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Weltdeutungsmodelle und religiöse Motive bei J.R.R. Tolkiens Herr der Ringe

Seminararbeit 2009 23 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Dualismus von Gut und Böse
2.1 Einführende Gedanken
2.2 Der Eine Ring – Symbol für Macht und Korruption
2.2.1 Dem Ring völlig verfallen: Gollum
2.2.2 Führe uns nicht in Versuchung: Boromir
2.2.3 sondern erlöse uns von dem Bösen: Galadriel
2.3 Wie kann der Widerstand gegen die Macht des Rings gelingen?
2.3.1 Mondschein, Sternenlicht und der Wind vom Berggipfel: Tom Bombadil
2.3.2 Liebe versus Macht: Sam Gamdschie
2.4 Wer oder was wirkt durch oder aus der Kraft des Ringes:
2.5 Das Böse ist abhängig vom Guten
2.6 Gut und Böse auf der Grundlage des Manichäismus
2.6.1 Exkurs: Beschreibung des Manichäismus:
2.6.2 Manichäische Glaubenslehre im HdR

3. Religiöse Motive
3.1 Einleitende Gedanken:
3.2 Ein religiöses Werk, das die Religion nicht erwähnt:
3.2.1 Die Schaffung einer neuen Welt: der Schöpfungsmythos
3.2.2 Eine Botschaft christlicher Werte
3.2.3 Gnade und Barmherzigkeit vor Recht und Selbstgerechtigkeit
3.2.4 Erlösung im Sinne einer höheren Gerechtigkeit

4. Zusammenfassende Gedanken

Literatur:

Basisliteratur:

Filme:

Sekundärliteratur:

1. Einleitung

„Der Herr der Ringe“ – literarische Kultschöpfung, mythenschweres Epos des Abendlandes, die Bibel der Fantasy-Erzählungen,…nur einige wenige Aussagen, die man am Anfang von unzähligen Rezitationen oder Inhaltsangaben, die es zu Tolkiens Werk gibt, finden kann. Was macht es aus, dass die Geschichte um eine Welt, die von Hobbits, Elben, Zwergen, Orks und anderen mythischen Wesen erzählt, zu einem Stück Weltliteratur gemacht hat? Meine eigene Antwort darauf ist, dass Tolkiens Werk so fasziniert, weil er damit nicht nur ein Stück Literatur sondern ein Stück Welt neu geschaffen hat. Dieser Eindruck bestätigt sich vor allem dann, wenn man neben dem Herrn der Ringe[1] auch sämtliche Vorgeschichten (z.B. „Der kleine Hobbit“ oder „Das Simarillion[2] “) und Erzählungen aus der „alten Welt“ (z.B. „Nachrichten aus Mittelerde“ oder „Die Kinder Hurians“) liest. „Es ging ihm um nichts Geringeres als darum, die Welt noch einmal zu schaffen,…“(vgl. Spaemann, 1992, In: Spaemann, 2002, S. 56).

Friedhelm Schneidewind, ein Experte für Fantasy-Literatur, hat sich in vielfältiger Weise mit mythologischen Erzählungen und im Speziellen mit Tolkiens Werken auseinandergesetzt und diese in mehreren eigenen Werken aus unterschiedlichen Gesichtspunkten rezitiert. So sieht er Tolkiens geschaffene Welt zwar als keine Welt, die sich auf unsere reale Welt beziehen sollte aber sie kann auf unsere Realität durchaus Einfluss nehmen: „Mittelerde ist jene phantastische Welt, die für viele von uns zum beliebten Zufluchtsort geworden ist, an dem wir ganz im Sinne Tolkiens Erholung und Trost[3] finden“ (Schneidewind 2006, S. 9).

Tolkien, der häufig nach möglichen Deutungen und Hintergründen gefragt wurde, stand derartigen Interpretationen, die aus dem Herrn der Ringe auf die Realität umgelegt werden könnten, sehr ablehnend gegenüber. Im Vorwort zur Ausgabe von 1984 schreibt er daher:

“Aber ich habe eine herzliche Abneigung gegen Allegorie in all ihren Erscheinungen, und zwar immer schon, seit ich alt und wachsam genug war, um ihr Vorhandensein zu entdecken. Wahre oder erfundene Geschichte mit ihrer vielfältigen Anwendbarkeit auf das Denken und die Erfahrung der Leser ist mir sehr viel lieber. Ich glaube, dass viele Leute „Anwendbarkeit“ mit „Allegorie“ verwechseln; aber die eine ist der Freiheit des Lesers überlassen, die andere wird ihm von der Absicht des Autors aufgezwungen“ (Tolkien im Vorwort zur revidierten englischen Ausgabe von 1966, Die Gefährten, 1984 S. 13)

Tolkien wehrte sich also gegen eine direkte Übertragung seiner fiktiven Welt auf unsere reale Welt. Seine Erzählung soll eine Fantasy-Geschichte bleiben. „The tale is after all in the ultimate analysis a tale,…“ (Tolkien, 1954, In: Carpenter, 2006, S. 188). Dennoch, so meine ich, kann Mittelerde zu unserer Welt werden, wenn wir ihre moralischen und ethischen Werte in unsere Welt übertragen.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit möglichen Weltanschauungsmodellen und religiösen Ansätzen, die man im HdR finden könnte. Ich beziehe mich dabei, neben meinen eigenen Interpretationsversuchen und auf die bereits erwähnte, vielfältige Sekundärliteratur, die sich zu Tolkiens Werken entwickelt hat, vor allem auf die Aussagen des Autors selbst, die ich aus dem gesammelten Werk seiner vielen Briefe beziehe.

Als roter Faden zieht sich der Kampf zwischen Gut und Böse sowie zwischen Macht und Ohnmacht durch die Erzählung. Mit diesen Dualitäten, sowie deren möglichen Erklärungen und Weltanschauungen dahinter, möchte ich mich in einem ersten Teil dieser Arbeit näher auseinandersetzen.

Macht kommt in vielfältiger Weise zum Ausdruck in Tolkiens Werken – und über lange Strecken entsteht auch der Eindruck, dass nur das Böse eine schier unbesiegbare Macht inne hat, symbolisiert in der manipulierenden Kraft des EINEN Ringes: „Ein Ring sie zu knechten, ein Ring sie zu finden, ein Ring sie ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden“(Tolkien, Die Gefährten, S. 71) – so der Ringspruch, mit dem diese Macht zum Ausdruck gebracht werden sollte.

Hier gilt es die Fragen zu klären, in welcher Form dieses Symbol der Macht zum Tragen kommt, wie weit der Ring selbst diese Kraft in sich trägt und warum ihm einige Wenige sogar widerstehen können?

In einem zweiten Teil der Arbeit möchte ich mögliche, religiöse Ansätze, die man im HdR finden könnte, zur Diskussion stellen. Gerade der Aspekt der Religion ist es, der bis heute die Diskussionen um das Werk nicht abbrechen lassen. Obwohl Tolkien explizite religiöse Traditionen absichtlich vermieden hat, enthält das Werk als Ganzes zentrale ethische und religiöse Botschaften. In meinen Ausführungen möchte ich vor allem auf diese Gesamtwirkung eingehen. Beispielhaft sollen aber auch einzelne diskutierbare religiöse Motive angesprochen werden.

2. Der Dualismus von Gut und Böse

2.1 Einführende Gedanken

Tolkiens Erzählung ist eine Erzählung von Gut und Böse: Von Licht und Finsternis, von Macht und Ohnmacht, wie sie klarer nicht dargestellt werden kann.

Der Dualismus dieser beiden Prinzipien findet sich sowohl an jedem großen Schauplatz als auch in der Charakteristik der miteinander bzw. gegeneinander agierenden Wesen – er zieht sich als „der“ rote Faden durch alle drei Teile und ist im Wesentlichen der zentrale Inhalt. „The story is cast in terms of a good side, and a bad side, beauty against ruthless ugliness, tyranny against kingship,…” (vgl. Tolkien, 1954, In: Carpenter, 2006, S. 179).

Die freundlichen Hobbits aus dem Auenland ziehen in die grausame, alles vernichtende Gegend von Mordor; der weise Zauberer Gandalf, der auf der Seite der Gefährten als beinahe engelhafte Erscheinung für das Gute kämpft – gegen den ebenfalls weisen Zauberer Saruman, der allerdings von Saurons Macht korrumpiert, nun auf dessen Seite für das Böse kämpft; die Elben gegen die Orks[4] und nicht zuletzt der Eine Ring gegen alle anderen.

Die Thematik von „Gut und Böse“ muss also nicht erst mühsam gesucht werden, man ist mit ihr durchgängig, beinahe frontal, konfrontiert. „The Lord of the Rings is a story about the struggle between good and evil. We understand it immediately because it is our story too.” (Davison, 2003 S. 99). Womit gesagt werden soll, dass in Tolkiens Fantasy-Werk durchaus Motive realen, menschlichen Denkens und Handelns dargestellt werden. „Gut und Böse haben sich nicht in jüngster Zeit geändert; und sie sind auch nicht zweierlei bei Elben und Zwergen auf der einen und Menschen auf der anderen Seite. Ein Mann muss sie unterscheiden können im Goldenen Wald ebenso wie in seinem eigenen Haus.“ (Aragorn zu Éomer, HdR, Die zwei Türme, S. 43).

Da im HdR jeder Kampf zwischen diesen beiden Prinzipien unter dem Einfluss des Einen Rings steht, ist es an dieser Stelle notwendig, vor aller Analyse, eine Auseinandersetzung mit der Macht des Rings zu stellen.

2.2 Der Eine Ring – Symbol für Macht und Korruption

Drei Ringe den Elbenkönigen hoch im Licht,
Sieben den Zwergenherrschern in ihren Hallen aus Stein,
Den Sterblichen, ewig dem Tode verfallen, neun,
Einer dem Dunklen Herrn auf dunklem Thron
Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn.
Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,
Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden

Diese Zeilen aus dem Ringgedicht, fassen die Geschichte um die Verteilung der einst 20 Ringe kurz zusammen, wobei vor allem die letzten beiden Zeilen, auf die Macht dieses einen besonderen Rings hinweisen sollten. Oder wie Gandalf es Frodo gegenüber darstellt: „Dies ist der Meister-Ring, der Eine, der alle Ringe, beherrscht…“(HdR, Die Gefährten, S. 71)

Gerade dieser Vers wirft nun die grundsätzliche Frage auf, woher diese korrumpierende Macht ursächlich kommt: ist es der Ring selbst oder ist es eine externe Kraft, die erst über den Ring zur Wirkung gelangt?

„Zum einen aktiviert er als psychischer Verstärker im Träger die dunklen Wünsche, Sehnsüchte und Ängste, und zum anderen tritt er als bösartige Macht mit einem eigenem Willen auf.“ (Häusler, 2003 S. 6)

Die entscheidende Aussage für mich ist hier, dass über den Ring, als Symbol der Macht, die Gedanken und Bedürfnisse der Träger jeweils negativ beeinflusst werden. Wenn Elrond sagt: „[der Ring] ist durch und durch böse“ (HdR, Die Gefährten, S. 325), so meint er damit, dass der Ring nicht nach Belieben – also auch für gute und edle Wünsche – verwendet werden kann, sondern dass seine Wirkung stets einhergeht, mit dem Streben nach selbstsüchtiger und habgieriger Macht. „Schon der Wunsch nach ihm verdirbt das Herz“ (ebd).

Die Besitzer des Rings sind den Versuchungen zum Teil völlig ausgeliefert, werden quasi zum Sklaven des Rings - jeder freie Wille, jegliches moralische Denken scheint der Gier nach Macht unterworfen zu sein. (vgl. Tolkien, 1951 In: Carpenter, 2006, S. 154) „Er ist viel mächtiger, als ich zuerst zu denken wagte, so machtvoll, dass er zuletzt jeden Sterblichen, der in besitzt, völlig unterwerfen würde“ (Gandalf zu Frodo, HdR, Die Gefährten, S. 66f). Insofern ist die Aussicht auf uneingeschränkte Macht im HdR für die meisten eher eine Bürde, als eine Frohbotschaft. Eric Katz, der seine Auseinandersetzungen zum Thema Macht mit Welterklärungsmodellen nach Plato belegt, gelangt in diesem Zusammenhang zu dem Schluss, dass ein derartiges Leben, das im Grunde die Selbstaufgabe des eigenen Willens fordert, trotz aller vermeintlicher Macht, letztendlich nicht glücklich machen kann. „All the power in the world cannot compensate for the psychological emptiness of an immoral life.” (Katz, 2003 S. 8)

2.2.1 Dem Ring völlig verfallen: Gollum

Als Musterbeispiel im HdR für ein derart unglückliches Wesen, weil von der Macht völlig korrumpiert, sei hier Gollum genannt. Sein ganzes jämmerliches Dasein dreht sich um die Suche „nach seinem Schatz“. Gollum lebt völlig vereinsamt und verwahrlost. Die Besessenheit über den Ring hat ihn zu einem geistig und körperlich kranken Wesen gemacht, eine Art gespaltene Persönlichkeit, die nur mehr mit sich selbst redet und auch mit sich selbst um den Ring hadert. [HdR, Die Zwei Türme, Teil 1, Szene 29 „Gollum und Sméagol“]. Selbst dort, wo er Frodo und Sam seine Hilfe anbietet, ihnen den Weg nach Mordor zu zeigen, sind seine wahren Absichten, nämlich einzig den Ring wieder zurückzugewinnen, offensichtlich. „Ja, ja, Herr; gib ihn zurück. Sméagol wird ihn gut aufheben; er wird viel Gutes tun, besonders den netten Hobbits.“ (HdR, Die Zwei Türme, S. 281).In dieser Szene erkennt auch Frodo, welchen Einfluss die Macht des Rings auf Geist und Seele eines Wesens ausüben kann. „In Gollum we see merely the final result of the life led in the pursuit of power, a life of misery and corruption“ (vgl. Katz, S. 10).

[...]


[1] Im Folgenden wird hier die Abkürzung „HdR“ für „Herr der Ringe“ verwendet

[2] „Das Simarillion“, „Die Kinder Hurians“ und „Nachrichten aus Mittelerde“ lagen von J.R.R. Tolkien nur in Manuskripten vor. Die Bücher wurden erst postum veröffentlicht, nachdem sie von seinem Sohn Christopher Tolkien überarbeitet wurden.

[3] „Fantasy, Recovery, Escape and Consolation“ diese Aspekte bietet laut Tolkien die Fantasy. (Tolkien, 1947 in Schneidewind, 2006, S. 9)

[4]. „…und so züchtete Melkor das ekle Volk der Orks, in Neid und Hohn den Elben nachgebildet, deren bitterste Feinde sie später waren.“ (Tolkien, Das Silmarillion, S. 63). Orks verkörpern demnach das Böse, obwohl sie aus dem einst weißen und guten Volk der Elben entstanden sind.

Details

Seiten
23
Jahr
2009
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v137692
Institution / Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz – Religionswissenschaft
Note
Schlagworte
bei J.R.R. Tolkiens Herr der Ringe

Autor

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