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Der Beitrag der Sozialisation in Theorie und Praxis zur Bildung von Persönlichkeit

Vordiplomarbeit 2008 35 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Abbildungsverzeichnis

2. Einleitung

3. Definitionen

4. Theorien der Sozialisation
4.1. Psychologische Sozialisationstheorien
4.1.1. Persönlichkeitstheorien
Psychoanalytische Theorie
4.1.2. Lerntheorien
Traditionelle Lerntheorie
Theorie des sozialen Verhaltens
4.1.3. Entwicklungspsychologische Theorien
Kognitive Entwicklungspsychologie
Die ökologische Entwicklungspsychologie
4.2. Soziologische Theorien
4.2.1. Systemtheorien
4.2.2. Handlungstheorien
4.2.3. Kommunikations-, Identitäts- und Rollentheorien
4.2.4. Gesellschaftstheorien
Materielle Gesellschaftstheorie
Lebensstiltheorien

5. Die Praxis der Sozialisation
5.1. Familie
5.2. Sozialisation im Erziehungs- und Bildungssystem
Der Kindergarten
Die Schule
5.3. Die Peergroup
5.4. Die Massenmedien

7. Literaturverzeichnis

1. Abbildungsverzeichnis

Abb.1: Das Zusammenspiel von Anlage und Umwelt bei der Persönlichkeitsentwicklung

Abb.2. Das Verhältnis von innerer und äußerer Realität

Abb.3: Skinner-Box

Abb.4: Sozialisation in der Familie

Abb.5: Die Sozialen Rollen in der Kernfamilie

Abb.6: Zirkelförmiger Verlauf des Sozialisationsprozess

Abb.7: Reproduktion Sozialer Ungleichheit.

Abb.8: Das magische Dreieck der Erziehung .

2. Einleitung

Im Rahmen meiner Hausarbeit zur Vordiplomsprüfung im Studiengang Erziehungswissenschaft werde ich mich mit dem Beitrag der Sozialisation in Theorie und Praxis zur Bildung von Persönlichkeit beschäftigen und versuchen den Wert der Sozialisationstheorien für die praktische Arbeit in der Pädagogik zu evaluieren.

Als erstes werde ich den Begriff der Sozialisation definieren und von den Bereichen der Enkulturation und Erziehung abgrenzen.

Anschließend werde ich verschiedene Sozialisationstheorien aus den Bereichen der Soziologie und der Psychologie vorstellen.

Als nächstes werde ich auf die verschiedenen gesellschaftlichen Institutionen eingehen, in welchen Sozialisation vollzogen wird und ihren speziellen Einfluss auf den Heranwachsenden darstellen, um abschließend an Hand der vorgestellten Theorien zu zeigen, in wie weit die Pädagogik in der Praxis die Bedingungen zur Bildung von Persönlichkeit verbessern kann.

3. Definitionen

Der französische Soziologe Emil Durkheim, welcher von 1858 bis 1917 lebte, gilt als Begründer der Sozialisationsforschung. Er untersuchte die Entwicklung der modernen Industriegesellschaft und interessierte sich vor allem für die Verinnerlichung der Normen, also der Internalisierung der Gesellschaftsmechanismen.

Sozialisation dient seiner Meinung nach der Bestandsicherung der Industriegesellschaft, da das Individuum durch die Verinnerlichung der gesellschaftlichen Normen erst gesellschaftsfähig wird, während es vorher triebhaft, egoistisch und asozial war.

„Sozialisation ist Persönlichkeitsentwicklung im sozialen und kulturellen Kontext, eine Form des stets spannungsreichen Konstruktes der Biografie und der Behauptung der Identität in der Umwelt, im teilweisen Widerspruch zur ärgerlichen Tatsache der Gesellschaft.“[1]

Sozialisation ist nach Durkheim also die Vergesellschaftung der menschlichen Natur.

Ab den 60er Jahren kam es zu einer Neudefinition, da die These aufgestellt wurde, dass Sozialisation und Erziehung für die gesellschaftliche Ungleichheit verantwortlich sind.

Sozialisation wird jetzt als Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit definiert, der in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt geschieht.[2]

Persönlichkeit wird definiert als das individuelle Gefüge von Merkmalen, Eigenschaften, Einstellungen und Kompetenzen, als Ergebnis der Bewältigung von Lebensaufgaben im Verlauf der Biografie.

Der Begriff der Sozialisation wird abgegrenzt von den Bereichen Bildung, Erziehung und Enkulturation.

Bildung wird verstanden als Förderung der Eigenständigkeit und Selbstbestimmung durch Aneignung von und Auseinandersetzung mit der ökonomischen, kulturellen und sozialen Lebenswelt. Es handelt sich hierbei um einem aktiven und bewussten Prozess.

Erziehung dagegen sind gezielte und bewusste Einflüsse aus dem Bildungsprozess.

Enkulturation ist das Erlernen der kulturellen Überlieferungen einer Gesellschaft. Sie vollzieht sich unbewusst.

Klaus Hurrelmann hat sieben Thesen zur Sozialisation aufgestellt, auf die ich im Folgenden eingehen werde, um die Definition der Sozialisation abzurunden.

1. Sozialisation vollzieht sich im Wechselspiel von Anlage und Umwelt.

Während der Genotyp die Entwicklungsmöglichkeiten des Individuums festlegt, hängt deren Aktivierung, also das Entstehen des Phänotyps, vom sozialen Kontext ab.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Das Zusammenspiel von Anlage und Umwelt bei der Persönlichkeitsentwicklung[3]

2. Sozialisation ist die wechselseitige Abhängigkeit von körperlichen und psychischen Grundstrukturen, der inneren Realität, und sozialen und physikalischen Umweltbedingungen, der äußeren Realität.

Beide Faktoren sind festgelegt und nicht aktiv veränderbar, lediglich die Art der Auseinandersetzung mit ihnen geschieht individuell und aktiv.

Innere Realität: Äußere Realität:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Das Verhältnis von innerer und äußerer Realität[4]

3. Sozialisation ist die dynamische und produktive Verarbeitung der inneren und äußeren Realität.

Dieser Prozess ist eine lebenslange Aufgabe und geschieht aktiv, da die Umweltbedingungen beobachtet und analysiert werden, um in der Folge das eigene Handeln daran anzupassen.

4. Eine angemessene soziale und materielle Umwelt ist die Voraussetzung für eine gelingende Persönlichkeitsentwicklung.

Eine besondere Rolle kommt hier der Institution „Familie“ zu, da sie die ersten und grundlegenden, also „primären“, Einflüsse auf die Persönlichkeitsentwicklung hat. Sie ist der Erschließer und Vermittler der äußeren Realität und ein eigener Mikrokosmos mit spezifischen kulturellen, ökonomischen und normativen Lebensbedingungen. Die soziale Lage und der Bildungsgrad der Eltern beeinflussen die Entwicklungsmöglichkeiten und -aufgaben des Kindes.

5. Nicht nur die Familie hat Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung, sondern auch andere soziale Organisationen und Systeme beeinflussen diese.

Im Rahmen der Differenzierung wurden die ursprünglichen Aufgaben der Familie ausgelagert und von anderen Institutionen übernommen.

Für die Sozialisation ergibt sich folgende Rangfolge:

- Primär: Familie, Verwandtschaft, Freundeskreis. Hier besteht die Möglichkeit die sozialen Beziehungen mitzugestalten.
- Sekundär: Kindergarten, Schule, Ausbildung

Diese Institutionen wurden gesellschaftlich etabliert um Aufgaben der Erziehung und Bildung vorzunehmen.

- Tertiär: Freizeitaktivitäten, Massenmedien, Politik, Religion Diese Felder besitzen bestimmte soziale Aufgaben, allerdings erfolgt der Sozialisationseffekt nur indirekt und ist nicht das Ziel dieser Institutionen.

6. Die Persönlichkeitsentwicklung vollzieht sich lebenslang durch die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben.

Dieses sind spezielle strukturelle Anforderungen an die Verarbeitung in Form von Auseinandersetzung mit biologischen Vorgaben, persönlichen Wünschen und sozialen Erwartungen. In jeder Lebensphase muss die Bedürfnis- und Motivationsstruktur angepasst werden und es wird ein permanentes Bewältigungsverhalten vorausgesetzt.

7. Ein reflektiertes Selbstbild ist die Voraussetzung für ein autonom handlungsfähiges Subjekt und eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung.

Das Selbstbild ist die Gesamtheit der Einschätzung der eigenen Handlungsfähigkeit in der äußeren Realität, also die Fähigkeiten zur Bewältigung von Problemen werden realistisch eingeschätzt und angewandt.

4. Theorien der Sozialisation

Die Grundlage jeder Theorie ist die Annahme, dass es Wechselwirkungen zwischen der Persönlichkeitsentwicklung und der Gesellschaftsentwicklung gibt.

Die zwei großen Bereiche der Sozialisationsforschung sind die Psychologie und die Soziologie, welche beide verschiedene Theorien zur Sozialisation liefern.

Im Folgenden werde ich auf die bekanntesten und einflussreichsten Theorien beider Bereiche näher eingehen und analysieren in welcher Weise die Sozialisation die Persönlichkeitsentwicklung beeinflusst.

4.1. Psychologische Sozialisationstheorien

4.1.1. Persönlichkeitstheorien

Psychoanalytische Theorie

Als Begründer der Psychoanalyse gilt der österreichische Psychiater Sigmund Freud, der von 1856 bis 1939 lebte.

Er erarbeitete eine Konzeption für die Erklärung der Internalisierung sozialer Normen durch das Individuum, nämlich das „Modell der innerpsychischen Instanzen“.

Die Basis dieser Theorie ist die Annahme, dass das Verhalten und die Persönlichkeitsentwicklung durch unbewusste biologische und psychische Antriebe gesteuert werden.

Die innerpsychischen Instanzen sind das „Es“, das „Ich“ und das „Über-Ich“.

Das „Es“ symbolisiert die Triebe, die biologischen Bedürfnisse sowie die sexuellen und aggressiven Impulse des Subjekts. Es strebt deren sofortige Befriedigung an, handelt unbewusst, irrational und ohne zugrunde liegende Moral, sondern nach dem Lustprinzip.

Das „Ich“ steht für den Willen, es dient der Verwirklichung und Anpassung der unterdrückten Triebe, es handelt nach dem Realitätsprinzip und als Vermittler zwischen „Es“ und „Über-Ich“.

Das „Über-Ich“ ist die Zensurinstanz. Es enthält die elterlichen Gebote und Verbote, die verinnerlichten sozialen und kulturellen Normen, es handelt nach dem Moralitätsprinzip.

Das richtige und ausgeglichene Zusammenspiel dieser Instanzen ermöglicht erst ein Zusammenleben innerhalb der Gesellschaft.

4.1.2. Lerntheorien

Die Basis der Lerntheorien stellt die Tatsache dar, dass das Verhalten eines Menschen durch Umweltimpulse beeinflussbar ist. Es wird hierbei angenommen, dass der Mensch ohne jegliche angeborene Muster der Verarbeitung geboren wird und sein Verhalten ausschließlich auf Grund gewonnener Erfahrungen entwickelt. Die individuellen Handlungskompetenzen werden durch Person-Umwelt-Interaktionen erlernt.

Traditionelle Lerntheorie

Lernen wird als Reaktion auf Reize und Anregungen aus der Umwelt gesehen, also als Anpassung an die sozialen Strukturen. Dieses geschieht aktiv, aber nicht immer bewusst.

Die wichtigsten Vertreter dieser Theorie sind die Psychologen John B. Watson und Burrhus F. Skinner.

John Broadus Watson lebte vom 9. Januar 1878 bis zum 25. September 1958 in den USA und arbeitete dort als Psychologe.

Watsons Ziel war es, die Psychologie als Naturwissenschaft zu etablieren. Er lehnte die bis dahin gängige Forschungsmethode der Introspektion ab. Mit seinem Artikel "Psychology as the Behaviorist views it“ machte er 1913 den Behaviourismus populär.

Für Watson ließ sich jegliches Verhalten als Reaktion auf einen Reiz erklären (Stimulus-Reponse-Modell). Der Reiz ist hierbei jede Veränderung der Umwelt und die Reaktion der darauf folgende physiologische Vorgang, also jede Aktivität des Individuums. Allerdings ist das Zustandekommen der jeweiligen Vorgänge im Organismus für die Behaviouristen uninteressant. Sie sehen den Körper als Black-Box an.

Watson sieht als Behaviorist den Menschen und seine Persönlichkeit als Produkt der äußeren Umstände an, als eine Art Maschine ohne die Freiheit des Wählens und somit auch ohne jegliche Verantwortung gegenüber seinem Handeln.

Burhuss Frederic Skinner lebte vom 20.März 1904 bis zum 18. August 1990 in den USA.

Im Gegensatz zum klassischen Behaviourismus Watsons schloss Burrhus Frederic Skinner die innerpsychischen Vorgänge bei der Erforschung des Verhaltens nicht aus und gründete auf dieser Grundlage den radikalen Behaviourismus.

Mit der von ihm erfundenen operanten Konditionierung lenkte er das Interesse der Wissenschaft fort vom starren Reiz-Reaktions-Schema und hin zum operanten Verhalten. Hiermit stellte er fest, dass das Verhalten nicht nur eine starre und passive Reaktion auf die Umwelt ist, sondern das Individuum mit seinem Verhalten diese Umwelt ganz gezielt beeinflussen kann. Auch kommt im Gegensatz zur klassischen Konditionierung ein weiteres Element hinzu, nämlich die Konsequenz, die Verstärkung einer Reaktion.

Zudem können bei dieser Art der Verhaltensbeeinflussung neue Verhaltensweisen erlernt werden

Skinner entwickelte die nach ihm benannte Skinner-Box. Dieser Apparat ermöglichte erstmals die Kumulativaufzeichung, nänlich die quantitative Erfassung, von Reaktionen und der Verstärkergabe.

Hiermit begründete er die experimentelle Verhaltensanalyse.

Diese Box ist ein leerer Käfig, in dem sich Hebel, eine Futteranlage und eine Lichtquelle befinden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Skinner-Box[5]

In diesen Käfig wird zur Versuchsdurchführung ein hungriges Tier hineingesetzt.

Wenn dieses Tier nun die Hebel berührt, während die Lichtquelle aktiviert ist so wird die Futterzufuhr gestartet. In der Dunkelheit erfolgt auf einen Hebeldruck keine Reaktion. Auf diese Weise lernen die Tiere durch Verstärkung (die Futtergabe) ein bestimmtes Verhalten (den Hebeldruck bei Licht). Der Versuchsverlauf wird maschinell aufgezeichnet.

Während seiner Arbeit mit der Box bemerkte Skinner, dass er die Auftretenswahrscheinlichkeit des erwünschten Verhaltens durch die Futtergabe, eine positive Verstärkung, beeinflussen konnte.

Seine im Tierversuch gesammelten Erkenntnisse übertrug Skinner 1953 in „Science and Human Behavior“ auf den Menschen. Er entwickelte das Modell des programmierten Lernens.

Hierbei wird der Unterrichtsstoff in kleine Untereinheiten zerlegt und nach jedem Erreichen des nächsten Lernzieles folgt eine Erfolgskontrolle. Wird diese positiv bewältigt, so erhält der Schüler die Erlaubnis, das nächste Lernziel zu erreichen. Dieses stellt auch gleichzeitig die verstärkende Belohnung dar.

Die Vorteile dieser Art des Lernens liegen in der Förderung der Selbständigkeit der Schüler und darin, dass jeder sein individuelles Lerntempo bestimmen kann. Dadurch werden begabte Schüler gefördert und schwächere Schüler erhalten gleichzeitig die Chance ohne Zeitdruck zu arbeiten. Allerdings ist für diese Methode die Motivation des Lernenden die Grundlage des Erfolges. Ist diese nicht gegeben, so wird er kein Lernziel erreichen. Auch findet beim programmierten Lernen kein sozialer Kontakt zu den Mitschülern statt, welches der sozialen Entwicklung des Schülers entgegen wirkt.

Der Beitrag der traditionellen Lerntheorie zur Sozialisationsforschung liegt darin, dass die Persönlichkeitsentwicklung durch die Belohnung von angemessenem Verhalten beeinflusst werden kann. Das Problem dieser Theorie liegt in der mechanischen Sicht des Verhalten und in der Ausklammerung innerpsychischer Prozesse.

[...]


[1] Hurrelmann 2002, S. 14

[2] Geulen und Hurrelmann 1980, S. 51, in Hurrelmann 2002, S. 15

[3] Hurrelmann 2002, S. 25

[4] Hurrelmann 2002, S. 27

[5] www.theculturebeat.com/.../Skinner_Box.jpg

Details

Seiten
35
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640471287
ISBN (Buch)
9783640471683
Dateigröße
715 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v137739
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2,6
Schlagworte
Beitrag Sozialisation Theorie Praxis Bildung Persönlichkeit

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