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Die Frauenfiguren in Büchners 'Dantons Tod'

Seminararbeit 2001 26 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1.Georg Büchners Drama Dantons Tod
1.1. Entstehung und Überlieferung
1.2. Aufbau des Dramas, Inhalt, Figuren und Themen

2. Die Frauenfiguren in Dantons Tod
2.1. Einführung
2.2. Julie
2.3. Lucile
2.4. Marion

Schlusswort

Literaturverzeichnis

Einleitung

Auch wenn Georg Büchner sein Drama „Dantons Tod“ bloß als Versuch einer zweiten Geschichtsschreibung verstanden hat, ist es als eines der bedeutendstem literarischen Werke in die Geschichte der deutschen Literatur und Dramaturgie eingegangen. Häufig als Leitfossil seiner Zeit bezeichnet, bleibt es bis in die Gegenwart ein Gegenstand der Literaturkritik, der Sprach- und Literaturforschung, ein beliebtes und stets aktuelles Bühnenstück.

Selbst ein beinahe zu radikaler für seine bürgerlich-liberale Opposition politischer Aktivist, stellt sich Büchner Fragen über einen Zwiespalt zwischen Engagement und Zurückhaltung im geschichtlichen Prozess, studiert durch und durch die widerspruchsvolle Geschichte der Französischen Revolution, eines maßgeblichen politischen Ereignisses seiner Epoche, prüft dabei sich selbst auf Herz und Nieren: „Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?“ Aus seinen Studien und seiner tiefsten Melancholie entsteht sein Drama. In „Dantons Tod“ sind verschiedenste Facetten aufeinander getroffen, mit denen sich der junge Büchner auseinandergesetzt hat: politische, philosophische, historische, ethische, private, moralische, religiöse Fragen werden gestellt, eine breite Palette von Themen angesprochen, Figuren skizziert, einige als „falsche Helden“ entlarvt, die anderen mit einem mythenhaften Schleier umhüllt. Nicht nur das Politische, Äußerliche steht im Mittelpunkt des „Geschichtsdramas“, es ragen auch die intimsten, versteckten, nachgedichteten Aspekte hervor. Die Hauptfiguren Danton und Robespierre werden auf unterschiedliche Weise mit ihren inneren Problemen konfrontiert. Bei Danton sind es Passivität und Lebensmüdigkeit, überbetonte Sexualität und Frustration wegen der scheiternden Kommunikationsversuche. Robespierre hat hinter der Maske eines tugendhaften, hochmoralischen Revolutionsführers mit seinen geheimen Ängsten und Komplexen zu kämpfen. In dieser Sphäre des Innerlichen, Intimen sind die Frauenfiguren besonders wirksam, weil ihnen diese Sphäre ja gehört und weil für sie nichts anderes denkbar ist als die Liebe zu ihren Männern (Lucile und Julie) oder sogar zu allen Männern (=zu gar keinem - Marion) zu leben.

Büchner schein das Thema „Frauen“ im Drama von großer Bedeutung zu sein. Die Frauen sind eigentlich nicht nur dazu da, um das männliche Dasein im Drama zu vervollkommnen und zu verschönern, sie verkörpern vor allem die innersten Gedanken und Zweifel des Dichters, sind Träger seiner Ideen. In ihnen sind andere hochdramatische und –lyrische Literaturfiguren zu erahnen (in erster Linie Shakespeares genial dargestellte Figuren), in ihren Zügen finden sich realitätsfremde Noten, die die Frauen verherrlichen, und in der Einstellung des Autors zu ihnen ist keine Spur von Ironie und Herabsetzung (im Unterschied zu allen anderen Figuren) zu spüren. Mit diesen „Mythosfiguren“-Frauen will sich die vorliegende Arbeit auseinandersetzen.

1.Georg Büchners Drama Dantons Tod

1.1. Entstehung und Überlieferung

„Ich studierte die Geschichte der Revolution. Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte. Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt, allen und keinem verliehen. Der einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel, ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz, es zu erkennen das Höchste, es zu beherrschen unmöglich.“, schreibt Georg Büchner im März 1834 (Büchner 1971, Bd. 2, S. 425) an seine Verlobte Wilhelmine Jaegle. Im Zeitraum von Anfang November 1833 bis zur Jahreswende 1833-34 beschäftigt er sich intensiv mit Dokumenten zur Französischen Revolution. Das geschieht gerade zur Zeit seiner inneren Krise, die mit seiner Rückkehr in das Großfürstentum Hessen-Darmstadt, der Trennung von seiner Braut und der vertrauten Straßburger Umgebung verursacht wird. Die private Situation und die Studien des geschichtlichen Stoffes tragen zur Entstehung der Fatalismusgedanken und einer tiefen Melancholie bei und schlagen sich in seinen melancholischen Niederschriften, wie in dem Brief an die Verlobte, nieder. Zu dieser Zeit ist Büchner auch politisch aktiv: er wird zum Gründer mehrerer Gruppen der „Gesellschaft der Menschenrechte“ und zum Verfasser einer anonymen politischen Flugschrift Der Hessische Landbote. Im Hessischen Landboten ist die Aktualität des Diskurses über die Französische Revolution für den Autor auch bemerkbar. Das Thema der Revolution war für ihn schon in seiner Schulzeit, unter anderem durch die väterlichen Lesungen aus der Zeitschrift Unsere Zeit, nicht fremd. Die Studien dieser und anderer Quellentexte fließen in die Arbeit an einem Drama, das in fünf Wochen vollendet wird (Ende Januar – Februar 1835). Büchner arbeitet im Elternhaus, die Arbeit bleibt jedoch den Eltern verborgen. Dabei muss er ständig mit seiner Verhaftung rechnen. Er hofft, dass das Honorar für das Stück - im Brief an Gutzkow vom 21.Februar 1835 nennt er es „Almosen“ (Büchner 1971,Bd 2, S. 434) - für seine Flucht ausreicht. Zu seinem Bruder soll er geschrieben haben: „Ich schreibe im Fieber, aber das schadet dem Werke nicht – im Gegenteil! Übrigens, habe ich keine Wahl, ich kann mir keine Ruhe gönnen, bis ich nicht den Danton unter der Guillotine habe, und obendrein brauche ich Geld, Geld!“ (Hinderer, S.84)

Den Vorabdruck der Auszügen aus Dantons Tod hat Karl Gutzkow in seinem Literaturblatt Phoenix vom 26. März bis 7. April 1835 veröffentlicht. Die vollständige, jedoch durch die Eingriffe Gutzkows und eines Lektors vom Verlag Sauerländers veränderte Ausgabe erschien erst im Juli 1835. Das Drama wurde mit dem Untertitel „Dramatische Bilder aus Frankreichs Schreckensherrschaft“ versehen, und einige Teile des Textes, die insbesondere obszöne Anspielungen enthielten, wurden gekürzt. Gutzkow teilt Büchner mit: “Sauerländer trödelte lange mit dem Druck Ihres Danton. Für den Schreckenstitel kann ich nicht: das ist eine der buchhändlerischen Dreistigkeiten, die man sich bei seinem zweiten Buche nicht mehr läßt...“ (Büchner 1971, Bd.2, S.479) Gutzkow hat eingesehen, dass die zensierte Ausgabe dem Werk geschadet hat. Später schrieb er: „Der ächte Danton von Büchner ist nicht erschienen. Was davon herauskam ist ein nothdürftiger Rest, die Ruine einer Verwüstung, die mich Überwindung genug gekostet hat.“ (Knapp 2000, S.93)

Die Wirkungsgeschichte des Dramas geht bis in die Gegenwart hinein und ist auch heute ein Gegenstand der Forschung, der politischen und literaturkritischen Diskussion, ein künstlerisches Objekt, das den Kunstfreunden einen ästhetischen Genuß bietet und den Künstlern Anregungen für weitere Interpretations- und Nachfolgewerke gibt.

1.2. Aufbau des Dramas, Inhalt, Figuren und Themen

Die Handlung des Dramas spielt in der Französischen Revolution. Sie behandelt die Periode der Jakobinerherrschaft. Die Figur von Danton steht im Mittelpunkt der Handlung. Dantons politisches Konzept der Einheit aller revolutionären Kräfte soll zum Frieden und zum Ende der Schreckensherrschaft führen. Doch er zögert, es im Nationalkonvent durchzusetzen. Zu seinem großen Gegenspieler wird Robespierre. Dieser versucht, die Volksmenge gegen Danton aufzuhetzen, und unterstellt ihm Verrat an der Sache der Revolution. Danton wird von seinen Anhängern gewarnt, es gelingt ihnen aber nicht, ihn zur Flucht zu überreden. Ein Grund seines Zögerns liegt darin, dass er ein schlechtes Gewissen hat. Er fühlt Verantwortung für die repressiven Maßnahmen des Konvents vom September 1792, als in Paris 1100 bis 1400 Verdächtige in Gefängnissen umgebracht wurden. Nun verzichtet er darauf, sich allein in Sicherheit zu bringen. Robespierre nutzt seine Popularität aus und geht gegen Danton und seine Freunde rigoros vor. Er lässt sie verhaften. Nach drei Verhandlungstagen werden sie zum Tode verurteilt und am 5. April 1794 hingerichtet.

Im Moment der Handlung des Dramas haben Danton und seine Anhänger alle ihre politischen Aktivitäten eingestellt. Das Stück endet mit der Hinrichtung von Danton und der Dantonisten. Es umfasst vier Akte.

Im ersten Akt werden die zur Normalität zurückkehrenden Dantonisten dargestellt, wobei der Schwerpunkt auf ihre Verhältnisse und auf die Störungen in den Beziehungen, sowohl in der privaten als auch in der politischen Sphäre, gelegt wird. Sie stellen sich Fragen nach dem Sinn des Lebens und des Geschehens, in das sie verwickelt sind, nach weiteren Entwicklungswegen der Revolution, die sie gemacht haben, und nach der Möglichkeit der effektiven, erkentnisvollen Kommunikation zwischen den Individuen, in der sie ständig in der Politik wie im Privatleben Schiffbruch erleiden. Ihre Verhältnisse zum weiblichen Geschlecht, die Sexualität, rücken dabei in den Vordergrund, da eine epikureische Einstellung der Dantonisten auch ein Bestandteil ihrer Lebens- und Revolutionsphilosophie ist. Dies wechselt sich mit den Robespierre-Szenen ab, in denen die heuchlerische Philosophie und die Pseudomoral der Jakobiner dargestellt werden, und mit Volksszenen, die die Volksmasse in ihrer revolutionären Euphorie, ihrer widerlichen Unmündigkeit und ihrem, trotz Republik und „Reinigung“ von Aristokraten, erbärmlichen Elend zeigen. Die „Volksszenen“ kommen dann in allen Akten als Gegenbilder der bürgerlichen „Revolutionselite“ ständig vor.

Im zweiten Akt dreht sich alles um die bevorstehende Verhaftung. Die Chance zum Handeln, mindestens zur Flucht, bietet sich. Danton sieht keinen Sinn darin, tut weder das eine noch das andere. Er hat Vertrauen darauf, dass der Konvent es nicht wagen wird, Maßnahmen gegen ihn zu treffen („sie werden’s nicht wagen“). Trotz der Überredung der Freunde verzichtet Danton auf die Flucht: gerade auf seinem Fluchtweg besinnt er sich und bereut all das, was er als seine Verbrechen sieht. Das quält ihn, er kann nicht einfach so weggehen, sein Gedächtnis und sein Gewissen werden ihn überall begleiten und ihm keine Ruhe geben. Den einzigen Ausweg sieht er im Sterben, das ihm auch Vergessen und Sühne für seine grausamen Taten schenkt: „...mir gibt das Grab mehr Sicherheit, es schafft mir wenigstens Vergessen. Es tötet mein Gedächtnis.“ (Dantons Tod, 2.Akt,4.Szene, weiter - DT) Er kehrt um und kommt nach Hause. In der darauffolgenden Nacht vertraut er seine Gewissensqualen seiner Frau Julie an. Sie macht ihm Mut, und Danton weicht seiner Entscheidung nicht aus, weiter so vorzugehen, wie er während seiner Umkehr beschlossen hat. Am Ende des Aktes folgt der Beschluß Robespierres über die Verhaftung von Danton. Die Stimmen im Konvent sind geteilt, doch Robespierre und St. Just gelingt es, ihre Meinung durchzusetzen.

Der dritte Akt zeigt Danton und seine Freunde erst im Gefängnis zusammen mit ihren ehemaligen Gegnern Hérault-Séchelles, Chaumette und den anderen Girondisten, dann vor dem Revolutionstribunal. Danton tritt dort selbstsicher auf, gewinnt Sympathien im Publikum, und die Sitzung wird aufgehoben. Der Wohlfahrtsausschuss muss sich zurückziehen und über das weitere Vorgehen beraten. Dank der Denunziation eines Gefangenen wird Danton eines Komplottes beschuldigt. Das beschleunigt den Gerichtsprozess, und nach Dantons zweitem Auftritt wendet sich die Stimmung des Volkes gegen ihn.

Das Thema des vierten Aktes ist hauptsächlich der Tod. Es geht, erstens, um die Erwartung der Hinrichtung mit Gedanken über Leben und Tod und um die Hinrichtung selbst. Zweitens, die Entscheidung Julies, ihrem Mann in den Tod zu folgen, wird von ihr vollbracht: sie vergiftet sich in ihrem Haus. Zum dritten, die dem Wahnsinn verfallene Lucile ruft in der letzten Szene „Es lebe der König!“ und verhängt damit über sich selbst das Todesurteil.

[...]

Details

Seiten
26
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783640459339
ISBN (Buch)
9783640459278
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v137305
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Frauenfiguren Büchners Dantons

Autor

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Titel: Die Frauenfiguren in Büchners 'Dantons Tod'