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Schulsozialarbeit: Die Krisenfeuerwehr der Lehrer?

Praktikumsbericht / -arbeit 2006 21 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Motivation
1.3 Ablauf des Praktikums
1.4 Vorgehensweise und Zielsetzung

2 Rahmenbedingungen der Schulsozialarbeit
2.1 Historische Aspekte zum Verhältnis von Jugendhilfe und Schule
2.2 Rechtliche Grundlagen der Schulsozialarbeit
2.3 Formen der Trägerschaft
2.4 Organisationsformen der Schulsozialarbeit

3 Schulsozialarbeit an der Integrierten Gesamtschule in Vöhrum
3.1 Begriffsklärung
3.2 Klientel der Schulsozialpädagogen
3.3 Ziele der Schulsozialarbeit
3.4 Aufgaben und Handlungsfelder der Schulsozialarbeit
3.4.1 Unterrichtlicher Bereich
3.4.2 Außerunterrichtlicher Bereich
3.4.3 Außerschulischer Bereich
3.5 Methoden der Schulsozialpädagogen
3.6 Handlungsprinzipien in der Schulsozialarbeit

4 Schulsozialarbeit – die „Krisenfeuerwehr“ der Lehrer?
4.1 Einleitung
4.2 Praxisbeispiel
4.2.1 Beschreibung
4.2.2 Ergebnisse einer Lehrerbefragung zum Thema der Schulsozialarbeit
4.3 Einordnung des Falls in die wissenschaftliche Diskussion
4.3.1 Kooperationsmodelle zwischen Lehrern und Sozialarbeitern
4.3.2 Faktoren, welche die Kooperationsform beeinflussen
4.4 Schlussfolgerungen

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

1.1 Problemstellung

Immer häufiger klagen Lehrkräfte über Probleme mit auffälligen Schülerinnen und Schülern, über Vandalismus und Gewalt im Schulhaus oder die steigende Zahl von Jugendlichen, die von ihnen durch eine Gefährdungsmeldung an die Institution der Jugendhilfe verwiesen werden müssen. Schülerinnen und Schüler ihrerseits signalisieren, dass ihnen eine neutrale Ansprechperson für soziale und persönliche Probleme in der Einrichtung fehlt, in der sie einen großen Teil ihres Alltags verbringen.

Um diese außerhalb des schulischen Aufgabenbereichs liegenden Problematiken abzudecken und dem darüber hinaus präventiv entgegenzuwirken, wurde an der IGS in Vöhrum, ähnlich wie in anderen Schulen, vor fünf Jahren Schulsozialarbeit mit zunächst einer halben Stelle eingeführt. Bereits im Jahr 2003 wurde diese auf 1 ½ und zwei Jahre später noch einmal um eine Viertelstelle aufgestockt, sodass inzwischen zwei Diplom-Sozialpädagogen dort tätig sind.

1.2 Motivation

Während eines Praktikums im Jugendamt erlebte ich, dass dessen Hilfe häufig erst in Anspruch genommen wird, wenn sich die Jugendlichen bereits in einer sehr problematischen Lebenssituation befinden und ein gravierender Eingriff, wie beispielsweise eine Fremdplatzierung, häufig die einzige, der Jugendhilfe zu diesem Zeitpunkt noch bleibende Möglichkeit ist. Die Frage, inwieweit Schulsozialarbeit als ein niederschwelliges Hilfsangebot dies durch frühzeitiges Erkennen verhindern kann und inwiefern sie bereits im Vorfeld präventiv tätig wird, war ausschlaggebend für die Wahl meines Praktikumsplatzes. Dabei entschied ich mich aufgrund ihrer Vorreiterrolle hinsichtlich der Schulsozialarbeit bewusst für eine Gesamtschule, welche dadurch, dass sie wesentlich sozialere Züge als andere Schulformen aufweist, gute Voraussetzungen für eine gelingende Kooperation zwischen Sozialpädagogen und Lehrkräften schafft.

Weil Schulsozialarbeit in einem Umfeld stattfindet, wo, anders als dies in vielen anderen Bereichen der Sozialen Arbeit der Fall ist, Sozialpädagogen in der deutlichen Minderheit vertreten sind und sich gegen die dort dominierende Berufsgruppe der Lehrer behaupten müssen, war das Praktikum darüber hinaus für mich ein Anreiz, meine persönliche Definition für das Berufsbild des Sozialarbeiters zu finden. Gerade dies ist, wie ich an einer anderen Stelle meines Praxisberichtes noch eingehend erläutere, in der Schulsozialarbeit eine grundlegende Voraussetzung für eine gelingende Kooperation von Lehrern und Sozialpädagogen und unerlässlich, um nicht als Aushilfslehrer missbraucht zu werden. Weil Soziale Arbeit in den Augen von Politik und Wissenschaft obendrein mit so unterschiedlichen und teilweise sogar konträren Einschätzungen über ihre Funktionen sowie ihre Bedeutung verbunden ist, ist ein klares Selbstverständnis meiner Meinung nach aber auch in allen anderen Arbeitsfeldern der Sozialarbeit entscheidend und notwendig.

1.3 Ablauf des Praktikums

Während meines vierwöchigen Praktikums begann meine Arbeitszeit täglich um 7.15 Uhr und endete um 15.45 Uhr. An den Vormittagen nahm ich, zunächst als Beobachterin, an der 12 Wochenstunden umfassenden Unterrichtseinheit des Sozialen Lernens teil; in der zweiten Hälfte meines Praktikums hatte ich die Gelegenheit, einen Teil dieser Stunden eigenverantwortlich vorzubereiten und durchzuführen.

Während der 2. großen Pause sowie der einstündigen Mittagsfreizeit habe ich die von je zwei Schülern wochenweise durchgeführte Spielausleihe begleitet, bei der es in meinem Aufgabenbereich lag, die jeweiligen Schüler zu Beginn der Woche in ihre Arbeit einzuweisen und sie in der Folgezeit dabei zu unterstützen.

Jeweils dienstagnachmittags nahm ich an der Arbeitsgemeinschaft der Konfliktlotsen teil; an den übrigen Tagen begleitete ich die Sozialpädagogen nachmittags bei Beratungsgesprächen oder übernahm Aufgaben für die Vorbereitung der Projektwoche „Gegen Gewalt“.

1.4 Vorgehensweise und Zielsetzung

Mein Praxisbericht „Schulsozialarbeit – die Krisenfeuerwehr der Lehrer?“ soll, ausgehend von den im 2. Kapitel beschriebenen historischen, gesetzlichen und institutionellen Rahmenbedingungen sowie den verschiedenen, der Schulsozialarbeit zugrunde liegenden Modellen, in Kapitel 3 einen Einblick in die Arbeit der Schulsozialpädagogen an der Integrierten Gesamtschule geben. Dabei gehe ich nach einer einleitenden Begriffsklärung auf das Klientel der Schulsozialarbeit ein, beschreibe ihre Ziele, Aufgaben und Handlungsfelder und erläutere ihre spezifischen schulsozialarbeiterischen Handlungsprinzipien. Im 4. Kapitel schildere ich einen Vorfall, den ich während meines Praktikums hinsichtlich des Themas „Schulsozialarbeit – die Krisenfeuerwehr der Lehrer?“ erlebt habe, und stelle daraufhin die von dem Diplom-Pädagogen Karsten Speck beschriebenen Kooperationsmodelle zwischen Lehrern und Sozialpädagogen sowie die diese beeinflussenden Faktoren vor. In Kapitel 5 nehme ich schließlich eine Bewertung der in der IGS praktizierten Schulsozialarbeit vor und gehe darauf ein, inwiefern das Praktikum zu meiner Kompetenzentwicklung beigetragen hat.

Die in diesen Bericht eingebrachten Informationen bezüglich des Praktikums stammen größtenteils aus eigenen Beobachtungen und Tagebucheinträgen sowie aus der Reflexion mit den Schulsozialpädagogen. Darüber hinaus führte ich eine Untersuchung mit den Lehrkräften durch, um vordergründig deren Haltung gegenüber der Schulsozialarbeit in Erfahrung zu bringen.

2 Rahmenbedingungen der Schulsozialarbeit

2.1 Historische Aspekte zum Verhältnis von Jugendhilfe und Schule

Während Schulsozialarbeit in den USA bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts ein fester Bestandteil der Schulen ist und über verbindliche, landesweit einheitliche Standards verfügt, existiert sie in Deutschland in der uns heute bekannten Form erst seit knapp vierzig Jahren.[1] Als ein Vorbote wurde zwar bereits Ende des 19. Jahrhunderts die Schulpflege eingeführt, welche, als ein Zweig der Jugendwohlfahrt, die präventive Erziehungshilfe übernahm und dadurch, vergleichbar mit der heutigen Schulsozialarbeit, in Kooperation mit der Schule Feste und Ausflüge organisierte, für die Unterbringung von kranken und schwachen Kindern in Heilanstalten sorgte sowie die Berufsvorbereitung der Schulabgänger übernahm.[2] Weil zu diesem Zeitpunkt eine Ausdifferenzierung sozialpädagogischer Institutionen sowie eine Spezialisierung und Professionalisierung von Sozialer Arbeit allerdings noch nicht erfolgt war, engagierten sich dort im Unterschied zu der heute praktizierten Schulsozialarbeit neben einigen Mitarbeitern der Gemeindepflege jedoch überwiegend Lehrkräften.[3]

Die schließlich in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts eingetretene Spezialisierung und Professionalisierung der Sozialen Arbeit bewirkte eine klare institutionelle Trennung von Bildungswesen und Jugendhilfe,[4] die bis Ende der 60er Jahre aufrechterhalten wurde.[5] Ursächlich für eine erneute Kooperation war die zu dieser Zeit auftretende und auf die Herstellung von Chancengleichheit abzielende Bildungsreform, welche, um sozialisationsbedingte Benachteiligungen aufzuheben oder zumindest zu reduzieren, die Gründung von Gesamtschulen mit einer dort praktizierten Schulsozialarbeit bewirkte. Die Diskussion um die neu eingeführte Schulform und somit auch um die Notwendigkeit von Schulsozialarbeit stagnierte jedoch schnell, weil bereits in den 70er Jahren die Einsicht erfolgte, dass es sich eher um Chancengerechtigkeit denn um Chancengleichheit handele.[6]

Eine erneute Auseinandersetzung über die Kooperation von Schule und Jugendhilfe entstand im Laufe der 80er Jahre, als sich sowohl das Aufgaben- und Funktionsverständnis des Schulsystems als auch das der Jugendhilfe wandelte. Schule wurde fortan nicht mehr ausschließlich als ein Ort des Lernens, sondern ebenfalls als ein Lebensort der Schüler aufgefasst, an dem diese als Personen mit vielfältigen Bedürfnissen und Interessen, unterschiedlichen sozialen Bezügen und konfrontiert mit vielschichtigen Entwicklungsaufgaben anerkannt wurden. Weil sich die dadurch den Schulen in neuer Weise stellende sozialintegrative Funktion jedoch nur schwer mit den zunehmenden Qualifikationsanforderungen an das Bildungswesen vereinbaren ließen und sie nach heutigem Verständnis über den Aufgabenbereich der Lehrkräfte hinausging, erschien aus schulischer Perspektive eine Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe als sinnvoll und notwendig.[7]

Etwa zeitgleich wurde das Kinder- und Jugendhilfegesetz eingeführt, welches bewirkte, dass sich durch eine Schwächung des Ordnungs- und Eingriffsrechts zugunsten eines Angebots an präventiven Leistungen ein neues Selbstverständnis in der Sozialpädagogik durchsetzte. Verstärkt noch durch das veränderte Aufgaben- und Funktionsverständnis des Bildungssystems ließen sich deswegen nun auch aus Sicht der Jugendhilfe spezifisch sozialpädagogische Zielsetzungen und Handlungeformen für den Bereich der Schule und ihres Umfeldes entwickeln und begründen.[8]

Anfang der 1990er Jahre breitete sich Schulsozialarbeit auch in den neuen Bundesländern aus, in denen die Lehrkräfte bis dahin neben ihrem Bildungsauftrag ebenfalls umfassende soziale Funktionen, wie außerunterrichtliche Angebote, die Freizeitgestaltung sowie enge Kontakte zu den Familien, erfüllten. Jugendhilfe nach dem Verständnis der BRD gab es dort nicht.[9]

2.2 Rechtliche Grundlagen der Schulsozialarbeit

Während die für den Bereich des Bildungswesens zuständigen Länder keine bundesweit einheitlichen Bestimmungen darüber treffen, ob oder inwiefern eine Zusammenarbeit von Lehrern und Sozialpädagogen erfolgen soll, und nur einzelne Schulgesetze, wie das von Bayern, Brandenburg, Niedersachsen, Saarland, Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern, über Regelungen verfügen, die jedoch auf gefährdete und beeinträchtigte Schüler mit sonderpädagogischem Bedarf beschränkt sind und die darüber hinaus den Schulen einen weiten Gestaltungsspielraum gewähren, enthält das vom Bund als Rechtsgrundlage der Jugendhilfe eingeführte Kinder- und Jugendhilfegesetz, kurz KJHG, konkrete Aussagen über eine Kooperation. Etwa 30 Paragraphen dieses Gesetzes, so die Annahme des Diplom-Pädagogen Wilfried Wulfers, fördern eine Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule.[10] Von besonderer Bedeutung für die Ausweitung und Ausgestaltung der Schulsozialarbeit sind meiner Meinung nach die Paragraphen §§ 1, 11, 13 und 81 SGB VIII.

[...]


[1] vgl. Schermer u. a., o. J. , S. 1

[2] vgl. Großmann, 1987, S. 37 / Rolle, 1908, S. 241 ff.

[3] vgl. Rolle, 1908, S. 241 ff.

[4] vgl. Olk u. a., 2000, S. 1262

[5] vgl. Carspecken, 1961, S. 3

[6] vgl. Hornstein, 1971, S. 294 / Schermer u. a., o. J. , S. 2

[7] vgl. Speck, 2005, S. 1

[8] vgl. Speck, 2005, S. 1 f.

[9] vgl. Schermer u. a., o. J. , S. 3

[10] vgl. Speck, 2005b, S. 1

Details

Seiten
21
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640476046
ISBN (Buch)
9783640476220
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v137232
Institution / Hochschule
HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen
Note
1,3
Schlagworte
Schulsozialarbeit Krisenfeuerwehr Lehrer

Autor

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