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"Politik als Beruf" und "Wissenschaft als Beruf": Zwei richtungsweisende Vorträge von Max Weber

Hausarbeit 2003 16 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A EINLEITUNG

B HAUPTTEIL
1. Der Charakter der Vorträge
2. Die inhaltlichen Schwerpunkte
3. Der Grundgedanke der Vorträge
4. Die Herausforderungen der Politik
5. Die Herausforderungen der Wissenschaft
6. Die Abgrenzung von Politik und Wissenschaft

C SCHLUSS

Literaturverzeichnis

Quellentexte

Sekundärliteratur

Zeitungen

A EINLEITUNG

Der Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ wurde am 7. November 1917, „Politik als Beruf“ am 28. Januar 1919 gehalten. Die Vorträge waren Teil einer Vortragsreihe, die der „Feistudentische Bund, Landesverband Bayern“ vermutlich seit dem Sommer 1917 plante und bei denen er dann auch als Veranstalter fungierte. Zwischen diesen beiden Daten liegen die endgültige militärische Niederlage des Deutschen Reichs und die Novemberrevolution. Dazwischen liegt auch die Fortführung von Webers Publizistik zu außen- und innenpolitischen, besonders verfassungspolitischen Fragen sowie seine Teilnahme am Wahlkampf für die Nationalversammlung, den er für die Deutsche Demokratische Partei (DDP) führte. Weber hielt bereits während des Ersten Weltkriegs politische Reden, in denen er sich für einen Verständigungsfrieden einsetzte und mit der „Prestigepolitik“[1] der Rechten abrechnete. Er nahm auch zur außen- und innenpolitischen Lage des Deutschen Reiches Stellung und trat für einen Verständigungsfrieden, für die Parlamentarisierung der Reichsverfassung und für die Demokratisierung des deutschen Staatslebens ein. „Wissenschaft als Beruf“ fiel in eine lebensgeschichtliche Phase, in der Weber versuchte, sich nicht mehr nur als Forscher, sondern auch als Politiker und als Lehrer zu bewähren. Während er „Politik als Beruf“ vortrug, waren die völlige Entmachtung Deutschlands und die Fremdherrschaft in greifbare Nähe gerückt; er sah für Deutschland zunächst eine „Polarnacht von eiserner Finsternis und Härte“[2] voraus. Eine Vorahnung, die sich jedoch erst zwei Jahrzehnte später bewahrheiten sollte. So wurde „Politik als Beruf“ nach der Drucklegung zum politischen Traktat und zu einem „Dokument des Standes demokratischen Denkens in jenem kritischen Augenblick deutscher Geschichte“.[3]

B HAUPTTEIL

1. Der Charakter der Vorträge

Die Vorträge sind Schlüsseltexte für Max Webers Antworten auf zentrale Fragen der modernen Kultur, auf die geistige und politische Situation seiner Zeit und die damit verbundenen Sinnfragen. Dies gibt den beiden Vorträgen ihren inneren Zusammenhang. Der äußere Zusammenhang besteht darin, dass die Vorträge durch denselben Anlass und denselben Adressatenkreis motiviert waren. Sie unterscheiden sich sowohl von Webers wissenschaftlichen Abhandlungen oder akademischen Vorlesungen als auch von seinen politischen Artikeln oder Wahlreden. Sie verfolgen ein anderes Ziel, denn sie sind „philosophische“ Texte. Der Einzelne soll zu Tatsachenerkenntnis und Selbstbesinnung hingeführt werden und gleichzeitig für verantwortungsvolle Arbeit im Dienste einer überpersönlichen Sache gewonnen werden.[4] An der Bereitschaft zu solcher entsagungsvoller Arbeit in der Spannung von Hingabe und Distanz hing für Weber die Zukunft der deutschen Nation und der modernen Kultur, die beide für ihn aufeinander bezogen waren. Die Sorge um den Zustand der Nation verband sich bei ihm mit der Sorge um den Zustand der modernen Kultur.[5] Obwohl er national dachte, bekämpfte er diejenigen, die den „deutschen Geist“ dem aufklärerischen demokratischen Individualismus Westeuropas entgegensetzten. Max Weber dachte aber auch kosmopolitisch; und doch bekämpfte er jene gesinnungsethischen Pazifisten, die die Notwendigkeit eines deutschen nationalen Machtstaates und die damit einhergehende „Verantwortung vor der Geschichte“[6] leugneten.

Die beiden Vorträge waren Reden an die deutsche akademische und demokratische Jugend, die Abschied nehmen sollte von folgenden Illusionen: einerseits von der Illusion, man könne die rationale, wissenschaftsbestimmte Erkenntnis durch das Erlebnis ersetzen, andererseits von der Illusion, eine Gesinnungspolitik, die nicht nur die Realitäten Deutschlands, sondern die des Lebens souverän missachtet, sei authentischer als eine rationale, machtbezogene Verantwortungspolitik. Sie waren und sind Reden über die individuelle und politische Selbstbestimmung unter den Bedingungen der modernen Kultur, die nicht allein eine praktische Absicht verfolgten, sondern die „Summe von Webers wichtigsten kulturwissenschaftlichen Erkenntnissen und seinen wichtigsten Überzeugungen“[7] waren.

2. Die inhaltlichen Schwerpunkte

Der bereits erwähnten ‚Verantwortung vor der Geschichte’ kann nur gerecht werden, wer sein Handeln an letzten Werten verankert. „Jede Machtpolitik rein als solche ist letztlich zur Nichtigkeit verdammt. Denn sie bleibt innerlich haltlos.“[8] Eine realistische Politik, für die Weber eintritt und die er in „Politik als Beruf“ als Verantwortungspolitik bezeichnet, darf nicht mit so genannter Realpolitik verwechselt werden. Im 2. Teil von „Politik als Beruf“ stellt er daher das immer problematische Verhältnis von Politik und Ethik in den Mittelpunkt, das auch unter demokratischen Verhältnissen nicht verschwindet. Webers politische Orientierung ist infolgedessen auch in einer Werttheorie gegründet und spielt in Anlage und Durchführung beider Vorträge hinein.

Die Menschen seien in aufeinander nicht reduzierbare, miteinander nicht harmonisierbare Wertbezüge hineingestellt und deshalb gezwungen, ihr eigenes Schicksal zu wählen. An diese „aller menschlichen Bequemlichkeit unwillkommene, aber unvermeidliche Erkenntnis“[9] will Weber in beiden Vorträgen gerade die Jugend erinnern. Er wendet sich daher unter anderem gegen den wachsenden Irrationalismus und Erlebniskult deutscher Intellektueller. Vom akademischen Lehrer verlangt Weber, dass er zwei Probleme unterscheidet: die Objektivität logischer und empirischer Erkenntnis einerseits und die Subjektivität und Objektivierbarkeit praktischer Bewertungen andererseits. Nur wer sich über Heterogenität dieser Probleme im Klaren sei, werde seine Hörer nicht „zur Konfusion verschiedener Sphären miteinander“ verleiten, nur er entgehe der Gefahr, dass er die Feststellung von Tatsachen und die Stellungnahme zu den großen Problemen des Lebens „in die gleiche kühle Temperamentlosigkeit“[10] taucht. Es ist die Aufgabe des akademischen Lehrers, Fragen der wissenschaftlichen Erkenntnis unbefangen, sachlich und nüchtern zu präsentieren. Für die Erfüllung dieser Aufgabe hat er sich qualifiziert. Ob er in seiner Eigenschaft als Lehrer auch die zweite Kategorie von Problemen behandeln solle, ist für Weber eine praktische Frage. Die Stellungnahme dazu entscheide deshalb darüber, welche Erziehungsaufgabe man der Universität noch zugestehe. Bejahe man auch diese zweite Aufgabe, so spreche man der Universität einen umfassenden Erziehungswert zu. Diese Position lasse sich ohne inneren Widerspruch so lange vertreten, wie man die Heterogenität von Erkenntnis- und Wertungssphäre anerkenne. Dann entscheide man sich dafür, dass der akademische Lehrer kraft seiner Qualifikation auch „heute noch die universelle Rolle: Menschen zu prägen, politische, ethische, künstlerische, kulturelle oder andere Gesinnung zu propagieren“[11], in Anspruch nehmen dürfe. Nach Meinung Webers ist die Aufgabe der Universität zu seiner Zeit nicht mehr die Erziehung zum Kulturmenschen, sondern nur noch die zum Fachmenschen.

In „Politik als Beruf“ zeichnet Weber das Bild des Verantwortungspolitikers, in Abgrenzung vom Gesinnungspolitiker einerseits und vom Machtpolitiker andererseits. Der Verantwortungspolitiker muss zustimmungsfähige politische Positionen formulieren können und bereit sein, sie auf eigenes Risiko zu vertreten. Er muss sich aber auch auf die „diabolischen Mächte“[12] einlassen, die in jeder, auch der legitimen Gewaltsamkeit lauern und er muss fähig sein, sich ihrer korrumpierenden Wirkung zu entziehen. Er muss einer Sache leidenschaftlich dienen, Verantwortung für sie übernehmen und sie mit Augenmaß, kühler Distanz und der „geschulten Rücksichtslosigkeit des Blickes in die Realitäten des Lebens“[13] verwirklichen. Dem politischen Führer folgt man laut Weber nicht aus „romantischer Sensation“[14], sondern aus „Anbetung der Macht“[15]. Der Wissenschaftler als selbstkritischer Fachmensch und der Politiker als verantwortungsethischer Führer stehen sich also unvereinbar gegenüber. Auf der einen Seite steht nüchternes Erkennen und Aufzeigen des Möglichen, auf der anderen leidenschaftliches Bekennen und der Griff nach dem scheinbar Unmöglichen. Trotzdem weisen beide Figuren Gemeinsamkeiten auf: Wie die reinen Fachmenschen sind Weber auch die reinen Machtmenschen zuwider. Sie verkörpern all die Eigenschaften, die er in der Politik verachtet: Unsachlichkeit, Verantwortungslosigkeit, Eitelkeit. Für ihn sind sie Schauspieler der Politik, deren „innere Schwäche und Ohnmacht“ sich hinter einer „protzigen, aber gänzlich leeren“ Geste verberge.[16]

Die Gesinnungspolitiker dagegen dienen einer überpersönlichen Sache und suchen inneren Halt. Obwohl sie nur selten die Realitäten des Lebens ertragen, heißt das nicht, dass sie immer zum Scheitern verurteilt sind. Wenn sie sich mit ihrer ‚Sendung’ objektiv bewähren und die Verstrickung in Machtverhältnisse ertragen, ist Weber bereit anzuerkennen, dass sie den Beruf zur Politik haben. Denn dann wissen die Gesinnungspolitiker um „die Tragik, in die alles Tun, zumal aber das politische Tun, in Wahrheit verflochten ist“[17] und dass das politische Handeln beschränkt ist und von ihnen eine „spezifische Art der Selbstbegrenzung“[18] fordert. Dieses Wissen um die Tragik des politischen Tuns ist auch für den Verantwortungspolitiker bestimmend. Er zieht daraus im Vergleich zu echten Gesinnungspolitiker aber eine weiterreichende Konsequenz. Er begnügt sich nicht damit, die Verantwortung für den Gesinnungswert seines Handelns zu übernehmen, sondern weitet diese Verantwortung auch auf die voraussehbaren Folgen aus. Dieser gesteigerten Verantwortung kann er aber nur gerecht werden, wenn er jene Tugenden besitzt, von denen Weber sagt, dass sie der Studierende von seinem Lehrer im Hörsaal lernen solle. Diese Tugenden seien folgende: sich mit der Erfüllung einer gegebenen Aufgabe zu bescheiden, auch persönlich unbequeme Tatsachen anzuerkennen und die eigene Person hinter die Sache zurückzustellen.[19]

[...]


[1] Schluchter, Unversöhnte Moderne, S. 17

[2] Weber, Politik als Beruf, S. 82

[3] König/Winckelmann (Hg.), Max Weber zum Gedächtnis, S. 21

[4] Vgl. Schluchter, Unversöhnte Moderne, S. 9

[5] Vgl. Jaspers, Max Weber, S. 81

[6] Schluchter, Unversöhnte Moderne, S. 10

[7] Ebd., S. 12

[8] Ebd., S. 19

[9] Ebd., S. 20

[10] Weber, Wertfreiheit, SW, S. 177

[11] Ebd., S. 178

[12] Weber, Politik als Beruf, S. 74

[13] Ebd., S. 80

[14] Ebd., S. 81

[15] Ebd., S. 64

[16] Ebd.

[17] Ebd.

[18] Schluchter, Unversöhnte Moderne, S. 58

[19] Vgl. Weber, Wertfreiheit, SW, S. 177

Details

Seiten
16
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783640457632
ISBN (Buch)
9783640457410
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v137462
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaften
Note
1,5
Schlagworte
Politik Beruf Wissenschaft Zwei Vorträge Weber

Autor

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Titel: "Politik als Beruf" und "Wissenschaft als Beruf": Zwei richtungsweisende Vorträge von Max Weber