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Die Hypothese der finanziellen Instabilität von Hyman P. Minsky am Beispiel der US-Immobilienkrise 2007/08

Hausarbeit 2009 17 Seiten

BWL - Wirtschaftspolitik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Relevanz der „Hypothese der finanziellen Instabilität“ 6 von Hyman P. Minsky
2.1. Akteure
2.2. Die „Hypothese der finanziellen Instabilität“

3. Die US-Immobilienkrise 2007/08
3.1. Der US-Immobilienboom
3.2. Die Krise des US-Immobiliensektors

4. Fazit

5. Literatur

1. Einleitung

Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit ist das spekulative Verhalten von Finanzakteuren als Ursache von Finanzkrisen. In einem spezielleren Sinne wird in diesem Zusammenhang die US-Immobilienkrise 2007/08 untersucht.

Das Thema erscheint von besonderer und aktueller Relevanz, da sich seit 2007 die weltweit größte Finanzkrise seit 1929 abzeichnet. „Eine Krise, die 23 Billionen Dollar Wertverlust an den Börsen der Welt“ verursacht und „bislang 21 Banken allein in den USA in den Ruin trieb“ (Balzli et al. 2008, 46). Des Weiteren droht „eine 57-Billionen-Dollar-Blase, entstanden vor allem durch spekulative Kreditversicherungen“, zu platzen und „die Weltrezession dramatisch zu verschärfen“ (Balzli et al. 2008, 80). Der Ursprung dieser globalen Notlage des Finanzsektors ist in der US-amerikanischen Immobilien- bzw. „Subprime“-Krise zu sehen (Zeise 2008, 41).

Die Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise auf die Realwirtschaft sind gravierend. So rechnen Wirtschaftsinstitute zum Beispiel für Deutschland in 2009 mit einer Verringerung des Bruttoinlandsprodukts um zwei Prozent. Prognostiziert wird ein Anstieg der Arbeitslosenzahlen um möglicherweise mehr als eine halbe Millionen. Erste Symptome dieses Trends werden im November 2008 sichtbar. Ausgelöst durch die Krise brechen die Auftragseingänge um 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr ein. Zusätzlich ist ein starker Rückgang der Exporte zu konstatieren (LpB 2009, 1). Piper und Kotynek sprechen in Hinblick auf die durch die Finanzkrise ausgelöste Wirtschaftskrise von der „ersten weltweiten Rezession seit 1945“ (Piper & Kotynek 2009).

Über die „Schuldigen“ der Finanzkrise ist man sich im öffentlichen Diskurs schnell einig. Als Auslöser „dieses Kapitalverbrechens“ sieht beispielsweise „Der Spiegel“ in seinem Leitartikel vom 17.11.08 die „Banker und Spekulanten“ (Balzli, Beat et al. 2008, 42-80). Laut Kneip wird „der Bankraub“ (Balzli, Beat et al. 2008, 42-80) durch „einfallsreiche, skrupellose Finanzjongleure[, die] jahrelang mit Milliarden zockten und die Risiken rund um den Globus versteckten“, begangen (Kneip 2008, 1).

In diesem Kontext wird in der vorliegenden Hausarbeit die Forschungsfrage nach einem Zusammenhang zwischen spekulativem Verhalten von Finanzakteuren und der US-Immobilienkrise 2007/08 aufgeworfen. Aus dieser Fragestellung wird die Forschungsthese, dass die US-Immobilienkrise 2007/08 durch das spekulative Verhalten von Finanzakteuren ausgelöst worden ist, entwickelt.

Die wissenschaftliche Einordnung dieser These in einen theoretischen Rahmen erfolgt in Form des postkeynesianischen Ansatzes der „Hypothese der finanziellen Instabilität“ von Hyman P. Minsky (Minsky 2006).

Erklärungsziel der vorliegenden Arbeit ist die Analyse und Darstellung des spekulativen Verhaltens von Finanzakteuren als Auslöser von Finanzkrisen. Exemplarisch wird die US-Immobilienkrise 2007/08 aufgegriffen. Dies geschieht in dem Bewusstsein, dass neben spekulierenden Akteuren vielfältige andere Momente zur Entwicklung der US-Immobilienkrise beigetragen haben. Als solche können unter anderem die „Niedrigzinspolitik der US-Notenbank“ (Münchau 2008, 33), die „chinesischen Dollar-Käufe“ (Sommer 2008, 3), die „japanischen Niedrigzinsen“ (Sommer 2008, 3), die „globalen Ungleichgeweichte“ (Zeise 2008, 87-94), das Prinzip der „Verbriefung“ (Zeise 2008, 13), die „Ratingagenturen“ (Münchau 2008, 12) und das „Versagen der Politik seit den 1990er-Jahren“ (Sommer 2008, 3) gesehen werden. Der begrenzte Umfang sowie die inhaltliche Zielsetzung der vorliegenden Hausarbeit lässt jedoch eine detaillierte Untersuchung dieser Faktoren nicht zu.

Um sich der Forschungsfrage bzw. der aufgestellten These anzunähern, wird unter 2. zunächst die besondere und aktuelle Relevanz des Ansatzes von Minsky dargestellt. Des Weiteren wird die zu untersuchende Forschungsebene beschrieben. Unter 2.1. erfolgt eine akteurzentrierte Hinleitung zur „Hypothese der finanziellen Instabilität“. In einem nächsten Schritt wird in 2.2. eine allgemeine Darstellung dieser These geleistet. Hierbei liegt der Fokus auf dem Verhalten von Akteuren in Boomphasen und in Zeiten des Abschwungs. In Abschnitt 3. werden die theoretischen Überlegungen auf ein Fallbeispiel angewendet. Zu Beginn wird die Relevanz der US-Immobilienkrise beschrieben. Ferner wird eine Definition der Variablen der Forschungsthese vorgenommen. In 3.1. und 3.2. wird das Verhalten von spekulativen Akteuren in der Boomphase vor dem Ausbruch der US-Immobilienkrise 2007/08 und im Verlauf der Krise beschrieben. Dabei werden Analogien zwischen den theoretischen Konzeptionen Minskys und der Immobilienkrise gezogen. Abschließend erfolgt unter 4. ein Fazit. In diesem wird diskutiert, inwieweit die eigene Forschungsthese als angenommen betrachtet werden kann. Des Weiteren wird hier über die Erklärungskraft dieser Arbeit reflektiert und ein Plädoyer für eine neue Regulation der Finanzmärkte skizziert.

2. Relevanz der „Hypothese der finanziellen Instabilität“ von Hyman P. Minsky

Mit der US-Immobilienkrise und der daraus resultierenden globalen Finanzkrise erscheint die „Hypothese der finanziellen Instabilität“ von Hyman P. Minsky heutzutage von aktueller und besonderer Relevanz. Obgleich sie bereits 1986 in seinem Buch „Stabilizing an unstabel economy“ beschrieben wird, bleibt sie dennoch in den von der Neoklassik dominierten Wirtschaftswissenschaften weitgehend unbeachtet (Wintzenberg 2007, 1). Mit der Finanzkrise werden Minskys Thesen ab 2007 plötzlich populär und finden nun „mit 20 Jahren Verspätung [...] Eingang in die reale Finanzwelt“ (Wintzenburg 2007, 1). Entgegen der in den Wirtschaftswissenschaften weitverbreitenden neoklassischen Vorstellung von effizienten Finanzmärkten, zeigt Minsky auf, „wie Spekulationsblasen auf unregulierten Finanzmärkten entstehen und schließlich platzen müssen“ (Hickel 2007, 1159). So sieht Hickel die Finanzmärkte derzeit „am Rande des ‚Minsky-Kollaps’“ stehen (Hickel 2007, 1159). Braunsberger, Wilson und Wintzenburg beschreiben die Krise der Finanzbranche jeweils als „Minsky-Moment“ (Braunberger 2007, 2; Wilson 2007, 2-3; Wintzenburg 2007, 2).

Minsky selbst betrachtet das zyklische Verhalten und die finanzielle Instabilität der Ökonomie als das „kritische Experiment“, welches „die Gültigkeit der neoklassischen Theorie widerlegt“ (Minsky 2006, 15). Er sieht die „Hypothese der finanziellen Instabilität“ als „ein[en] Versuch, eine Theorie aufzubauen, die für eine finanziell hoch entwickelte kapitalistische Wirtschaft relevant ist, und zu zeigen, warum eine solche Ökonomie instabil ist“ (Minsky 2006, 15). In Anbetracht der weltweiten Instabilität der Finanzsysteme hat die „finanzielle Instabilitätshypothese“ eine starke Legitimation.

Im Folgenden werden auf einer Mikro-Ebene die für Minsky relevanten Akteure beleuchtet. Anschließend wird deren Verhalten, welches zur Konzeption der „Hypothese der finanziellen Instabilität“ führt, dargestellt. Der stark limitierte Rahmen dieser Arbeit lässt eine Analyse von Makro- und Meso-Ebene nicht zu. An dieser Stelle sei allerdings in aller Kürze darauf hingewiesen, dass sich insbesondere Minskys Analysekriterien in Hinsicht auf die „Robustheit bzw. Fragilität“ (Emunds 2001, 257-258) von Finanzsystemen ohne weiteres auf die aktuelle Finanzkrise anwenden lassen würden. In gleicher Weise könnte eine detaillierte Untersuchung der Wechselwirkungen zwischen Akteuren und Finanzsystem (Emunds 2001, 259) lohnenswert sein.

2.1. Akteure

Zentrale Akteure sind bei Minsky Vermögensbesitzer, die durch ihr Handeln die gesamtwirtschaftliche Entwicklung mehr oder minder stark beeinflussen. Solche sind „die produzierenden Unternehmen und die Geschäftsbanken, also jene Finanzinstitute, die im Kredit- und Einlagengeschäft tätig sind“ (Emunds 2001, 247). Des Weiteren können auch andere Finanzinstitute und vermögende Haushalte durch Minskys Hypothese erfasst werden (Emunds 2001, 247).

Eine zentrale Grundannahme Minskys ist, dass die Finanzierung von Vermögensgütern durch das „Portfoliokalkül“ der Akteure bestimmt wird (Minsky 1990, 95). Dabei ist das Finanzieren eines Vermögensgutes auf beiden Bilanzseiten möglich:

1. Die aktivseitige Finanzierung, wobei der Akteur den benötigten Geldbetrag bereits besitzt oder ihn durch den Verkauf eines anderen Vermögensgutes erzielen kann (Emunds 2001, 247).
2. Die passivseitige Finanzierung, wobei Käufe von Investitionsgütern durch Fremdfinanzierung realisiert werden. D.h. die Finanzierung von Investitionen geschieht durch die Aufnahme von Schulden bei anderen Akteuren (Minsky 1990, 142-43).

Das Portfolio eines Akteurs besteht also „aus Vermögenswerten, die eine Einheit besitzt bzw. kontrolliert, und aus Verbindlichkeiten, die sie eingegangen ist, um diesen Besitz bzw. diese Kontrolle zu erlangen“ (Minsky 1990, 95). Analog geht es beim „Portfoliokalkül“ darum, dass die Vermögensbesitzer die künftigen Einzahlungen, die sie durch eine aktive Finanzierung erwirtschaften werden, optimal mit den künftigen Auszahlungen, aufgrund ihrer passivseitigen Finanzierung, kombinieren (Emunds 2001, 247).

Auf Grundlage des Verhältnisses der Einzahlungen zu den Zahlungsverpflichtungen schlägt Minsky eine dreistufige Klassifikation von Vermögensbesitzern vor (Minsky 2006, 13-14):

1. Akteure mit abgesicherter Finanzierung. Für diese Klasse gilt, dass „die antizipierten Erträge in jeder Periode grösser als die laufenden Ausgaben plus die Zahlungsverpflichtungen sind“ (Schynder 2002, 75).
2. Akteure mit spekulativer Finanzierung. Es wird nicht erwartet, „dass die Bareinnahmen aus Geschäften groß genug sein werden, um die Zahlungsverpflichtungen zu erfüllen, selbst wenn der Gegenwartswert der erwartete[n] Bareinnahmen größer ist als der Gegenwert der Zahlungsverpflichtungen“ (Minsky 2006, 13). Spekulativ finanzierende Akteure können den Zinsendienst kurzfristig durch die antizipierten Nettogewinne gewährleisten (Schnyder 2002, 76).
3. Akteure mit besonders unvorsichtiger Finanzierung. Für diese Gruppe prägt Minsky den Begriff der „Ponzi-Finanzierung“. Diese Klasse kann nicht einmal das letzte Charakteristikum der Akteure mit spekulativer Finanzierung unter 2. erfüllen (Emunds 2001, 248). D.h. Unternehmen mit „Ponzi-Finanzierung“ können die Zinszahlungen nicht vollständig aus den antizipierten Nettogewinnen aufbringen (Schnyder 2002, 77). In Hinblick auf die Forschungsthese erscheint diese Klasse von besonderer Relevanz.

Welches Verhältnis zwischen den prognostizierten Einzahlungen und den Zahlungsverpflichtungen der nächsten Perioden von den einzelnen Akteuren gewählt wird, hängt in hohem Maße mit ihren Einzahlungserwartungen für die ferne Zukunft zusammen. Allerdings beruht Minskys Klassifikation darauf, dass eine mehr oder weniger zurückhaltende Verschuldung zugleich durch die Vorsicht der Akteure in Hinblick auf Gefahren künftiger Zahlungsschwierigkeiten bestimmt ist (Emunds 2001, 248). So werden Investitions- und „Finanzierungsentscheidungen unter fundamentaler Unsicherheit gefällt, und Unsicherheit impliziert, dass die Zukunftsaussichten merklichen Änderungen in kurzen Zeitspannen unterliegen können“ (Minsky 2006, 9).

2.2. Die „Hypothese der finanziellen Instabilität“

Im Verlauf eines wirtschaftlichen Aufschwungs beginnen die Unternehmen mehr zu investieren. Aufgrund steigender Gewinne korrigieren sie „ihre Gewinnprognosen nach oben und bauen zugleich Skepsis gegenüber den eigenen Prognosefähigkeiten ab“ (Emunds 2001, 260).

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640464623
ISBN (Buch)
9783640461776
Dateigröße
408 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v137919
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
1,0
Schlagworte
Immobilienkrise Finanzkrise Hyman P. Minsky Subprimekrise Keynes Spekulation Keynesianismus US-Immobilienkrise John Maynard Keynes

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