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Eine Analyse des Kapitalismuskonzeptes von Werner Sombart im Vergleich zu Max Weber

Seminararbeit 2003 25 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. „Liebe, Luxus und Kapitalismus“
2.1 Die Säkularisation der Liebe
2.2 Die Entfaltung des Luxuskonsums
2.3 Luxuskonsum und Kapitalismus

3. Das „doppelte Gesicht“ des Krieges
3.1 Charakteristika des modernen Heeres
3.2 Einflüsse auf den Güterbedarf durch die modernen Heere
3.3 Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Bedarfsdeckung

4. Werner Sombart und Max Weber im Vergleich
4.1 Ansichten über die Rolle der Luxus- entfaltung
4.2 Die Entwicklung des kapitalistischen Lebensstils
4.3 Die Bedeutung des Militarismus

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Soziologie Werner Sombarts, einem angesehenen Sozialwissenschaftler an der Wende zum 20. Jahrhundert.[1] Sein Hauptaugenmerk lag vorwiegend auf der Erforschung der Ursachen, welche die Entwicklung des Kapitalismus vorantrieben.

In seinem 1902 publizierten Hauptwerk „Der moderne Kapitalismus“ und der 1916 erschienen Neuauflage behandelt er dann auch vorwiegend das Handwerk und die Theorie der kapitalistischen Entwicklung.[2] In dieses Ge-samtkonzept einer europäischen Wirtschaftsgeschichte von der Karolingerzeit bis zum Ende des 18. Jahrhunderts fügten sich auch seine beiden Studien zur Entwicklungsgeschichte des modernen Kapitalismus ein, also die hier vorge-stellten Werke „Liebe, Luxus und Kapitalismus“ und „Krieg und Kapitalismus“.[3] Ausgehend von einer Skizzierung des Handwerks als vor-kapitalistischem Wirtschaftssystem, betrachtete Sombart die Ereignisse, „deren Eintritt (…) den ´modernen` Kapitalismus möglich gemacht und zur Entwicklung gebracht“ haben. Dabei definierte er den Kapitalismus als „eine verkehrswirtschaftliche Organisation, bei der regelmäßig zwei verschiedene Bevölkerungsgruppen; die Inhaber der Produktionsmittel, die gleichzeitig die Leistung haben, Wirtschaftssubjekte sind und besitzlose Nurarbeiter (als Wirtschaftsobjekte), durch den Markt verbunden, zusammenwirken, und die vom Erwerbsprinzip und dem ökonomischen Rationalismus bestimmt wird“.[4] Wichtig anzumerken ist, dass seine Analyse des Detailhandels nicht das Verschwinden des Kleinbetriebs als solchem behauptete, sondern sie diagnostizierte das Überleben derer, die eine kapitalistische Wirtschaftsgesinnung übernahmen, bei gleichzeitigem Niedergang, d.h. dem Verlust realer wirtschaftlicher Selbständigkeit und Abhängigkeit von kapitalistischen Unternehmungen, der anderen.[5] Das Prinzip handwerklicher Wirtschaft war die Wirtschaftsgesinnung der Nahrungsorientierung: lediglich „ein standesgemäßes Auskommen“ strebte der Handwerker an „nicht weniger, aber vor allem auch nicht mehr“.[6] Sombarts Hauptelemente für die Genesis des Kapitalismus und die Theorie der kapitalistischen Entwicklung waren die Kapitalakkumulation und die Entstehung eines kapitalistischen Geistes. Unter letzterem verstand er jene inneren Einstellungen und Charakteristika, die dem kapitalistischen Unter-nehmer eigentümlich sind: Gewinnstreben, kalkulatorischer Sinn, ökonomi-scher Rationalismus. So unterschied Sombart innerhalb der Genese des Kapitalismus zwischen dem erwachenden Erwerbsstreben und der Ausbildung einer besonderen ökonomischen Rationalität.[7]

Im Verlauf dieser Arbeit soll die Theorie veranschaulicht werden, die Sombart in seinen beiden Studien zur Entwicklungsgeschichte des Kapitalismus „Liebe, Luxus und Kapitalismus“ und „Krieg und Kapitalismus“ verfolgte: hier thematisierte er die Veränderung von Nachfragestrukturen infolge einer Ausweitung des Luxuskonsums und der Vergrößerung und Standardisierung von Heeren und Flotten.[8] Die gängige Meinung lautete bis in die Neuzeit hinein immer wieder, dass der Kapitalismus aus der protestantischen Ethik und der extremen Sparsamkeit der früheren Unternehmer entstand. Dagegen liegen für Sombart zwei bedeutsame Aspekte für die Entwicklung des Kapitalismus in der Luxusentfaltung einerseits und im modernen Heereswesen andererseits. Erstere begründet sich auf der tiefgreifenden Wandlung der Geschlechter-beziehungen im 16. Jahrhundert: Liebe und Ehe treten auseinander, das Maitressentum am Hofe bildet sich aus und wird gesellschaftsfähig. Die notwendige Voraussetzung für die Unterhaltung der Maitressen liegt in einer enormen Luxusentfaltung.[9] Des Weiteren sieht Sombart einen enormen Förderer der kapitalistischen Entwicklung im Kriegswesen und in der „Aus-bildung stehender Massenheere, die mit der Standardisierung der Bewaffnung, der Zentralisierung der Beköstigung und der Uniformierung der Bekleidung wichtige Impulse gegeben“ habe.[10] Zudem wurde durch die modernen Heere erstmals ein Massenbedarf an verschiedenartigen Gütern erzeugt. Die modernen Heere erfüllen „wichtige Bedingungen kapitalistischer Wirtschaft (…): die Vermögensbildung, der kapitalistische Geist und vor allem ein großer Markt.“[11] Das staatliche Heerwesen gab aber auch Impulse für eine Rationalisierung der technischen Entwicklung. Edelmetallproduktion, Technik und Staatsbildung gehörten also für Sombart zu den wesentlichen Rahmenbedingungen kapitalistischer Entwicklung und die Entstehung des „bürgerlichen Reichtums“ zählte zu einer ihrer Hauptvoraussetzungen. Weitere bedeutsame Faktoren für die Vermögensbildung waren die Akkumulation städtischer Grundrente, die Geldleihe und die Ausbeutung der Kolonien durch Zwangshandel und Sklaverei.[12] So hatte er in seiner Studie über „Liebe, Luxus und Kapitalismus“ dargestellt, wie „aus tausend Quellen während des Mittelalters und den darauf folgenden Jahrhunderten“ ein neuer bürgerlicher Reichtum hervorbricht.[13] Die genannten Faktoren der frühneuzeitlichen Luxus-entfaltung, der „Neugestaltung des Güterbedarfs“, des stark steigenden Heeresbedarfs, sowie des Massenbedarfs der Großstädte und der Kolonien, schufen eine neue Nachfrage, welche Sombart zufolge äußerst förderlich für die Entwicklung des Kapitalismus war.[14]

Abschließend wird die Verfasserin Parallelen und Unterschiede zwischen Werner Sombart und Max Weber in Bezug auf das Konzept der Entwicklung des Kapitalismus aufzeigen. Beide thematisieren zwar den „Geist des Kapi-talismus“[15], allerdings benennen sie verschiedene Aspekte als Förderer der kapitalistischen Entwicklung. Sombart sieht jene, wie bereits erwähnt, in der Luxusentfaltung und dem modernen Kriegswesen; Weber dagegen betrachtet die protestantische Ethik speziell der calvinistischen Sekten als einen bedeutsamen Einflussfaktor auf die kapitalistische Entwicklung.

2. „Liebe, Luxus und Kapitalismus“

In der Publikation „Liebe, Luxus und Kapitalismus“ benennt Sombart den zunehmenden Luxuskonsum der neuen Gesellschaft als einen bedeutsamen Faktor für die Entwicklung des Kapitalismus. Seine Analyse beschreibt in chronologischer Reihenfolge zunächst die Entstehung der neuen Gesellschaft, die sich vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, also in den für die Entwicklung des Kapitalismus entscheidenden Jahrhunderten, herausbildete. Diese neue Ge-sellschaftsschicht bildete sich im Prozess einer „Verschmelzung von Adelsvor-nehmheit und Bürgergeld“ aus dem alten Adel und dem neuen bürgerlichen Reichtum („Nouveaux riches“), indem der verarmte feudale Adel häufig die Töchter aus den reichen Kaufmannsfamilien ehelichte.[16] Eine Folgeer-scheinung dieser neuen Gesellschaftsschicht bestand in der Herausbildung eines neuen Städtetypus im 16. Jahrhundert: der Großstadt.[17] Die Großstädte der frühkapitalistischen Epoche sind nach Sombart reine Konsumentenstädte, da sich in ihnen die meisten und größten Konsumenten wie Fürsten, Geistlichkeit und Haute finance versammeln. Die Ausbreitung der Großstädte ist demnach zu sehen als „Konzentration des Konsums in den städtischen Mittelpunkten“ des jeweiligen Landes. Industrie und Handel haben demgegenüber keine großstadtbildende Kraft.[18] Am Beispiel von Paris veranschaulicht Sombart die Bildung von Großstädten durch eine „Zusammen-ballung des Konsums“. Alle Edelleute und alle Reichen lassen sich in Paris oder in einer anderen großen Stadt nieder und um sie gruppiert sich eine hochentwickelte Luxusindustrie, indem sie durch ihre Ausgaben eine Vielzahl von Gewerbetreibenden, Handwerkern und Dienerschaften anziehen. Die Einwohnerzahl steigt und alle Gewerbe und aller Handel leben ausschließlich von den Ausgaben der Reichen.[19]

2.1 Die Säkularisation der Liebe

Nach Sombart ist der Wandel in den Geschlechterbeziehungen, der sich seit dem Mittelalter bis in die Zeit des Rokoko hinein vollzog, ein grundlegendes Erklärungsmoment für die gesamte Lebensgestaltung der neuen Gesellschaft und für das Verständnis der Genesis des modernen Kapitalismus. Das europäische Mittelalter hatte das Phänomen der Liebe „in den Dienst des Höheren: Gottes gestellt“, die Liebe war also institutionell gebunden an die Ehe als „gottgewollte und gottgesegnete Einrichtung“ und alle nicht institutionell gebundene Geschlechtsliebe war als „Sünde“ gebrandmarkt.[20]

Seit dem 15. Jahrhundert finden sich nun „Vorboten einer neuen Auffassung“ von Liebe und der allgemein vertretene Standpunkt lautet: „Liebe ist von Natur aus a-legitim.“[21] Folge dieser neuen Auffassung ist, dass sich in der Gesell-schaft die freie Liebe neben der gebundenen Liebe einzunisten beginnt. Von diesem Zeitpunkt an blieb der vor- und zwischeneheliche Geschlechtsverkehr eine „ständige Ergänzung des ehelichen in allen Kreisen, die etwas auf sich hielten“ und auch die Prostitution nimmt seit dem Mittelalter an Umfang und Bedeutung zu.[22] Mit dieser Ausbreitung der freien Liebe, d.h. der „Liebe als Selbstzweck“ entsteht eine neue Frauenschicht, die am Hofe verkehrt: die Kurtisane. Die Dame am Hofe war also von Natur aus „illegitim“ und der Hof im modernen Sinne entstand nur „mit und durch Frauen“. Das Zeitalter des Maitressentums beginnt.[23] Die Folge dieser Entwicklung war, dass mit diesen „öffentlich anerkannten Königsliebchen, die nun die Welt zu beherrschen anfingen, (...) die ganze Zunft der berufsmäßigen Venuspriesterinnen gleich-sam geadelt“ wurde, d.h. die illegitime Liebesbeziehung wurde von ihrem Makel befreit.[24]

Durch das Emporkommen der eleganten Kurtisane wurde nun auch die „Geschmacksbildung der anständigen Frau, d.h. also: die Frau von Stande, in der Richtung des Kokottenhaften beeinflusst“. Sie musste mit der Königs-maitresse in Konkurrenz treten, wollte sie nicht völlig ausgeschaltet werden. In diesem Sinne schaffte die Königsmaitresse hinsichtlich der Lebensführung „gewisse Mindestbedingungen der Kultur, die jede Dame der Gesellschaft, sei sie so anständig wie sie wolle, dann erfüllen muß“, so wird beispielsweise die Dame der Gesellschaft offenbar erst durch Kurtisane dazu angehalten, sich zu waschen. Ebenso probiert die Maitresse zuerst alle Mode, Luxus, Pracht und Verschwendung, „ehe sie in abgetönter Färbung von den Damen der Gesellschaft aufgenommen werden...“[25]

[...]


[1] Vgl.: Lenger, Friedrich: Werner Sombart, 1863 – 1941, eine Biographie. C. H. Beck`sche Verlagsbuchhandlung, München 1994, S. 115

[2] Vgl.: a.a.O., S. 118 f.

[3] Vgl.: a.a.O., S. 219

[4] Vgl.: a.a.O., S. 230

[5] Vgl.: a.a.O., S. 118 f.

[6] Vgl.: a.a.O., S. 120

[7] Vgl.: a.a.O., S. 121

[8] Vgl.: a.a.O., S. 219

[9] Vgl.: Sombart, Werner: Liebe, Luxus und Kapitalismus. Über die Entstehung der modernen Welt aus dem Geist der Verschwendung. Wagenbachs Taschenbücherei 103, (Verlag Klaus Wagenbach), Berlin 1983, S. 17 f.

[10] Vgl.: Lenger, Friedrich: Werner Sombart, 1863 – 1941, eine Biographie. C. H. Beck`sche Verlagsbuchhandlung, München 1994, S. 231

[11] Vgl.: Sombart, Werner: Krieg und Kapitalismus. Verlag von Duncker & Humblot, München und Leipzig 1913, S. 14

[12] Vgl.: Lenger, Friedrich: Werner Sombart, 1863 – 1941, eine Biographie. C. H. Beck`sche Verlagsbuchhandlung, München 1994, S. 231

[13] Vgl.: a.a.O., S. 231 f.

[14] Vgl.: a.a.O., S. 232

[15] Vgl.: a.a.O., S. 130

[16] Vgl.: Sombart, Werner: Liebe, Luxus und Kapitalismus. Über die Entstehung der modernen Welt aus dem Geist der Verschwendung. Wagenbachs Taschenbücherei 103, (Verlag Klaus Wagenbach), Berlin 1983, S. 28 f.

[17] Vgl.: a.a.O., S. 43

[18] Vgl.: a.a.O., S. 45

[19] Vgl.: a.a.O., S. 50 f.

[20] Vgl.: a.a.O., S. 65 f.

[21] aus: a.a.O., S. 72

[22] Vgl.: a.a.O., S. 74 f.

[23] Vgl.: a.a.O., S. 75 ff.

[24] Vgl.: a.a.O., S. 78

[25] Vgl.: a.a.O., S. 81 f.

Details

Seiten
25
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638193344
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v13775
Institution / Hochschule
Universität Trier – Fachbereich IV
Note
1,7
Schlagworte
Eine Analyse Kapitalismuskonzeptes Werner Sombart Vergleich Weber Industrialisierungsprozesse Westeuropa

Autor

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