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Europäische und nationale Identität

Magisterarbeit 2009 88 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Die Krise der EU
1.2 Der Begriff der europäischen Identität
1.3 Fragestellung und Gang der Untersuchung

2. Die Sprachfrage
2.1 Sprache und Identität
2.2 Sprachpolitik im Zeitalter des Nationalstaats
2.3 Sprache und Sprachpolitik in der EU
2.3.1 Amts- und Arbeitssprachen
2.3.2 Die 2±1-Sprachkonstellation
2.3.3 Das EU-Modell der zweiten Muttersprache

3. Die Bedeutung der Kommunikationsgemeinschaft

4. Das Problem des Demokratiedefizits
4.1 Die institutionelle Variante
4.2 Der substantielle Ansatz

5. Das Projekt der Europäischen Verfassung
5.1 Stärkung des Leistungsgedankens
5.2 Förderung des Partizipationsgedankens

6. Identitätsformen und -modelle
6.1 Europäische und nationale Identität
6.2 Verfassungspatriotismus
6.3 Transnationale Staatsbürgerschaft

7. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Eidesstattliche Erklärung zur Magisterarbeit

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Osterweiterung 2004

Abb. 2: Politisches System der EU

Abb. 3: Europäisches Parlament

Abb. 4: ‚European family of cultures’

1. Einleitung

1.1 Die Krise der EU

Im Juni 2008 entschieden die Nein-Stimmen von wenigen zehntausend irischen Wählern über das Scheitern der Verfassung für Europa und das vorläufige Ende des Integrationsprozesses der Europäischen Union (EU).[1] Die erneute Ablehnung der EU-Verfassung – ein erster Anlauf endete bereits 2004 erfolglos – in der einzigen Volksabstimmung, die in den 27 Mitgliedsländern anberaumt wurde, hat die tiefe Krise offenbart, in der sich die Union derzeit befindet. Jahrzehntelang wurden die Geschicke der EU von den Staats- und Regierungschefs fernab der Öffentlichkeit hinter verschlossenen Türen in Brüsseler Konferenzsälen bestimmt. Dieser „wohlwollende Despotismus“ (Jacques Delors) stieß vor allem dank seiner positiven ökonomischen Bilanz auf die stille Zustimmung der Bevölkerung, deren Aufmerksamkeit aber ansonsten auf den nationalen Schauplatz gerichtet blieb, und die sich dem europäischen Projekt gegenüber insgesamt passiv und indifferent verhielt. Spätestens im Zuge der großen Erweiterungsrunden jedoch, in deren Verlauf die Zahl der EU-Mitglieder binnen weniger Jahre auf mehr als das Doppelte angewachsen ist,[2] hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, daß der konsensuale Politikstil, der in der Vergangenheit erheblich zur Akzeptanz der EU beitrug, sich zusehends in einer Politik der kleinsten Schritte erschöpft hat, und daß die politische Struktur der EU, die im Kern noch aus der Zeit der sechs Gründerstaaten herrührt, dringend einer Anpassung an die veränderten Rahmenbedingungen bedarf.

Aber nicht nur bei der Erweiterung, sondern ebenso auch bei der Vertiefung der Union ist man an neue Grenzen gestoßen. In gewisser Weise ist die EU hier das Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden, denn mit der Einführung der Wirtschafts- und Währungsunion 2002 kann die Vergemeinschaftung der EU auf dem Feld der Wirtschaftspolitik als weitgehend abgeschlossen gelten. Dies bedeutet, daß der Integrationsprozess in Zukunft auch bislang ausgeklammerte Kernbereiche der nationalen Souveränität einbeziehen muß, was im Klartext freilich nichts anderes heißt, als daß der Nationalstaat weitere Hoheitsrechte an die sogenannte Eurokratie in Brüssel abtreten muß. Genau dieser Kompetenzabfluß wird aber von vielen Menschen, denen häufig schon die bisherigen Zugeständnisse zu weit gehen, als eine Attacke auf die eigene Nation und Kultur empfunden und mit entsprechendem Widerstand bedacht.

All dies weist darauf hin, daß der Integrationsprozess mittlerweile in eine Phase getreten ist, in der die herkömmlichen Legitimationsmechanismen weithin als unzureichend betrachtet werden. Die Mißerfolge und Stagnation der letzten Jahre lassen nur den Schluß zu, daß die EU zur Zeit nicht das notwendige Maß an Unterstützung in der Bevölkerung besitzt, um die von ihr verfolgten ehrgeizigen Integrationsziele zu erreichen. In der wissenschaftlichen Diskussion ist man geteilter Auffassung, wie die Kluft zwischen der EU und ihren Bürgern zu überbrücken ist: Eine Denkschule diagnostiziert den Brüsseler Institutionen ein ausgesprochenes Demokratiedefizit und fordert deshalb größere Partizipationsmöglichkeiten für das Wahlvolk, etwa über ein erweitertes Mitspracherecht des EU-Parlaments, da nur auf dem Wege der politischen Einbindung der Bürger Loyalitäten für das neue Staatsgebilde der EU erzeugt werden könnten. Dagegen hält der sogenannte substantielle Ansatz eine Demokratisierung der EU zwar ebenfalls für normativ richtig, ist aber der Überzeugung, daß dieses Unterfangen in der Praxis nicht zu realisieren sei, da die unerläßliche Voraussetzung dafür, die Existenz einer gemeinsamen europäischen Identität, einfach nicht gegeben sei:

There can be no European democracy because there is no European public sphere; there can be no public sphere because there is no European people (in the sense of a demos possessing a collective identity that would serve as a frame for political unity); and there can be no European people because there is no common European language.[3]

1.2 Der Begriff der europäischen Identität

Der Begriff der Identität wird in der vorliegenden Arbeit im normalen Wortsinn benutzt, also in positiver Definition als das „Gesamt der Antworten auf die Fragen: Wer bin ich? Wer sind wir?“[4] und in negativer Abgrenzung als das, was eine Person oder Institution von anderen Personen oder Institutionen unterscheidet. Als europäische Identität bezeichne ich die Selbstidentifizierung von Bürgern und Staaten in Europa als europäische Bürger bzw. Staaten. Dabei erachte ich die Organisation der Europäischen Union als die natürliche Interessensvertretung der Europäer,[5] und gehe von der Prämisse aus, daß der staatliche Zusammenschluß der europäischen Völker, ob als Staatenbund oder Bundesstaat, historisch notwendig und normativ richtig ist, sofern er sich in Form und Gehalt einer Demokratie bewegt. Die häufig zelebrierte historische Singularität der EU zeigt aber auch, daß es bislang noch keiner supranationalen Organisation gelungen ist, die Menschen emotional in einer mit dem Nationalstaat vergleichbaren Weise an sich zu binden. Dies gilt namentlich für demokratisch verfaßte Staatswesen, bei denen es, wie Scharpf treffend anmerkt, „demokratische Legitimität oberhalb der Ebene des Nationalstaats noch nicht gegeben“ hat.[6]

So ist das größte Problem der europäischen Identität der Mangel an derselben. Denn die EU ist keine geschichtlich gewachsene Gemeinschaft, sondern eine Union selbständiger Nationalstaaten, die über jeweils eigene Kommunikationsräume verfügen, in denen in eigenen Nationalsprachen eigene Nationalmythen gepflegt und -helden verehrt werden, in denen man sich selbst der Lebendigkeit der nationalen Eigenheiten versichert, und in deren Kollektivgedächtnis die Erinnerung und Erfahrung politischer Unabhängigkeit und kultureller Eigenständigkeit tief verankert ist. Andererseits aber muß der Nationalstaat nach wie vor als der bedeutendste Akteur im Vergemeinschaftungsprozess gelten; beides zugleich zu sein, der wichtigste Antreiber und das größte Hindernis, ist und bleibt sein Dilemma in der EU.

Die fortdauernde Vitalität der nationalen Idee und der notwendig experimentelle Charakter des EU-Integrationsprozesses (Stichwort „Neuland betreten“) erklären auch, warum der derzeitige Diskurs immer noch in der Sprache und den Begrifflichkeiten des Nationalismus und der Nationalidentität geführt wird. Es existiert bis heute nicht einmal ansatzweise das wissenschaftliche Vokabular, das erforderlich wäre, um das Phänomen der europäischen Identität hinreichend zu analysieren. So können wir Nationalismus definieren als „primarily a principle which holds that the political and national unit should be congruent”,[7] aber ein entsprechender Begriff für die höhere, europäische Ebene fehlt gänzlich (EU-ismus? Europäismus? Kontinentalismus?). Ja, die Frage ist sogar, ob man europäische Identität überhaupt als Entsprechungssystem zur nationalen Ideologie auffassen soll, oder man damit nicht ein Phänomen sui generis in ein fremdes begriffliches Korsett zwingen würde. In diesem Fall wäre es nicht einfach damit getan, neue Ausdrücke zu erfinden und mit Inhalten zu füllen, sondern das gesamte begriffliche Koordinatensystem des ‚Europäismus’ müßte neu aufgezogen werden. Die Schwierigkeit, das europäische Identitätsbewußtsein zu konzeptualisieren und in Beziehung zur parallel dazu fortbestehenden Nationalidentität zu setzen, bleibt in jedem Fall eine Herausforderung für die politische Philosophie und das Feld der Europa-Studien.

1.3 Fragestellung und Gang der Untersuchung

Vor dem Hintergrund des Vorstehenden lautet meine Fragestellung: Was sind die größten Hindernisse, die der Herausbildung einer europäischen Identität entgegenstehen (Kap. 2–4), und welche Lösungsansätze werden zur Überwindung dieser Hürden vorgeschlagen (Kap. 5)? Eignen der Verfassungspatriotismus und die transnationale Staatsbürgerschaft sich als alternative Identifikationsmodelle zur Nationalidentität (Kap. 6)?

Der Gang der Untersuchung erfolgt in drei Hauptschritten: In den Kapiteln 2–4 beschäftige ich mich zunächst mit der besonderen Bedeutung der Sprache bei der Ausformung der modernen Nation sowie der Haltung Brüssels zur gegenwärtigen Sprachenvielfalt in der EU; in diesem Zusammenhang sollen auch zwei Prognosen bzw. Vorschläge für die zukünftige Sprachstruktur der Union näher betrachtet werden (Kap. 2). Danach wende ich mich der Frage zu, welche Rahmenbedingungen über die reine Sprachbeherrschung hinaus geschaffen werden müssen, damit die nationalen Kommunikationsräume zu einer funktionierenden europaweiten Kommunikationsgemeinschaft zusammenwachsen können (Kap. 3). Darauf werden zwei Erklärungsansätze für das unstrittig vorhandene Demokratiedefizit der EU vorgestellt und analysiert (Kap. 4). Die drei genannten Themenbereiche stehen in einem gewissen Verhältnis von Ursache und Wirkung zueinander, d.h. die bestehenden Sprachbarrieren sind in hohem Maße für das Fehlen einer paneuropäischen Kommunikationsgemeinschaft verantwortlich, was wiederum einen Hauptgrund für die mangelhafte Ausprägung der europäischen Demokratie darstellt.

Die Versuche der EU, mit Hilfe der Einführung einer Europäischen Verfassung die Demokratisierung der Union voranzutreiben und dem Integrationsprozess eine neue Qualität zu verleihen, werden im 5. Kapitel behandelt.

In Kapitel 6 kontrastiere ich die europäische Idee mit der nationalen und gehe der Frage nach, wie beide Loyalitätsebenen als Teile einer multiplen Identität miteinander vereinbart werden können. Abschließend sollen mit dem Verfassungspatriotismus und der Transnationalen Staatsbürgerschaft zwei politische Entwürfe im Hinblick auf ihre Tauglichkeit als europäische Identifikationsmodelle untersucht werden.

2. Die Sprachfrage

2.1 Sprache und Identität

„The tie of language is perhaps the strongest and most durable that can unite mankind.“[8] Bereits Tocqueville gelangte zu der Ansicht, daß kaum ein Wesensmerkmal die kulturelle Identität eines Menschen so sehr prägt wie seine Sprache; sie ist das Medium, mit dem das Subjekt in den Kommunikationszusammenhang mit seinen Mitmenschen eintritt, also zu einem sozialen Wesen wird. Die Arbitrarität aller Sprache, d.h. die Willkürlichkeit der Verbindung zwischen einer bestimmten Lautfolge und einer bestimmten Bedeutung, bewirkt dabei jedoch die Einteilung der Sprachträger in In- und Outgroups: Während innerhalb der Sprachgemeinschaft der freie Kommunikationsfluß die soziale Interaktion ermöglicht und intensiviert, erweist sich bei gruppenübergreifenden Kontakten das Fehlen gemeinsamer Sprachkonventionen in nicht minder großem Maße als Barriere. Die notwendige Voraussetzung für komplexe Kommunikation ist der Besitz einer gemeinsamen Sprache, und obgleich dies alleine noch nicht ausreicht, der Gruppe ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu verleihen, steuert es doch zweifelsohne den wichtigsten Beitrag dazu bei. Sprache ist allen anderen Identitätsmerkmalen wie Religion, Ethnie, soziale Klasse usw. gewissermaßen vorgeschaltet: erst ihre Verwendung vermittelt diesen Kategorien ihre Sinnfälligkeit und verhilft ihnen so zu einer wie auch immer gearteten kulturellen und politischen Eigenwirkung.

2.2 Sprachpolitik im Zeitalter des Nationalstaats

Angesichts dieser elementaren Rolle muß es alles andere als verwundern, daß die Sprachenfrage in der EU als ein Politikum ersten Ranges angesehen wird. Dabei wird die potentielle Sprengkraft des ohnehin sensiblen Themas durch die ungewöhnlich große Sprachenvielfalt des Kontinents und die eminente Bedeutung der Sprache bei der Entstehung der europäischen Nationalstaaten potenziert.[9] Im folgenden soll dieses Spannungsverhältnis zwischen der althergebrachten Vielsprachigkeit Europas, dem „babylonischen Sprachengewirr“[10], und der Zukunft des EU-Integrationsprozesses im Mittelpunkt stehen, wobei ich mich konkret mit der Frage beschäftige, welche Rolle der Sprache beim Aufbau der Vereinigten Staaten von Europa und einer paneuropäischen Identität zukommen wird. Dazu werfe ich zunächst einen Blick zurück auf den Einfluß, den die Idee einer Nationalsprache auf die Herausbildung der modernen Nationalkulturen seit 1789 gehabt hat.

Historisch läßt sich der Entstehungs- und Konsolidierungsprozess der westeuropäischen Nationalstaaten in vier Phasen unterteilen:

1. Penetration of a territory by a political centre (state-building)
2. Cultural standardization of this territory (nation-building)
3. Extension of citizens’ rights to political participation (democratization)
4. Political redistribution of economic resources (creation of welfare state systems)[11]

Diese idealtypische Abfolge entspricht der politischen Entwicklung einer sogenannten Staatsnation, in der der Schaffung eines einheitlichen Kultur- und Sprachraumes (Punkt 2) oft jahrhundertelange Zentralisierungsbemühungen der Monarchie (Punkt 1) vorausgegangen waren. Als klassische Verkörperung einer Staatsnation wird häufig Frankreich angeführt, wo sich während der Französischen Revolution die Nation auf der Grundlage der Gleichheit aller zur Gemeinschaft aller politisch bewußten Staatsbürger erklärte.[12] Das Individuum erwarb seine Zugehörigkeit zur Nation durch sein Bekenntnis zu ihr; es wurde gleichberechtigtes Mitglied in der Nation, indem es seinen Willen kundtat, dazugehören zu wollen. Die Nation war in den Worten Ernest Renans un plébiscite de tous les jours,[13] eine Idee des Kopfes, ein „geistiges Prinzip“, das erst durch den gemeinschaftlichen Willen miteinander zusammenzuleben an objektiver Realität and Faßbarkeit gewann. Dementsprechend zeichnete der citoyen sich in erster Linie auch durch seine republikanische Gesinnung, seine Bejahung der Werte der Revolution und weniger durch seine Sprache und Kultur aus.

Im zersplitterten Deutschland nahm die historische Entwicklung hingegen den umgekehrten Verlauf.[14] Hier fehlte dem langsam wachsenden Nationalbewußtsein jeglicher Rückhalt an einem eigenen Staatswesen, in dem die Nation sich hätte wiederfinden und weiterentwickeln können. Einen Ausweg aus dieser Orientierungslosigkeit bot Herders Idee der Kulturnation, die sich an Kriterien festmachte, die unabhängig von der politischen Verfaßtheit Deutschlands vorlagen: Nicht das subjektive Bekenntnis zur Nation sollte das entscheidende Kriterium für die Bestimmung der Staatsangehörigkeit sein, sondern stattdessen die Verwendung einer gemeinsamen Sprache und das Gefühl der Zusammengehörigkeit, das sich aus der Teilhabe an einer gemeinsamen Kultur ergab. Kurzum: „Das deutsche Vaterland ist überall dort, wo deutsch gesprochen wird.“[15] Als derart objektives Merkmal aufgefaßt, konstituierte sich die deutsche Nation – anders als ihre französische Nachbarin – unabhängig vom Willen ihrer Mitglieder, denn „wessen Muttersprache deutsch war, der war unentrinnbar und zeitlebens Deutscher“.[16] Es war nur die logische Kehrseite dieser Doktrin, daß damit auch jeder, der nicht Deutsch als Muttersprache beherrschte, nicht zur deutschen Nation zuzurechnen war. Deutscher zu sein war also eine Frage des Schicksals geworden und dementsprechend verstand sich die Nation auch als Schicksalsgemeinschaft, die durch das gemeinsame Band der Blutsverwandtschaft untrennbar miteinander verbunden war.[17]

Soweit die herkömmliche ideengeschichtliche Trennung von subjektiv-politischer und objektiv-kultureller Nationalidee – Ideen, die in der politischen Realität wohlgemerkt niemals in Reinform vorkamen, sondern sich im Fortgang der europäischen Geschichte gegenseitig beeinflußten, bereicherten und so überall auf dem Kontinent die ideologische Basis für den modernen Nationalstaat schufen.[18] Wie könnten sie sich für den heutigen europäischen Vereinigungsprozess fruchtbar machen lassen? Prima facie erscheint die flexiblere staatsbürgerliche Variante französischen Ursprungs dem multikulturellen Charakter des Kontinents weitaus angemessener als das enge Korsett des kulturell definierten Staatswesens. Ein näherer Blick verrät jedoch, daß auch dieses Modell keine Vorbildfunktion für Europas Zukunft beanspruchen kann, denn historisch betrachtet übten Staatsnationen einen genauso starken sprachlichen Anpassungsdruck auf ihre Bürger aus:

Sprachpolitisch ergaben sich im einem wie im anderen Fall oft ähnliche Effekte. Nationalstaaten waren im Allgemeinen bestrebt, sprachlich möglichst homogene Kommunikationsräume zu schaffen. Es scheint nicht allein dem Zufall zu verdanken zu sein, dass nur drei der 15 EU-Mitgliedstaaten Namen tragen, die nicht zugleich den Hinweis auf eine Sprache geben: Großbritannien, Österreich und Belgien.[19]

Das Streben nach effizienten und geordneten Verwaltungsabläufen im modernen Staatswesen – ein Prozess, den Max Weber „Rationalisierung“ nannte – machte überall den Zentralstaat zu einem Verfechter der Sprachvereinheitlichung auf seinem zumeist vielsprachigen Herrschaftsgebiet.[20] Sogar Länder mit besonders tief verwurzelten liberalen Traditionen wie Frankreich und die USA zeigten ausgeprägte Tendenzen zur ‚Sprachrationalisierung’. So wurde schon in der Frühphase der Französischen Revolution verfügt, daß alle Kinder in der Schule französisch, also den Zungenschlag der Île-de-France lesen und schreiben lernen sollten – aus heutiger Sicht eine quasi-koloniale Verfügung angesichts der Tatsache, daß in 68 der 83 Departements praktisch nur die Lokaldialekte, das Patois, oder gar völlig andere Sprachen wie das langue d’oc beherrscht wurden.[21] Der Uniformitätsdruck von oben – zunehmend gepaart mit patriotischer bis nationalistischer Indoktrination aus Paris – wurde in der französischen Provinz das ganze 19. Jh. hindurch aufrechterhalten, insbesondere durch die zwei landesweit etablierten Institutionen, die Schule und das Militär.[22] Frankreich bleibt bis heute das einzige Land in der EU, das seiner Staatssprache ausdrücklich Verfassungsrang zubilligt, und es hatte bis zum Jahr 2000 als einziger Unterzeichner noch nicht die Europäische Charta zum Schutz der Regional- und Minderheitensprachen ratifiziert.[23] Selbst die Vereinigten Staaten von Amerika, die sich ihrem Eigenverständnis nach besonders stark liberalen Werten verpflichtet fühlen, und deren ehemalige Bezeichnung als „Schmelztiegel“ der Völker gemeinhin Assoziationen einer freiwilligen Anpassungsleistung der Einwanderer hervorruft, besitzen seit 1996 aus Furcht vor Überfremdung eine offiziell festgelegte Landessprache.[24]

Daß den nationalen Vereinheitlichungsbestrebungen im Zeitalter der Nationalstaaten so rasch und gründlich Erfolg beschieden war, lag vor allem daran, daß beide Ansätze, der subjektiv-politische wie der objektiv-kulturelle, auf das Vorhandensein passiver, protonationaler Massen bauen konnten, deren Identität noch formbar war und die – jedenfalls nach Auffassung der politisch bewußten und literarisch aktiven Elite – nur der langersehnten Erweckung durch die nationale Idee harrten.[25] Ob dabei damals das gemeinsame Band der Sprache in der Kulturnation schon ‚vorgefunden’ wurde oder wie bei der Staatsnation erst durch einen politischen Willensakt geknüpft werden mußte, erweist sich im Rückblick als zweitrangig, denn in beiden Fällen drängte der Nationalstaat gleichermaßen beharrlich auf die sprachliche Homogenisierung seiner Bevölkerung.[26]

Da die EU, anders als der Nationalstaat damals, aber aus geschichtlich gereiften, kulturell selbst-bewußten und politisch selbständigen Völkern und Staaten besteht, kann es keinen Zweifel daran geben, daß die Neuauflage einer zentralstaatlichen Sprachpolitik auf nunmehr europäischer Ebene keine Option darstellen kann. Was im nationalen Rahmen im 19. Jh. funktionierte, wäre im supranationalen Klima des 21. Jahrhunderts schon im Ansatz unweigerlich zum Scheitern verurteilt. Ja, ein solcher Versuch würde geradezu als ein Frontalangriff auf das europäische Wertesystem aufgefaßt werden, das sprachliche und kulturelle Vielfalt als einen Wert an sich propagiert.

Der Rückgriff auf die Geschichte stellt also keine Lösungen für die Zukunft des europäischen Projekts bereit. Die europäischen Völker betreten politisches Neuland und die Europäische Union ist als ein politischer Entwurf sui generis aufzufassen, der eigene Wege gehen und Lösungen finden muß. Ein fataler Irrtum wäre dabei allerdings zu glauben, daß die Neuartigkeit des europäischen Projekts auch bedeuten würde, daß man es sich leisten könnte, die fundamentale, historisch sozusagen verifizierte Bedeutung der Sprache bei der Identitätsbildung zu ignorieren. Ich gehe im folgenden davon aus, daß der intime Zusammenhang zwischen Sprache und Identität auch im 21. Jahrhundert wirkmächtig bleiben wird. Im folgenden soll zunächst die aktuelle linguistische Situation in der EU vorgestellt werden, um dann auf zwei mögliche Zukunftsszenarien einzugehen.

2.3 Sprache und Sprachpolitik in der EU

2.3.1 Amts- und Arbeitssprachen

„The subject of languages has been the great non dit of European integration.”[27] Swaans Einschätzung bringt die offizielle (Zurück-)Haltung Brüssels in der Sprachenfrage auf den Punkt. Die ostentativ neutrale Position der EU-Institutionen beim Umgang mit der Sprachenvielfalt geht bereits auf die Anfänge der Union zurück. Bei der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) 1957, der Vorgängerorganisation der Europäischen Gemeinschaft (EG) und der EU, wurde festgelegt, daß die Amtssprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und Niederländisch seien.[28] Dieser Kompromiß, der den Landessprachen aller sechs damaligen Unterzeichnerstaaten (Deutschland, Frankreich, Italien, Niederlande, Belgien, Luxemburg) offiziellen Status gewährte, erschien damals unproblematisch, da er dem Streben der EWG nach Konsens und Gleichberechtigung zwischen ihren Mitgliedern Ausdruck verlieh. Einmal im Vertragswerk verankert, blieben beide Grundsätze in der Folge bei allen Erweiterungsrunden gültig. Das angewandte Prinzip der Addition der Nationalsprachen bewirkte jedoch, daß die Zahl der Amtssprachen in der EU von 4 auf 22 sprang,[29] wobei die Anzahl der möglichen Übersetzungskombinationen sich in schwindelerregende Höhen schraubte und bei jeder neuen Aufnahme überproportional wuchs (siehe Tab.1). So sorgte 2007 die Hinzunahme von zwei weiteren Amtssprachen, Bulgarisch und Rumänisch (Anstieg um 10%), für einen 22%igen Anstieg der von der EU-Verwaltung abzudeckenden Übersetzer- und Dolmetscherdienste. Angesichts dieser Zahlendynamik ist es nicht verwunderlich, daß bereits 1991 im Europa der Zwölf ca. 40% des Verwaltungsbudgets auf die Finanzierung der Vielsprachigkeit entfielen. Zwar relativieren sich diese auf den ersten Blick hoch erscheinenden Zahlen erheblich, wenn man berücksichtigt, daß der Anteil der Verwaltungskosten am gesamten EG-Etat damals nicht mehr als 2% betrug.[30] Aber es liegt auf der Hand, daß das Gebot der unbedingten Wahrung der Vielsprachigkeit der EU einen Zentralapparat geschaffen hat, dessen Komplexitätsgrad Weberschen Kriterien der bürokratischen Effizienz diametral widerspricht und den es in dieser Form in der Verwaltungsgeschichte wohl noch nicht gegeben hat. Dies ist umso offenkundiger, als daß selbst die Vereinten Nationen (UN), die aus knapp 190 Mitgliedernationen bestehen, sich lediglich sechs offizielle Sprachen leisten (Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch, Arabisch und Chinesisch).[31]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab.1: Institutionalisierte Vielsprachigkeit: Anstieg der Amtssprachen und der abzudeckenden Übersetzungskombinationen in der EU seit 1957[32]

Um den Kommunikationsfluß innerhalb der EU trotzdem gewährleisten zu können, haben sich in der Praxis auf den Korridoren und in den Sitzungsräumen frühzeitig Arbeitssprachen herausgebildet, die freilich im Gegensatz zu den offiziellen Amtssprachen nicht gemeinschaftlich fixiert sind.[33] Erste De-facto-Arbeitssprache wurde bei Gründung der EWG Französisch, was seinen dauerhaften Niederschlag auch in der Wahl des europäischen Dreiecks Brüssel (Sitz der Europäischen Kommission), Straßburg (Europäisches Parlament) und Luxemburg (Europäischer Gerichtshof) fand, drei Städten mit mehr oder minder frankophonem Charakter.[34]

Der langjährigen Dominanz des Französischen im institutionellen Europa steht jedoch seit einiger Zeit der Vormarsch des Englischen gegenüber, das nach übereinstimmender Ansicht aller Kommentatoren der Sprache Voltaires inzwischen den Rang als innereuropäisches Kommunikationsmittel abgelaufen hat.[35] Das Besondere am Trend zum Englischen ist, daß er – anders als die frühere Hegemonie des Französischen – weit über die engen Grenzen der EU-Organe hinausreicht und in der europäischen Bevölkerung auf breiter Front voranschreitet: So gaben 2006 in einer Umfrage von Eurobarometer 51% der Befragten an, Englisch zu beherrschen, im Vergleich zu jeweils nur 15% für Französisch und Deutsch –[36] und dies, obgleich in der Zwischenzeit das Deutsche durch den EU-Beitritt der neuen Bundesländer und Österreichs zur mit Abstand größten Gemeinschaft von Muttersprachlern herangewachsen war.[37] Noch deutlicher läßt sich die Entwicklung an einer Studie der Europäischen Kommission ablesen, aus der hervorgeht, daß bereits in den 1990er Jahren 83% der Schüler in der EU Englisch als Fremdsprache lernten, wohingegen der Anteil von Französisch und Deutsch bei lediglich 32% bzw. 16% lag.[38] Mit der Osterweiterung 2004 gilt dieser Trend, der nicht nur auf Kosten der Sprachen beiderseits des Rheins, sondern mindestens ebenso sehr zu Lasten der vielen kleineren geht, als „endgültig verfestigt“.[39] Es bedarf dabei keiner besonderen Betonung, daß der zunehmend konkurrenzlose Gebrauch des Englischen im internationalen Verkehr kein rein europäisches Phänomen darstellt, sondern als Teil einer weltweiten Entwicklung zu sehen ist.[40]

2.3.2 Die 2±1-Sprachkonstellation

Der Politikwissenschaftler David Laitin befaßt sich mit der Rolle der Sprache bei der Bildung eines zukünftigen europäischen Staates. Der starke Trend Richtung Einsprachigkeit und die Haltung der EU dazu faßt er kurz und bündig so zusammen: „English has become the virtual lingua franca of the EC. For political reasons, however, this social fact has not been officially acknowledged.”[41] Gleichzeitig aber werde die nationale Kommunikation nach wie vor ausschließlich in der jeweiligen Landessprache geführt. Hier, auf der Einzelstaatsebene, besitze die Leitvorstellung der Französischen Revolution ungebrochene Vitalität, daß Sprache und Nation kongruent seien, daß es also nur eine Nationalsprache gebe:

Whatever the trends toward a lingua franca, there is no evidence of any trend away from the state languages within state boundaries. In all EC countries, children learn their national languages first and go to school where these languages remain the principal media of instruction. Newspapers, TV, leisure-time reading, advertising, and official local and state services all continue to operate in the state languages. The rise of English in Europe has not displaced the state languages on any of the avenues of daily life.[42]

Basierend auf diesem ausgeprägten Gegensatz zwischen Verkehrs- und Nationalsprache(n), die in ihrer jeweils eigenen Domäne unangefochten herrschen, aber schwach bis gar nicht in der anderen vertreten sind, entwirft Laitin eine Konzeption, die der komplexen Situation Europas Rechnung tragen soll. Dabei geht es ihm um die Widerlegung der gängigen Annahme, daß die linguistische Vielfalt des Kontinents die höchste Hürde für das Entstehen einer europäischen Nation und einer gesamteuropäischen Identität darstellt.[43] Dagegen führt er die These ins Feld, daß auch in Zukunft der europäische Staat vielsprachig bleiben und auf einer Vielzahl unterschiedlicher kultureller Identitäten basieren werde. Trotzdem werde sich eine bestimmte, spezifisch europäische Sprachkonstellation herauskristallisieren, welche schließlich die neue Staatsidentität verkörpern werde. An welche Konstellation denkt Laitin und worauf basiert er seine Prognose?

Ausgangspunkt von Laitins Überlegungen ist seine Annahme, daß Staatswerdung („state-building“) sich in unserer heutigen Zeit nicht länger nach dem Muster der frühen europäischen Nationalstaatsbildung vollziehen werde. Richtungsweisend sei vielmehr das Beispiel postkolonialer Vielvölkerstaaten, von denen er exemplarisch Indien als Typus eines demokratischen, vielsprachigen Nationalstaats heraushebt. Dort, in der ethnischen Gemengelage des Subkontinents habe sich seit der Staatsgründung eine stabile „3±1“-Sprachkonstellation herausgebildet und bewährt:

English and Hindi are necessary languages for communicating with the central state. It is necessary as well to speak the language of the state in which you live. This makes for a 3-language outcome. A citizen of Tamil Nadu must learn English, Hindi, and Tamil to be able to operate in a wide range of activities within India. Those citizens who live in states where Hindi or English is the offical language need learn only 3-1 or 2 languages. Citizens who are language minorities in some states (e.g., Marathi speakers in Karnataka) must learn 3+1 or 4 languages: Hindi, English, Marathi, and Kannada (the state language of Karnataka). Thus, there is a range of from 2 to 4 (i.e., 3±1) languages that citizens must know. The resulting language constellation, unique to India, has become accepted by most groups in India, and therefore it is probable that India will remain a multilingual state.[44]

Auf europäische Verhältnisse übertragen, spricht Laitin von einem „2±1“-Modell. Die Zweier-Basis hebe auf die Notwendigkeit der Beherrschung sowohl der Landessprache als auch des Englischen ab, wie dies für einen Großteil der EU-Bürger gelte, so z.B. auch für deutsche Bundesbürger.[45] Für einen russischstämmigen Bürger in Estland bestünde das notwendige Repertoire sogar aus drei Sprachen, nämlich Russisch, Estnisch und Englisch, was in dieser Reihenfolge seine Ethnizität, seine Staatsangehörigkeit und seine Mitgliedschaft in Europa zum Ausdruck bringen würde (2+1=3). Für einen Engländer wäre dagegen bereits die Beherrschung des Englischen ausreichend, da seine Heimatsprache alle drei Identitäten gleichermaßen abdecken könnte (2-1=1). Die Entstehung dieser spezifischen linguistischen Konstellation sei keinesfalls nur als ein Zufallsprodukt anzusehen, sondern ergebe sich – ähnlich wie in Indien – mit einer gewissen Notwendigkeit aus dem komplexen Zusammenspiel der relevanten politischen Kräfte. Diese seien die Eurokraten, sprich die zentralistische Bürokratie symbolisiert im Schlagwort von „Brüssel“, die einzelnen EU-Mitgliedsländer, also die Bundesstaaten eines Europa-Staates von morgen, und die verschiedenen subnationalen Einheiten wie beispielsweise die deutschen Bundesländer oder die spanischen Comunidades Autónomas.

[...]


[1] Vgl. „EU-Reformvertrag. 53,4 Prozent Nein-Stimmen“, in: Die Zeit vom 13.06.2008. Online unter: http://www.zeit.de/online/2008/25/reformvertrag-veto-reaktionen (letztmalig abgerufen am 16.03.2009). Im folgenden werde ich aus Gründen der Einfachheit die Bezeichnung „EU“ auch für ihre direkten Vorgängerorganisationen, die EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft) und die EG (Europäische Gemeinschaft), verwenden.

[2] Von 12 (1994) auf 27 (seit 2007) Mitgliedstaaten (siehe Kapitel 2.3.1, Tab. 1)

[3] Kraus, Peter A.: „Political Unity and Linguistic Diversity in Europe”, in: Archives Européennes de Sociologie, Bd. 41, Nr. 1 (2000a), S.142f.

[4] Reinhold, Gerd (Hrsg.): „Soziologie-Lexikon“, München 1992, S.247

[5] Die vor allem von britischer Seite verfochtene Unterscheidung zwischen Europa in der „natürlichen Bedeutung des Wortes“ und dem als Kunstprodukt abgelehnten ‚Europa’ der EU und halte ich angesichts der letzten Beitrittswellen in Nord-, Süd- und Osteuropa für endgültig überholt (stellvertretend für diese Debatte: Malcolm, Noel: „The case against ‚Europe’”, in: Foreign Affairs, Bd. 74, Nr. 2 (1995), S.52–68). Allerdings darf man über die Dominanz der EU in der öffentlichen Wahrnehmung nicht vergessen, daß auch andere internationale Organisationen, die teilweise erheblich mehr Mitglieder besitzen, gesamteuropäische Interessen vertreten, wie z.B. der Europarat (47 Teilnehmerländer), die OSZE (56 Unterzeichnerstaaten) und auch die NATO (23 europäische Mitgliedsländer).

[6] Scharpf, Fritz W.: „Europäisches Demokratiedefizit und deutscher Föderalismus“, in: Staatswissenschaften und Staatspraxis, Bd. 3 (1992), S.296

[7] Gellner, Ernest: „Nations and Nationalism“, Oxford 1983, S.1

[8] Tocqueville, Alexis de: „Democracy in America“, Cambridge, Mass., 1864, S.33

[9] Vgl. Kraus, Peter A.: „Von Westfalen nach Kosmopolis? Die Problematik kultureller Identität in der europäischen Politik“, in: Berliner Journal für Soziologie, Bd. 10 (2000b), S.209f.

[10] Haarmann, Harald: „Die Sprachenwelt Europas“, Frankfurt 1993, S.25

[11] Kraus, Peter A.(2000a), S.139

[12] Vgl. Schulze, Hagen: „Staat und Nation in der europäischen Geschichte“, München 1999, S.168ff.

[13] Renan, Ernest: „Was ist eine Nation?“, Vortrag in der Sorbonne am 11. März 1882, in: Jeismann, Michael / Ritter, Henning: „Grenzfälle – Über neuen und alten Nationalismus“, Leipzig 1993, S.11

[14] Vgl. Schulze, Hagen (1999), S.170ff.

[15] Schulze, Hagen (1999), S.171

[16] Schulze, Hagen (1999), S.171

[17] Dabei darf allerdings nicht vergessen werden, daß das deutsche Nationalverständnis bis zur Mitte des 19. Jhs. auf seine Weise nicht weniger inklusiv war als das französische. So läßt sich die Einleitung der Gebrüder Grimm zum Deutschen Wörterbuch von 1854 nach Schirmer durchaus so verstehen, daß bei Vollerwerb der deutschen Sprache dem Eintritt in die deutsche Nation – unabhängig von Herkunft und Glauben – nichts entgegensteht. Erst die zunehmende Nationalisierung des Deutschen Reichs seit 1871, der sich im Volkstumkampf gegen nationale Minderheiten äußerte, reduzierte die Nation immer stärker auf einen abgeschlossenen Volkskörper, bei dem weder Ein- noch Austritt für das Individuum möglich waren. (Vgl. Schirmer, Dietmar: „Closing the Nation. Nationalism and Statism in Nineteenth and Twentieth Century Germany“, in: Godfrey, Sima / Unger, Frank (Hrsg.): The Shifting Foundations of Modern Nation-States: Realignments of Belonging, Toronto 2004, S.50)

[18] Vgl. Schulze, Hagen (1999), S.171f.

[19] Kraus, Peter A. (2000b), S.210. Kraus’ Beobachtung entspricht dem Stand von 2000, wobei er allerdings Luxemburg übersieht. Bis 2008 hat sich diese Zahl im Zuge der Süd- und Osterweiterung nur um zwei weitere Länder erhöht (Zypern und Malta), so daß von derzeit 27 EU-Staaten lediglich sechs in ihrer offiziellen Bezeichnung keinen Hinweis auf ihre Landessprache tragen – ein klares Indiz für die eminent wichtige Rolle des Sprachnationalismus in Europa, insbesondere wenn man zum Vergleich die amerikanische, afrikanische und asiatische Staatenwelt heranzieht, wo Ländernamen recht selten die Landessprache wiedergeben.

[20] Dies gilt in abgewandelter Form auch für die oft als Gegenbeispiel angeführte Schweiz, wo zwar auf bundesstaatlicher Ebene die Dreisprachigkeit des Landes als nationales Gut hochgehalten wird, aber innerhalb der einzelnen Kantone eine stärkere sprachliche Homogenisierung betrieben wurde als in den meisten Nationalstaaten (vgl. Laitin, David D.: „The Cultural Identities of a European State”, in: Politics & Society, Bd. 25, Nr. 3 (1997), S.280ff.).

[21] Vgl. Schulze, Hagen, 1999, S.173

[22] Vgl. Weber, Eugen: „Peasants into Frenchmen. The Modernization of Rural France 1870-1914“, Stanford 1976, S.292-338

[23] Vgl. Kraus, Peter A. (2000a), S.146. Im Juli 2008 wurde unter der Regierung Sarkozy ein entsprechender Verfassungsartikel neu eingeführt, der lautet: „Les langues régionales appartiennent au patrimoine de la France.“ (http://www.legifrance.gouv.fr/html/constitution/constitution2.htm#vide)

[24] „Sorge vor Überfremdung durch das Spanische und vor separatist. Bestrebungen im amerikan. Südwesten wie in der kanad. Provinz Quebec führte 1981 zu dem Vorstoß im Kongress, das Englische zur offiziellen Sprache der USA zu machen, da es 95% der Bevölkerung sprechen. Am 1. August 1996 wurde vom Repräsentantenhaus ein entsprechendes Gesetz mit 259 Ja- und 169 Nein-Stimmen angenommen.“ (Viereck, Wolfgang et al.: „Englische Sprache“, dtv-Atlas, München 2002, S.161)

[25] Vgl. Schulze, Hagen, 1999, S.145ff.

[26] Dies gilt vor allem im europäischen Kontext und weniger für den Sonderfall der USA, wo die exklusive Akzeptanz des Englischen als Nationalsprache nicht durch den Mangel der Massen an politischem Bewußtsein, sondern eher durch den ausgeprägten Willen der Einwanderer zur Anpassung an das neue Heimatland bedingt war („Amerikaner werden“).

[27] Swaan, Abram de: „The Evolving European Language System: A Theory of Communication Potential and Language Competition”, in: International Political Science Review, Bd. 14, Nr. 3 (1993), S.244

[28] Vgl. Kraus, Peter A. (2000b), S.210

[29] Die 22 Amtssprachen der EU umfassen seit 2007: Bulgarisch, Dänisch, Deutsch, Englisch, Estnisch, Finnisch, Französisch, Griechisch, Italienisch, Lettisch, Litauisch, Maltesisch, Niederländisch, Polnisch, Portugiesisch, Rumänisch, Schwedisch, Slowakisch, Slowenisch, Spanisch, Tschechisch und Ungarisch (Vgl. Weidenfeld, Werner / Wessels, Wolfgang (Hrsg.): „Europa von A bis Z. Taschenbuch der Europäischen Integration“, Bundeszentrale für politische Bildung, 10. Aufl., Bonn 2007, S.408). Zusätzlich dazu existieren in der EU derzeit rund sechzig anerkannte Regional- und Minderheitensprachen (vgl. Stabenow, Michael: „Lernbereitschaft. Sprachenvielfalt als Kitt der europäischen Wertegemeinschaft“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 31.01.2008, S.12).

[30] Vgl. Kraus, Peter A. (2000b), S.211

[31] Vgl. Encyclopædia Britannica, Encyclopædia Britannica 2006 Ultimate Reference Suite DVD: „United Nations (UN)”

[32] Quellen: 1957-1995: Kraus, Peter A. (2000b), S.210; 2004: Weidenfeld, Werner / Wessels, Wolfgang (2007), S.408; 2007: eigene Ergänzung

[33] Vgl. Kraus, Peter A. (2000b), S.212

[34] Vgl. Swaan, Abram de (1993), S.245

[35] Vgl. Swaan, Abram de (1993), S.246-252; Laitin, David D. (1997), S.287-289; Kraus, Peter A. (2000a), S.153-155; Stabenow, Michael, in: FAZ (2008), S.12

[36] Vgl. Stabenow, Michael, in: FAZ (2008), S.12

[37] Die Zahl der deutschen Muttersprachler in Europa beläuft sich ohne die Schweiz auf ungefähr 88 Mio., gegenüber 59 Mio. für das Englische und – ebenfalls ohne die Eidgenossen – 54 Mio. für das Französische (vgl. Viereck, Wolfgang et al. (2002), S.236; Swaan, Abram de (1993), S.249).

[38] Vgl. Laitin, David D. (1997), S.287

[39] Stabenow, Michael, in: FAZ (2008), S.12

[40] Vgl. Viereck, Wolfgang et al. (2002), S.236-260

[41] Laitin, David D. (1997), S.289

[42] Laitin, David D. (1997), S.289

[43] Vgl. Laitin, David D. (1997), S.279

[44] Laitin, David D. (1997), S.283

[45] Vgl. Laitin, David D. (1997), S.294-298

Details

Seiten
88
Jahr
2009
ISBN (Buch)
9783640466627
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v138280
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Philosophie
Note
1,6
Schlagworte
Europäische Union Integrationsprozess Identität Nationalstaat

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Titel: Europäische und nationale Identität