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Soziale Ausgrenzung

Hausarbeit 2003 40 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Gliederung

1. Neue Problemlagen, Herausforderung an die Forschung

2. Begriffliche Annäherung: „ Peripheriesierung“, „Exclusion“, „Underclass“

3. Empirische Annäherung: Wer wird ausgegrenzt, in welcher Weise und mit welchen gesellschaftlichen Folgen?
3.1 Wer ist von Ausgrenzung bedroht?
3.2 Was bedeutet Ausgrenzung für die Gesellschaft?
3.3 Was bedeutet Ausgrenzung für die Betroffenen?
3.4 Wie scharf ist der Bruch zwischen „innen“ und „außen“ ?

4. Soziale Ausgrenzung nach Silvia Staub-Bernasconi
4.1 Machtproblem
4.2 Ressourcenerschließung

5. Das Konzept Silva Staub-Bernasconis bezogen auf Psychisch Kranke
5.1 Exkurs: Anfänge der Ausgrenzung psychisch Kranker
5.2 Exkurs: Psychische Erkrankung und psychische Behinderung
5.3 Versorgungsbedarf und Bedürfnisse psychisch Kranker
5.4 Schwierigkeiten der Befriedigung der Bedürfnisse – Fallbeispiel
5.4.1 Schwierigkeiten durch diagnostische Unsicherheit: Behinderungs- und Begrenzungsmacht
5.4.2 Schwierigkeiten der Ressourcenerschließung
5.4.3 Schwierigkeiten in der Familie
5.5 Warum überhaupt berufliche Rehabilitation?
5.5.1 Grundlagen beruflicher Rehabilitation
5.5.2 Berufsbildende Umschulungs- und Ausbildungsmaßnahmen

6. Literatur

1. Neue Problemlagen, Herausforderung an die Forschung

Wachsende Armut und hohe Arbeitslosigkeit bei abnehmenden Ressourcen der Sozialstaaten verändern seit den 80er Jahren tiefgreifend die meisten westlichen Gesellschaften. Mit vereinzelten Ausbrüchen von Gewalt demonstrierten Jugendliche in französischen und englischen Vorstädten, so dass eine tiefer werdende Kluft der Perspektivlosigkeit sie vom Rest der Gesellschaft trennt. Selbst in den USA hat sich mit ihrer langen Geschichte der Minderheitenghettos die Isolierung der Armenviertel in den Großstädten und die Chancenlosigkeit ihrer Bewohner verschärft. Weniger spektakulär, aber im öffentlichen Bewusstsein durchaus gegenwärtig, vollzieht sich in Westeuropa der Ausschluss einer wachsenden Zahl von Langzeitarbeitslosen aus dem Erwerbsleben. Die momentane Beschäftigungskrise trifft das Selbstverständnis und das Institutionengefüge der entwickelten Industriegesellschaften in sehr spezifischer Weise: Sie hat eine neue historische Qualität angenommen. Dies gilt in dreifacher Hinsicht. Erstens reichen die Beschäftigungseffekte des wirtschaftlichen Wachstums nicht mehr aus, auf absehbare Zeit, das Arbeitskräfteangebot zu absorbieren. Mehr noch, in der Industrie ist wirtschaftliches Wachstum selbst zum Motor der Arbeitsplatzvernichtung geworden (vgl. Dahrendorf 1988, Europäische Kommission 1994,). Deshalb droht in Westeuropa Arbeitslosigkeit zu einem Dauerzustand zu werden. Zweitens hat sich der historische Kontext für die Bevölkerungsgruppen, die von Arbeitslosigkeit besonders betroffen sind, verändert. Während Arbeitslosigkeit in früheren Epochen eingebettet war in eine Expansion von an- und ungelernter Industriearbeit, schrumpft mittlerweile gerade dieses Beschäftigungselement seit Jahren.

Fraglich ist mehr, ob das Beschäftigungswachstum im Dienstleistungsbereich diesen Verlust kompensieren kann (vgl. Europäische Kommission 1994). Zu einem entscheidenden Zugangs- und Ausschlusskriterium am Arbeitsmarkt wird deshalb in immer stärkeren Maße Qualifikation. Das Resultat ist in Westeuropa eine in sich gespaltene Arbeitslosigkeit: Als vorübergehende Unterbrechung der Erwerbszeitraums (in der Regel mit ungewissem Ausgang) reicht sie in immer weitere Bevölkerungskreise hinein. Zugleich wirkt sie selektiv und bedroht auch an- und ungelernte Arbeitskräfte mit vollständigem Ausschluss am Arbeitsmarkt. Der Preis der amerikanischen "Alternative" zur europäischen Massenarbeitslosigkeit wiederum ist eine extreme Polarisierung innerhalb des Erwerbssystems mit einer wachsenden Zahl von „working poor“. Ein drittes Merkmal der Beschäftigungskrise ist als weiteres von besonderer Bedeutung. Eine neue historische Qualität weisen vor allem deshalb Arbeitslosigkeit, Armut und dauerhafte Ausgrenzung am Arbeitsmarkt auf. Da diese heute vor dem Hintergrund eines bislang einmaligen gemeinschaftlichen sozialen Aufstiegs und eines gesellschaftlichen Wohlstands auftreten und erlebt werden. Hinzu kommt, dass seit dem Zweiten Weltkrieg vor allem in Westeuropa (in geringerem Maße selbst in den USA) ein Grad von sozialstaatlicher Verantwortung für die Wohlfahrt des Einzelnen erkämpft, politisch anerkannt und institutionalisiert worden ist. Dieser Grad war zuvor undenkbar. Zusammen wirkten diese Faktoren einige Jahrzehnte lang in Richtung einer Annäherung in den Lebensverhältnissen. Sie prägten überdies die Erwartungen und rechtmäßigen Ansprüche der Einzelnen, ihre Vorstellung dessen, was es bedeutet, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Erst vor diesem Hintergrund erschließt sich die gesellschaftliche Brisanz des historischen Einschnitts erweiterter sozialer und materieller Möglichkeiten. „Underclass“ und „Exclusion“ sind zentrale Begriffe, in denen in den Medien wie in den Sozialwissenschaften der Einschnitt zur Sprache kommt. Underclass wurde ursprünglich für US-amerikanische Verhältnisse geprägt und dann nach Europa übertragen. Exclusion erhielt in Frankreich Prominenz, ist aber in der englischen Übersetzung als „social exclusion“ seit Ende der 80er Jahre auch in den allgemeinen europäischen Sprachgebrauch eingegangen. Mit diesen Begriffen stehen nicht allein die „Ausgeschlossenen“ selbst zur Debatte. Am Problem der Ausgrenzung entscheidet sich vielmehr die zukünftige Integrationsfähigkeit der entwickelten westlichen Gesellschaften insgesamt. Ein „Nachzügler“ in der Debatte ist Deutschland, aus sozialökonomischen wie innerakademischen Gründen. Die offenen sozialen Zuspitzungen der Beschäftigungskrise, wie sie andere Länder erleben, blieben in der Bundesrepublik bislang aus. Zu größeren Jugendrevolten kam es noch nicht. Dazu hat sicherlich beigetragen, dass seltener die Jugendlichen, sondern lange Zeit in erster Linie die Älteren die Folgen dauerhafter Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik zu tragen hatten. Auch die „Problemviertel“ der deutschen Großstädte sind mit den amerikanischen Armutsghettos immer noch nicht vergleichbar. Ethnische Trennung spielt bislang eine eher geringe Rolle. Sozialstaatliche Regelungen schwächten in der Vergangenheit die unmittelbare Übertragung der Diskriminierungen vom Arbeitsmarkt auf den Wohnungsmarkt ab. Der Problemdruck wächst jedoch mit anhaltender Massenarbeitslosigkeit. Auch die Jugendarbeitslosigkeit nimmt weiter zu, und mit ihr wächst die Gefahr, dass die Erwerbsbiographien bereits beim Einstieg ins Berufsleben scheitern. Aus den Großstädten schließlich kommen alarmierende Berichte über wachsende Konzentrationen von Armut und gleichlaufend dazu die Erschöpfung der kommunalen Finanzen (vgl. Kronawitter 1994). Deshalb findet nun auch in der Bundesrepublik eine „Rückbesinnung“ der Sozialwissenschaften auf das Problem der gesellschaftlichen Spaltungen statt. Anfang der 80er Jahre wurde auf dem Soziologentag die „Krise der Arbeitsgesellschaft?“ offiziell zum Thema gemacht. Damals allerdings wurde dies noch weitgehend als Projektion bezeichnet (vgl. Dahrendorf 1983). Zum Thema „Ausgrenzung durch arbeitslosigkeitsbedingte Armut“ folgten zwar verschiedene Forschungsarbeiten Mitte der 80er Jahre (vgl. Balsen u.a. 1984), die Interessen der Zunft gingen jedoch in eine andere Richtung. Sie galten weit mehr der Auflösung überkommener sozialer Strukturen und Milieus, als der Reproduktion und Neukonturierung von sozialer Ungleichheit. Zu Recht weist Geißler darauf hin, dass ein sehr deutsches Phänomen die Entschiedenheit, mit der der „mainstream“ der deutschen Soziologie in den 80er Jahren von den klassischen Fragestellungen und Kategorien der Ungleichheitsforschung abrückte, gewesen sei (Geißler 1996, S. 324). Es hatte seine Voraussetzung und zugleich seine Grenze im westdeutschen "Modell" des wohlfahrtsstaatlichen Interessenausgleichs bei wachsendem Wohlstand. Mittlerweile lässt sich das Problem, das die Massenarbeitslosigkeit für die Integrationsfähigkeit auch der Gesellschaft der Bundesrepublik aufwirft, nicht mehr übersehen. Es wird aus den verschiedensten theoretischen Perspektiven wird es in den Blick genommen: Aus dem Kontext der Individualisierungsdiskussion erwächst die Frage, ob von einer „Rückkehr der Klassengesellschaft“ gesprochen werden muss, weil ein Teil der Bevölkerung von den Standards entwickelter Industriegesellschaften ausgeschlossen bleibt. Aus systemtheoretischer Sicht stellt Luhmann fest, „dass es doch Exklusionen gibt“ (Luhmann 1995). Ihm zufolge gehört es geradezu zur Logik der "Funktionssysteme" moderner Gesellschaften, dass sie Menschen ausschließen und in eine Dynamik umfassender Marginalisierung hineinziehen. Für Habermas zeigt die Entstehung einer "Underclass" auch in der Bundesrepublik die doppelte Gefahr einer Entsolidarisierung im Innern und einer repressiven Abschottung nach außen an. Beide Reaktionen würden den "universalistischen Kern" von Demokratie untergraben (Habermas 1996, S.149). Das eine neue Kategorie von Arbeitslosen im Entstehen ist, zeigte sich Empirisch in den 90er Jahren:

Von der Rückkehr in reguläre Erwerbsarbeit dauerhaft abgeschnitten und dadurch selbst von den anderen Arbeitslosen unterschieden, ohne Rückzugsmöglichkeit in einen anerkannten Status, sind die „Entbehrlichen“ des Arbeitsmarkts nicht mehr in der Lage, am gesellschaftlichen Leben aktiv teilzunehmen (vgl. Kronauer u.a. 1993). Dass die Debatte in Deutschland verspätet beginnt, bietet auch eine Chance. Es eröffnet die Möglichkeit, von den begrifflichen Anstrengungen in anderen Ländern zu lernen, vielleicht sogar drohende Sackgassen vermeiden zu können. In ihren empirischen Befunden wiederum liefert die internationale Forschung eine Vergleichsfolie, vor der sich die Konturen der deutschen Entwicklung abheben und schärferes Profil gewinnen.

2. Begriffliche Annäherung: „Peripherisierung“, „Exclusion“, „Underclass“

Die Begriffe „exclusion“, „social exclusion“ und „Underclass“ sind in der internationalen Diskussion theoretisch und empirisch noch von einigen umstritten. Theoretisch stehen sie einem Konzept sozialer Ungleichheit nahe, das mit der Begrifflichkeit von „Zentrum“ und „Peripherie“ arbeitet. Ursprünglich wurde dieses Konzept zur Charakterisierung von internationalen, über den Weltmarkt vermittelten Abhängigkeitsbeziehungen entwickelt. Später wurde es auf die Analyse der Zentren selbst übertragen. Vor allem die Stadtforscher interpretieren gegenwärtig „Exclusion“ und „Underclass“ als neue Formen sozialer Ungleichheit im umfassenden Zusammenhang zunehmender „Marginalisierung“ oder „Peripherisierung“. In der deutschen Soziologie hat in jüngerer Zeit Kreckel (1992) diese Begriffe fruchtbar gemacht. Er spricht auch von Zentrum und Peripherie als eine Metapher. Sie erweitern das vertikale Klassen- und Schichtungsbild um zusätzliche Ungleichheitsdimensionen, die die Positionen innerhalb des Erwerbssystems ergänzen und überlagern:

Ungleichheit zwischen den Geschlechtern, zwischen den Beschäftigten und den vom Erwerbssystem Ausgeschlossenen, zwischen einzelnen Regionen, auf- und absteigenden Branchen, zwischen Ökonomien innerhalb des Systems der Weltwirtschaft. Dabei fokussiert dieses Begriffspaar den Blick auf das Problem des abgestuften Zugangs zu materiellen und symbolischen Ressourcen, somit auf das Problem der Macht. Das „Zentrum“ zeichnet sich aus durch eine Konzentration von Kräften und Ressourcen, die „Peripherie“ durch Kräftezersplitterung und Ressourcenmangel (Kreckel 1992). Schließlich ermöglicht es dieser Bezugsrahmen auch, sich den komplexen Abstufungen und Kräftefeldern zu nähern. Diese ergeben sich aus der Herausbildung von Unter- und möglicherweise auch Gegenzentren.

Die Begriffe „Exclusion“ und „Underclass“ spitzen den Gedanken der Peripherisierung zu. Sie verweisen darauf, dass es eine soziale Spaltungslinie gibt, die nicht ohne weiteres in das traditionelle, am Erwerbssystem orientierte Schichtungs- und Klassenschema passt (um eben diese Linie zu bezeichnen, bedurfte es eines neuen Begriffs). Dies war jedenfalls Myrdals Überzeugung, als er Anfang der 60er Jahre den Begriff „Underclass“ aus dem Schwedischen ins Amerikanische übertrug (vgl. Myrdal 1965). Immer mehr Menschen werden an den Rand oder gar aus dem Beschäftigungssystem heraus gedrängt. Sie verlieren damit sowohl den Zugang zum relativen Wohlstand der Bevölkerungsmehrheit, als auch zu deren Zielen für die Zukunft. In wichtigen Dimensionen des gesellschaftlichen Lebens sind sie und erleben sie sich von den akzeptierten und angestrebten Standards ausgeschlossen. Sie haben auch nicht mehr Teil an der Erhaltungsmacht, die den im Erwerbssystem Etablierten zumindest potentiell zu Verfügung steht. Ihnen bleibt nur die Möglichkeit, Überlebensstrategien unter Nutzung des Sozialstaats und der informellen Ökonomie zu entwickeln, oder durch sporadische Revolten auf sich aufmerksam zu machen. Zusammenfassend bringt Wilson die soziale Lage der „Underclass“ bzw. der Ausgeschlossenen auf eine kurze Formel, indem er zwei Merkmale hervorhebt: „marginal economic position“ und „social Isolation“ (Wilson 1991; vgl. Wilson 1987). Wenn beides zusammentrifft, spaltet sich die „Peripherie“ gewissermaßen von der Erwerbsarbeitsgesellschaft ab. Oberhalb dieses gemeinsamen Nenners in der Verwendung der Begriffe gibt es eine Reihe bedeutsamer Differenzen. Auf der einen Seite manifestiert sich „social exclusion“ (oder „Exclusion“ in Frankreich) als zunehmende Prekarität in der Erwerbsarbeit, die für wachsende Gruppen der Bevölkerung bis hin zum völligen Ausschluss von regulärer Erwerbstätigkeit führt. Auf der anderen Seite schlägt sie sich als Schwächung der sozialen Einbindung nieder, bis hin zur sozialen Ausschließung. „Underclass“ beschreibt eine bereits fixierte soziale Lage und Lebensweise. Der „Underclass“ -Begriff ist deshalb anfälliger dafür, moralisierend missverstanden zu werden. Vor allem in den USA wurde er in diskriminierender Weise von den Medien und einigen konservativen Sozialwissenschaftlern aufgegriffen, seines ursprünglich kritischen, auf strukturelle Benachteiligung zielenden Inhalts beraubt und gewissermaßen auf den Kopf gestellt.

„Underclass“ meint in dieser Version abweichendes Verhalten und legt es den Armen selbst zur Last. Verschieden sind auch die Gesellschaftsbilder, auf die beide Begriffe anspielen. „Underclass“ verweist auf eine in sich hierarchisch gegliederte Gesellschaft. „Social exclusion“ hebt dagegen stärker auf die Dualität von „Innen“ und „Außen“ ab. Die konservative Wendung des „Underclass“ –Begriffs hat in den USA eine heftige Kontroverse ausgelöst. Letztlich führte sie dazu, dass diejenigen, die an der kritischen Intention des Begriffs festhalten, sich mittlerweile von seiner Verwendung distanzieren. Im politisch-ideologischen Kontext der USA sprechen für diesen Schritt gute Gründe. Die Kehrseite allerdings besteht in der Gefahr einer gewissen Begriffslosigkeit. Denn über „die Sache selbst“, die neue soziale Qualität anhaltender Armut und den Sachverhalt struktureller Ausgrenzung, muss nach wie vor gesprochen werden. Gerade die schärfsten Kritiker des gewendeten „Underclass“ –Begriffs machen dies deutlich. Das Problem der angemessenen, gegen in Verruf bringende Aneignung herrenloser Güter, gefeiten Sprache ist bislang nicht gelöst. Weder durch die Flucht in Anführungszeichen, noch durch neue Begriffe („undercaste“ bei Gans 1993b), noch durch die möglichst enge empirische Beschreibung des dargestellten Phänomens auf Kosten der analytischen Verallgemeinerung (wie im Begriff der „ghetto poor“ bei Wilson 1991). Vielleicht gibt es auf dieses Problem auch keine überzeugende, eindeutige Antwort. Liegt es doch in der Natur der Sache, dass soziologische Kategorien, die gesellschaftliche Spaltungen benennen, zugleich politisch besetzt und umkämpft sind. Umso wichtiger wird es jedoch, ihre Verwendung anhand der empirisch gemeinten Realität genau zu explizieren.

3. Empirische Annäherung: Wer wird ausgegrenzt, in welcher Weise und mit welchen gesellschaftlichen Folgen?

Die Fruchtbarkeit der Kategorien „Ausgrenzung“ und „Underclass“ soll im folgenden daran gemessen werden, welche Fragen sie an die gesellschaftliche Realität zu richten erlauben, wie sie sich empirisch handhaben lassen und welche Erkenntnisgewinne durch sie zu erzielen sind. Werden sie dieser Prüfung unterzogen, zeigen sich auch die ungelösten Probleme, die weiterer theoretischer Überlegung und empirischer Forschung bedürfen. Es sind vor allem vier Fragen, mit denen sich die internationale Forschung zur „Ausgrenzung“ und zur „Underclass“ auseinandersetzt: Wer ist von sozialer Ausgrenzung infolge der gegenwärtigen Beschäftigungskrise betroffen? Was bedeutet soziale Ausgrenzung für die Gesellschaft? Was für die Betroffenen selbst? Wie scharf ist der Bruch zwischen „innen“ und „außen“?

3.1 Wer ist von Ausgrenzung bedroht?

Die Antwort ist vielfältig. Mindestens fünf Gruppen lassen sich unterscheiden, die in der Diskussion besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen:

- In den USA konzentriert sich die Diskussion über die „Underclass“ auf die schwarze und puertoricanische Bevölkerung in den Armenvierteln der Großstädte. Dabei steht die Beschäftigungskrise in ihren direkten wie indirekten Folgen zur Debatte: direkt macht sie sich im Rückzug vieler erwerbsfähiger Männer vom Arbeitsmarkt bemerkbar, indirekt in der wachsenden Armut alleinerziehender Mütter (vgl. die mittlerweile schon „klassische“ Studie von Wilson 1987); zu einer kritischen Diskussion seiner Befunde. Die weitgehende soziale und ethnische/rassische Homogenität der Stadtviertel ist eine historische Besonderheit, die in den letzten Jahrzehnten zugenommen hat (vgl. Wilson 1987). Allenfalls in England scheint die gettoisierte Armut von Teilen der schwarzen Bevölkerung ähnliche Züge anzunehmen, wenngleich in geringerem Ausmaß, und auch dort wird der „Underclass“ -Begriff bisweilen mit Blick auf diese besondere Gruppe verwendet (vgl. Dahrendorf 1988).
- Die Diskussion über „exclusion“ und „les exclus“ in Frankreich bezieht sich in erster Linie auf Arbeitslose und Jugendarbeitslosigkeit. Vornehmlich, aber nicht ausschließlich handelt es sich um Immigranten der zweiten Generation. Auch hier spielt der räumliche Aspekt, die soziale Isolation in den sozial schwachen Wohngebieten der Großstädte, ein besondere Rolle. Ähnliche Konstellationen räumlich konzentrierter Jugendarbeitslosigkeit mit einem hohen Anteil ausländischer Jugendlicher finden sich auch in anderen europäischen Ländern, etwa in Städten Großbritanniens. Die Jugendarbeitslosigkeit hängt zum größten Teil mit der Bedeutung der Schule und des Bildungswesens zusammen, da in verschiedenen Länder nicht jeder die Möglichkeit auf eine angemessene Bildung hat. Schulische und Berufliche Qualifikation wurden im Laufe der Zeit immer wichtiger.
- Ein großer Teil der europäischen Literatur über „social exclusion“, „Underclass“ und „soziale Ausgrenzung“ gilt überdies den Langzeitarbeitslosen, vor allem den Älteren, die bereits einen längeren Berufsweg hinter sich haben .
- Bisweilen wird „Underclass“ zum Sammelbegriff für „Randgruppen“ im traditionellen Sinn, für Obdachlose und Arme, die aus den verschiedensten Gründen in diese Lage geraten sind. Der Bezug zur gegenwärtigen Beschäftigungskrise besteht darin, dass Arbeitslosigkeit als Armutsursache seit den 80er Jahren eine immer größere Rolle spielt. Darüber hinaus wird es für Bevölkerungsgruppen, die zum Überleben an den Rändern der Arbeitsgesellschaft immer schon auf Gelegenheitsjobs angewiesen waren. Es ist auch zunehmend schwieriger, solche Jobs zu finden.
- Als weiteres werden die illegalen Immigranten zu den Ausgeschlossenen oder der Underclass gezählt.

Personen mit erhöhtem Ausgrenzungsrisiko sind solche, bei denen die hoher Belastung durch die Arbeitsmarktsituation durch stabile finanzielle Situation und soziales Umfeld teilweise kompensiert wird. Wo der Schutz durch hohe Aktivität am Arbeitsmarkt, eine Partnerschaft oder vom sonstigen sozialen Umfeld eher fehlt. Diese Personen sind meistens in einem nicht mehr intakten sozialen Umfeld aufgewachsen und haben auch nicht ein so hohes Bildungsniveau (Haupt- oder Realschulabschluss).

Personen mit geringem Ausgrenzungsrisiko weisen kaum Merkmale sozialer Ausgrenzung auf. Sie verfügen über ein höheres Qualifikationsniveau, bessere (auch: wahrgenommene) Chancen am Arbeitsmarkt, sind ökonomisch abgesichert und zeigen hohes Engagement in der Planung ihrer Zukunft. Dieses Personenfeld ist meist in einem vollständigen sozialen Umfeld (Familie) aufgewachsen, leben in einer gesicherten Partnerschaft abgeschlossene Berufsausbildung.

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Details

Seiten
40
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638194068
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v13871
Institution / Hochschule
Fachhochschule Bielefeld – FB Sozialpädagogik
Note
1,3
Schlagworte
Soziale Ausgrenzung

Autor

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Titel: Soziale Ausgrenzung