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Körperideale und Essstörungen. Ein zeitgenössisches Problem junger Frauen

Examensarbeit 2003 118 Seiten

Sport - Sportpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

Hauptteil
1 Statussymbol Körper
1.1 Gesundheit und Schönheit – ein ambivalentes Verhältnis?
1.2 Der Körper als Träger gesellschaftlicher Normen und Werte
1.3 Modellierung des Körpers
1.4 Körperzufriedenheit bei jungen Frauen
2 Sport, Gesundheit, Schönheit
2.1 Sport als Träger gesellschaftlicher Normen
2.2 Einflussmöglichkeiten des Sports auf das Wohlbefinden
2.3 Schönheit und Weiblichkeit im Sport
2.4 Ess-Störungen und Sport
3 Schönheitsideale und Gesundheitsvorstellungen
3.1 Der Begriff Schönheitsideal
3.2 Schönheitsideale im Wandel der Zeit – reine Frauensache?
3.2.1 Von der Altsteinzeit bis ins 20. Jahrhundert
3.2.2 Das 20. Jahrhundert
3.3 Das aktuelle Schönheitsideal
3.4 Zur Verbreitung des Schönheitsmythos
3.5 Auswirkungen des Schönheitsmythos
4 Ess-Störungen
4.1 Erscheinungsformen von Ess-Störungen
4.2 Diagnostik und Klassifikation
4.2.1 Anorexia nervosa
4.2.2 Bulimia nervosa
4.2.3 Körperliche und medizinische Folgen von Ess-Störungen
4.3 Erscheinungsmerkmale von Anorexie und Bulimie
4.4 Ursachen von Anorexia nervosa und Bulimia nervosa
4.4.1 Biologische Komponente
4.4.2 Psychologische Komponente
4.4.3 Gesellschaftliche Komponente

Selbsterfahrungsbericht

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Venus von Willendorf

Abbildung 2: The three Graces (P.P Rubens)

Abbildung 3: Twiggy

Abbildung 4: Claudia Schiffer

Abbildung 5: Bild einer Magersüchtigen

Abbildung 6: Grundlagen und Ursachen für Ess-Störungen

Einleitung

„Flacher Bauch – ohne Hungern.“ (Journal für die Frau, 10/03)

„33 Beauty Trends.“ (Cosmopolitan, 05/03)

„Health Talk: Gesundheit? Bestens! Tipps, Trends, Infos.“ (Wellfit 05/03)

„Jetzt zur Bikini-Figur!“ (Lea 21/03)

„Schlank werden, schlank bleiben. Die besten Tricks für Besser-Esser.“ (Piccola11/03)

„Immer Ärger mit der Schönheit!“ (Gut drauf, BzgA, 2000)

„Wo finden sie den schönsten Körper?“ (Brigitte Kultur, SH 01/03)

Diese und ähnliche Schlagzeilen schmücken die Titelseiten der aktuellen Zeitschriften.

Und sie zeigen deutlich, dass Schönheitskult und Gesundheitswahn in unserer heutigen Gesellschaft zu einem bedeutenden und allgegenwärtigen Thema geworden sind. Grund genug, um sich mit dem, was täglich das Leben vieler Menschen – insbesondere der Frauen – beeinflusst, einmal näher auseinanderzusetzen.

Im Fokus der vorliegenden Arbeit steht der Körper, der als Träger von Normen und Werten zunehmend in das allgemeine Blickfeld rückt und eine Vielzahl von Funktionen einnimmt. Er galt seit jeher – insbesondere für die oberen Gesellschaftsschichten – als Statussymbol und wird heute zunehmend als gestaltbares und formbares Objekt gesehen; denn nicht nur Kleider, sondern Körper machen Leute.

Doch wie lassen sich Schönheit und Gesundheit angesichts der neuen Körperlichkeit verbinden? Welchen Einfluss haben dabei Schönheitsideale auf den Umgang mit dem Körper, speziell bei jungen Heranwachsenden, für die der Körper einen zentralen Ort zur Identitätsfindung darstellt? Diese und weitere Fragen werden im Verlauf der vorliegenden Abhandlung eingehend erörtert und belegt.

Ziel dieser Arbeit ist – neben der Betrachtung des Körpers – die Hinterfragung des aktuellen Schönheitsideals und dessen Einfluss auf die Entstehung von Ess-Störungen. Im Fokus steht zudem die Fragestellung, inwiefern ein Zusammenwirken von Sport, Gesundheit und Schönheit möglich ist.

Das erste Kapitel thematisiert den Körper als Statussymbol und somit als Mittel zur Erlangung sozialer Prestige. Eine besondere Bedeutung erfährt in diesem Zusammenhang der Sport, der als wesentlicher Einflussfaktor für Schönheit und Gesundheit des Körpers fungiert. Die wechselseitigen Einflüsse der drei Komponenten Sport, Schönheit und Gesundheit unterliegen der Bearbeitung des zweiten Kapitels.

Aber wie sieht das aktuelle Schönheitsideal aus? Ist es überhaupt existent?

Margret Hungerford schrieb in ihrem Roman Molly Brown im 19. Jahrhundert so treffend: „Schönheit liegt im Auge des Betrachters.“

Das dritte Kapitel Schönheitsideale und Gesundheitsvorstellungen gibt einen Abriss der Schönheitsideale im Wandel der Zeit. Es werden die Schönheitsideale in der historischen Perspektive gezeigt, um damit auf die Relativität dieser Ideale aufmerksam zu machen. Eine Darstellung des gegenwärtigen Schönheitsideals und seine Auswirkungen leitet zum vierten Kapitel Ess-Störungen über.

Denn Körperlichkeit ist nicht nur ein äußerlicher Aspekt. Der Körper – als Zugang zur Welt – wird vor allem von jungen Menschen dazu genutzt, einen Ausdruck für seelische Schmerzen zu finden. Kaum eine andere psychosomatische Krankheit wurde in der vergangenen Zeit in den Medien so häufig thematisiert wie Ess-Störungen.

Als wesentliche gesellschaftliche Auswirkung des Mythos Schönheit wird das Erscheinungsbild der Ess-Störungen in Form von Anorexia nervosa und Bulimia nervosa dargelegt. Eine Klassifikation hinsichtlich Symptom, Ursache und Folge soll speziell bei jungen Frauen das Bewusstsein wecken, welche Gefahr sich hinter gesellschaftlich vermittelten Schönheitsidealen verbergen kann.

Motiviert durch meine eigene Konfrontation mit der Magersucht – die im Selbsterfahrungsbericht am Ende dieser Arbeit geschildert wird – soll die vorliegende Ausarbeitung ein Beitrag dazu sein, die Vielfalt des Körperlichen sichtbar zu machen und sich selbst einmal kritisch mit seinem Körper auseinanderzusetzen; denn der Körper bietet eine Chance zur Modellierbarkeit, nicht nach gesellschaftlichen Diktaten, sondern nach eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen.

Hauptteil

1 Statussymbol Körper

1.1 Gesundheit und Schönheit – ein ambivalentes Verhältnis?

Gesundheitswahn und Körperkult beherrschen die heutige Gesellschaft. Gesundheit, Schönheit, Fitness und Leistungsfähigkeit gehören zu den Grundwerten des Normalisierungsdenkens im Alltag.

Als gesund gilt, wer funktioniert und wer den selbst- und fremdauferlegten Anforderungen gerecht werden kann.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Gesundheit als einen „[…] Zustand des vollkommenen körperlichen, sozialen und geistigen Wohlbefindens und nicht das Freisein von Krankheiten und Gebrechen“.

Fitness und Gesundheit stehen auf der Werteskala der meisten Menschen – insbesondere der Frauen – weit oben und Gesundheit wird oftmals als höchstes Gut bezeichnet, mit welchem auf Grund von vielen irreversiblen Krankheiten sorgsam umgegangen werden sollte. Sie ist Voraussetzung für ein langes Leben – ein erstrebenswertes Ziel für fast alle Menschen.

Der Gesundheitsaspekt stand jedoch nicht zu allen Zeiten im Vordergrund. Das Korsett, das im 16. Jahrhundert in Frankreich aufkam, sollte eine dünne Taille betonen und zugleich die Brüste hervorheben. Obwohl es zu den Kleidungsstücken zählt, die den Körper am stärksten schädigen, kam es um 1814 erneut in Mode. Auswirkungen wie beispielsweise die Verkrüppelung des Knochengerüstes, verbogene Rippen, Einschränkung der Atemfunktion, Störung des Blutkreislaufs etc. sind den Frauen durchaus bekannt (vgl. Janalik/Schmidt, 1997).

Da die Menschen dank der Fortschritte der Medizin immer älter werden, gewinnen Prävention und Gesundheitsförderung, Fitness und Wellness zunehmend an Bedeutung, um eventuellen Krankheiten vorzubeugen. Die Erkenntnis, dass Gesundheit zum großen Teil auf eigenverantwortliches Verhalten und nicht auf das Gesundheitssystem zurückzuführen ist, spielt eine entscheidende Rolle. Gesundheit und damit auch die Lebensqualität setzen ein gesundheitsbewusstes Verhalten in Form von ausgewogener Ernährung und ausreichender körperlicher Aktivität voraus. Einerseits gilt es als erstrebenswert, Gesundheit ein Leben lang zu erhalten, während es andererseits darum geht, dem gängigen Körperkult zu entsprechen. Dadurch entsteht ein ambivalentes Verhältnis zwischen dem herrschenden Gesundheits- und Schönheitswahn.

Der Schönheitswahn stellt die Werte Jugendlichkeit, Fitness und allen voran Schlankheit in den Vordergrund. Beeinflusst durch die Bilder der Models in den Medien suchen immer mehr Menschen ihr Glück im Schlanksein. Die Models präsentieren ein Schönheitsbild, das dem einer magersüchtigen Person entspricht. Dass dies in keiner Weise gesund sein kann, ist unbestreitbar.

Jede zweite Frau in Deutschland findet sich Umfragen zufolge zu dick. Fast ebenso viele haben bereits eine Diät ausprobiert. Das ergab eine am 04.09.2000 in Berlin vorgestellte Forsa-Umfrage[1] bei 1.000 Frauen zwischen 20 und 60 Jahren, die im Auftrag des Gesundheitsministeriums und der Zeitschrift Brigitte erstellt wurde (vgl. Luchmann, 2000).

Der Gefahr von Diäten ist man sich in dieser gesundheitsorientierten Zeit jedoch durchaus bewusst und so wird statt „Ich halte Diät“ lieber „Ich mache eine Entschlackungskur“ gesagt – eine zeitgemäße Ausrede.

Diäten greifen jedoch nicht nur den Körper an, sie können auch Auswirkungen auf die Psyche eines Menschen und somit schwere gesundheitliche Schäden zur Folge haben. Auf Grund der genetischen Festlegung der Energieverwertung eines Menschen ist das durch eine Diät erreichte Gewicht nur schwer haltbar. Besonders problematisch ist die Durchführung von Diäten bei Kindern und Jugendlichen, denn die damit verbundene defizitäre Nahrungsaufnahme kann das Wachstum beeinträchtigen. Ess-Störungen treten zunehmend in den westlichen Industrieländern auf und können als direkte Folge des Umgangs mit Menschen und Ernährung in unserer Gesellschaft, die auch als Überflussgesellschaft bezeichnet wird, gedeutet werden.

Galten in der griechischen Mythologie Schönheit und Gesundheit noch als untrennbar, so hat sich diese Tatsache heute grundlegend geändert. Im Kampf um das Erreichen des gängigen Schönheitsideals greift man heute zu Techniken, die ein enormes gesundheitliches Risiko mit sich ziehen. Erkennbar an der expandierenden Schönheitschirurgie sind heutzutage scheinbar viele Personen – insbesondere Frauen – bereit, diesen hohen Preis zu zahlen. In Korea sind Verkleinerungen der Lidfalte beliebte Geburtstagsgeschenke für Mädchen. In Westafrika, wo die Hautfarbe als zu dunkel gilt, werden Hautaufhellungscremes benutzt, die allesamt hautschädlich sind (vgl. Posch, 1999). Beim Erreichen des Schönheitsideals nimmt die Gesundheit zwangsweise oftmals eine nebensächliche Position ein.

Als Mittel, um Gesundheit und Schönheit im Sinne von Fitness und Durchtrainiertheit zu erlangen, ist der Sport von erheblicher Bedeutung. Durch die Wertschätzung des Ästhetischen bietet er zugleich ein Terrain auf dem über das Körperliche, insbesondere über die Leistungsfähigkeit, soziales Prestige errungen werden kann.

Basierend auf den derzeitigen Lebensumständen entsteht der Zwang, Bewegungsarmut im Alltag auszugleichen, wodurch eine Körperindustrie gefördert wird, die von Fitnesstraining über Entspannungstechniken bis hin zu Extremsportarten reicht (vgl. Klein, 2000). Jedoch teilt sich hier die Fitnesswelle in zwei Bereiche. Zum einen soll der Körper nach den herrschenden Regeln der Schönheit geformt werden und zum anderen soll der Sport zur Erhaltung der Gesundheit und Prävention eingesetzt werden. Der letzte Aspekt beinhaltet zunehmend den Übergang zur Wellness, die zur Aufgabe hat, das körperliche, seelische und geistige Gleichgewicht zu finden, denn bekanntlich kommt wahre Schönheit von innen.

Es wird hier deutlich, dass Gesundheit und Schönheit ein ambivalentes Verhältnis zum Ausdruck bringen, denn das aktuelle Schönheitsideal ist nur schwer erreichbar, solange dabei Gesundheit als wesentlicher Aspekt noch im Vordergrund stehen soll.

1.2 Der Körper als Träger gesellschaftlicher Normen und Werte

Wenn wir durch die Stadt bummeln, wenn wir in der Arztpraxis Menschen begegnen, es sind immer zunächst der Körper, die Kleidung, das Auftreten und die Ausstrahlung, die im Blickfeld der Gesellschaft stehen. Je mehr die visuellen Medien in den Vordergrund treten, desto wichtiger wird die körperliche Erscheinung. Jugendlichkeit, Schönheit, Gesundheit und Sportlichkeit als gesellschaftlich unterworfene Werte werden körperlich transportiert. Denn der menschliche Körper hat eine Ausstrahlung und damit auch eine Wirkung. Das äußere Erscheinungsbild enthält Symbole, die entschlüsselt werden können und zur Unterscheidung zwischen Geschlechtern, Schichten, Berufen oder Einkommenskategorien dienen (vgl. Posch, 1999).

Körper und Körperlichkeit nehmen – insbesondere bei Kindern und Jugendlichen – einen entscheidenden Stellenwert bei der Entwicklung und Stabilisierung von Identität ein (vgl. Janalik/Schmidt, 1997).

Die derzeitige, kultartige Körperaufwertung geht mit dem gleichzeitigen Bedeutungsverlust körperlicher Präsenz in Alltagssituationen einher, wie z.B. der modernen Arbeitswelt, wo die menschliche Arbeitskraft zunehmend durch die Maschine abgelöst wird. Die Bedeutungsfülle des Körpers ist dabei in seiner Funktion als Statussymbol ersichtlich.

Bette spricht von Körperspuren, um die Beziehung zwischen Körper und Gesellschaft zu verdeutlichen:

So schreibt sich die moderne Gesellschaft auf vielerlei Weise in die Körper von Menschen hinein, ohne daß es diesen unmittelbar bewusst wäre, beispielsweise indem sie die Bedingungen für die Lebenszeit verändert, Sexualkonventionen definiert, spezifische Ernährungspraktiken ausprägt, die subjektive Befindlichkeit durch ihr Strukturierungsprinzip mitbeeinflußt, Freizeitmöglichkeiten schafft, psychosomatische Krankheiten hervorruft etc. (Bette, 1989 b, S. 8)

Mit diesem Zitat verweist Bette auf die Abhängigkeit des Körpers von der Gesellschaft. Der Körper wird zur Einschreibungsfläche von gesellschaftlichen Normen und Werten. Der Mensch reagiert, weil er das Erreichen dieser Normen mit einem besseren Leben verbindet. Körperlichkeit kann somit das Zusammenspiel zwischen Individuum und Gesellschaft beleuchten. Anderseits kann die Bewusstmachung des gesellschaftlichen Wandels zu einem besseren Verständnis menschlicher Verhaltensweisen im Zusammenhang mit Körperlichkeit führen (vgl. Janalik/Schmidt, 1997).

Die Veränderungen am Körper werden im Streben nach Jugendlichkeit, Fitness, Gesundheit oder Schlankheit deutlich. Besonders in den vergangenen Jahrhunderten wurde das äußere Erscheinungsbild benutzt, um die unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten voneinander abzugrenzen. Heutzutage sind derartige Rangunterschiede nicht mehr so präsent. Dennoch verbindet man ein gepflegtes Äußeres auch heute noch mit Wohlstand und der Verfügbarkeit finanzieller Mittel.

Eine besondere Macht wird diesbezüglich der Kleidung zugesprochen. Schon die Unterteilung in Markenkleidung und Nicht-Markenkleidung weist eine deutliche Hierarchie auf. Denkt man an Punks, Hippies oder Grufties, so zeigt sich deutlich, dass die Kleidung auch zur sozialen Abgrenzung gegenüber Anderen verwendet werden kann.

Ebenso ist die Geschlechterzuordnung zum großen Teil über die Kleidung möglich. In früheren Zeiten, wo das Tragen von Kleidern und Röcken noch zum Alltag der Frauen gehörte, war die Zuordnung zwar wesentlich eindeutiger, doch auch heute, wo die Emanzipation der Frau grundlegende Fortschritte gemacht hat, ist die Geschlechtsspezifität erkennbar.

Kleidung und Kosmetik spielen zwar eine wesentliche Rolle, allerdings steht im Zeitalter von Diäten, Schönheitschirurgie und Fitness nicht mehr die Kleidungsveränderung, sondern die Körperveränderung im Vordergrund.

Mit dem aktuellen, idealen Körperbild verbindet man Attribute wie jung, schlank, sportlich, funktionstüchtig, dynamisch. Und solche Attribute spielen in den einzelnen sozialen Funktionsbereichen – wie der Arbeitswelt – als Selektionsraster eine entscheidende Rolle. Könnte man sich in der heutigen Zeit vorstellen, in der Bank von jemandem in Turnschuhen und zerrissener Hose bedient zu werden?

Das Schönheitsideal steht immer im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Situation. So ist es nicht verwunderlich, dass heute, in einer Zeit, wo Frauen mehr Einfluss, Selbstbestimmung und Geld haben als je zuvor, sie auch dünn sein müssen wie nie zuvor (vgl. Posch, 1999). Veränderungen im gesellschaftlichen Gefüge verlangen unbewusst auch Veränderungen am körperlichen Erscheinungsbild.

Die ideale Schönheit hat mittlerweile den Touch des Unerreichbaren verloren. Um dieses Ideal zu erreichen ist jedoch ständige Kontrolle und harte Körperarbeit erforderlich. Wer es erreicht hat, gilt als diszipliniert, fleißig, willensstark und zielstrebig. Dies sind alles Eigenschaften, die im heutigen Wertesystem weit oben stehen.

Untersuchungen belegen, dass Menschen, die dem herrschenden Körperideal entsprechen, in vielen Bereichen völlig ungerechtfertigte Vorteile haben. Identische Leistungen erhalten unterschiedliche Bewertungen, abhängig davon, ob sie von einer für attraktiv oder für unattraktiv gehaltenen Person abgegeben wurden (vgl. Guggenberger, 1997).

Besondere Bedeutung kommt dem gesunden Körper zu. Wer gesund ist, gilt als funktionsfähig und zugleich als leistungsstark, handlungsfähig dynamisch etc. Da Gesundheit zwar durch präventive Maßnahmen beeinflusst, letztendlich aber nicht garantiert werden kann, ist sie in der heutigen Zeit, wo die Kosten für das Gesundheitssystem expandieren, von hoher Relevanz. Gesundheit bedeutet vom wirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen zum einen geringe Kosten für das Gesundheitssystem, zum anderen aber vor allem gute Arbeitskräfte für die Berufswelt. Da ein angesehener und sicherer Beruf zum gehobenen Status gehört, wird auch hier der Körper wieder zum Träger gesellschaftlicher Werte.

Wie sich diese Normen und Werte im Laufe der Jahrzehnte verändert haben, wird bei Betrachtung der Schönheitsideale im Wandel der Zeit deutlich (vgl. Kapitel 3.2).

Eines ist jedoch offensichtlich: der Körper und das äußere Erscheinungsbild spielen in vielerlei Hinsicht eine wesentliche Rolle, wodurch Körperveränderungen von vielen Menschen bewusst oder unbewusst vollzogen werden.

1.3 Modellierung des Körpers

Man schwitzt und hungert dafür, schnürt sich ein oder legt sich unters Messer. Der Körper wird nicht mehr als Schicksal gesehen, sondern als Produkt eines gezähmten Geistes. Der Mensch als Schöpfer seiner selbst, der Körper als Werk, der Glaube an die Macht der Schönheit… (Posch, 2002, S. 21)

Der Körper – im Mittelpunkt des gesellschaftlichen und subjektiven Interesses – wird zum Ort der Gestaltung.

Traditionelle Inszenierungspraktiken wie Mode, Kosmetik, Diäten und Sport werden ergänzt durch moderne Praktiken wie Schönheitsoperationen und body modification[2] (Tattooing, Piercing, Brandings, Cuttings) und sind nur einige der vielfältigen Erscheinungsformen, die den neuen Kult um den Körper beschreiben. Einige Jahre zuvor galten Brandings, Piercings und Tätowierungen noch als Körperinszenierung ausgeflippter Jugendlicher. Diese Bewegung der Jugend ist ein Hinweis auf den veränderten Umgang mit dem Körper. Er gilt als modellierbare Masse, unterliegt also Körperveränderungen und wird nicht länger einfach nur hingenommen.

„Der Körper ist in einer komplexen, unüberschaubar gewordenen Lebenswelt die letzte Instanz, auf die wir unmittelbar Einfluss nehmen können. Das erklärt wohl die Faszination, die „body-building“ oder „body-shaping“ auf Menschen verschiedenen Alters und Geschlechts ausüben“ (Kugelmann, 2002, S. 78). Damit wird der Körper zur Einschreibungsfläche eines individuellen, persönlichen Stils.

In den Medien wird zunehmend die Wer-will-der-kann-Ideologie propagiert; der perfekte Körper gilt als erreichbar und wer nicht darüber verfügt, ist selber schuld. Damit unterliegt die Körpermodellierung kulturellen Normen von Körperästhetik und Selbstdisziplin, denn der Körper steht im Blickfeld der öffentlichen Wahrnehmung und somit der sozialen Kontrolle.

Paradox ist, dass mit dem neuen Körperkult zugleich eine Körperaufwertung und eine Körperverdrängung einhergehen. Gentechnologie, Transplantationsmedizin und Schönheitschirurgie lassen den natürlichen Körper immer mehr zu einem künstlichen Körper werden (vgl. Klein, 2000 a).

Kulturkritische Stimmen befürchten das Aufkommen einer neuen Oberflächlichkeit mit der sich die Verdrängung des Ethischen durch das Ästhetische ankündigt (vgl. Bilstein/Klein, 2002). Die Modellierung des Körpers ist zu einem Teil bedingt durch die Verschiebung des sozialen Ortes des Körpers. Der physische Körper wird in einer Gesellschaft, die gekennzeichnet ist durch Medienkommunikation und Globalisierung, abgelöst durch den Körper zur sozialen Positionierung und zur öffentlichen Inszenierung. Gemeint ist, dass weniger körperliche Kräfte, sondern vielmehr mentale Leistungen im Vordergrund stehen. Ersichtlich ist dies auch an der Tatsache, dass akademische Berufe wie Arzt, Anwalt etc. einen weitaus höheren Status einnehmen als Berufe, bei denen körperliche Arbeit im Vordergrund steht, wie z.B. Maurer, Kfz-Mechaniker oder Dachdecker.

Der Zwang zur Körperlichkeit ist aber zugleich ein Spiel mit den Grenzen der körperlichen Leistungsfähigkeit, bei dem Disziplin und Wille gefragt sind. „Schönheit gilt in unserer Gesellschaft als Leistung, als Ware, als Demonstration von sozialem Status, Effizienz und Selbstdisziplin“ (Komar-Antoni, 2001, S. 18).

Wer kann sich da noch der Modellierung seines Körpers entziehen?

Offen bleibt jedoch die Frage nach der Bedeutung der Körpermodellierung für die Körperwahrnehmung.

Schönheit soll als Garant für ein besseres, schöneres Leben stehen. Die derzeit aktuellen Inszenierungspraktiken der body modification stehen jedoch vielmehr für eine Entgrenzung des Körpers, in deren Mittelpunkt das Schmerzerleben und die Belastbarkeit erfahren werden sollen. Diese Körpertechniken, ebenso wie das Praktizieren meditativer Entspannungstechniken, haben jedoch eines gemeinsam: sie stehen für die Suche nach Intensität sowie nach der Spürbarkeit und Gegenwärtigkeit des Körpers. Es wäre demnach zu einseitig, die Arbeit am Körper nur als ästhetische Arbeit aufzufassen.

Der neue Körperkult mit seinen verschiedenen Techniken ist ein deutlicher Hinweis auf einen veränderten Umgang mit dem Körper.

1.4 Körperzufriedenheit bei jungen Frauen

„Warum habe gerade ich diese fiesen Speckröllchen?“ fragt sich eine durchaus als schlank zu bezeichnende junge Frau in einem aktuellen TV-Werbespot. Mit diesem Problem steht sie jedoch nicht allein, die Aussage kennzeichnet vielmehr die zunehmende Unzufriedenheit junger Frauen mit ihrem Körper in der heutigen Gesellschaft. Ausgedrückt wird diese Unzufriedenheit vorrangig durch den Wunsch nach einer Gewichtsreduktion.

Die Einschätzung des eigenen Körpers und die damit verbundenen Körperzufriedenheit unterliegt vielen Aspekten. Dabei spielt das Körperbild als das individuelle Bild, das jeder Mensch von seinem Körper hat, eine wesentliche Rolle. Es unterliegt im Groben drei Aspekten. Die wahrnehmungsbezogene Komponente umfasst die Genauigkeit, mit der man selbst seine Körpermaße einschätzt. Im affektiv-kognitiven Bereich geht es um körperbezogene Gedanken, die Empfindungen gegenüber dem eigenen Körper und um die Zufriedenheit. Die verhaltensbezogene Komponente umfasst Reaktionen, die sich auf die negative oder positive Einstellung gegenüber dem Körper äußern; z.B. ist Diätverhalten mit dem Ziel der Gewichtsreduktion eine deutliche Reaktion auf Unzufriedenheit mit dem Gewicht (vgl. Kreikebaum, 1999).

Das eigene Körperbild hängt stark mit dem Selbstwertgefühl zusammen. Wertschätzung und Akzeptanz des eigenen Körpers sind Basis für ein positives Selbstbild. Während die Selbsteinschätzung von Männern eher der Beurteilung ihres Charakters und ihrer Intelligenz unterliegt, ist bei Frauen die Bewertung des Körpers maßgeblich (vgl. Mrazek, 1984).

Silberstein spricht von einer inzwischen normativen weiblichen Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper (vgl. Silberstein, 1988). Der eigene Körper wird verglichen mit dem medienvermittelten Ideal weiblicher Schönheit. Die steigende Disparität zwischen der eigenen Körperwahrnehmung und dem herrschenden Ideal führt in der Regel bei vielen Personen zu Unzufriedenheit. Die Werte und Normen der Gesellschaft, in diesem Fall das Streben nach einem schlanken Körperideal, beeinflussen junge Frauen. Durch die Konfrontation mit Bildern schlanker Models oder durch den eingangs beschriebenen Werbespots, vermehrt sich der Drang, schlank sein zu wollen, da Attribute wie Glück, Erfolg, Liebe und Gesundheit damit assoziiert werden. Motiviert durch die Wenn ich erstmal schlank bin, dann… – Ideologie versuchen junge Frauen sich dem idealen Körperbild anzupassen und erhoffen sich dadurch nicht nur Körperzufriedenheit, sondern auch eine verbesserte Lebensqualität.

Eine positive Beziehung zum Körper hängt mit einem erhöhten Selbstwertgefühl zusammen (vgl. Schaufler, 2002). Es ist ein vergleichendes Gefühl, das durch Selbsttätigkeit und Anerkennung von außen gestärkt werden kann und sich im Wechselzug dann auch nach Außen ausstrahlen kann.

Einfluss auf das Wohlbefinden nimmt neben dem Schlankheitswahn auch der Gesundheitswahn.

Die Körperzufriedenheit korreliert mit der Gesundheit. Tendenziell ist jedoch eine wachsende Unzufriedenheit junger Frauen mit ihrem Körper festzustellen, die auf zwei wesentlichen Ausgangspunkten basiert: als eine Ursache ist sicherlich die Veränderung des Attraktivitätsstandards, die vorrangig in einem kontinuierlich dünner werdenden Schönheitsideal mündet, anzusehen. Ein weiterer Faktor ist die pubertäre Entwicklung, die bei Mädchen durch einen rapiden Anstieg des relativen Fettanteils geprägt ist. Während junge Frauen einen Zuwachs weiblicher Rundungen erfahren, macht sich bei den Jungen ein Zuwachs der Muskelmasse bemerkbar. Aus dieser Tatsache ergibt sich eine hohe Korrelation zwischen Körperzufriedenheit und Selbstbewusstsein, die in der Adoleszenz besonders groß ist.

Dass Aussehen und vor allem Gewicht ein wichtiges Thema für Jugendliche darstellen, sollen die folgenden Fallbeispiele verdeutlichen, die junge Mädchen an das Dr. Sommer Team der BRAVO gesendet haben.

Mädchen (16): Es wird Frühling und ich möchte gerne wieder in meine Kleider hineinpassen! Ich müsste so ca. 5 kg abnehmen dafür! Könnt ihr mir bitte sagen, wie ich am schnellsten und wenn´s geht auch bleibend abnehmen kann? Ich habe mir sogar schon überlegt so Abnehmpillen zu kaufen, ist das vielleicht das Richtige? (Fallbeispiel aus dem Bravo- onlinejournal, 10.04.2003)

Mädchen (15): Hab mal ein paar Fragen bezüglich Appetitzügler an Euch! Bekommt man die ohne Rezept vom Arzt? Welche Nebenwirkungen hat das Zeug? Wie viel kosten die? Ich hab gelesen, dass die so schädlich sind. Warum dürfen sie noch verwendet werden? (Fallbeispiel aus dem Bravo- onlinejournal, 10.04.2003)

Mädchen (17): Ich bin 1,71 m groß und wiege 68 kg. Das ist zwar nicht dick, aber mit 4 bis 5 kg weniger fühl ich mich einfach wohler. Welche Diät könnt ihr mir empfehlen? (Fallbeispiel aus dem Bravo- onlinejournal, 10.04.2003)

Mädchen (16): Ich bin total verzweifelt, weil ich so hässlich bin! Meine Freunde sagen, ich spinne, aber sie wissen nicht, was in mir vorgeht und welche Angst ich hab! Meine Lippen sind viel zu wulstig und ich beobachte ständig meine Haut, jeder Pickel macht mich wahnsinnig, ich bin total entstellt! Auch der Hautarzt kann mir nicht helfen. Manchmal stehe ich Stunden vor dem Spiegel – das geht schon seit Jahren so. Ich traue mich schon fast nicht mehr aus dem Haus – ins Schwimmbad gehe ich schon lange nicht mehr. Wegen meinem Aussehen habe ich auch keinen Freund und meine Freunde gehen mir schon alle aus dem Weg. Ich weiß einfach nicht mehr weiter. Ich würde am liebsten nicht mehr leben! (Fallbeispiel aus der BRAVO vom 22.05.2002)

Margit Tietz, ehemalige Leiterin des Dr. Sommer-Teams der Zeitschrift BRAVO, bestätigt die zunehmende Körperunzufriedenheit bei jungen Frauen. Etwa jeder fünfte Brief, von 80 Briefen täglich, beschäftigt sich mit dem Aussehen, mit Ess-Störungen, dem Gefühl (!), zu dick zu sein (vgl. Wohne, 2002).

Das Körperbild vieler junger Frauen ist durch eine verzerrte Körperwahrnehmung gekennzeichnet. Das reale und das selbst wahrgenommene Körperbild weisen oft große Diskrepanzen auf. Laut der Studie Health Behaviour in school-ages children (HBSC)[3], die im Rahmen eines Projektes der Weltgesundheitsorganisation (WHO) durchgeführt wurde, möchten 46% der Jungen und 75% der Mädchen etwas an ihrem Körper ändern. Dabei halten sich die Mädchen häufig für zu dick. Gemessen am BMI[4] als Unter- bzw. Übergewichtskriterium ergab die Studie, dass sich 8% der Mädchen trotz geringem Gewicht immer noch für zu dick empfinden (vgl. Settertobulte, 2002).

Verzerrte Körperwahrnehmungen können schon früh das Bestreben junger Mädchen wecken, ihr Gewicht durch exzessive Verhaltensweisen zu regulieren und bis hin zur Ausbildung von Ess-Störungen führen.

Die – so bezeichnet es Silberstein – normative weibliche Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper steht also im direkten Zusammenhang mit dem gesellschaftlich anerkannten Schönheitsideal und kann das Wohlbefinden und damit das Selbstwertgefühl sowie das Selbstbewusstsein junger Frauen beeinflussen.

Einen wesentlichen Beitrag kann hier der Sport leisten, da er zwar einerseits der Schönheit, andererseits jedoch auch zu einem großen Teil der Fitness und Gesundheit dient. Der Sport kann zur Verbesserung der körperlichen und seelischen Verfassung beitragen und somit das allgemeine Wohlbefinden und die Körperzufriedenheit steigern (vgl. Dauschek, 1995; vgl. Kapitel 3.2). Einer Umfrage der Zeitschrift Psychologie heute zufolge sind Sportler/innen im Vergleich zu sportlich Inaktiven zufriedener mit ihrem Aussehen, ihrer Gesundheit und auch mit ihrer Figur (vgl. Dauschek, 1995).

Diese Schlussfolgerung gibt Anlass zu einer genaueren Untersuchung des Zusammenhangs von Sport, Gesundheit und Schönheit, welche im nächsten Kapitel folgt.

2 Sport, Gesundheit, Schönheit

2.1 Sport als Träger gesellschaftlicher Normen

Fitness und Sportlichkeit sind derzeit in aller Munde. Ein Blick auf die Stars der 90er Jahre lässt das Ideal des schlanken, aber vor allem sportlich durchtrainierten, Körpers erkennen. Wer in ist, macht Aerobic, Tae-Bo, fährt Inline-Skate oder spielt Golf.

Wie schon im Kapitel 1 erörtert, ist der Körper Träger gesellschaftlicher Normen und Werte und somit ein Ort der Selbstinszenierung. Der Körper stellt im Sport ein zentrales Moment dar und bietet ein Terrain zur Erlangung von Prestige. Daher kann insbesondere der Sport über das Medium Körper zum Erwerb sozialer Anerkennung beitragen und damit Einfluss auf die personale Identität nehmen und zur Selbstakzeptanz und Selbstverwirklichung beisteuern.

Sportlichkeit liegt im Trend und nimmt in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert ein. Sie hat sich zu einem Kulturphänomen oder wie der Soziologe von Krockow den Sport nennt, zum Faszinosum unserer Zeit entwickelt, der von politischer, wirtschaftlicher, sozialer, biologischer und pädagogischer Bedeutung ist.

Vor allem im Alltag von Jugendlichen nimmt Sport heutzutage eine wichtige Rolle ein. Einer Umfrage zufolge, die unter 10- bis 15- jährigen Jugendlichen durchgeführt wurde, treiben 67% der Mädchen und 76% der Jungen einmal wöchentlich und häufiger Sport (vgl. Fuhs, 1996)[5].

Bei der Frage nach der Motivation zum Sporttreiben gaben die Jugendlichen als Hauptmotiv an, dass sie sich körperlich fit halten wollen. Diese Begründung wurde sowohl von den Jungen, als auch von den Mädchen angegeben. Sportlichkeit gilt demnach als Ausdruck von Gesundheit, Stärke und Leistungsfähigkeit. Sportliche Aktivität soll den eigenen Körper entsprechend dieser Werte formen und erhalten.

Die Umfrage bestätigt zugleich, dass Sport zu den wesentlichsten Freizeitbeschäftigungen gehört.

Sport wird zudem eingesetzt, um den Körper entsprechend der Attraktivitätsvorstellungen zu gestalten. In Zeitschriften für junge Frauen finden sich Bauch-Beine-Po-Übungen, die den Körper in die richtige Form bringen sollen.

„Sportlichkeit ist zu einem bedeutsamen Stilelement erotischer Körperinszenierung beider Geschlechter geworden. Diese Verknüpfung wird auch von Jugendlichen längst praktiziert“ (Rose, 2002, S. 16).

Dass gerade der Körper von den Jugendlichen benutzt wird, um sich im Wettkampf nach Anerkennung und Prestige zu behaupten, begründet Zinnecker damit, dass der Körper eine Kapitalsorte ist, die – anders als Besitz und Bildung – schon frühzeitig, relativ leicht und vor allem schnell zugänglich ist (vgl. Zinnecker, 1999).

Der Sport als Träger gesellschaftlicher Werte äußert sich jedoch nicht nur im realen Sportengagement. Eine gruppenkulturelle Zuordnung ist ebenso durch Stil-Accessoires wie Kappen, T-Shirts, Alltagsgegenstände mit Sport-Emblemen oder in der Verherrlichung von Sportidolen möglich. So ist Tiger Woods[6] heute für die meisten Jugendlichen ein Begriff, obwohl nur eine sehr geringe Minderheit der Jugendlichen Golf spielt. Auf die Nutzung solcher Stil-Accessoires weist Rose in ihrem Bericht Sportlichkeit als Stil (vgl. Rose, 2002) hin und begründet damit zugleich den Rückgang der körperlichen Leistungsfähigkeit, der unter den Jugendlichen vermehrt diagnostiziert wird.

Das durch den Sportlich repräsentierte positive gesellschaftliche Bild wird automatisch dem sportlich Aktiven zugeschrieben. Und auch im Sport gilt Ohne Fleiß kein Preis; dort ausgeübte Werte wie Disziplin und Zielstrebigkeit sind im gegenwärtigen kulturellen Umfeld wichtige Eigenschaften.

Sport kann ebenso Auskunft über den sozialen Status geben. Viele Sportarten, insbesondere Skifahren, Snowboarden, Golfen und auch die Mitgliedschaft in einem Fitness-Club, sind von finanziellen Möglichkeiten abhängig und daher eher als Sportarten der oberen Schichten einzuordnen. In Amerika sind es Polo oder Yachting, die zu Sportarten der upper class zählen (vgl. Weiß/Russo, 1987).

„Gerade heute haben die Sportarten der höheren Schichten aufgrund der gewachsenen Konsummöglichkeiten für mittlere und untere Klassen hohe Anziehungskraft“ (Weiß/Russo, 1987, S. 71). Auf diese Weise stellen Weiß und Russo die Verbindung von Sport und Prestigegewinn her, die als Motivation für das Sporttreiben angeführt wird. Golf – als Sportart der oberen Schichten – bezeichnet derzeit in Deutschland einen hohen Beliebtheitsgrad. Allein der DGV[7] registriert in Deutschland eine Zuwachsrate von 7,3% bezüglich der Mitgliedschaften im vergangenen Jahr (vgl. Deutsche Golf Online GmbH, 2002).

Bei männlichen Jugendlichen stehen maßgeblich Werte wie Männlichkeit und Kraft im Vordergrund, welche eher im Motorsport oder Kraftsport aufgegriffen werden. Weibliche Jugendliche hingegen bevorzugen oftmals Sportarten wie Jazztanz oder Turnen, bei denen ästhetische Werte eine Rolle spielen.

Der Sport passt optimal in das Bild der neuen, modernen Gesellschaft, in der sich die Werte gewandelt haben. Das Streben nach Selbsterfahrung, das hedonistische Bedürfnis nach Wohlbefinden, nach Erlebnis und Vergnügen sind lebensbestimmende Komponenten. Der Sport bietet die Möglichkeit zur Individualisierung und zur Erfüllung dieser Bedürfnisse.

Zugleich wird ihm eine kaum übersehbare Vielzahl von Funktionen zugeschrieben:

Aus politischer Sicht wirkt der Sport völkerverbindend und er überwindet politische Grenzen, indem er nationales Prestige fördert. Beispielsweise wird bei den Olympischen Spielen die spezielle Leistung von einer Person oder einer Mannschaft geleistet, sie wird jedoch der ganzen Nation zugeschrieben.

Die sozialisierende Funktion des Sports lehrt den Menschen wichtige Werte und Normen wie Fairness, Solidarität, Anpassungsfähigkeit, Gleichberechtigung etc., die besonders in Mannschaftssportarten wichtig sind. Zudem bietet der Sport Möglichkeit zu einer sinnvollen Gestaltung der Freizeit. Heinemann nennt in diesem Zusammenhang die Kartharsis-Funktion, die dem Sport die Fähigkeit zuschreibt, Aggressionen, die in unserer Gesellschaft entstehen, oder die dem Menschen angeboren sind, zu kanalisieren und gefahrenlos abzubauen (vgl. Heinemann, 1980).

Auf pädagogischer Ebene trägt der Sport zur Identitätsfindung sowie zur Entwicklung der Persönlichkeit und des Selbstwertgefühls bei. Eine entscheidende Rolle spielt der Sport als Wirtschaftsfaktor im ökonomischen Bereich. Er bietet für die Wirtschaft in zunehmendem Maß einen Absatzmarkt und einen Werbeträger (vgl. Heinemann, 1984). Notwendige Sportausrüstungen lassen einen regelrechten Boom in der Sportartikelindustrie verzeichnen. Nicht zuletzt durch die Vermarktung in den Massenmedien können mit dem Sport große Geldsummen umgesetzt werden.

Aus ästhetischer Sicht ist der Sport eine Körper- und Bewegungskultur, in der sich der Mensch entfalten kann. Der gegenwärtige Gesundheitswahn schreibt insbesondere der biologischen Funktion des Sports eine wichtige Rolle zu. Sport schafft Bewegungsausgleich und besitzt eine gesundheitsfördernde und -erhaltende Wirkung. Heinemann spricht von einer „[…] engen assoziativen Verbindung von Sport und Gesundheit […]“ (Heinemann, 1980, S. 82). Gesundheit wird stets mit Leistung und Leistungsfähigkeit in Verbindung gebracht. Sport soll den Funktionszustand des Organismus verbessern und erhalten, was mit Fitness und Kondition bezeichnet wird. Schwierige Belastungen wie das Überwinden von Wettkämpfen und körperlichen Anstrengungen, sowie äußere und innere Störeinflüsse klimatischer, psychischer oder emotionaler Art abwehren zu können, bezeichnen Widerstandsfähigkeit und Belastbarkeit. Diese Eigenschaften setzen einen gesunden Körper voraus. Der Sport leistet quasi ein Gesundheitsversprechen (vgl. Gmünder Ersatzkasse, 1999).

Er bietet durch die Ausweitung und Differenzierung der Sportkultur und durch seine Vielfalt an Funktionen eine Basis für die Trägerschaft von Normen und Werten der Gesellschaft. Die Veränderungen seitens der Gesundheitsorientierung, des Körperbewusstseins oder dem Aspekt der Selbstfindung kann man als einen generellen Wertewandel ansehen, der sich auch im Sport widerspiegelt.

2.2 Einflussmöglichkeiten des Sports auf das Wohlbefinden

Hochgefühl durch Sport, so lautet die Überschrift eines Artikels aus der Frankfurter Rundschau vom 09.06.1985. Die These von Schreiber-Rietig beruht auf einer Umfrage der Psychologin Abele[8] und des Sportwissenschaftlers Brehm[9], die sich mit dem Sich-Wohlfühl-Phänomen beschäftigt haben. Der Umfrage zufolge erlebten ca. 75% der von ihnen befragten Sportler eine Verbesserung im Wohlbefinden. Dem hingegen konnten 10% keine Veränderung feststellen und 15% sprachen von einer geringfügigen Verschlechterung nach dem Sporttreiben.

Veränderungen konnten vor allem auf psychischer Ebene verzeichnet werden. So fühlten sich 25% der Sportler nach der sportlichen Aktivität ruhiger. 20% sprachen von einer verbesserten Stimmungslage und 15% fühlten sich aktiver. Auch negative Aspekte des Wohlbefindens wurden durch das Sporttreiben beeinflusst. So reduzierte sich bei 13% die Erregtheit und bei 9% der Ärger. Ein Abbau der Deprimiertheit und Energielosigkeit konnte bei 10% bzw. 8% festgestellt werden (vgl. Abele/Brehm. In: Brettschneider/Baur/Bräutigam, 1989, S.114-132).

Aufgrund dieser umfassenden Umfrage kann man festhalten, dass

[…] das „Sich-Wohlfühlen“ durch den Sport ein relativ stabiles Phänomen ist, das bei etwa 75% aller Sporttreibenden auftritt. Es betrifft sowohl die Spannungs- ,Entspannungs- als auch die Bewertungsdimension der Befindlichkeit: Sport bewirkt Energetisierung und Aktivierung, gleichzeitig Gelöstheit und gute Laune. (Abele/Brehm. In: Brettschneider/Baur/Bräutigam, 1989, S. 118)

Abele und Brehm haben zugleich eine Verbindung zwischen der Motivation sportlichen Handelns und der Befindlichkeit herstellen können. So ist bei sportlich Aktiven, deren Motivation mehrfach begründet ist, eine größere Steigerung des Wohlbefindens feststellbar, als bei den Sportlern, die meist nur einen einzigen Aspekt zur Motivation, wie z.B. Gewichtsreduktion, angeben.

Sport wird heute vielfach eingesetzt, um einen Ausgleich zum stressigen Berufsalltag zu schaffen; er versteht sich als eine Gegenwelt, in der man sich entspannen kann, Geselligkeit erlebt und zudem noch etwas für die Gesundheit tut. Denn nur wer sich gesund fühlt, kann auch ein positives Bewusstsein zum eigenen Körper entwickeln. Schon die alten Römer wussten: Mens sana in corpore sano, was soviel bedeutet wie: Ein gesunder Geist steckt in einem gesunden Körper.

Der Sport mit seiner Vielzahl an Funktionen hat sich in Bezug auf das Sinnverständnis in den letzten Jahren erweitert. Neben den alten Werten wie Leistung, Wettkampf und Vereinsbindung ist die neue Sportlichkeit an Wohlbefinden, Vergnügen, Spaß, Erlebnis und zunehmend an Gesundheit orientiert. Und der Sport kann dazu beitragen dem herrschenden Schönheitsideal mit den Komponenten Durchtrainiertheit und Schlankheit zu entsprechen. Wie schon im Kapitel 1.4 erörtert, hängt das Wohlbefinden stark von einem positiven eigenen Körperbild ab. Auch Posch weiß in diesem Zusammenhang die positiven Aspekte des Sports zu schätzen.

Er kann die körperliche und seelische Verfassung verbessern und das allgemeine Wohlbefinden heben. Sport vermittelt zwischen der lustbezogenen Arbeitswelt und der lustbetonten Freizeitwelt, weil er beide Komponenten verbindet. Ausdauer und Kreislauf werden trainiert, und eine gute Kondition kann zu Selbstbewusstsein und dem Gefühl von Stärke, Freiheit und Unabhängigkeit beitragen. (Posch, 1999, S. 158)

Dass Sport Wohlbefinden und Glücksgefühle bis zur Euphorie hervorrufen kann, wurde von Wissenschaftlern schon am Runner´s High- oder am Feel-Better-Syndrom untersucht. Die Aussage eines Sportlers „Wenn ich gelaufen bin, dann fühle ich mich richtig gut“ – wie die meisten Sportler bestätigen können – ist auch aus medizinischer Sicht zu erklären. Durch sportliches Training kommt es zu einer vermehrten Sauerstoffaufnahme und zu einer besseren Durchblutung der Organe, wodurch letztendlich ein besseres Wohlbefinden bewirkt wird. Des Weiteren wird bei hoher sportlicher Aktivität ein bestimmtes körpereigenes Hormon, das Endorphin, ausgeschüttet. Dieses Hormon ist an der Steuerung motivationaler und emotionaler Prozesse beteiligt und wirkt darüber hinaus schmerzlindernd. Bei Erhöhung des Endorphinspiegels im Blut stellt sich ein Glücksgefühl ein, das über mehrere Stunden andauern kann (vgl. Schwenkmezger, 1991).

Sportliche Aktivität als Kern des Körpergefühls – so lautet auch die Überschrift eines Artikels von Milhoffer, indem diese sich mit dem Wohlbefinden und dem Körpergefühl junger Mädchen beschäftigt. Die Studie unter Kindern der dritten bis sechsten Klasse belegt, dass Sportlichkeit an oberster Stelle der positiven Eigenschaften ihres Selbstbildes steht. „Sich bewegen zu können und zu wollen steht offensichtlich im Zentrum eines guten Körpergefühls der befragten Kinder“ (Milhoffer, 2002, S. 42).

Sport hat folglich schon im Jugendalter einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss auf das Körperbewusstsein. Er bietet die Chance zum Kräfte messen und zum Austesten der körperlichen Grenzen. Eine gesunde Auseinandersetzung mit dem Körper bildet die Basis für die eigene Körperzufriedenheit.

Abele und Brehm sind zu dem Ergebnis gekommen, „daß jugendliche Sporttreibende mit ihrem Körper zufriedener sind, ein differenzierteres Körperbild und eine genauere Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit haben als jugendliche Nichtsportler“ (Abele/Brehm. In: Brettschneider/Baur/Bräutigam, 1989, S. 128).

Sportliches Handeln bietet die Chance, seinen Körper effektiv zu nutzen, womit in den meisten Fällen auch die positive Beeinflussung der äußerlichen Erscheinung verbunden ist. Der Sport stellt damit eine Möglichkeit zur Akzeptanz des äußeren Erscheinungsbildes dar. Er kann wesentlich zu Körperbewusstsein, und –zufriedenheit beitragen und eine Wohlbefindenssteigerung hervorrufen.

2.3 Schönheit und Weiblichkeit im Sport

Wir haben im bisherigen Verlauf der Betrachtung die Erkenntnis gewonnen, dass Sport sich auf das Wohlbefinden positiv auswirken kann, was wiederum Einfluss auf das Selbstwertgefühl nimmt. Und nur auf der Basis eines positiven Selbstwertgefühls kann auch die Akzeptanz des eigenen Körpers stattfinden. Eine Vielzahl junger Frauen, die heute unter Körpermängeln und Selbstzweifel leiden, sucht im Sport die rettende Lösung aller Körperprobleme. Sport und Schönheit können jedoch – basierend auf dem heutigen Zwang zur Weiblichkeit (vgl. Kapitel 3) – durchaus ein ambivalentes Verhältnis darstellen.

Der Sport als gesellschaftliche Institution stellt in seiner Vielfalt einen Ausschnitt aus unserer Alltagswelt dar und trägt zum Erhalt, ebenso wie zur Stabilisierung bestehender Verhältnisse, insbesondere der Geschlechterverhältnisse, bei. Er leistet einen erheblichen Beitrag zur Zweigeschlechtigkeit, indem er die Möglichkeit zum Ausüben und Erfahren des Identitätszwanges bietet. Sportarten wie Jazztanz, Aerobic und rhythmische Sportgymnastik sind eindeutig weiblich, während Fußball, Boxen, Motorsport vorrangig zu den männlichen Sportarten gehören. Rose sieht hier einen deutlichen Beitrag zur Geschlechterhierachie, denn die von Frauen bevorzugten Sportangebote sind vorrangig ästhetisch orientiert und bestätigen somit die Vorstellungen von einem durch Schwäche und Schönheit bestimmten Weiblichkeitsbild (vgl. Rose, 1992). Durch eine derartige Inszenierung[10] werden Frauen zwar in ihren typischen weiblichen Eigenschaften bestärkt, sie erfahren jedoch im Vergleich mit Männern eine Abwertung hinsichtlich ihrer Fähigkeiten.

Die Dichotomie der Geschlechter ist nicht nur für Äußerlichkeiten, also wie wir uns kleiden, uns bewegen, Anderen gegenübertreten, verantwortlich, sondern sie unterliegt Orientierungen, Zugangsweisen und Klischees, die uns Tag für Tag in der Alltagswelt begegnen und somit dem Männlichen und dem Weiblichen eine hierarchische Ordnung geben (vgl. Kugelmann, 2002).

Die objektiv gültigen Körperideale bringen den Weiblichkeitszwang zum Ausdruck und suggerieren den Frauen, wie sie und ihr Körper zu sein haben. Aber welcher Körper entspricht schon diesem Ideal?

Es stellt sich die Frage, ob Sport einen Garanten für Schönheit darstellt, denn Schönheit ist eine wesentliche Funktion des heutigen Verständnisses vom Sport; das Fitnesscenter wird zum Schönheits-Center. Durch bewusstes Sporttreiben soll der Körper an das aktuelle Körperideal (vgl. Kapitel 3.3) angenähert werden, um somit über gesellschaftliche Anerkennung zu einem besseren Selbstbild zu gelangen.

Einerseits soll die Frau vorzeigbar sein und den Werten schön, schlank und jung entsprechen; anderseits soll sie sich im gegenwärtigen sozialen Gefüge stärker denn je präsentieren. Gemeint ist damit jedoch nicht stark im Sinne von muskulös, sondern eher die symbolische Bedeutung, nämlich dass sie ein starkes, vor allem feminines und durch Selbstbewusstsein geprägtes Charakterbild vorweisen kann. Geht man vom bayrischen Sprachgebrauch aus, in dem das Wort stark synonym zu dick benutzt wird, so zeigt sich ein ambivalentes Verhältnis, denn dick sein widerspricht den gängigen Diktaten der Schönheit. Dennoch wird Frauen propagiert, dass sie ihren Körper durchtrainieren sollen, um ihn straff und in Form zu halten.

Auch wenn sich tendenziell ein Angleichen der Geschlechter vollzieht, werden Eigenschaften wie Kraft und Stärke gesellschaftlich in erster Linie noch den männlichen Stereotypen zugeordnet. „Denn eine Frau, der man das Muskeltraining auf den ersten Blick ansieht, gilt nach wie vor als unweiblich“ (Posch, 1999, S. 71). Daher wird Stärke von vielen Frauen als unweiblich abgetan, was negative Folgeerscheinungen mit sich bringt. Es kann zu eingeschränkten Bewegungserfahrungen kommen, da kraftvolle Sportarten, wie Klettern, Springen, Mountainbike fahren, etc… scheinbar nicht ins Bewegungsrepertoire einer Frau gehören. Zudem wirkt sich fehlende Stärke auch im Alltag durch mangelndes Durchsetzungsvermögen und Schwierigkeiten bei der Bewältigung alltäglicher Aufgaben, sei es z.B. nur beim Wasserkisten schleppen, aus.

Das ambivalente Verhältnis von Sport und Schönheit zeigt sich in den realen Auswirkungen, die Sport und Training auf den Körper haben. Muskelzuwachs und Veränderungen im Bewegungsstil stehen den femininen Eigenschaften gegenüber. Dies kann bei Frauen zu Identitätsproblemen führen, denn sie bekommen von der Gesellschaft vorgelebt, „[…] dass eine Frau nur dann als Person akzeptiert wird, wenn sie attraktiv ist, dem Schönheits- sprich Schlankheitsideal entspricht“ (Kugelmann, 2002, S. 82).

Doch der Sport, der den Frauen dabei helfen soll, sich diesem Ideal anzunähern, bringt gleichzeitig Eigenschaften mit sich, die nicht den Vorstellungen von Weiblichkeit entsprechen. Als Beispiel ist die Kugelstoßerin Huang Zhihong zu nennen, die durch Gewichtetraining eine muskulöse und sehr kräftige Körperform mit maskuliner Wirkung bekommen hat. Sie sagt von sich selbst, dass sie sich nie auf diesen Sport eingelassen hätte, wenn sie gewusst hätte, dass der Sport sie so fett macht.

Gerade im Hochleistungssport ist Erfolg verbunden mit dem Annähern an männliche Normen. Bilder von Frauen erinnern in Bezug auf Bewegungsstil und körperliche Erscheinung eher an das männliche Ideal und gehören mit dem disziplinierten und leistungsorientierten Verhalten nicht zum Vorbild der Weiblichkeit.

In Sportarten wie Aerobic, Jazztanz, Turnen, Gymnastik oder Eistanzen wird uns ein anderes Frauenbild geboten, das Wert auf Ästhetik und Körperlichkeit legt. „Doch sie [die Turnerinnen, Tänzerinnen und Gymnastikerinnen] zeigen eine verzerrte Wirklichkeit, die im Alltag im Allgemeinen nicht erreichbar ist, jedoch den gesellschaftlichen Vorstellungen entspricht“ (Kugelmann, 2002, S. 97).

Aber dass auch diese Sportarten oft durch Abkehr vom Weiblichen charakterisiert sind, ist objektiv in den seltensten Fällen ersichtlich. Am Beispiel des Kunstturnens lässt sich dies verdeutlichen, denn die kindlich und zerbrechlich wirkenden Sportlerinnen entsprechen mit ihren durchtrainierten, schlanken Körpern dem Schlankheitsideal, benötigen jedoch für den Sport zugleich Muskelmasse und Kraft. Rose nennt dies „[…] ein `geniales` Arrangement der gesellschaftlichen Ambivalenz des Frauenkörpers“ (Rose. In: Kröner/Pfister, 2002, S. 78).

Damit findet einerseits eine Vermännlichung, anderseits eine Entsprechung der typischen Weiblichkeitsklischees statt.

Folglich kann der Sport – und damit ist nicht nur der Leistungssport gemeint – seiner Bedeutung als Instanz zum Wohlbefinden und zum Beitrag zur Gesundheit im Bezug auf Frauen nicht immer gerecht werden. Denn unter den produzierten Weiblichkeitsbildern kann er in Verbindung mit dem herrschenden Schönheitsideal zum potentiellen Belastungsfaktor werden.

Vordergründig bietet der Sport zunächst für die Frauen, die sich durch den Weiblichkeitszwang eingeschränkt fühlen, eine Chance, dem Alltagsleben zu entfliehen. Im Sport können sie Eigenschaften wie kraftvoll, mutig, erfolgsorientiert erfahren. An dieser Stelle kommt jedoch erneut das ambivalente Verhältnis zum Tragen, denn solche Werte sind eindeutig als männlich definiert. Sport – aufgefasst in seinem ursprünglichen Sinnverständnis – heißt auch Kämpfen, Raum für sich beanspruchen und sich durchsetzen, gesellschaftlich gelten diese Werte dagegen als unweiblich. Beruft man sich auf historische Fakten, so war Sport von jeher eine Männerdomäne. Ein Blick auf die antike Körperkultur und die Olympischen Spiele, wo den Frauen die Teilnahme zunächst verboten war oder die Tatsache, dass in der Sportkultur geltende Werte wie Kraft, Härte und Wettkampf männlich ausgelegt sind, weisen deutlich darauf hin, dass der ursprüngliche Sport eine Männerdomäne darstellt.

[...]


[1] Forsa ist die Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen.

[2] Zur aktuellen Bewegung der Körpermodifikationen finden sich zahlreiche Beispiele und Erfahrungsberichte im Internet unter http://www.bme.freeq.com (Zugriff am 26.03.2003).

[3] Die Studie wurde zwischen 1994 und 1998 durchgeführt.

[4] BMI bezeichnet den Body-Mass-Index. Er berechnet sich, indem man die Körpermasse in kg durch die Körpergröße in cm zum Quadrat teilt.

[5] Dieses Ergebnis ist noch hinsichtlich Schichtspezifizität, Ost- und Westdeutschland und hinsichtlich deutscher oder ausländischer Staatsangehörigkeit zu differenzieren. So weisen z.B. Kinder aus privilegierten Schichten und Kinder aus Deutschland laut Ergebnis der Studie eine höhere sportliche Aktivität auf.

[6] Tiger Woods gehört zu den derzeit weltbesten Golf-Spielern.

[7] Deutscher Golf Verband (DGV)

[8] Dr. Andrea E. Abele ist Professorin an der Universität Erlangen – Nürnberg im Fachgebiet Sozialpsychologie.

[9] Dr. Walter Brehm ist Professor für Sportwissenschaft an der Universität Bielefeld.

[10] Inszenierung wird hier als Begriff verwendet, um die sportliche Wirklichkeit in den verschiedenen Bereichen der Sportkultur darzustellen. Die Inszenierung des Sports als soziale Wirklichkeit (vgl. Kugelmann, 2002) unterliegt gesellschaftlichen Normen und Werten, insbesondere dem gesellschaftskonformen Weiblichkeitszwang.

Details

Seiten
118
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638193030
ISBN (Buch)
9783640318940
Dateigröße
883 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v13733
Institution / Hochschule
Universität Paderborn – Fakultät für Sport und Gesundheit
Note
1,7
Schlagworte
Körperideale Essstörungen Problem Frauen

Autor

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Titel: Körperideale und Essstörungen. Ein zeitgenössisches Problem junger Frauen