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Der Vertrag von Versailles

Seminararbeit 2002 27 Seiten

Romanistik - Französisch - Landeskunde / Kultur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Versailler Vertrag
2.1 Die Pariser Friedenskonferenz
2.2 Übergabe der ausgearbeiteten Bedingungen
2.3 Ultimative Aufforderung, Unterzeichnung und Inkrafttreten des Vertrages

3. Unterschiedliche Interessen der Alliierten
3.1 Frankreich
3.2 Großbritannien
3.3 USA

4. Einzelne Punkte des Versailler Vertrages
4.1 Territoriale Bestimmungen und damit verbundene Verluste
4.1.1 Gebietsabtretungen der Verbündeten des Deutschen Reiches
4.1.2 Gebietsabtretungen des Deutschen Reiches
4.2 Kriegsschuldartikel und Reparationsfrage
4.3 Regelung sonstiger Fragen

5. Allgemeine wirtschaftliche Folgen
5.1 Währungsverfall
5.2 Ruhrbesetzung
5.3 Stabilisierung der Währung und Senkung der Kriegsschulden
5.3.1 Der Dawes-Plan

6. Die Revisionspolitik der Weimarer Republik .
6.1 Gustav Stresemann und seine politischen Ziele
6.1.1 Der Briand-Kellogg-Pakt
6.2 Außenpolitische Stärke versus innenpolitische Schwäche
6.3 Das Ende des Reparationsproblems

7. Der Versailler Vertrag und der Nationalsozialismus
7.1 Hitlers Weg zur Macht

8. Schlussbemerkung

9. Karten: Mitteleuropa vor und nach dem Ersten Weltkrieg

10. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Ein Volk von 70 Millionen leidet, aber es stirbt nicht.“[1] Mit diesen Worten vollzog Matthias Erzberger, Führer der deutschen Delegation, die Kapitulation, die dem Ersten Weltkrieg ein Ende setzte. Während des vierjährigen Blutvergießens hatte er sich von einem Befürworter territorialer Annexionen zum Anwalt eines Verständigungsfriedens gewandelt. Im November 1918[2] unterzeichnete der deutsche Politiker in Compiègne das von General Ferdinand Foch, dem Oberkommandierenden der Alliierten und Führer der französischen Waffenstillstandsdelegation, ausgearbeitete Dokument. Danach mussten nicht nur die besetzten Gebiete einschließlich Elsaß-Lothringens sofort geräumt werden; in einer zweiten Phase mussten sich die deutschen Truppen auch aus dem linksrheinischen Gebiet, einer neutralen Zone und aus drei Brückenköpfen rechts des Rheins (um Mainz, Koblenz und Köln) zurückziehen. Außerdem musste die deutsche Hochseeflotte einschließlich aller U-Boote ausgeliefert werden, dazu tausende von Lokomotiven, Eisenbahnwaggons und Lastwagen sowie Kriegsmaterial aller Art. Die Friedensverträge, die das Deutsche Reich[3] zu seinen Gunsten im Osten abgeschlossen hatte, wurden für hinfällig erklärt, die alliierten Kriegsgefangenen entlassen, und die Geltung des Waffenstillstandes zeitlich befristet.

Das Kaiserreich war zusammengebrochen. „Zwei Millionen Menschen waren gefallen, das Volk war ratlos, die Feinde, die man 1914 besiegen zu können gehofft hatte, triumphierten ... Für die Deutschen war die Welt verändert. Kümmerlich ernährt und kümmerlich gekleidet gingen die deutschen Bürger durch die Straßen, [...], ihre Söhne waren gefallen oder in Gefangenschaft, und die, die heimgekehrt waren, waren grausam verändert.“[4] Die Werte der Menschen waren erschüttert, ihr Selbstbewusstsein gefährdet. Aber nicht nur für die Deutschen war die Welt eine andere geworden - ganz Europa hatte stark gelitten. Nicht nur Städte und Dörfer waren zerstört worden, sondern auch nahezu zehn Millionen Menschenleben. Die am Ersten Weltkrieg beteiligten Staaten waren hoch verschuldet, die Währungen zerrüttet, der Welthandel funktionierte nicht mehr und Hunger und Elend hatten sich überall ausgebreitet.

In Frankreich wurde der Ausgang des Krieges dagegen überwiegend als französischer Sieg verstanden und gefeiert. Lange Zeit hatte die Bevölkerung auf einen Sieg gehofft, gleichzeitig aber eine Niederlage schon vor Augen gehabt. Deshalb war die Erleichterung über den Erfolg um so größer. Und nachdem man von allen Verbündeten am meisten unter diesem Krieg zu leiden gehabt hatte, war man der Meinung, auch den größten Anteil an diesem Sieg zu haben und man fühlte sich damit an führender Stelle mitverantwortlich für die Gestaltung der internationalen Ordnung auf dem europäischen Kontinent. Entsprechend groß waren die Erwartungen, die man in die Friedensverhandlungen setzte. Frankreich wollte in einem Friedensvertrag nicht nur die Garantie gegen einen erneuten deutschen Angriff verankert sehen, die Deutschen sollten des weiteren auch für alle erlittenen Verluste aufkommen. „Die Überzeugung, dass ‚Deutschland alles zahlen wird‘, tröstete über die Misere der Kriegserschöpfung hinweg und entschärfte zugleich die innergesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Ein antideutsch bestimmter Nationalismus wurde zum wichtigsten Integrationsmittel einer Gesellschaft, deren innere Friktionen durch die Kriegserfahrung eher verstärkt und vermehrt als eingeebnet worden waren.“[5]

Schon während des Krieges hatte sich Frankreich Gedanken um seine Zukunft gemacht. Die Vorstellungen zielten schwerpunktmäßig auf eine sicherheitspolitisch motivierte Expansion nach Osten. Als man dann jedoch begann, die Vorbereitungen für Friedensverhandlungen zu treffen, legte sich die Regierung Clémenceau[6] auf die Forderung nach Schaffung eines oder mehrerer Rheinstaaten und die Annexion der Saar fest. Darüber hinaus traf die Regierung Vorkehrungen, Frankreich zum wirtschaftlichen Zentrum des Kontinents werden zu lassen, und griff die Idee einer kollektiven Sicherheitsorganisation auf, mit der die Alliierten gemeinsam künftigen Expansionsplänen der Deutschen zuvorkommen sollten.

2. Der Versailler Vertrag

Dieses Vertragswerk gilt als eines der wichtigsten der Pariser Vorortverträge[7] von 1919/1920 und auch als wichtiges Dokument hinsichtlich der deutschen Entwicklung. Die darin genannten Bedingungen waren hart und wichen weit ab von Wilsons 14 Punkten[8], auf die die Deutschen gesetzt hatten, als sie die Waffen niederlegten. Wilsons Angebot galt, nachdem man es im Frühjahr 1918 ausgeschlagen hatte, mit dem Waffenstillstand vom Herbst 1918 nicht mehr. Um den Völkerbund durchzusetzen, musste der amerikanische Präsident gegenüber seinen europäischen Verbündeten auf fast alles verzichten, was seinen Idealen entsprach, und selbst der Völkerbund erfüllte nicht den Zweck, den Wilson ihm zugedacht hatte.

2.1 Die Pariser Friedenskonferenz

Am 18. Januar 1919 fanden sich in Versailles die Siegermächte[9] zu einer Friedenskonferenz zusammen. 32 Nationen waren durch Delegationen vertreten, die ehemaligen Mittelmächte[10] und Verlierer des Ersten Weltkrieges waren nicht zugelassen worden. Das bolschewistische Russland war wegen des Bürgerkrieges nicht vertreten. Die Furcht war zu groß, dass sich die Alliierten bei Direktverhandlungen spalten könnten. Den Vorsitz der Verhandlungen führte der französische Ministerpräsident George Clémenceau. Die Entscheidungen wurden im wesentlichen vom „Rat der Vier“ getroffen, dem außer Clémenceau der britische Premierminister David Lloyd George, der amerikanische Präsident Thomas Woodrow Wilson und zeitweise auch der italienische Ministerpräsident Vittorio E. Orlando angehörten. In ihren Debatten ging es unter anderem um die Frage des Umgangs mit den Hauptgegnern Deutschland und Österreich-Ungarn und um die Neuordnung Mittel- und Osteuropas. Dabei bestimmten ein starkes Sicherheitsbedürfnis und Revanchestreben den Gang der Verhandlungen.[11] Außerdem diskutierten sie über das Selbstbestimmungsrecht der Völker – das als Grundlage eines gerechten Friedens dienen könnte. Hauptanliegen war die Errichtung eines Völkerbundes, der zukünftig alle internationalen Streitfragen auf friedlichem Wege regeln sollte. Der von Wilson entwickelte Gedanke sorgte jedoch für unterschiedliche Ansichten in Bezug auf die Realisierung.

Die Deutschen wussten, dass sie harte Bedingungen als unvermeidliche Folge des Krieges zu erwarten hatten. Was sie aber regelrecht verbitterte, war die Tatsache, dass die Sieger Deutschland so schwach wie nur irgend möglich wollten, so dass die neugefundene Freiheit zur „Bettlerfreiheit“[12] zu werden drohte.

2.2 Übergabe der ausgearbeiteten Bedingungen

Die Bedingungen, die auf der Pariser Friedenskonferenz ausgearbeitet worden waren, wurden den einzelnen Delegationen der unterlegenen Staaten zur schriftlichen Stellungnahme überreicht; mündliche Verhandlungen wurden gar nicht erst zugelassen. Die Unterzeichnung der Verträge durch die ehemaligen Verbündeten Deutschlands erfolgte in verschiedenen Pariser Vororten. Clémenceau überreichte der deutschen Delegation am 7. Mai 1919 ihre Friedensbedingungen in Versailles und ließ sie wissen, dass „hier weder der Ort noch die Stunde für überflüssige Worte sei“, und erklärte: „Die Stunde der Abrechnung ist da. Sie haben uns um Frieden gebeten. Wir sind geneigt, Ihnen den Frieden zu gewähren, der von den hier vertretenen zu teuer erkauft ist, als dass wir nicht einmütig entschlossen sein sollten, sämtliche uns zu Gebote stehenden Mittel anzuwenden, um jede uns zustehende Genugtuung zu erlangen.“ Wegen der Härte der im Versailler Vertrag niedergeschriebenen Bedingungen – alleinige Kriegsschuld, Gebietsabtretungen im Osten und Westen und damit verbundene Rohstoffverluste, Bestimmungen zur Entmilitarisierung – erhob sich in Deutschland ein regelrechter Sturm der Entrüstung. Das war eine zu große Schmach für das deutsche Volk. Zahlreiche Gegenvorschläge wurden gemacht, aber die Alliierten ließen sich von ihrer Linie nicht abbringen. Damit lieferten die Alliierten zugleich aber auch die besten Parolen für die Propaganda der extremen politischen Gruppen, die die erste deutsche Republik von Anfang an ablehnten und sie mit Hilfe des Versailler Vertrages bekämpfen und zerstören wollten.

2.3 Ultimative Aufforderung, Unterzeichnung und Inkrafttreten des Versailler Vertrages

Am 16. Juni – fünf Wochen nachdem der deutschen Delegation die Bedingungen übergeben worden waren – forderten die Alliierten das Deutsche Reich ein letztes Mal ultimativ auf, das Vertragswerk binnen fünf Tagen zu unterschreiben. Ansonsten werde der Krieg, die Blockade und die Besetzung des Reiches fortgesetzt. Die Oberste Heeresleitung erkannte, dass die Situation ausweglos war und ermächtigte die Nationalversammlung, das Diktat bedingungslos zu unterschreiben. Angesichts der drohenden Besetzung des gesamten Deutschen Reiches und in der Hoffnung auf baldige Revisionsmöglichkeiten änderte die Mehrheit der Weimarer Nationalversammlung ihre bisher ablehnende Haltung und stimmte nach dem Rücktritt des Kabinetts Scheidemann dem Vertrag mit allen seinen Bedingungen zu.

Der Vertrag, mit dem der Erste Weltkrieg sein Ende fand wurde schließlich am 28. Juni 1919 im Spiegelsaal des Schlosses in Versailles unterzeichnet. „Fortan war die Republik in ihrer Existenz durch die sich auf der linken, wie auf der rechten Seite formierenden Gegner des parlamentarischen Systems bedroht. Abgesehen von einer kurzen Konsolidierungsphase zwischen 1924 und 1929 blieb dieser fragile Zustand der Republik ein Charakteristikum der ersten deutschen Demokratie, die dann in den Jahren der Massenarbeitslosigkeit nach der Weltwirtschaftskrise den Nationalsozialisten nichts mehr entgegenzusetzen hatte.“[13]

Die Alliierten hatten bewusst diesen Ort gewählt. Vor 48 Jahren war er der Schauplatz der Ausrufung des Deutschen Kaiserreiches gewesen. Mit dieser Art eines Schöpfungsaktes hätte man Frankreich kaum mehr demütigen können. Und diesmal demütigte man die Deutschen. Reichsaußenminister Hermann Müller und der Reichsverkehrsminister Johannes Bell unterzeichneten den Text, der dann am 20. Januar 1920 in Kraft trat, am Ende des ersten Teils der Pariser Friedenskonferenz. Bis zum Sommer 1920 wurden auch Österreich, Ungarn, Bulgarien und der Türkei die Verträge vorgelegt.

[...]


[1] Vgl. Raff, Seite 281

[2] Im gleichen Monat rief Philipp Scheidemann in Weimar die Republik aus.

[3] Oder auch Weimarer Republik; Deutsches Reich war seit 1871 bis 1945 die amtliche Bezeichnung des deutschen Staates.

[4] Vgl. Raff, Seite 282

[5] Vgl. Loth, Seite 32

[6] Der Französischer Politiker Georges Clémenceau (1841 - 1929), war gegen den Friedensvertrag mit Deutschland.

[7] Pariser Vorortverträge ist eine Sammelbezeichnung für die in einzelnen Pariser Vororten abgeschlossenen Friedensverträge zwischen der Entente und den Mittelmächten nach dem Ersten Weltkrieg.

[8] Friedensprogramm des amerikanischen Präsidenten Thomas Woodrow Wilson (1865 - 1924), das als Grundlage für eine dauerhafte Friedensordnung dienen sollte. Die 14 Punkte enthielten allgemeine Grundsätze, die den zwischenstaatlichen Verkehr bestimmen sollten (keine Geheimdiplomatie, Freiheit der Schifffahrt und des Handels, umfassende Abrüstung und unparteiische Regelung der kolonialen Ansprüche).

[9] Britisches Reich, Frankreich, Italien, Japan und die USA

[10] Bezeichnung für die im Ersten Weltkrieg verbündeten Staaten Deutsches Reich und Österreich-Ungarn (wegen ihrer Mittellage zwischen den Gegnern in West- und Osteuropa), später auch für ihre Bündnispartner Osmanisches Reich und Bulgarien.

[11] Eine Minderheit extremer Nationalisten hatte eine Rückkehr zum Deutschland des Westfälischen Friedens (eine Aufteilung des Reiches in machtlose Kleinstaaten) gefordert.

[12] Vgl. Raff, Seite 290

[13] Vgl. Müller, Seite 374

Details

Seiten
27
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638193382
ISBN (Buch)
9783638698771
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v13779
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Romanistik
Note
1,5
Schlagworte
Vertrag Versailles Seminar Frankreich Deutschland Europa

Autor

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