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Lessings Position im Fragmentstreit und seine Religionsidee im "Nathan der Weise"

Hausarbeit 2008 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Der Deismus

3. Der Fragmentstreit
3.1. Entstehung und Verlauf
3.2. Reimarus Thesen und Lessings Position
3.3. Lessings Kontroverse mit Goeze
3.4. Die Elf Anti-Goeze Streitschrifte

4. Deistische Positionen in "Nathan der Weise"
4.1. Lessings Darstellung und Bedeutung der Religion
4.2. Forderungen Lessings
4.3. Wirkung des Dramas Nathan der Weise

5. Fazit

6. Bibliografie

1. Einleitung

Im Rahmen dieser Hausarbeit möchte ich mein vorgetragenes Referat in seinem Schwerpunktthema – der Fragmentstreit zwischen Lessing und Goeze – vertiefen und ausarbeiten. Dazu werde ich zunächst versuchen den Verlauf des Fragmentstreites, welcher Auslöser weitreichender Kontroversen war und sehr zur Entstehung des Dramas Nathan der Weise beitrug, zu skizzieren. Ich werde bei der Darstellung des Fragmentstreits das Hauptaugenmerk auf die von Lessing vertretende Position legen, sowie seine „Streitgespräche“ mit dem Pastor Goeze betrachten. Im Anschluss daran möchte ich versuchen mit den erhaltenden Informationen zu verdeutlichen, warum Lessing das Drama Nathan der Weise geschrieben hat und welche religiösen Sichtweisen dort vertreten werden. Natürlich dürfen in diesem Zusammenhang nicht die Forderungen Lessings an die Menschen fehlen, sowie eine kurze Beschreibung des vertretenden Deismus.

Ich erhoffe mir mit dieser Hausarbeit einen besseren Überblick über den religiösen Hintergrund Lessings zu verschaffen, um mit den erhaltenen Informationen eine der verschiedenen Sichtweisen der Menschen auf Glaube und Religion der damaligen Epoche kennen zu lernen. Das Drama Nathan der Weise ist mir während meiner schulischen und studentischen Laufbahn schon oft begegnet und hat mich immer wieder auf ein Neues in seinen Bann gezogen. Nun möchte ich mit dem langsam wachsendem theologischen Wissen und den gelernten literarischen Analysen versuchen zu verstehen, warum Lessing genau dieses Drama in jener Zeit geschrieben hat und welche Bedeutung es für die damalige Gesellschaft hatte.

2. Der Deismus

Da der Deismus mitunter die Grundlage für Lessings Handeln darstellt, sollte zunächst geklärt werden, was sich hinter dieser speziellen Glaubensauffassung verbirgt.

Im Allgemeinen bezeichnet man den Deismus als den Glauben an Gott aus Gründen der Vernunft. Die Vertreter dieser freidenkerischen Glaubensströmung glauben zwar an die Schöpfung der Erde und des Universums durch Gott, aber sie gehen auch davon aus, dass Gott keinen Einfluss mehr auf die Geschehnisse nach der Erschaffung nahm oder nimmt. Die Hochzeit dieser Gottesauffassung fällt ins 18. Jahrhundert und teilt sich in drei verschiedene Umsetzungen auf: der aprioristische, der empirisch positive und der empirisch negative Deismus[1]. Dabei stellt der aprioristische Deismus die leichteste Form dieses religiösen Denkens dar, in welcher man kritisch gegenüber der „Möglichkeit des Irrationalen, der Magie und des Aberglaubens“[2] eingestellt ist. Nur Gottes Unveränderlichkeit und Einzigartigkeit finden Platz in den Gedanken der aprioristischen Deisten, welche den Gebrauch der Vernunft bei den Menschen als Grundlage betrachten. Der empirische Deismus ist leicht zu verwechseln mit dem heutigen Atheismus, da man nach empirischen Auffassungen alles unter den Gedanken der Gesetz-mäßigkeit fasst und so die Gottesidee nach und nach verblassen lässt. Danach greift die Transzendenz Gott nur noch gelegentlich und kaum merkbar in die von ihr geschaffene Welt ein und wird von der Wissenschaft als überflüssig betrachtet.[3]

Die deistische Gottesauffassung entstand im 17. Jahrhundert in England durch den Begründer Edward Lord, welcher die Wahrheit der Religionen suchte. Er fordert – wie viele seiner Mitstreiter – im Sinne des Rationalismus eine religiöse Toleranz. Die wurde vor allem nach der Spaltung des Christentums in Europa sehr wichtig, denn nun hatten die Menschen die Freiheit sich zu entscheiden, welcher Konfession sie angehören wollten. Die Rationalisten forderten in diesem Zusammenhang Argumente, wodurch die christlichen Offenbarungen denn beglaubigt seien und sie wollten wissen inwiefern die Offenbarung das Wort Gottes enthielt. Gawlick formuliert eine Beschreibung der Beweggründe der Deisten passend:

„Bei den Beweisen für die Wahrheit der christlichen Religion tauchten jedoch Schwierigkeiten auf, und es gab eine Reihe von Leuten, die sie nicht für überzeugend hielten. Diese mussten, wenn sie ihrem Rationalismus treu waren, bei dem Bekenntnis zu Gott stehen bleiben und dem Christentum die Zustimmung versagen. Es waren die Deisten.“[4]

Doch damit entsteht für die Gesellschaft eine große Bedeutung an Deisten, da diese nämlich dem Prinzip treu waren, dass gutes Handeln vor dem Glauben zu sehen sei. Die Deisten leisteten also einen immensen Beitrag zur Theorie der Toleranz und fordern, dass der Mensch erst nach der Moralität und dann nach der Offenbarungsreligion handeln solle. Demnach agiert jeder Mensch richtig, wenn er seiner Vernunft folgt und den Pflichten gegenüber seinen Mitmenschen nach-kommt. Und erst wenn die Moralität vor der Offenbarungsreligion steht, dann können sich die Menschen gegenseitig tolerieren.

Es ist schwer einen roten Faden in der Geschichte der Deisten zu finden. Grundlage ist jedoch die Ansicht über das religiöse Gesetz als ein Menschenwerk, welches seinen Ursprung in der Natur und dem Humanismus hat und „das alle Menschen in gegenseitiger Liebe verbindet“[5]. Dabei werden die Offenbarungs-religionen nicht zwingend verdrängt, sondern vielmehr von den Deisten akzeptiert, soweit die Lehren dieser Religionen mit den Vorschriften der natürlichen Religion übereinstimmen. Lessing deutete die Offenbarung als eine göttliche Erziehung des Menschengeschlechtes und vollendete seine Gedanken in seinem veröffentlichten Werk Die Erziehung des Menschengeschlechts. Über einem komplexen Entwicklungsprozess kamen die deistischen Gedanken von England nach Hamburg und wurden in Deutschland vor allem von Herman Samuel Reimarus vertreten.[6] Gawlick nennt Reimarus einen der bedeutendsten Vertreter des Deismus und erklärt, dass dieser als Repräsentant der Spätphase des Deismus auf die Ergebnisse seiner Vorgänger zurückgreift, diese zusammenfasst und systematisiert.[7]

Reimarus versteht unter den vernünftigen Verehrern Gottes die Bekenner einer vernünftigen Religion, d.h. dass „alle ihre Aussagen über das Dasein und Wesen Gottes auf Vernunfterkenntnis gegründet“[8] sind. Demnach stellt er der bekannten offenbarten Religion die Auffassung einer vernünftigen Religion gegenüber. Er sieht nach den Regeln der Vernunft Widersprüche in der Bibel und warnt vor den alt- und neutestamentlichen Offenbarungsträger, da diese wohl moralisch falsch agieren würden um ihre Ziele erreichen zu wollen. Weiter stellt er fest, dass sich in dem Alten Testament nichts von einer natürlichen Religion befindet, sondern dass alles unter dem Aspekt des Aberglaubens verfasst wurde. Trotz alledem fühlt sich Reimarus nicht als Gegner der Religion, sondern er will sie lediglich moralisch richtig verstanden wissen. Doch noch während seiner Lebzeit hält er seine Zeitgenossen noch für zu widersprüchlich in ihrer eigenen Haltung, als das diese in der Lage wären die Bibel kritisch zu betrachten.[9]

3. Der Fragmentstreit

3.1. Entstehung und Verlauf

Zu Beginn muss erwähnt werden, dass Lessing in einer christlichen Familie aufwuchs und auf Wunsch der Eltern sogar ein Jahr lang Theologie studierte. Obwohl ihn die Faszination zum Theater dazu brachte das Studium abzubrechen, hatte dies keinen Einfluss auf seinen stetig anhaltenden Wissensdurst in dem Themenbereich Theologie. Lessing erhält nach dem Tode des Freundes Hermann Samuel Reimarus einige Textauszüge aus dessen Nachlass überreicht, welche das bibelkritische Lebenswerk des Professors darstellen. Dieses nie veröffentlichte Werk – aus Angst, dass die eigenen Kinder ihr Ansehen in der Gesellschaft verlieren könnten – nannte Reimarus: Apologie oder Schutzschrift für vernünftige Verehrer Gottes.[10] Lessing erhält von den Kindern des Professors die Erlaubnis die deistische Schrift teilweise zu veröffentlichen, wenn jedoch der Namen des Vaters dabei ungenannt bliebe. Und so erscheint 1774 der Erstdruck: Fragment eines Ungenannten, welches Lessing Von Duldung des Deisten nennt.[11] Lessing erklärt, dass er die Texte in der Wolfenbüttler Bibliothek gefunden hätte, in der er zu dieser Zeit als Bibliothekar tätig war. Zu jedem veröffentlichten Fragment verfasst Lessing Schriften, die Gegensätze des Herausgebers, welche zeigen, dass er von den verwendeten Textstücken die er zur Veröffentlichung gewählt hat keine zufällige Wahl getroffen hat.[12]

[...]


[1] Vgl. I.T. Ramsey: Deismus II. Begrifflich. Sp. 58f.

[2] I.T. Ramsey: Deismus II. Begrifflich. Sp. 58.

[3] Ebd. Sp. 59.

[4] Gawlick: Der Deismus als Grundzug der Religionsphilosophie der Aufklärung. Seite 28.

[5] Gawlick: Der Deismus als Grundzug der Religionsphilosophie der Aufklärung. S. 16.

[6] Schmidt: Deismus III. Englischer Deismus. Sp. 59ff. .

[7] Vgl. Gawlick: Der Deismus als Grundzug der Religionsphilosophie der Aufklärung. S. 43.

[8] Gawlick: Der Deismus als Grundzug der Religionsphilosophie der Aufklärung. S. 15.

[9] Reventlow: Das Arsenal der Bibelkritik des Reimarus. S. 58.

[10] Monika Fick: Lessing-Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. 2.Auflage. Stuttgart 2004. Seite 344.

[11] Edb.

[12] Wilfried Barner u.a.: Lessing. Epoche-Werk-Wirkung. 5.Auflage. München 1987. Seite 290.

Details

Seiten
17
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640476435
ISBN (Buch)
9783640476527
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v138425
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
2,7
Schlagworte
Lessings Position Fragmentstreit Religionsidee Nathan Weise

Autor

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Titel: Lessings Position im Fragmentstreit und seine Religionsidee im "Nathan der Weise"