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Die Wahl der CDU/CSU im Lichte der Cleavage-Theorie

Hausarbeit 2008 19 Seiten

Politik - Methoden, Forschung

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Cleavage-Theorie – ein Überblick

3. Katholiken und CDU/CSU – eine empirische Konstante?

4. Schlussbetrachtungen

5. Anhang: Dokumentation

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Wahlforschung ist das wohl öffentlichkeitswirksamste Tätigkeitsfeld der Poli-tikwissenschaft. Im Vorfeld von Wahlen, während der „heißen Phase“ des Wahl-kampfes und schließlich am Wahlabend selbst ist die Meinung von Politikwis-senschaftlern gefragter denn je. Sie sollen erklären, was ein Wahlergebnis zu bedeuten hat, welche grundsätzlichen Tendenzen zu erkennen sind und warum welche Partei in manchem Wahlkreis erfolgreich (oder auch weniger erfolgreich) abgeschnitten hat.

Den Antworten auf diese und viele weitere Fragen liegen Erkenntnisse aus em-pirischen Untersuchungen und politik- bzw. sozialwissenschaftliche Theorien zu Grunde. Diese versuchen beispielsweise anhand der Sozialisation, der Partei-identifikation, der Persönlichkeit, der Werteorientierung oder dem Medienein-fluss Wahlverhalten zu erklären. Auch Gründe für Nichtwahl, Wechselwahl oder die Wahl extremistischer Parteien versuchen politikwissenschaftliche Untersu-chungen zu deuten (Falter/Schoen 2005).

Vorliegende Arbeit wird sich einem der Ansätze zur Erklärung von Wahlverhal-ten im Besonderen widmen: der Cleavage-Theorie von Seymour M. Lipset und Stein Rokkan (Lipset/Rokkan 1967). Dieser Erklärungsansatz geht von Konflikt-linien aus, die verschiedene Gruppierungen voneinander abgrenzte. Aus diesen entwickelten sich Parteien, zu denen die jeweiligen Gruppenmitglieder langfris-tige Bindungen aufbauten. Doch durch die vielseitigen gesellschaftlichen Um-brüche in den letzten Jahren wird die Erklärungskraft der Cleavage-Theorie mehr und mehr in Frage gestellt.

Diesem Problem möchte sich diese Arbeit von Moritz Josten und Katharina Klin-ge widmen. Nach einem einführenden Kapitel, welches sich vertiefend mit der Cleavage-Theorie beschäftigt, soll anhand eines empirischen Projekts eine der langjährigen Grundhypothesen der Politikwissenschaft, die auf der Cleavage-

Theorie beruht, auf ihre heutige Aktualität überprüft werden: Haben Katholiken auch heute noch eine starke Affinität zur CDU/CSU? Oder ist auch diese einst feste Struktur im Laufe der letzten Jahrzehnte aufgeweicht worden?

Zur Beantwortung dieser Frage sollen Daten einer Umfrage im Auftrag der Uni-versität Mainz aus dem Jahr 2003 verwendet und in einer Regression berechnet werden. Der Fokus der Berechnung wird auf den Antworten der Befragten be-züglich ihrer Sympathie gegenüber der katholischen Kirche sowie den Parteien CDU und CSU liegen. Die Ergebnisse sollen im Folgenden mit der Fragestellung dieser Arbeit konfrontiert und überprüft werden. Wird sich ein weiterhin signifi-kanter Zusammenhang zwischen der Affinität zur katholischen Kirche und der zu CDU/CSU aufzeigen, aus dem man Rückschlüsse auf die Parteiidentifikation und das potentielle Wahlverhalten schließen kann?

2. Die Cleavage-Theorie – ein Überblick

Die Cleavage-Theorie von Lipset und Rokkan, zwei der bedeutendsten Politik-wissenschaftler des letzten Jahrhunderts (Schmitt-Beck 2007: 251), gilt in den Sozialwissenschaften als eine der wichtigsten Theorien zur Erklärung von Wahl-verhalten und nationalen Parteiensystemen. Seit ihrer Entwicklung in den Sech-ziger Jahren erfreut sie sich in der akademischen Lehre größter Beliebtheit.

„Party Systems and Voter Alignments“ sucht nach Prinzipien und Wirkungszu-sammenhängen, welche „die empirische Vielfalt der Parteiensysteme im zeitge-nössischen Westeuropa“ (Schmitt-Beck 2007: 252) erklären können. Das Kon-zept der Cleavages, zu Deutsch Konfliktlinien, ist das zentrales Moment der Antwort der beiden Wissenschaftler auf diese Frage. Diese Cleavages bezeich-nen „einen dauerhaften Konflikt, der in der Sozialstruktur verankert ist und im Parteiensystem seinen Ausdruck gefunden hat“ (Pappi 1977, zitiert in: Schmitt-Beck 2007: 252).

Die Autoren gehen von vier Konfliktlinien aus, die sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der nationalen und industriellen Revolution herausgebil-det haben: „Kapital versus Arbeit“, „Kirche versus Staat“, „Stadt versus Land“ und „Zentrum versus Peripherie“ (Lipset/Rokkan 1967: 14 f). Diese Konfliktli-nien ließen Gruppen entstehen, die sich hinsichtlich ihrer Werte und Interessen voneinander abgrenzten.

Aus diesen Gruppierungen heraus entwickelten sich im Laufe der Zeit spezifi-sche Allianzen und im Zuge des Demokratisierungsprozesses schließlich politi-sche Parteien, zu denen die jeweiligen Gruppenmitglieder Bindungen langfristi-ger Natur aufbauten (vgl. dazu auch das Konzept der Parteiidentifikation, u. a. bei Falter/Schoen 2005: 206 ff.). Parteiensysteme verstehen Lipset und Rokkan daher als „manifester Ausdruck latenter Interessensgegensätze zwischen sozia-len Gruppen“ (Schmitt-Beck 2007: 252), bei der bestimmte Parteien die Inte-ressen bestimmter Gruppen oder Konglomeraten von Gruppen repräsentieren. Sie sind

„Bündnisse in Konflikten über Politikinhalte und Wertverpflichtungen, [...] die sich in breiten Themenbereichen unterscheiden, aber vereint sind in ihrer größten Feindseligkeit zu ihren Konkurrenten in den ande-ren Lagern“ (Lipset/Rokkan 1967: 5 f.).

Der „Freezing-These“ von Lipset und Rokkan zu Folge sind mit dem Abschluss des Demokratisierungsprozesses die bis dahin entstandenen Parteiensysteme „eingefroren“ worden und blieben bis heute so erhalten, da die etablierten Par-teien neuen Parteien keinen Raum mehr ließen (Lipset/Rokkan 1967: 50 f). Die Bundesrepublik Deutschland bildet – beispielsweise mit der Gründung der Partei „Bündnis 90 / Die Grünen“ – für diese Annahme jedoch eine der signifikanten Ausnahmen. Angesichts der Protestbewegung der Sechziger Jahre wird in der politikwissenschaftlichen Forschung seither über eine Erweiterung der Dimensi-onen der Konfliktfelder nachgedacht. Einen besonderen Namen in diesem For- schungssegment machten sich dabei – allen voran Ronald Ingelhart – die Ver-treter einer „postmaterialistischen“ Konfliktlinie (Schmitt-Beck 2007: 253 f.).

Nach der soeben beschriebenen Cleavage-Theorie determiniert die Gruppenzu-gehörigkeit einer Person demnach deren Werte und politische Vorstellung und somit auch ihre Wahlentscheidung zugunsten der Partei, die ihre Gruppe am besten repräsentiert. Der Cleavage-Ansatz weißt somit theoretisch eine große Prognosefähigkeit nach diesem Muster auf:

Gesellschaftliche Gruppe o Wahlentscheidung

Der Politikwissenschafter Professor Jürgen W. Falter untersuchte in seinem 1991 veröffentlichten Buch „Hitlers Wähler“ über das Wahlverhalten in den Zwanziger und Dreißiger Jahren den Zusammenhang zwischen Konfession und der Wahl der NSDAP. Diese Untersuchung lässt sich in die nationale Dimension des Cleavages „Kirche versus Staat“ einordnen. Dabei stellte Falter fest, dass es die NSDAP in katholischen Gebieten deutlich schwerer hatte Wählerstimmen zu gewinnen als in protestantischen (Falter 1991: 169 ff.). Auch im Zusammen-hang mit andere Einflussfaktoren – wie beispielsweise Grad der Verstädterung oder der Berufsstand – lässt sich eine erstaunlich große „Immunität der Katholi-ken gegenüber dem Nationalsozialismus“ konstatieren, während „Protestanten [...] im Schnitt doppelt so anfällig gegenüber der NSDAP“ waren wie Katholiken (Falter 1991: 179). Diese wählten mehrheitlich streng im Sinne einer „katholi-schen Wahlnorm“ vor allem das Zentrum oder die Bayerische Volkspartei – bei-des Parteien, die in der Politik der Weimarer Republik für christliche Werte ein-traten.

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640477234
ISBN (Buch)
9783640476923
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v138179
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Politikwissenschaft
Note
3,0
Schlagworte
Wahl CDU/CSU Lichte Cleavage-Theorie

Autor

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Titel: Die Wahl der CDU/CSU im Lichte der Cleavage-Theorie