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Ökolandbau in Russland

Entwicklung und aktuelle Situation

Bachelorarbeit 2009 86 Seiten

Agrarwissenschaften

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

VERZEICHNIS VERWENDETER ABKÜRZUNGEN

1 Einleitung
1.1 Fragestellung
1.2 Aufbau der Arbeit

2 Methoden und Material

3 ÖKOLOGISCHER LANDBAU AUF INTERNATIONALER EBENE
3.1 IFOAM
3.2 Codex Alimentarius Guidelines
3.3 Was ist ökologischer Landbau?

4 Besonderheiten der russischen Landwirtschaft
4.1 Betriebsstrukturen im russischen „Agrarkomplex“
4.2 Transformation
4.3 Staatliche Förderung
4.4 Folgen der Transformation

5 Entwicklung und aktuelle Situation des ökologischen
Landbaus in der Russischen Föderation
5.1 Entstehung und Entwicklung
5.1.1 Gründung erster Institutionen
5.1.2 Verständnis des ökologischen Landbaus
5.1.3 Probleme und Hindernisse
5.1.4 Einfluss der Transformation
5.1.5 Gründung der Bolotov-Stiftung
5.1.6 EkoNiva und der „Agrarpolitische Dialog“
5.1.7 Bisherige Entwicklung in Zahlen
5.2 Organisationen
5.2.1 Staatliche Institutionen
5.2.2 Organisation für Zertifizierung
5.2.3 Anbauverband
5.2.4 Landwirtschaftliche Betriebe
5.2.5 Organisationen in der Verarbeitung ökologischer Rohware
5.2.6 Hersteller ökologischer Betriebsmittel
5.2.7 Handel
5.2.8 Wildsammlung
5.2.9 Projekte und Initiativen
5.3 Staatliche Regelungen, Standards und Zertifizierung
5.3.1 SanPiN 2.3.2.2354-
5.3.2 Freiwilliges Kontrollsystem
5.4 Forschung, Ausbildung und Beratung
5.5 Marktentwicklung und Perspektiven

6 Zusammenfassung

7 Quellenverzeichnis

Danksagung

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 : Anteiliger Beitrag verschiedener Betriebsstrukturen zur landwirtschaftlichen Erzeugung

Abb. 2: Entwicklung der russischen Landwirtschaft in Prozent bezogen auf das Jahr 1990

Abb. 3: Aufgaben des biologischen Landbaus

Abb. 4: Zertifizierte Betriebe ökologischer Landwirtschaft in Russland

Abb. 5: Zertifizierte Fläche ökologischer Landwirtschaft in Hektar

Abb. 6: Vertragspartner von Agrosofija

Abb. 7: Entwicklungsmöglichkeiten des russischen Bio-Markts

Tabellenverzeichnis

Tab.1: Argumente auf der ersten Konferenz im Rat der Föderation 2003

Verzeichnis verwendeter Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In der vorliegenden Arbeit erfolgt die synonyme Verwendung der Begriffe biologisch, ökologisch und „organisch" jeweils in Anlehnung an die EG-VO 2092/91 oder an die rechtswirksame „SanPiN" in Russland.

1 Einleitung

Der ökologische Landbau stellt ein ganzheitliches Bewirtschaftungs­konzept dar. Das Ziel ist eine nachhaltige Gestaltung landwirtschaftlicher Produktionssysteme auf der Grundlage bestimmter Prinzipien. Als flexibles Konzept ist der ökologische Landbau für die weltweite Anwendung gedacht und zeigt eine entsprechend große geografische Vielfalt in der Umsetzung. Die gegenseitige Kenntnis der Praxis des ökologischen Landbaus ist allein aus Gründen der Information, aber auch für die Netzwerkbildung zum Wissens- und Erfahrungsaustausch von großem Interesse.

Die Russische Föderation stellt mit ihren 403 Millionen ha

landwirtschaftlicher Nutzfläche einen gewaltigen Agrarraum dar. Eine nachhaltige Gestaltung der landwirtschaftlichen Produktion ist dabei von entsprechend großem und durchaus internationalem Interesse.

Allerdings muss die Entwicklung der Landwirtschaft in Russland auf die besonderen sozioökonomischen Bedingungen im Zuge der Transformation reagieren und steht so vor besonderen

Herausforderungen. Dies betrifft sowohl die politischen, ökonomischen und nicht zuletzt soziokulturelle Ansprüche an die Landwirtschaft, wie auch die entsprechenden Rahmenbedingungen für die Umsetzung nachhaltiger Bewirtschaftungssysteme.

Laut Umfrageergebnissen wünschen 41% der befragten Kunden in Deutschland „mehr Information" über den ökologischen Landbau in Mittel­und Osteuropa (vgl. REUTER, 2005).

Bisher haben sich die Akteure mehr oder weniger einzeln um eine fortschrittliche Entwicklung des Bio-Sektors in Russland bemüht. Die vorliegende Arbeit, mit detaillierten und objektiven Informationen, kann daher eine Grundlage für jetzige und künftige Akteure bilden, um für den ökologischen Landbau in Russland stärker und vereinter zusammenzuarbeiten.

1.1 Fragestellung

In dieser Arbeit wurden folgende Fragen bearbeitet:

1. Wie sind die Rahmenbedingungen für den ökologischen Landbau in der Russischen Föderation?
2. Seit wann gibt es in der Russischen Föderation ökologischen Landbau im Sinne der IFOAM und wie hat er sich da entwickelt?
3. Welche Standards, Anbauverbände, Institutionen und Zertifizierungsmöglichkeiten gibt es?
4. Bestehen Möglichkeiten/Kapazitäten zur Ausbildung, Beratung und Forschung?
5. Wie ist die Marktentwicklung ökologischer Lebensmittel in der Russischen Föderation und wie sind die Perspektiven?

Weitere Fragen bezüglich der Praxis landwirtschaftlicher Betriebe oder zur Übereinstimmung internationaler und russischer Gesetzestexte, konnten im Rahmen dieser Arbeit nicht erschöpfend beantwortet werden.

1.2 Aufbau der Arbeit

Es handelt sich bei dieser Bachelor-Arbeit um eine beschreibende Studie. Die Struktur der Arbeit ist an die eines „Country Reports"[1] von Organic Europe/FiBL angelehnt. Zusätzlich dazu werden in Kapitel 3 internationale Standards und Normen für „organic agriculture" und „ökologisch erzeugte Lebensmittel" vorgestellt.

Anschließend verdeutlicht Kapitel 4 die besondere Situation der russischen Landwirtschaft im Zusammenhang mit der Transformation.

Die bisherige Entwicklung des ökologischen Landbaus in Russland ist aus Kapitel 5.1 ersichtlich.

Die aktuelle Situation des ökologischen Landbaus in Russland wird anhand der gesetzlichen Grundlagen und der im Jahr 2008 aktiven Institutionen beschrieben. Dies erfolgt in den Kapiteln 5.2-5.5.

2 Methoden und Material

Zunächst erfolgte ein vorbereitendes Literaturstudium des recherchierten Materials aus der Bibliotheken der Staatsuniversität Astrachan und der Universität Gießen, der Astrachaner Staatsbibliothek sowie aus dem Internet.

Da das Literaturstudium keine zuverlässigen Aussagen über die aktuelle Situation lieferte, ist ein Aufenthalt in der Russischen Föderation notwendig geworden. Dabei konnte weitere Literatur in der Zentralen­Agrarwissenschaftlichen Bibliothek (ZNSChB) gefunden werden. Desweiteren wurden empirische Untersuchungsansätze verfolgt.

Anhand eines Fragebogens (siehe Anhang 2) sind drei Landwirte[2], mündlich befragt worden, wobei die Antworten protokolliert und aufgezeichnet wurden. Der Fragebogen ist zum Zweck einer schriftlichen Befragung entstanden. Da die EU-Kontrollstellen aus Datenschutz­gründen keine Informationen über ihre zertifizierten Betriebe geben konnten, war eine schriftliche Befragung nicht möglich.

Bei der Auswahl der Interviewpartner galt die Bedingung, dass sie entweder als ökologisch wirtschaftende Landwirte bereits zertifiziert waren oder sich in einem Zertifizierungsprozess befanden.

In Anlehnung an die Diplomarbeit[3] von S. Simon konnten mit Hilfe eines Leitfadens (siehe Anhang 3) zwei Experteninterviews durchgeführt werden.

Ein weiterer Teil der Befragten stammt aus den Bereichen Handel, Verarbeitung und Wissenschaft.

3 Ökologischer Landbau auf internationaler Ebene

Laut G. VOGT (2000) ist ökologischer Landbau im deutschsprachigen Raum infolge einer Reihe von Krisen entstanden. Er kann daher auch einen realen Ausweg aus Krisen in anderen Weltgebieten bedeuten. Wie eine Übertragung der Öko-Landbau-Richtlinien auf internationaler Ebene erfolgen kann, wird im Folgenden dargelegt.

3.1 IFOAM

Ein weltweiter Dachverband ökologischer Landbaubewegungen die IFOAM existiert seit 1972. Ihre ersten Grundsätze sind in den Jahren 1977 bis 1980 aufgestellt worden (vgl. IFOAM, 1980, zit. nach: SCHMID, 2007). Nach diesen soll der ökologische Landbau

- soweit wie möglich in geschlossenen Systemen arbeiten und sich auf lokale Ressourcen stützen,
- die Bodenfruchtbarkeit der Böden langfristig erhalten,
- alle Formen der Umweltverschmutzung vermeiden, welche aus landwirtschaftlichen Produktionstechniken resultieren können,
- Lebensmittel von hoher ernährungsphysiologischer Qualität in ausreichender Menge erzeugen,
- den Verbrauch von fossiler Energie in der Landwirtschaft auf ein Minimum reduzieren,
- den Nutztieren Lebensbedingungen ermöglichen, die den physiologischen Bedürfnissen und humanitären Prinzipien entsprechen,
- den landwirtschaftlichen Produzenten ermöglichen, von ihrer Arbeit zu leben und ihre Potenziale als Menschen entwickeln zu können.

Um diese Grundsätze der Realität anzupassen sind sie seitdem mehrmals geändert worden (vgl. ebd.).

Die aktuellen IFOAM-Prinzipien sind mehr allgemeiner Natur und sollen eher der Inspiration dienen. Sie beruhen auf vier Prinzipien: Gesundheit, Ökologie, Gerechtigkeit und Sorgfalt (vgl. IFOAM, 2007).

Aus diesen Prinzipien werden für die Praxis Richtlinien und Standards abgeleitet. Diese werden zum Teil in den „IFOAM Basic Standards" (IBS[4] ) festgehalten. IFOAM empfiehlt diese Grundstandards bei der Erarbeitung regionaler bzw. nationaler Standards als Grundlage zu verwenden. Eine Zertifizierung allein anhand dieser Standards ist nicht möglich, da insbesondere regionale bzw. nationale Gegebenheiten unberücksichtigt bleiben würden (vgl. ebd.).

Ein anderer Teil der IFOAM-Richtlinien gibt in den „IFOAM Accreditation criteria for bodies certifying organic production and processing" (IAC[5] ) Anforderungen an ein Kontrollsystem vor. Anhand dieser Richtlinien können sich nationale und regionale Zertifizierungsstellen durch die IFOAM akkreditieren lassen. Durch den Status „IFOAM Accredited“ können Zertifizierungsstellen eine internationale Anerkennung ihrer Tätigkeit und der durch sie zertifizierten Produkte sicherstellen (vgl. IFOAM, 2007).

„IFOAM-Norms" fassen IBS und IAC zusammen. Ein „Organic Guarantee System" (OGS) baut wiederum auf den IFOAM-Norms auf (vgl. ebd.). Dieses soll weltweit der Sicherstellung ökologischer Lebensmittel wie folgt dienen:

„The OGS unites the organic world by providing a common set of standards for organic production and processing, and a common system for verification and market identity. It fosters equivalence of participating certifiers and thereby facilitates the trade of organic products between operators certified by different participating certification bodies.

The IFOAM Organic Guarantee System enables organic certifiers to become ,IFOAM Accredited‘ and for certified operators to label their products with the IFOAM Seal, next to the logo of their IFOAM accredited certifier.“ (Ebd.)

Dieses weltweite Regelwerk wird auch als „Norms of Norms" bezeichnet, das einer ständigen Wandlung aufgrund des Erweiterungs- und Anpassungsbedarfs der Regeln unterliegt.

„Die fortlaufende Bearbeitung der IFOAM-Basisstandards führt dazu, neue Bereiche des Ökolandbaus zu definieren, die ebenfalls weiter bearbeitet werden, aber noch nicht zu den offiziellen IFOAM Basisstandards gehören (z. B. Aquakultur, Textilverarbeitung). Auch diese vorläufigen Standards‘ sollen zu offiziellen Standards weiter entwickelt werden und bei der Entwicklung von regionalen Anpassungen von Standards helfen. Ihre Einhaltung wäre wünschenswert, ist aber nicht verpflichtend.“ (IFOAM, 2008-b)

Eine Ableitung dieser Normen zu nationalen Standards kann in Kooperation zwischen entsprechenden staatlichen Institutionen und IFOAM erfolgen.

Ein weiteres internationales Regelwerk in diesem Bereich ist nicht unabhängig von der IFOAM entstanden: „IBS have had a strong influence on the development of Codex Alimentarius Guidelines for the Production, Labeling and Marketing of Organically Produced Foods." (IFOAM, 2007)

3.2 Codex Alimentarius Guidelines 32

„Die Codex Alimentarius Kommission wurde 1962 als gemeinsame Einrichtung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gegründet“ (GROSSKLAUS, 2006).

1999 erlässt diese Kommission die „Codex Alimentarius Guidelines for the Production, Labelling and Marketing of Organically Produced Foods" (CAC/GL32) zur Annäherung an folgende Ziele:

- „to protect consumers against deception and fraud in the market place and unsubstantiated product claims;
- to protect producers of organic produce against misrepresentation of other agricultural produce as being organic;
- to ensure that all stages of production, preparation, storage, transport and marketing are subject to inspection and comply with these guidelines;
- to harmonize provisions for the production, certification, identification and labelling have organically grown produce;
- to provide international guidelines for organic food control systems in order to facilitate recognition of national systems as equivalent for the purposes of imports; and
- to maintain and enhance organic agricultural systems in each country so as to contribute to local and global preservation" (FAO&WHO, 2007)

Aus Anhang I dieser Leitlinien sind die Regeln für die Produktion „organischer Produkte" zu ersehen. Im Anhang II werden verbotene bzw. zulässige Stoffe gelistet. Schließlich stellt Anhang III die minimalen Anforderungen an die Inspektionen bei der Zertifizierung organischer Produktion dar (vgl. ebd.).

Auf diese Leitlinien wird im Artikel 11 Absatz 4 der EG-VO 2092/91 Bezug genommen. Dieser Artikel besagt, dass diese Leitlinien (CAC/GL32) bei der Gleichwertigkeitsprüfung von Produktionssystemen in Drittländern zu berücksichtigen sind (vgl. EG-VO 2092/91).

Nach I.GKLAVAKIS (2007) stellen die CAC/GL32 nur allgemeine Leitlinien für die Erzeugung von ökologischen Produkten dar, die bei weitem nicht so streng sind wie die Bestimmungen für die ökologische Erzeugung in der EU.

„Die Gemeinschaftserzeuger sind daher einem unlauteren Wettbewerb durch aus Drittländern importierte biologische Erzeugnisse ausgesetzt, weil sie erheblich höhere Auflagen im Produktionsprozess erfüllen müssen“ (ebd.).

Auch die neue EU-Verordnung (834/2007) bezieht sich im Titel VI „Handel mit Drittländern" Artikel 33 Absätze 2 und 3 auf die Leitlinien 32 der Codex-Alimentarius-Kommission.

Die Anwälte Schmid & Haccius (2008) kommentieren dies als eine „beabsichtigte Senkung des Anforderungsprofils [an die Importwege]. Auf diese Weise wird der Gegensatz von vollständig EU-konformer und nur gleichwertiger‘ Ökoimportware noch verschärft. Die EU-Kommission hatte 2005 betont, dass mehr Bio-Produkte die Verbraucher erreichen sollen. Dass dies durch künftig zwei verschiedene Importqualitäten geschehe n soll, trägt wohl nicht zu einem klaren Profil der Bioprodukte am Markt bei“. Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass auf internationaler Ebene erste Schritte getan worden sind, um die verschiedenen Standards bzw. Richtlinien miteinander in Einklang zu bringen. Es besteht weiterhin Handlungsbedarf in diesem Prozess, der bisher sehr komplex und langwierig war.

Internationale Standards können darüber hinaus nicht allein für Zertifizierungszwecke herangezogen werden, da die lokalen bzw. regionalen Gegebenheiten stärker in nationalen Standards Berücksichtigung finden sollen. Die Erarbeitung nationaler Standards liegt beim jeweiligen Land, wobei idealerweise internationale Standards berücksichtigt werden.

Auch internationale Standards sehen ein Kontrollsystem vor, welchem sich die Produzenten (darunter auch Wildsammler), verarbeitende Betriebe und Händler ökologischer Erzeugnisse zu unterstellen haben. Somit kommt dem Kontrollsystem im ökologischen Landbau eine Schlüsselrolle zu.

3.3 Was ist ökologischer Landbau?

Die derzeit jüngste Antwort auf diese Frage gibt folgende Definition von IFOAM (2008-a):

„Organic agriculture is a production system that sustains the health of soils, ecosystems and people. It relies on ecological processes, biodiversity and cycles adapted to local conditions, rather than the use of inputs with adverse effects. Organic agriculture combines tradition, innovation and science to benefit the shared environment and promote fair relationships and a good quality of life for all involved. “

In Bezug auf Russland resultieren daraus weitere Fragen: Welche Landwirtschaft wird in Russland als traditionell angesehen? Ist alles was beispielsweise in Deutschland als innovativ gilt problemlos auf Russland übertragbar? Auf diese Fragen wird im nächsten Kapitel eingegangen.

4 Besonderheiten der russischen Landwirtschaft

Die russische Landwirtschaft steht auch heute noch vor der großen Frage, auf welches traditionelle Wissen sie zurückgreifen soll. Das Bauerntum im marktwirtschaftlichen Sinn bestand in Russland nur ca. 67 Jahre (von der Bauernbefreiung 1861 bis Zwangskollektivierung der Landwirtschaft durch die Sowjets 1928) (vgl. MORITSCH, 1986).

Die Kollektivwirtschaften bildeten sich erstmals 1917, so dass die Landwirtschaft im planwirtschaftlichen Sinn ebenfalls ca. 70 Jahre Bestand hatte. Daher kann diese Frage in Bezug auf Russland nicht eindeutig beantwortet werden. Aus diesem Hintergrund heraus formuliert J. NOVIKOV (1998) seine Schlüsselfrage:

„Heute ist die Schlüsselfrage bei der Umstellung unserer Landwirtschaft, ob der vor 60 Jahren geschaffene Agrarkomplex, bestehend aus Kolchosen und Sowchosen, erhalten, verändert oder ganz abgeschafft werden soll. [...] Diese Frage muss schon deshalb diskutiert werden, weil wir nicht nur eine Wahl zwischen verschiedenen sozial-ökonomischen Strukturen treffen wollen, sondern auch zwischen verschiedenen, ja sogar konträren Systemen der Landnutzung. Die durchschnittliche Größe einer Kolchose beträgt 6000 Hektar, die einer Sowchose 16 000 Hektar, die durchschnittliche Größe einer Farm in den USA 200 Hektar, in Westeuropa 40 bis 60 Hektar. “

Wohin die intensive Landnutzung in Form der Kolchosen und Sowchosen geführt hat, gibt J. NOVIKOV (1998) wie folgt zu verstehen:

„[Bezogen auf die Situation im Jahre 1989, hat] die Erosion 72 Prozent des gesamten Ackerlandes erfasst. 30 Prozent sind vollständig degradiert und müssen aus der Fruchtfolge herausgenommen werden. Das gleiche betrifft 175 Millionen Hektar Weidefläche.“

Dadurch ergibt sich eine völlig andere Ausgangssituation für die Umstellung auf eine ökologische Wirtschaftsweise in der Landwirtschaft als in den europäischen Ländern oder in den USA. Umstellungskonzepte müssen daher diese Ausgangssituation berücksichtigen. In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll sich mit den verschiedenen Betriebsstrukturen des russischen „Agrarkomplexes“ auseinander zu setzen, die im Rahmen dieser Arbeit wie folgt erwähnt werden.

4.1 Betriebsstrukturen im russischen „Agrarkomplex“

Nach K. BRUISCH (2007) zeichnet sich die russische Landwirtschaft durch Entwicklungstrends aus, die in den westlichen Industriestaaten weitgehend unbekannt sind.

Nach Angaben des Statistikdienstes[6] des russischen Staates ist zum Teil, wie Abbildung 1 zeigt, ein Rückgang der „Agro-Gigantomie“ beobachtet worden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Anteiliger Beitrag verschiedener Betriebsstrukturen zur landwirtschaftlichen Erzeugung

Aus dieser Abbildung geht auch hervor, dass der russische Agrarkomplex weiterhin von Großstrukturierten Betrieben geprägt ist.

Laut S. DÜRR (2007) konnten nur 5-10% der ehemaligen Kolchosen und Sowchosen die schwierigen 90er-Jahre überstehen:

„Nur die besten Betriebe haben überleben können, die nun tatsächlich sehr effektiv arbeiten. Einige davon haben ihre Nachbarbetriebe übernommen und bewirtschaften etwa 20 000 ha. Darüber hinaus gibt es Investoren, die im Rahmen eines großen Agroholdings mehrere Unternehmen vereinen. Diese Holding-Firmen verfügen über riesige Flächen, in der Größenordnung bis zu 500 000 ha.“

Was unter einem Agroholding zu verstehen ist und seit wann diese neue Form der Agrarproduktion in Russland existiert erläutert O. ZINKE (2006): „[Agroholdings vereinen] in einem vertikalen Verbund die verschiedenen Produktionsstufen von der Erzeugung bis zur Verarbeitung und dem Vertrieb in einem Unternehmen. [...] Entstanden sind die ersten Holdings Ende der 90er-Jahre nach der russischen Finanzkrise. Auslöser waren Probleme der Verarbeitungs- und Handelsunternehmen bei der Beschaffung von Rohstoffen in ausreichender Qualität und Menge. Mittlerweile haben auch Investoren aus anderen Branchen die Agrarwirtschaft als lukratives Geschäftsfeld entdeckt. Neben Unternehmen der Industrie und der Energiewirtschaft sind auch Finanzdienstleister, große Agrarbetriebe sowie staatliche Investoren hier aktiv. Die durchschnittliche Größe der Holdings lag bei 50.000 ha. Die größten Unternehmen bewirtschaften insgesamt jedoch mehr als 260.000 ha Fläche. [...] Investiert haben die Holdings unter anderem in die Getreide- und Ölsaatenproduktion und zuletzt auch verstärkt in die schnell wachsende Geflügel- und Schweineerzeugung.“

Der Umwelteinfluss von Agroholdings konnte im Rahmen dieser Arbeit nicht erfasst werden. Dass die „Agrar-Gigantomie“ des letzten Jahrhunderts in diesem Land sich nicht positiv auf die Umwelt ausgewirkt hat, zeigt J. NOVIKOV (1998) wie folgt:

„Einer unserer bedeutendsten Ökonomen A. V. [Tschajanow] ging sehr differenziert an die Berechnung optimaler Größen von Betrieben in verschiedenen Boden- und Klimazonen. Die Landschaft der Nicht­Schwarzerdezone ist vielseitiger als die Südliche Steppe oder Waldsteppe, und deshalb sollte hier die Größe einer primären Betriebseinheit‘ geringer sein. Und eben deshalb hat die Agro- Gigantomie besonders großen Schaden in der Landwirtschaft der Nicht - Schwarzerdezone, der Waldzone sowie der Vorgebirgs- und Gebirgszone angerichtet. “

Bäuerliche Betriebe haben sich bisher nur wenig entwickelt. Ihr Anteil am gesamten Agrarprodukt macht im Jahr 2007 nur etwa 7% aus.

„Offensichtlich bietet das russische Steuersystem den [Bauern] wenig Anreize für offizielles Wirtschaften“ (BRUISCH, 2007).

Für viele Betriebe war es vorteilhafter sich als „Hauswirtschaft" auszuweisen. Daher ist es zweifelhaft, ob die rechtliche und methodische Unterscheidung von bäuerlichen Betrieben und Hauswirtschaften der Realität gerecht werden kann (vgl. ebd.).

Besonders hohen Anteil an der Erzeugung haben weiterhin individuelle Haus- und Nebenwirtschaften.

„Per definitionem [!] produzieren Haus-/Nebenwirtschaften hauptsächlich für den Eigenbedarf " (BRUISCH, 2007). Aus diesem Grund werden sie in Abb. 1 als „Selbstversorgung" angegeben. Die Angabe erfolgt in Klammern, weil sie eigentlich keine eigene Betriebsform darstellen.

„[Ihre] Entwicklung stand im Zusammenhang mit der russischen Transformationskrise: Auf die Engpässe in der Lebensmittelversorgung reagierte die russische Bevölkerung durch die eigene Produktion von Lebensmitteln“ (ebd.).

Anfang des 19. Jahrhunderts begann A. Tschajanow mit einem „Versuch einer Theorie der Familienwirtschaft im Landbau", dessen Ergebnisse er zuerst auf Deutsch in seiner Monographie „Die Lehre von der bäuerlichen Wirtschaft" 1923 veröffentlichte. Darin schreibt er:

„Wir begannen unsere Untersuchung mit der Erklärung der sozialen Besonderheiten der bäuerlichen Wirtschaft, welche ihre geschichtlich erwiesene Widerstandskraft bedingen. Jetzt, am Ende unserer Arbeit stehen wir eigentlich dicht vor der Aufgabe, ein besonderes nationalökonomisches System zu entwickeln, dessen Gegenstand eine Volkswirtschaft ohne Arbeitslohn ist“ (TSCHAJANOW, 1923).

Die Ausschaltung der Betrachtung des Arbeitslohns begründet TSCHAJANOW (1923) wie folgt:

„Nur in einigen Fällen, wenn für die bäuerliche Wirtschaft das Interesse am Jahresertrage der Arbeit einen ausgesprochenen Vorrang vor dem Interesse, einen möglichst hohen Ertrag für jede Arbeitseinheit zu erzielen erlangt, nur dann tritt die Natur der bäuerlichen

Familienwirtschaft scharf hervor und nur dann verhält sie sich ganz anders als eine kapitalistische, die unter denselben Bedingungen steht. “ In Bezug auf die Familienwirtschaft muss hinzugefügt werden, dass es entscheidende Unterschiede in der Familiengröße gab:

„In vielen landwirtschaftlichen Bezirken slavischer Länder kann man oft finden, daß mehrere Ehepaare, die zu zwei oder sogar drei Generationen gehören, in einer einzigen komplexen patriarchalischen Familie zusammenleben. Andererseits sehen wir in einer ganzen Reihe von industrialisierten Gebieten, daß jedes herangewachsene Familienglied schon vor der Heirat bestrebt ist, sich vom Elternhause zu trennen und in Wirtschaft und Leben selbstständig zu werden“ (ebd.). Laut J. NOVIKOV (1998) ist seither kein ernst zu nehmender Versuch unternommen worden, die Arbeit von Tschajanow zu überprüfen.

Die Situation der ländlichen Bevölkerung im heutigen Russland sieht bei zugenommener Landflucht eher schlecht aus.

Laut ZMP (2008) lebt knapp drei Viertel der noch 142,2 Mio. Bewohner in Städten. Hinzu kommt, dass die russische Bevölkerung dramatisch schrumpft. Die derzeitige demografische Entwicklung Russlands erweist sich als gravierendes Problem für die weitere Entwicklung der Volkswirtschaft und des Binnenmarktes (vgl. ebd.).

4.2 Transformation

Mit dem Zerfall der Sowjetunion am 26.12.1991 begann in Russland eine Transformation, worunter Folgendes zu verstehen ist:

„Mit Transformation ist der Übergang von Zentralverwaltungswirtschaften zu Marktwirtschaften auf ökonomischer Ebene und der Wechsel von

kommunistischen zu demokratischen Systemen auf politischer Ebene gemeint“ (vgl. SCHLÜTER, 2001, zit. nach: REUTER, 2005).

Aneignung von Böden beispielsweise wurde wieder ermöglicht.

„Mit dem Erlaß von Präsident Jelzin vom 28. Dezember 1991 über die kostenlose Verteilung des Landes an die ländliche Bevölkerung begann eine turbulente Zeit für die landwirtschaftlichen Betriebe des Landes. [...] Sehr schwierige Zeiten durchlebt in der derzeitigen Situation die Wissenschaft in der Russischen Föderation. Die staatliche Finanzierung ist wegen leerer Kassen im Staatshaushalt zu einem großen Teil zusammengebrochen“ (DÜRR, 1993).

Es gibt eine ganze Reihe von Problemen und Fehlern, die bei der Transformation aufgetreten sind, die hier nicht tiefer ausg eführt werden. Folgende Abbildung des russischen Landwirtschaftsministeriums[7] zeigt sehr deutlich, welche Wirkung die Transformation auf die russische Landwirtschaft hatte und wie die aktuelle Entwicklungstendenz ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Entwicklung der russischen Landwirtschaft in Prozent bezogen auf das Jahr 1990. Quelle: Russisches Ministerium für Landwirtschaft (Abruf 16.11.2008)

Legende: Rot - Landwirtschaft (gesamt); Braun - Pflanzenbau; Blau - Tierhaltung

Abbildung 2 zeigt die Entwicklung der Agrarbruttoproduktion Russlands. Die Situation 1990 ist auf 100% gesetzt worden. In der Zeit von 1990 bis 1998 sank die landwirtschaftliche Produktion in Russland um 44%.

Seit Beginn der Transformation im Jahre 1992 kam hinzu, dass eine Reihe rechtlicher Probleme auftraten. Das sind beispielsweise ungeklärte Eigentumsverhältnisse, die die Bodennutzung bis heute erschweren. Dennoch wächst die einheimische landwirtschaftliche Produktion seit 1998 beständig weiter. Ein „Sorgenkind" in der russischen Landwirtschaft stellt die Tierhaltung dar.

Für die Jahre 2008 bis 2012 ist die weitere Entwicklung unter Berücksichtigung eines staatlichen Förderprogramms des russischen Agrarkomplexes geschätzt worden.

4.3 Staatliche Förderung

Laut einem staatlichen Förderprogramm des russischen Agrarkomplexes sollen bis 2012 (trotz der Weltwirtschaftskrise) etwa 20 Mrd. EUR in die russische Landwirtschaft, sowie in den Aufbau von Infrastruktur im ländlichen Raum, fließen (vgl. STAATSPROGRAMM,.2008).

Dieses Programm resultiert aus einem entsprechenden „Nationalen Projekt", welches T. SCHMIDT (2007)[8] wie folgt beschreibt:

„Das Nationale Projekt zur Entwicklung des Agrarkomplexes‘ wurde unter Leitung von Präsident Vladimir Putin und der Partei Edinaja Rossia Ende 2005 ins Leben gerufen. Die Hauptziele dieses makroökonomischen Förderprojekts beinhalten vier unabhängige Aufgabengebiete. Die Förderungen widmen sich den Gebieten der Gesundheitsfürsorge, des Wohnungsbaus, der Bildung und der Entwicklung der Agrarwirtschaft. Die Förderung der Agrarwirtschaft beinhaltet wiederum die Entwicklung der Viehwirtschaft, die Förderung kleiner landwirtschaftlicher Wirtschaftsformen und der Aufbau von Wohnraum für junge Agrarfachkräfte. Gerade dem letzten Aspekt stand die russische Regierung bisher hilflos gegenüber, denn die Landflucht - vor allem junger arbeitstätiger Menschen - nahm dramatische Züge an.

[...]


[1] URL: http://www.organic-europe.net/country_reports/default.asp

[2] Ein Betriebsleiter, eine Leiterin eines landwirtschaftlichen Kooperativs und ein Landwirt.

[3] Diese wurde zum ähnlichen Thema in Bezug auf Rumänien verfasst.

[4] Darin wird beispielsweise vorgegeben, welche Sicherheitsabstände einzuhalten sind, oder welche Materialien aus der Produktion ausgeschlossen werden.

[5] Darin werden Ansprüche beispielsweise an die Annuität der Zertifizierung sowie an ihre Objektivität und Unabhängigkeit erhoben.

[6] URL: http://www.gks.ru/bgd/regl/b08_11/IssWWW.exe/Stg/d02/15-03.htm (Abruf 07.12.08)

[7] http://www.mcx.ru/images/viewimage.html?pi_id=7286

[8] Geschäftsführer der COMMIT Agro ZAO in Moskau

Details

Seiten
86
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640456253
ISBN (Buch)
9783640455973
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v137478
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1.0
Schlagworte
Ökolandbau Biolandbau Bioprodukte Russland Organic Farming Russia Россия BIO-Продукция

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Titel: Ökolandbau in Russland