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Hartmann von Aue: 'Iwein' - Die Spannung zwischen einer Zweckehe und einer Heirat aus Liebe

Seminararbeit 2008 14 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ehe
2.1. Laudines Motivation - Die Eheabsichten einer Königin
2.2. Iweins Motivation - Die Eheabsichten eines “Verliebten”
2.3. Die Zusammenkunft und Befriedigung beider Ehekonzepte

3. Der Ring - Ein Symbol der Liebe oder der Macht?

4. Fazit

5. Quellennachweis

1. Einleitung

Was wäre die Literatur ohne die Liebe?

In den meisten Romanen der Literaturgeschichte spielt die Liebe in irgendeiner Art und Weise eine Rolle. Oftmals ist es eine entscheidende, handlungsinitiierende Rolle, manchmal aber auch nur ein banales Nebenthema. Trotzdem kann der Leser jedes Mal etwas mit dieser beschriebenen Liebe anfangen, ob er sie nun nachempfinden, verstehen oder kritisch hinterfragen kann. Die Darstellung der Liebe, ihre Erscheinungsformen und ihre Problematik waren auch schon in der Literatur des 12. Und 13. Jahrhunderts ein beliebtes Thema1, so auch im “Iwein” von Hartmann von Aue.

Doch das Besondere am Lesen mittelalterlicher Texte ist, dass man die Wörter und ihre Übersetzungen nicht immer eins zu eins in das Wortverständnis des 21. Jahrhunderts übertragen kann. Es geht sogar so weit, dass die Übertragung den eigentlichen Sinn des mittelalterlichen Textes unter Umständen verfälscht2. Ein eben solches Beispiel ist das Wort Liebe. Das mittelalterliche Wort “minne”, welches oftmals einfach nur mit dem Wort “Liebe” übersetzt wird, hatte im Mittelalter aber durchaus mehrere Bedeutungen 3. Ähnlich ist es mit der Ehe. Während die westliche Welt heutzutage bei einer Ehe grundsätzlich von einer Liebesverbindung ausgeht, war das vor allem in den gehobeneren Kreisen des Mittelalters oftmals die Ausnahme. Eine politisch motivierte Ehe galt “vor dem Anspruch des Eherechts (...) als völlig legitimiert”4 und war für das mittelalterliche Volk eine Selbstverständlichkeit.

Im Rahmen dieser Arbeit möchte ich auf die Problematik der unterschiedlichen Eheabsichten von Laudine und Iwein eingehen. Kann man hier überhaupt von Liebe, wie wir sie heute kennen, sprechen oder höchstens von affectio und dilectio, wie Georges Duby das Gefühl zwischen Ehepartnern beschreibt . Im Zusammenhang damit, möchte ich das 5 Missverständnis des Ringes erläutern, welches letztendlich zu Iweins Wahnsinn führt.

2.1. Laudines Motivation - Die Eheabsichten einer Königin

Um Laudines Motivation, eine Ehe mit Iwein einzugehen, zu verstehen, muss man beachten, dass sie keine gewöhnliche Frau (wîp), sondern Königin des Brunnenreiches ist.

Da ihr Ehemann Askalon von Iwein getötet wurde, ist sie nun verwitwet, was im Mittelalter nicht nur den Verlust des Ehegatten bedeutet, zu dem sie eine emotionale Beziehung hatte, sondern vor allem den Verlust von Macht: Laudine ist nicht lehensfähig, da sie als Frau keinen Waffendienst leisten kann6. Sie braucht folglich jemanden, der ihr Brunnenreich vor Feinden

verteidigt. Doch Laudine denkt dabei zunächst nicht an einen Ehemann:

“sît ich ân einen vrumen man

mîn lant nîht bevriden kan,

so gewinn ich erne einen,

und anders deheinen,

den ich sô vrumen erkande

daz er mînem lande

guoten vride bære

und doch mîn man nîht wære.” 7

Dass es nicht einfach sein wird, einen Mann zu finden, der das Risiko der Verteidigung der Quelle auf sich nimmt, ohne die schöne Königin heiraten zu wollen, wird ihr erst klar, als ihre Kammerjungfer Lunete sie darauf aufmerksam macht. Nach einem längeren Gespräch zwischen den beiden Frauen, kommt Laudine zu dem Entschluss, dass eine Heirat unvermeidlich ist und sie den Sieger des Kampfes, den Mörder ihres Gatten, heiraten sollte. Zu diesem Zeitpunkt weiß sie allerdings noch nicht, dass es sich dabei um Iwein handelt und sie stellt eine Art Bedingung:

“sô muoz er mich mit triuwen

ergetzen mîner riuwen” (2069f)

Mit triuwe ist hier jedoch nicht die personale Treue einer Liebesbeziehung gemeint, sondern die soziale, gesellschaftliche Treue in einer politischen Ehe . 8

Man kann hier folglich auch nicht von minne als Liebe sprechen, wie wir sie in der gegenwärtigen Zeit definieren, sondern muss bedenken, dass das Wort minne im Mittelalter durchaus mehrere Bedeutungen hatte. In diesem Kontext und vor allem mit Blick auf die Verse 2054-2057 ist minne als “vergebende Liebe” zu betrachten. In der mittelalterlichen Rechtssprache bezeichnete minne im Gegensatz zu Feindschaft (haz) “die Herstellung von Frieden und Harmonie” . 9

Laudines Eheabsicht ist folglich rational begründet und entspricht ihrem Rollenverständnis: Für sie ist der Entschluss zur Ehe rein zweckdienend. Auch ihr erstes Zusammentreffen hört sich weniger nach einem Austausch von Liebesgeständnissen an: Laudine macht Iwein ganz deutlich klar, welche Gründe sie zu einer solch schnellen Heirat motivieren und fragt ihn: “ich wil iuch gerne: welt ir mich?” (2333). Seine Zustimmung hat die Funktion einer formellen Verlobung, welche zur Ehe verpflichtet.

Eine Eheschließung bedarf jedoch der Zustimmung der Untertanen, was bei Iweins “Berühmtheit” ohnehin nur eine bloße Formalität ist.

Dass Laudine kurz nach dem Tod Askalons den Mörder ihres Mannes heiraten will, ist kein Grund zur Kritik, da Iwein alle Auswahlkriterien für einen Ehegatten erfüllt: Er ist vrum (2323), “sun des künec Urjênes” (2111), und er hat “jugent und dâ zuo ander tugent” (2089 f). Zudem kommt, dass wenn Laudine unter ihrem Stand heiraten würde, sie während der Ehejahre eine Standesminderung in Kauf nehmen müsste.10

Laudine ist also “wol bewart” (2325) und ihr schutzloser Zustand legitimiert diese Heirat zu genüge.

[...]


1 Kaiser Gert / Müller Jan-Dirk: Höfische Literatur - Hofgesellschaft - Höfische Lebensform um 1200. S. 243.

2 W eddige, Hilkert: Mittelhochdeutsch. Eine Einführung. 6. Auflage. München: Beck, 2004, S. 79.

3 Dinzelbacher, Peter: Sachwörterbuch der Mediävistik. Stuttgart, 1992, S. 535.

4 Mertens, Volker: Laudine - Soziale Problematik im Iwein Hartmanns von Aue. Berlin, 1978, S. 17.

5 Duby, Georges: Die Frau ohne Stimme. S. 47.

6 Mertens, Volker: Laudine - Soziale Problem atik im Iwein Hartmanns von Aue. Berlin, 1978, S. 30.

7 Aue, Hartmann von: Iwein. 4. überarbeitete Aufl. Berlin, 2001. Vers 1909-1916. Alle weiteren Zitate dieses W erkes werden durch Versangaben direkt hinter dem Zitat kenntlich gem acht.

8 W eddige, Hilkert: Mittelhochdeutsch. Eine Einführung. 6. Auflage. München: Beck, 2004, S. 129.

9 Mertens, Volker: Laudine - Soziale Problem atik im Iwein Hartmanns von Aue. Berlin, 1978, S. 15.

10 Mertens, Volker: Laudine - Soziale Problem atik im Iwein Hartmanns von Aue. Berlin, 1978, S. 37.

Details

Seiten
14
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640464395
ISBN (Buch)
9783640461561
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v137861
Institution / Hochschule
Universität Konstanz
Note
1,0
Schlagworte
Hartmann Iwein Spannung Zweckehe Heirat Liebe

Autor

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Titel: Hartmann von Aue: 'Iwein' - Die Spannung zwischen einer Zweckehe und einer Heirat aus Liebe