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Die Neuen Kriege nach Herfried Muenkler

Darstellung und kritische Analyse

Hausarbeit 2009 18 Seiten

Ethik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Das Ende des „Kalten Krieges“ als Beginn der „neuen Kriege“

B. Die Theorie der „Neuen Kriege“
1. Der Kriegsbegriff
a) Theoretische Vorüberlegungen
b) Der Kriegsbegriff bei Münkler
c) Kritik an Münklers Kriegsbegriff
2. Was ist das „Neue“ an den „neuen Kriegen“?
a) Der Zusammenhang zwischen den „alten Reichen“ und den „neuen Kriegen“
b) Staatsbildungskriege in Europa und Nordamerika und „Failed States“ in der Dritten Welt
c) Kritik am Zusammenhang zwischen den „alten Reichen“ und den „neuen Kriegen“
3. Die Ökonomie der „Neuen Kriege“
a) Die Ökonomie als Kriegsursache
b) Privatisierung und Kommerzialisierung
c) Kindersoldaten und Brutalisierung des Krieges
d) Der billige Krieg
f) Kritik an Münklers Bedeutung der Ökonomie
4. Asymmetrische Kriege
a) Asymmetrie der Stärke und Asymmetrie aus Schwäche
b) Der Begriff „Terrorismus“
c) Asymmetrie des Terrorismus
d) Kritik an Münklers Bedeutung des Terrorismus

C. Fazit

D. Literaturverzeichnis
1. Bücher, Artikel, Aufsätze
2. Texte aus dem Internet

A. Das Ende des „Kalten Krieges“ als Beginn der „neuen Kriege“

Seit dem Ende des „Kalten Krieges“ hat sich die weltpolitische Lage drastisch gewandelt. Das klare Blockdenken und das Handeln in den vorgegebenen Grenzen ist nach der Auflösung der UdSSR weggefallen.

Nach einer Phase der Euphorie und einer positiven Zukunftserwartung, in der die Weltgemeinschaft eine friedliche Entwicklung vor sich haben sollte, wurde schon früh in den 90er Jahren klar, dass eine so positive Entwicklung nicht realistisch ist.

Vor allem bei den „Theorien der Internationalen Beziehungen“ kam es durch die sich überschlagenden Ereignisse des Jahres 1990 zum Umdenken. In den USA wie auch in Europa wurden auf dem Gebiet des klassischen Forschungsgebietes „Krieg und Frieden“ durch eine kritische Auseinandersetzung mit den „veralteten“ Ansätzen, Methoden und Theorien neue Wege eingeschlagen, die durch interdisziplinäre Ansätze, andere Sichtweisen und neue Forschungsmethoden die neuen Gegebenheiten und Entwicklungen besser erklären konnten.

So wohl die Kriegsursachenforschung als auch die Kriegsfolgenforschung wurden durch die veränderte weltpolitische Lage vor neue Herausforderungen gestellt, die mit den herkömmlichen Herangehensweisen nicht mehr bewältigt werden konnten.[1]

In der Konfliktforschung wurden schon bestehende Theorien weiter ausgebaut und auf die neuen, globalen Herausforderungen angepasst und angewandt, wodurch eine Vielzahl neuer Datensätze und Erkenntnisse gewonnen werden konnten, mithilfe derer eine Erklärung von Konflikten und Krisen besser dargestellt werden konnte.[2]

Für den deutschen Sprachraum hat Herfried Münkler in seinem Buch „Die neuen Kriege“ im Jahr 2002 die Veränderungen der Kriege unter den neuen weltpolitischen Begebenheiten dargestellt und dafür große Anerkennung aber auch einiges anKritik geerntet.

In dieser Arbeit werde ich die Grundüberlegungen und theoretischen Ansätze dieses Buches von Herfried Münkler darstellen. Zusätzlich werde ich in den jeweiligen Kapiteln die geäußerte Kritik an der „Theorie der neuen Kriege“ darlegen, bevor ich dann in einem Fazit meine eigene Meinung darstellen werde.

B. Die Theorie der „Neuen Kriege“

1. Der Kriegsbegriff

a) Theoretische Vorüberlegungen

Karl W. Deutsch hat 1965 in dem Buch von Quincy Wright „The Study of War“ geschrieben, dass wenn der Krieg überwunden werden soll, er zuerst verstanden werden muss.[3]

Um den Krieg aber zu verstehen muss es einen Begriff des „Krieges“ geben. Aber genau darin liegt die Schwierigkeit, denn eine Begriffsdefinition ist keine neutrale, technische Angelegenheit um sich den objektiven Realitäten politischer Wirklichkeit anzunähern. Vielmehr spielen unterschiedlichste Faktoren bei der Entwicklung einer Definition eine Rolle. Da Sprache selbst ein Teil der politischen Wirklichkeit ist, liegen einer Kriegsdefinition immer theoretische und politische Differenzen zu Grunde, die es dann unmöglich erscheinen lassen, einen Kriegsbegriff zu benutzen mit dem jeder einverstanden ist.[4]

Dieses Phänomen lässt sich besonders gut bei der jetzigen Diskussion um den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan erkennen. Immer wieder wird von soldatischer Seite gefordert, dass auch in diesem Zusammenhang von „Krieg“ gesprochen werden sollte. Allerdings wird aus verschiedenen Gründen von „bewaffnetem Konflikt“ oder „Stabilisierungseinsatz“ gesprochen. Zum einen beruht dies darauf, dass die Politiker einen völkerrechtlichen Begriff des Krieges benutzen, in dem sich zwei oder mehrere souveräne Staaten gleichberechtigt gegenüberstehen und alle Parteien an die völkerrechtlichen Regeln einer bewaffneten Auseinandersetzung gebunden sind und zweitens werden durch die Anwendung des Begriffs „Krieg“ die Gegner der anderen Partei zu Kombattanten gemacht, d.h. sie haben ein legitimes Recht, Gewalt innerhalb der Grenzen des Völkerrechts anzuwenden. Da sich aber die Taliban durch ihre Art zu kämpfen eben nicht an diese Regeln halten, soll ihnen nicht der Status des Kombattanten zugewiesen werden und sie können deshalb im Falle einer Gefangenschaft nach den geltenden Regeln wie „Verbrecher“ verurteilt werden und werden nicht nach dem Völkerrecht wie Kriegsgefangene behandelt.[5]

Dieses Beispiel zeigt, dass die Begriffsdefinition von „Krieg“ nicht einfach ist und viele, unterschiedlichste Dinge mit berücksichtigt werden müssen.

b) Der Kriegsbegriff bei Münkler

„[...]Der Krieg ist nichts als die Fortsetzung des politischen Verkehrs mit Einmischung anderer Mittel.“[6]. Die von Carl von Clausewitz zu Beginn des 19. Jahrhunderts geschaffene Definition des Krieges ist bei Herfried Münkler nicht mehr anwendbar. Der Definition von Clausewitz liegen mehrere Annahmen zu Grunde, die aber die heutige empirische Kriegswirklichkeit nicht mehr widerspiegeln.

Durch die Annahme der rein zwischenstaatlichen Kriege wurde als Grundlage dieser Definition dem Krieg nur eine Objektposition innerhalb der Instrumente der Politik zugeschrieben. Die Legitimität eines Krieges wurde durch die vorher und weiterhin bestehenden politischen Beziehungen zwischen den Staaten gerechtfertigt. Damit wurden mit Krieg immer politische Ziele und ein bestimmter Zweck verbunden und dadurch ergaben sich die anzuwendenden Mittel und der Umfang des Krieges und daraus folgend das angestrebte Ende eines Krieges mit der Durchsetzung des eigenen Willens.

Die meisten heutigen Kriege entsprechen aber nicht mehr diesen Annahmen. Nur selten ist überhaupt noch eine der Konfliktparteien staatlich oder unter staatlicher Kontrolle. Oftmals ist es heute gar nicht mehr möglich den Zweck oder die Ziele eines Krieg zu benennen, da der Kriegsbeginn schon so lange zurück liegt, dass die kämpfenden Parteien nicht mehr wissen, warum der Krieg überhaupt ausgebrochen ist und für welche Ziele sie überhaupt noch kämpfen. Zusätzlich bekommt der Krieg eine eigene Subjektivität, das vor allem in der angewandten Sprache deutlich wird, wenn man z.B. sagt, „Der Krieg schwelt, breitet sich aus oder greift über“. Der benutzte Kriegsbegriff bei Münkler geht also von der lange vorherrschenden Definition des zwischenstaatlichen Krieges als bloßes Objekt der Politik weg und gibt ihm eine eigenständige, unabhängige Existenz in der sich Ziel, Zweck und die Kriegsparteien stark im Gegensatz zu früher unterscheiden.[7]

c) Kritik an Münklers Kriegsbegriff

Der erste Kritikpunkt, der sich auf Münklers „Theorie der neuen Kriege“ bezieht, ist der Begriff der „Neuen Kriege“ an sich. Durch das „Neu“ wird eine klare zeitliche Abfolge vorgegeben, indem sich der Typus der „Alten Kriege“ klar von dem neuen Typus abtrennen lässt. Allerdings sind die heutigen Kriege so komplex und in der Erscheinungsform so unterschiedlich, dass sich eine klare Unterscheidung nicht machen lässt.

Ein weiterer Kritikpunkt bezieht sich darauf, dass die Entwicklung der Theorie der „Neuen Kriege“ auf Kriterien basiert, die sich auf empirische Einzelfallbeschreibungen und willkürlich festgelegte Besonderheiten der heutigen Kriege beziehen. Dadurch werden zwar einige Thesen auf- und dargestellt, aber eine empirisch nachgewiesene Entwicklung lässt sich dadurch nicht beobachten. Deshalb kann damit ein neuer „Trend“ der Kriegsform nicht dargestellt und nachgewiesen werden. Die Bezeichnung der „Neuen Kriege“ führt zu voreiligen und falschen Schlussfolgerungen, indem die Bedeutung der „alten“ Kriege und die immer noch wichtigsten Akteure im Krieg, die Staaten, bedeutungslos gemacht werden.[8]

Ein weiteres Gegenargument liegt darin, dass die meisten Konfliktparteien in Kriegen nach dem zweiten Weltkrieg nicht mehr staatlich waren, sondern meist Paramilitärs, Guerillas oder halb-staatliche Milizen, also dies keine neue Entwicklung ist. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, in wie weit sich Staatlichkeit überhaupt empirisch erfassen lässt. Dies ist durch fehlende chronologische Daten in vielen Ländern und dem methodischen Problem der Messung von Staatlichkeit an sich in den meisten Fällen sehr schwierig.[9]

2. Was ist das „Neue“ an den „neuen Kriegen“?

a) Der Zusammenhang zwischen den „alten Reichen“ und den „neuen Kriegen“

Fast alle Kriege der letzten zwanzig Jahre sind an den Rändern ehemaliger Großmächte ausgebrochen, ob es der Balkankrieg nach dem Zusammenbruch Jugoslawien war oder die Konflikte im Kaukasus, wo sich über eine sehr lange Zeit verschiedene Großmächte um die Einflussnahme gekämpft haben, bis hin zum Nahen Osten, wo noch heute einer der längsten und gefährlichsten Konflikte der Welt vorherrscht.

Auch lässt sich so der heutige Afghanistankonflikt erklären, indem man die jüngste Geschichte der Entwicklung diese Landes betrachtet, die von der britischen Herrschaft als Schutz gegen die stärker werdenden Russen, bis zur Besetzung durch die UdSSR mit dem von den USA unterstützten Freiheitskampf gegen diese Besatzung. In diesem Zusammenhang lässt sich auch die bis heute anhaltende Auseinandersetzung zwischen Pakistan und Indien erklären, wo auch das britische Empire seine Einflussnahme Ende der vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts zurücknehmen musste und sich über die Grenzziehung der Region Kaschmir nicht geeinigt werden konnte.

Auch die Kriege in Schwarzafrika zeigen einen Zusammenhang zwischen den „alten“ Großmächten und „neuen Kriegen“. In nahezu allen ehemaligen Kolonien europäischer Mächte haben sich nach dem Abrücken der Kolonialmächte immer wieder Konflikte entwickelt, in denen mit blutigen und langen Kriegen um die politische Vormachtstellung gekämpft wurde und im Ergebnis nur wenige Staaten eine langanhaltende, sichere Entwicklung nehmen konnten.[10]

[...]


[1] Vgl. Daase, Christopher: Krieg und politische Gewalt: Konzeptionelle Innovation und theoretischer Fortschritt, in: Hellmann, Gunther / Wolf, Klaus-Dieter / Zürn, Michael (Hrsg.): Die neuen Internationalen Beziehungen. Forschungsstand und Perspektiven in Deutschland, Baden-Baden, 2003, 161-163.

[2] Vgl. Bonacker, Thorsten: Krieg und Theorie in der Weltgesellschaft. Zur makrosoziologischen Erklärung neuerer Ergebnisse der empirischen Kriegsforschung, in: Geis, Anna(Hrsg.): Den Krieg überdenken. Kriegsbegriffe und Kriegstheorien in der Kontroverse, Baden-Baden, 2006, 75.

[3] Vgl. Deutsch, Karl W.: Quincy Wright’s contribution to the study of war: a preface to the second edition in: Journal of Peace Resolution, Nr.14, 1970, 473, in: http://jcr.sagepub.com/cgi/reprint/14/4/473(Stand: 02.07.2009).

[4] Vgl. Daase, Christopher: Krieg und politische Gewalt: Konzeptionelle Innovation und theoretischer Fortschritt, 163.

[5] Vgl. Berg, Bettina: Völkerrechtlich ist kein Krieg in Afghanistan, Berlin, 18.11.2008, in: http://www.bmvg.de/portal/a/bmvg/kcxml/04_Sj9SPykssy0xPLMnMz0vM0Y_QjzKLd4k3cQsESUGY5vqRMLGglFR9b31fj_zcVP0A_YLciHJHR0VFAFBC9EY!/delta/base64xml/L2dJQSEvUUt3QS80SVVFLzZfRF80S1Q!?yw_contentURL=%2FC1256F1200608B1B%2FW27LDDQG474INFODE%2Fcontent.jsp(Stand: 25.06.2009).

[6] Clausewitz, Carl von, in: Marées, G. v.(Hrsg.): Vom Kriege. Hinterlassenes Werk des Generals Carl von Clausewitz, Berlin, 1880, 566.

[7] Vgl. Münkler, Herfried: Die neuen Kriege, Reinbek, 2002, 59-63.

[8] Vgl. Chojnacki, Sven: Auf der Suche nach des Pudels Kern: Alte und neue Typologien in der Kriegsforschung in: Beyrau, Dietrich / Hochgeschwender, Michael / Langewische, Dieter(Hrsg.): Formen des Krieges. Von der Antike bis zur Gegenwart, Paderborn u.a., 2007, 485-489.

[9] Vgl. Schlichte, Klaus: Neue Kriege oder alte Thesen? Wirklichkeit und Repräsentation kriegerischer Gewalt in der Politikwissenschaft, in: Geis, Anna(Hrsg.): Den Krieg überdenken. Kriegsbegriffe und Kriegstheorien in der Kontroverse, Baden-Baden, 2006, 112-115.

[10] Vgl. Münkler, Herfried: Die neuen Kriege, 13-18.

Details

Seiten
18
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640468379
ISBN (Buch)
9783640468188
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v138236
Institution / Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg – Staats- und Sozialwissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Neuen Kriege Herfried Muenkler Darstellung Analyse

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