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Die Mathematikerin Hilda Pollaczek-Geiringer

Eine unbekannte Berühmtheit

Hausarbeit 2004 19 Seiten

Biographien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Jahre in Österreich und Deutschland
1.1. Von einer begabten Schülerin zur Doktorin für Mathematik
1.2. Die Zeit in Deutschland
1.2.1. Richard von Mises
1.2.2. Von einer Assistentin zur ersten Berliner Privatdozentin in
Mathematik

2. Abschied von Deutschland
2.1. Die Flucht vor Hitler über Brüssel in die Türkei
2.2. Neue Heimat USA
2.3. Von Mises’ Tod und die letzten Jahre

3. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Hilda Geiringer)[1]

Einleitung

Wenn man sich die Lebensgeschichte der Mathematikerin Hilda Pollaczek-Geiringer betrachtet, hat man einerseits das Gefühl, dass es sich bei dieser Frau um eine bemerkenswerte Wissenschaftlerin handelt, deren Bekanntheitsgrad und Wertschätzung selbst unter Mathematikern/innen viel zu gering ausfällt. Andererseits scheint sie den größten Teil ihres Lebens der „Schiene“ ihres späteren Ehegatten Richard Martin Edler von Mises gefolgt zu sein, sogar bis über seinen Tod hinaus. Hier könnte man wahrlich die These aufstellen, dass das eine direkt mit dem anderen verknüpft ist, also ihre Gefühle bzw. die damalige Diskriminierung der Frau ihr im Weg standen, um den großen Durchbruch zu schaffen. Schließlich waren Frauen Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts Debütantinnen in der Welt der Naturwissenschaften, einer typischen Männerdomäne auch heute noch. Gerade nach der Machtübernahme durch das Naziregime 1933 nahm neben der Rassengesetze auch die Patriarchalisierung des Deutschen Reiches überhand. Die Novemberrevolution 1918 und ihre Errungenschaften, wie das Habilitationsrecht für Frauen, wurden nun mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ zunichte gemacht. Der verhältnismäßig steile Aufstieg dieser Wissenschaftlerin landete zunächst im „Graben“ und musste mit Hilfe ihres Mannes korrigiert und womöglich sogar beschränkt werden.

Diese Arbeit soll nicht nur die Karriere von Frau Geiringer mit ihren Höhen und Tiefen darstellen, sondern auch auf die folgenden Fragestellungen unter Berücksichtigung diverser Quellen eingehen:

Wer beeinflusste Hilda Pollaczek-Geiringers Leben in sichtbarem Ausmaß positiv oder gar negativ? War sie ihrer Zeit als Frau möglicherweise voraus? Welche Rolle spielte Richard von Mises in ihrem Leben?

Es soll darüber hinaus auch von Mises’ Biographie nicht übergangen werden, wobei diese ab einem bestimmten Zeitpunkt untrennbar mit der von Hilda verflochten ist.

1. Die Jahre in Österreich und Deutschland

1.1. Von einer begabten Schülerin zur Doktorin für Mathematik

Hilda Geiringer wurde als eines von vier Kindern am 28. September 1893 in Wien geboren. Ihre Eltern Ludwig und Martha waren beide nicht studiert, der Vater war Textilerzeuger von Beruf und stammte aus Ungarn (oder der Tschechoslowakei). Die jüdische Herkunft der Familie sollte Hilda das Leben und die akademische Karriere noch erschweren. Trotz oder gerade wegen ihrer geringen Bildung wollten Ludwig und Martha all ihren Kindern den Weg ebenen, den diese anstrebten. Nach 5 jährigem Besuch Volksschule besuchte Hilda ab 1904/05 das „Privat Mädchen-Gymnasium des Vereines für erweiterte Frauenbildung“, die so genannte Schwarzwaldschule. Dort absolvierte sie 1913 das Abitur mit Auszeichnung. Da sie bereits früh mathematische Begabung aufwies, wie ihr jüngerer Bruder Karl in einem Brief bestätigt – Hilda half ihm gern bei seinen Hausaufgaben -, begann sie im Winter desselben Jahres ein Studium wie ihre drei Brüder.

Hilda studierte nun Reine Mathematik im Hauptfach an der Wiener Universität, welche berühmt war für eine bestmögliche Ausbildung durch gute Besetzung und moderne Ausstattung für dieses Fachgebiet. Gustav von Escherich, Wilhelm Wirtinger und Philipp Furtwängler lehrten damals Mathematik in Wien. Daneben belegte Hilda Physik als Nebenfach und besuchte darüber hinaus Philosophievorlesungen des Dozenten Ernst Mach, welcher ihre „Gedankenwelt der Mathematik“ nachdrücklich beeinflusste. Auch Richard von Mises soll ihn einige Jahre vorher bereits gehört haben, womit die Parallelen des späteren Pärchens Hilda und Richard beginnen. Hierzu sollte man wissen, dass Mathematik für lange Zeit als philosophische Disziplin galt und wie die Philosophie selbst der Philosophischen Fakultät einer Universität zugeordnet wurde. Hier ein Zitat Machs:

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten](Prof. Ernst Mach)[2]

„Der Naturforscher kann zufrieden sein, die bewußte physische Tätigkeit des Forschers als eine methodisch geklärte, verschärfte und verfeinerte Abart der instinktiven Tätigkeit der Tiere und Menschen wieder zu erkennen, die in Natur- und Kulturleben täglich geübt wird.“ (Geiringer 1922, S. 11)

Während des Ersten Weltkrieges gingen die Wiener Vorlesungen nahtlos weiter, die Zahl der männlichen Hochschüler nahm 1915 rapide ab. Die Studentin arbeitete nebenbei in einem Kindergarten, welcher jüdische Flüchtlingskinder aufgenommen hatte und machte sich im „Akademischen Frauenverein“ für das Frauenstudium und die Friedensbewegung stark.

1900 hatte die erste Frau in Wien im Fach Mathematik ihren Doktortitel erhalten. 1917 promovierte Hilda Geiringer mit einer Arbeit mit dem Titel „Ueber trigonometrische Doppelreihen“, in denen sie die Theorie der so genannten Fourierreihen auf zwei Dimensionen verallgemeinerte. Sie entwickelte in diesem Zusammenhang die „kreuzförmige Umgebung“, welche das Problem bis heute geltend veranschaulichte. Das Thema hatte ihr Doktorvater Professor Wirtinger vorgeschlagen und sie dankte es ihm auch noch Jahrzehnte später.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Prof. Wilhelm Wirtinger)[3]

Über ihr Privatleben ist nur wenig bekannt. Nur, dass sie eine passionierte Bergsteigerin und Wanderin war (und sich für Literatur, Poesie und Musik interessierte). Diese Eigenschaft teilte sie mit dem außerordentlich begabten mathematischen Assistenten Wilhelm Groß. Ob man hier von der ersten datierten Liebschaft Hildas sprechen kann ist leider spekulativ. In der Literatur wird wiederum der Terminus „Einfluss“ gebraucht (vgl. Binder S. 61-67, 1998).

Um zur Fragestellung der Einleitung Bezug zu nehmen, möchte ich die letzten Absätze noch einmal beurteilen. Bisher gab es keinen sichtbaren Einschnitt auf Hilda Geiringers Karriereleiter. Die Eltern unterstützen sie von Anfang an, was im Verlauf dieser Arbeit noch deutlicher wird. Im Familienhaus herrscht also nicht die konservative Patriarchalvormacht. Auch die Umgebung scheint wie geschaffen für ihren Aufstieg. Abitur mit Auszeichnung und schnelle Promotion mit Unterstützung eines fähigen Doktorvaters sprechen hier natürlich auch eindeutig für ihr Talent und ihren Fleiß – sie wird später dafür bekannt, dass sie ihre Freizeit stets den wissenschaftlichen Interessen opferte. Lernen, Forschen und Lehren bilden ihr Credo, ein Leben lang.

1.2. Die Zeit in Deutschland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Leon Lichtenstein)[4]

Im Jahre 1918 vermittelte Professor Wilhelm Wirtinger die Doktorin nach Berlin zu Leon Lichtenstein, welcher dort an seinem „Jahrbuch über die Fortschritte der Mathematik“ arbeitete. Später bezeichnet sie ihn als einen ihrer wichtigsten Lehrer im eigentlichen Sinne des Wortes.

Da nun die Wege von Hilda Geiringer und Richard von Mises zusammenführen, möchte ich den Werdegang Richards bis dahin kurz abreißen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Richard von Mises)[5]

1.2.1. Richard von Mises

Richard Martin Edler von Mises wurde am 19. April 1883 in Lemberg (Galizien zu Österreich-Ungarn) geboren. Die Eltern, Vater Arthur von Mises (Eisenbahntechniker) und Mutter Adele von Landau, schickten ihre beiden Söhne Ludwig, der spätere berühmtere Ökonom, und Richard auf das berühmte Akademische Gymnasium in Wien, wo Richard 1901 das Abitur mit Auszeichnung erlangte. Er studierte dann an der Technischen Hochschule Wien Maschinenbau und Mathematik und promovierte 1908 mit der Arbeit „Die Ermittlung der Schwungmassen im Schubkurbelgetriebe“ zum Doktor der technischen Wissenschaften.

Ein Gutachten von K. Kobes dazu lautet:

[...]


[1] http://www5.in.tum.de/lehre/seminare/math_nszeit/SS03/vortraege/innen/images/Geiringer.jpg

[2] http://www.emi.fraunhofer.de/images/Portraits/Ernst+Mach.jpg

[3] http://www.aeiou.at/aeiou.encyclop.data.image.w/w809593a.jpg

[4] http://www.archiv.uni-leipzig.de/heisenberg/Physik_Deutsche_Familie/1933_Vertreibungen/1933_vertreibungen.htm

[5] http://www.gap-system.org/~history/BigPictures/Mises_5.jpeg

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