hypokeimenon, den Gegenstand, und kategoroumenon, das, was darüber ausgesagt wird. Das Grammatikmodell wurde zuerst auf die Beschreibung der klassischen Sprachen beschränkt und durch den Linguisten Karl Friedrich BECKER 1827 auf die deutsche Sprache übertragen.[2] Becker geht davon aus, dass Subjekt und Prädikat den Satzkern eines jeden Satzes bilden – noch heute ist diese Lehre in den meisten Schulgrammatiken vertreten. Ein Beispiel für dieses Satzmodell ist der folgende Satz:[3]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Modell der traditionellen Subjekt-Prädikat-Grammatik wird auch heute noch von vielen Sprachwissenschaftlern vertreten, allerdings besteht keine einheitliche Meinung über das Verhältnis der beiden Glieder zueinander. Gerhard HELBIG und Wolfgang SCHENKEL führen fünf verschiedene Konzeptionen verschiedener Grammatiker an:[4]

a) Subjekt und Prädikat werden als selbständige Satzglieder angesehen, ihre Beziehungen werden nicht als Beziehungen der Unterordnung verstanden.
b) Das Prädikat wird als vom Subjekt abhängig interpretiert, es besteht eine grammatische Dominanz des Subjekts über das Prädikat.
c) Subjekt und Prädikat werden als selbständige Satzglieder angesehen, zwischen ihnen besteht aber ein wechselseitiges Verhältnis der Zuordnung.
d) Als Weiterführung von c) wird angenommen, dass Subjekt und Prädikat keinen Eigenwert besitzen und zusammen einen untrennbaren Satzkern bilden.
e) Als Gegensatz zu b) wird davon ausgegangen, dass der Subjektsnominativ dem finiten Verb untergeordnet wird. Hier wird das Subjekt als vom Prädikat abhängig interpretiert. Dieser zuletzt Punkt bezieht sich auf vor allem auf Lucien TESNIÈRE und seine Valenz- oder Dependenzgrammatik und wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch näher zu erläutern sein.

2.2 Sätze ohne Subjekt oder ohne Prädikat

Die meisten Grammatiken gehen also davon aus, dass Subjekt und Prädikat den Satz konstituieren, was bedeuten würde, dass jeder Satz der deutschen Sprache sowohl ein Subjekt als auch ein Prädikat haben müsste. Nun gibt es aber im Deutschen auch Sätze, die ohne Subjekt auskommen. Bernd LATOUR gibt hierfür einige Beispiele:[5]

a) In Infinitivsätzen fällt das Subjekt regelmäßig aus.

Beispiel: Ich habe nicht vor, ihn zu besuchen.

b) Bei Adjektiven mit dem Dativ der Person fällt das Subjekt weg.

Beispiel: Mir ist schlecht.

c) Bei unpersönlichen Verben mit Dativ der Person entfällt ebenfalls das Subjekt.

Beispiel: Mir graut vor ihm.

d) In Passivsätzen, die von intransitiven Verben gebildet sind, wird kein Subjekt benötigt.

Beispiel: Hier wird gearbeitet.

e) Die so genannten Witterungsimpersonalien sind nicht austauschbar und haben daher auch nicht den Status eines Subjekts.

Beispiel: Es regnet. ↔ *Das Wetter regnet.

f) Auch von den drei Formen des Imperativs hat nur die letzte ein Subjekt.

Beispiel: Komm her! Kommt her! Kommen Sie her!

LATOUR richtet sich also gegen einen wesentlichen Teil der Subjekt-Prädikat-Beziehung und damit der traditionellen Grammatik. Wie bewiesen wurde, gibt es nämlich auch subjektlose Sätze in der deutschen Sprache.

Weiterhin führt LATOUR auch verblose Sätze an, bei denen er allerdings zwischen Äußerungen und Sätzen oder auch zwischen vollständigen und elliptischen Sätzen unterscheidet. Eine Äußerung wäre zum Beispiel ein informelles „Hallo!“, als Beispiel für einen elliptischen Satz ohne Prädikat führt er die Antwort „Bier.“ auf die Frage „Möchtest du Wein oder Bier?“ an.

LATOUR schließt daraus, dass in Sätzen der deutschen Sprache sowohl das Subjekt als auch das Prädikat fehlen kann. Es ist jedoch häufiger der Fall, dass das Subjekt fehlt. Damit sind die unter 2.1 genannten Konzeptionen zum Teil hinfällig, da ein grammatisch korrekter und vollständiger Satz nicht immer beide Elemente benötigt. Vor allem die dritte Konzeption einiger Grammatiker, die besagt, dass das Subjekt das Prädikat dominiere, wird durch den Wegfall des Subjekts in oben genannten Fällen widerlegt.

2.3 Die Kongruenz

Viele Grammatiken begründen die enge Wechselbeziehung zwischen Subjekt und Prädikat auch durch die Kongruenz der beiden Elemente. „Mit Kongruenz ist die grammatische Übereinstimmung von Wortarten im Satz hinsichtlich bestimmter Kategorien gemeint.“[7] Das Substantiv hat also zum Beispiel die Kategorien Genus (maskulin, feminin, neutrum) und Person (Substantiv hat immer die 3. Person), die inhärent sind, weiterhin die beweglichen Kategorien Kasus (Nominativ, Genetiv, Dativ, Akkusativ) und Numerus (Singular, Plural). Das Verb hingegen hat die Kategorien Person, Numerus, Modus, Tempus und Genus verbi. LATOUR stellt die Kategorien der einzelnen Elemente in einem Schema dar:[8][6]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

An diesem Schema ist zu erkennen, dass die deutsche Sprache zwei Arten von Kongruenz aufweist:

a) Kongruenz des attributiven Adjektivs mit dem zugehörigen Substantiv bezüglich Kasus, Genus und Numerus

Beispiel: all e alt en Häus er

b) Kongruenz des substantivischen oder pronominalen Subjekts mit dem finiten Verb hinsichtlich Numerus und Person

Beispiel: Der Zug / Er komm t.

Kongruenz tritt jedoch in den unterschiedlichen Sprachen auf verschiedene Weise auf. Während im Deutschen nur die oben genannten Arten von Kongruenz möglich sind, lässt sich in anderen europäischen Sprachen auch eine Genus-Kongruenz feststellen. Hierbei kongruiert das prädikative Adjektiv vgl. (1) oder auch das Partizip II vgl. (2) mit dem nominalen oder pronominalen Subjekt.

Beispiel: (1) frz. l’arbre est vert dt. der Baum ist grün

frz. la maison est verte dt. das Haus ist grün

(2) frz. il est arrivé dt. er ist angekommen

frz. elle est arrivée dt. sie ist angekommen

Im Gegensatz dazu gibt es aber auch europäische Sprachen, bei denen die Kongruenz nur eingeschränkt vorkommt und nicht so ersichtlich ist wie im Deutschen. Dies begründet sich einerseits dadurch, dass das pronominale Subjekt gar nicht erscheint (zum Beispiel span. vamos; ital. andiamo; dt. wir gehen) oder dadurch, dass das Verbsystem der jeweiligen Sprachen über nicht so viele Endungen verfügt wie das Deutsche (zum Beispiel engl. I/you/we/they go, he/she/it goes; dt. ich geh-e, du geh-st, er/sie/es/ ihr geh-t, wir/ihr/sie geh-en). LATOUR schließt daraus, dass es mangelhaft sei, die Subjekt-Prädikat-Grammatik auf die Kongruenz zu stützen, da diese in den verschiedenen europäischen Sprachen sehr unterschiedlich ausfalle.

Weiterhin kritisiert LATOUR die Annahme vieler Grammatiker,[9] die oben genannte Kongruenz b) begründe sich durch das Subjekt bzw. das finite Verb des jeweiligen Satzes übernehme die Endungen durch das Subjekt, mit dem es kongruiert. Dass dies nicht so ist, macht er an dem sehr einfachen deutschen Satz „Du gehst.“ deutlich:[10]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Morphem /st/ vereinigt hier mehrere grammatische Kategorien, aber nur in den Kategorien Numerus und Person kongruiert das finite Verb mit dem Subjekt. Alle fünf grammatischen Kategorien sind jedoch in dem Morphem /st/ amalgamiert, d.h. es ist auf der lautlichen Ebene nicht möglich, sie zu identifizieren oder zu isolieren, zum Beispiel /t/ drücke den Singular aus oder /s/ realisiere den Indikativ.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die traditionelle Subjekt-Prädikat-Grammatik doch viele Unstimmigkeiten aufweist, von denen hier einige genannt wurden: Einerseits ist es möglich einen korrekten deutschen (Teil-)Satz ohne Subjekt zu bilden, andererseits ist die Kongruenz, auf die sich viele Grammatiker der traditionellen Grammatik stützen, nur in der deutschen und auch in anderen europäischen Sprachen nur teilweise gegeben und rechtfertigt ihren Status nicht. Es soll nun ein Grammatikmodell vorgestellt werden, das sich von der Subjekt-Prädikat-Grammatik dadurch abhebt, dass das Subjekt seine traditionelle Sonderstellung verliert.

3. Die Anfänge der Valenz- oder Dependenzgrammatik

3.1 Allgemeines zum Begriff Valenz

Im Gegensatz zur traditionellen Grammatik, in der Subjekt und Prädikat ins Zentrum der Satzbildung gerückt werden, steht nun die so genannte Valenz- oder Dependenzgrammatik. Der Begriff Valenz bezeichnet allgemein „die Fähigkeit eines Lexems (z.B. eines Verbs, Adjektivs, Substantivs), seine syntaktischen Umgebungen vorzustrukturieren, in dem es anderen Konstituenten im Satz Bedingungen bezüglich ihrer grammatischen Eigenschaften auferlegt.“[11] Abgeleitet ist der Begriff vom lateinischen Wort valēre (wert sein), ursprünglich stammt er aus der Elementenlehre der Chemie. Dort bezeichnet er die Eigenschaft eines Elements, sich mit einem anderen Element zu einem Molekül zu verbinden. So besteht zum Beispiel das Wassermolekül (H2O) aus zwei einwertigen Wasserstoffatomen und einem zweiwertigen Sauerstoffatom. So werden in der Chemie die Elemente klassifiziert und die chemischen Verbindungen bestimmt, die die Elemente miteinander eingehen können.

Der französische Sprachwissenschaftler Lucien TESNIÈRE übertrug nun diese Theorie auf die Bindungsfähigkeit von Verben.

3.2 Der Valenzbegriff bei TESNIÈRE

3.2.1 Das Grundmodell der Dependenzgrammatik

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[12]

Lucien TESNIÈRE (13.05.1893-06.12.1954, siehe Bild)[13] gilt als Begründer der Valenz- oder Dependenzgrammatik[14] und geht „von der Grundidee aus, dass Sätze nicht nur eine Aneinanderreihung von Wörtern bilden, sondern dass diese Satzteile durch strukturelle Beziehungen miteinander verknüpft sind.“[15] Sein Hauptwerk Eléments de syntaxe structurale hat er bereits in den 30er Jahren abgeschlossen, erschienen ist die Arbeit allerdings erst posthum im Jahre 1959. Der Satz ist für TESNIÈRE ein ensemble organisé, die Relation der unterschiedlichen Elemente einer Satzstruktur bezeichnet er als Konnexion (frz. connexion). Im Gegensatz zur anderen Grammatiken (zum Beispiel der generativen Syntax oder dem amerikanischen Strukturalismus) werden diese Konnexionen nicht als Konstituenzbeziehunge, also als Teil-Ganzes-Relationen, betrachtet, sondern als Abhängigkeitsbeziehungen bzw. als Dependenzrelationen. Klar gemacht wird diese Beziehung an dem Beispielsatz Mein Freund spricht. (frz. „Mon ami parle.“).

[...]


[1] S. BUßMANN (1990), S. 749.

[2] Dies geschah in folgendem Werk: BECKER, Karl Friedrich: Organismus der deutschen Sprache. Einleitung zur deutschen Grammatik. Frankfurt a. M., 1827. Vgl. DÜRSCHEID (1991), S. 5.

[3] Schema aus LATOUR (1985), S. 11.

[4] Vgl. hierzu HELBIG /SCHENKEL (1983), S. 25.

[5] Vgl. LATOUR (1985), S. 19f.

[6] Ausführungen beziehen sich – wenn nicht anders angegeben – auf LATOUR (1985), S. 11-19.

[7] S. LATOUR (1985), S. 12.

[8] Schema aus ebd.

[9] Er zitiert u.a. JUNG, das WAHRIG-Lexikon, SCHULZ /GRIESBACH, BRINKMANN und ERBEN. Vgl. LATOUR (1985), S. 15f.

[10] Schema aus LATOUR (1985), S. 17.

[11] S. BUßMANN (1990), S. 824.

[12] Soweit nicht anders angegeben, bezieht sich dieses Kapitel auf RAMERS (2000), S. 77-88.

[13] Bild aus GRÉCIANO /SCHUMACHER (1996), S. ix.

[14] Anmerkung: Auch Karl BÜHLER gab in seinem 1934 erschienenem Werk Sprachtheorie bereits an, dass das Wörter Leerstellen um sich eröffnen, die von anderen Wörtern bestimmter Wortklassen ausgefüllt werden müssen. Vgl. BIRKMANN (1998), S.3.

[15] S. RAMERS (2000), S. 77.

Details

Seiten
24
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640480135
ISBN (Buch)
9783640480197
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v138728
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Deutsche Philologie
Note
1,7
Schlagworte
Linguistik Valenz Verbvalenz Verben Tesnière

Autor

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Titel: Die Valenz der Verben