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Die Beziehung zwischen Erwachsenem und Kind bei Janusz Korczak

Seminararbeit 2003 20 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

INHALTSANGABE

Einleitung

1. Das Kind/ der Jugendliche
1.1 Situation des Kindes in der Erwachsenenwelt: Was bedeutet Kind sein?
1.2. Situation des Heranwachsenden
1.3. Das Kind und der Erwachsene: Gefühle, Erwartungen, Wünsche

2. Korczaks Überlegungen und Lösungsversuche
2.1 Plädoyer für eine neue Sicht des Kindes.
2.2. Forderungen an den Erwachsenen
2.3. Besonderheiten der Darstellungen Korczaks

3. Endteil: Reflexion eigener Praxiserfahrung im Umgang mit Kindern und Lösungsversuch

Literaturverzeichnis

Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen Erwachsenem und Kind in Janusz Korczaks Buch „Wie man ein Kind lieben soll“, wobei ich mich hierbei dem ersten und umfangreichsten Teil des Buches gewidmet habe, der den Titel „Das Kind in der Familie“ trägt.Korczak stellt hier ausschließlich die Entwicklung des Kindes von den frühen Lebensjahren bis zu den Jugendjahren dar, wobei er vor allem auf die Beziehung zwischen dem Erwachsenen und dem Kind und den Besonderheiten dieser Beziehung eingeht.

Über Korczak, insbesondere über seine Pädagogik ist ein enormes Spektrum an Literatur zu finden, wobei hierbei vorrangig auf sein Leben Bezug genommen wurde und nicht so sehr auf seine pädagogischen Hintergründe. Diese pädagogischen Hintergründe sind vor allem die Liebe zum Kind, zu Kindern. Warum diese Liebe auch mit Korczaks Tod eng verknüpft ist, werde ich noch erläutern.

Bei meiner Recherche habe ich außerdem zwei weitere Schriften von Janusz Korczak, den Band “Von Kindern und anderen Vorbildern“ und „Das Recht des Kindes auf Achtung“ hinzugezogen sowie zwei Biographien, Erich Dauzenroths „Ein Leben für Kinder“ und außerdem die Biographie von Wolfgang Pelzer „Janusz Korczak“.

Janusz Korczaks Tod liegt nun sechzig Jahre zurück und die Fülle von Literatur, die über ihn zu finden ist, hängt mit seinem tragischen Tod und dem der Kinder zusammen, die er über Jahre in seinem Waisenhaus „Nasz dom“ in Warschau betreut und begleitet hatte.

Nach über zwanzigjährigem Bestehen des Waisenhauses wurden Korczak und seine Kinder 1940 gezwungen, in das am Rande von Warschau errichtete „Warschauer Ghetto“ umzusiedeln, wo sie bis zu ihrer Deportation 1942 in das Vernichtungslager Treblinka zwei Jahre in Elend und Armut verbrachten und wo sich ihre Spuren verlieren.

Korczak hätte die Möglichkeit gehabt, sie wurde ihm zweimal geboten, dem Tod im Vernichtungslager zu entkommen, doch er lehnte dies aus Liebe zu seinen Kindern ab. Durch diese Handlung ist er bis heute zu einem Symbol der bedingungslosen Liebe zu Kindern und der Menschlichkeit geworden.

Vor seinem Tod hat Korczak schon zahlreiche Bücher und Schriften veröffentlicht, die sich alle mit dem Thema Kind beschäftigen. „Wie man ein Kind lieben soll“ erschien erstmals 1918. Dies liegt fast ein ganzes Jahrhundert zurück, viel wurde über Korczak geschrieben, viel über seine Pädagogik spekuliert und viele seiner Gedanken sind seither vielleicht in Vergessenheit geraten.

Das Ziel dieser Arbeit soll nun sein, die Aktualität der Gedanken und Beobachtungen Korczaks herauszuarbeiten. Was können Erwachsene, d.h. Eltern, Erzieher und Pädagogen heute von Korczak lernen? Nachdem wir soviel über das Kind, seine psychische und körperliche Entwicklung in den frühen Lebensmonaten und –jahren erfahren haben, nachdem das Kind von der Wissenschaft der Psychologie und Pädagogik bis aufs letzte erforscht und analysiert wurde, kann man sich vielleicht gerade jetzt auf Korczak zurückberufen. Man kann seine Überlegungen noch einmal hinzuziehen, um das Kind wieder in einem anderen Licht zu betrachten. Diese Arbeit macht sich nicht zum Ziel das Kind zu durchleuchten, um danach ein fertiges Rezept für die pädagogische Begegnung mit Kindern zu erstellen, sondern sie will eine Wahrheit, eine Grundthese, die in allen pädagogischen Theorien verlorengegangen ist, festhalten und aktualisieren.

Hier soll noch einmal mit Korczak gefragt werden : Was beieinflußt unser Handeln, was beieinflußt uns als Erwachsene im Umgang mit dem Kind?

In der heutigen Zeit würde wohl niemand mit so wenig pädagogischen Theorien in Bezug auf das Kind auskommen wie Korczak es tat. Gerade deshalb ist es an der Zeit sich auf Korczak zurückzubesinnen, der eben nicht alle Behauptungen, die er aufstellt stimmig begründet, sondern Überlegungen anstellt, sie wieder verwirft, aber dabei nah beim Kind bleibt und es interessiert und begeistert beobachtet, nicht unbedingt nach Lösungen strebt und dennoch Lösungen findet, von denen man heute wieder lernen kann.

Zunächst soll es also um das Kind gehen, um seine Situation, seine Ausgangslage. Es soll erneut versucht werden, zu verstehen, sich einzufühlen in die Lage eines Wesens, des Säuglings, der neu in diese Welt kommt, die Welt der Erwachsenen und was diese Situation ausmacht. Ebenso soll die Situation des Heranwachsenden verstanden werden, was geschieht nämlich, wenn das Kind erwachsen wird?

Der bedeutendste Teil dieser Arbeit widmet sich der Begegnung von Kind und Erwachsenem, dem, was diese besondere Beziehung ausmacht und vor allem welche Gefühle, Erwartungen und Wünsche der Eltern an das Kind damit verknüpft sind, sowohl schon während der Schwangerschaft, des Kleinkind- und Kindesalters, als auch im Jugendalter. Korczak bietet in seinem Buch zahlreiche Beispiele typischer Verhaltensweisen von Eltern und Erziehern in ihren Begegnungen mit dem Kind. Er findet auch viele Kritikpunkte und stellt Überlegungen an, wie man die Rechte und die Situation des Kindes verbessern und sein Leben, sein Aufwachsen in dieser Welt anders gestalten könnte.

Hierbei entwirft Korczak eine neue und einzigartige Sicht des Kindes, die das Bild der schönen Kindheit verwirft und zeigt, welche Anstrengung und Last auch damit verbunden ist Kind zu sein. Schließlich soll erläutert werden, was seine Beobachtungen und Überlegungen so besonders macht.

Im Endteil werden kurz eigene Praxiserfahrungen im Umgang mit Kindern mit einbezogen, um sie mit Korczaks Thesen zu vergleichen und diese zu unterstreichen. Es soll versucht werden, alle hier gestellten Fragen zu beantworten und noch einmal alles Gesagte zu reflektieren.

1. Das Kind / der Jugendliche

1.1. Die Situation des Kindes: Was bedeutet Kind sein?

„Wenn wir die Urformen von Gedanken, Gefühlen und Bestrebungen kennenlernen wollen, bevor sie sich entwickeln, differenzieren und definieren, müssen wir uns ihm, dem Säugling zuwenden“ (Korczak, J., 1998, S.26).

Tun wir dies also: Der Säugling befindet sich am Anfang aller Prozesse des menschlichen Lebens, in einer vollkommen unbekannten Welt. Alles, was in seiner Umgebung geschieht, ist fremd, unbekannt, ja mächtig, weil er, der Säugling noch ohnmächtig ist, orientierungslos, auf Hilfe angewiesen.

Aus diesem Zustand heraus sucht der Säugling nach Orientierung: Was ist sicher in dieser unbekannten Welt, was ist wiederkehrend, worauf kann er vertrauen? Wiederkehrend ist das Gesicht, der Geruch der Mutter, die Brust, die ihn stillt. Hier ist Sicherheit zu finden. Doch auch die Stimme der Mutter ist nicht immer gleich, mal ist sie hoch und hell, mal tief, mal sind die Hände, die ihn hochheben kalt, mal warm. Immer wieder neue Gesichter, neue Bilder treten vor sein Auge: “Was besagt der forschende Blick eines Kindes anders als die Frage: “Was ist das?“ (Korczak, J., 1998, S.36 )

Also muss sich das Kind auch fragen: Ist es gut oder ist es böse? (vgl. Korczak, J., 1998, S.33) Das Lächeln der Mutter ist gut, das laute Bellen eines Hundes böse. Dies ist ein erster Schritt im Kennenlernen der Welt, um zu verstehen wie alles beschaffen ist. Der Sprache noch nicht mächtig, ist das Kleinkind empfindsamer für Sinneswahrnehmungen, Stimmungen, Gefühle. Die Welt besteht aus Lauten, Tönen, Farben und Gefühlen, die noch nicht definiert sind. Die Erfahrungen, die gemacht werden, sind zu diesem Zeitpunkt um so prägender, sie prägen sich dem Kind ein: ein lachendes oder ein trauriges Gesicht, eine zornige oder eine liebevoll klingende, sanfte Stimme bekommen hier eine ganz andere Bedeutung (vgl. Korczak, J., 1998, S.37).

Kind sein bedeutet folglich klein sein, während fast alles andere groß ist und das Bedürfnis zu haben, alles zu begreifen, um sich die Welt zu eigen zu machen. Dies ist eine Aufgabe, die alle Kräfte des Kindes beansprucht: täglich, stündlich treten neue Gesichter vor sein Auge, müssen neue Dinge erlernt und erforscht werden. Dabei kann das, was an dem einen Tag an neuem Wissen hinzukam und präsent war, am nächsten Tag schon wieder vergessen sein. Jeder Tag bringt neue große Veränderungen mit sich, an einem Tag ißt das Kind viel, am nächsten will es nicht viel zu sich nehmen, weil es müde ist.

„Ein Kleinkind, das sein Anfangsgewicht im Laufe eines Jahres verdreifacht, hat das Recht, sich auszuruhen. Seine blitzartige seelische Entwicklung berechtigt es gleichfalls dazu, das ein oder andere von dem zu vergessen, was es bereits kennengelernt hat und was wir vorschnell als eine Errungenschaft von Dauer angesehen haben“ (Korczak, J., 1998, S.70) Dies sollten wir als Erwachsene bedenken. Nachdem die Welt und das, was um das Kind herum geschieht langsam bekannter werden, nachdem vieles unter Anstrengung erlernt worden ist und das Kind sich ein wenig vertrauter in der Welt bewegen kann, beginnt es, zwischen sich und anderen zu unterscheiden, vergleicht sich mit anderen, erlangt ein Gefühl davon, was „Ich“ bedeutet (vgl. Korczak, J., 1998, S.52 ff.). Eine Stärkung dieses Gefühls wird durch das Wort „mein“ erlebt: Das Kind will die Grenze zwischen sich und anderen spüren, glaubt, durch Besitz bekommt sein Ich mehr Bedeutung, mehr Wert. Zur Erforschung der Welt gehört also auch die Erforschung des eigenen Selbst in der Welt und die Frage: Wo bin ich in dieser Welt? Wo befinde ich mich? (vgl. Korczak, J., 1998, S.53)

Die Dinge werden vor allem durch die Reaktionen der Erwachsenen, der Eltern definiert. Unermüdlich fragt das Kind nach den Dingen, wie sie beschaffen sind, was sie nützen.

“Ein Kind gibt sich nur schwer mit einer Auskunft zufrieden, für die es keine praktischen Anwendungsmöglichkeiten gibt“ (Korczak, J.,1998, S.108).

Alles muss erprobt und ausprobiert werden. Hierbei ist der Erwachsene dem Kind eine bedeutende Hilfe.

1.2. Die Situation des Heranwachsenden

Während der Kindheit lebt das Kind in einem zumindest nach außen hin geschützten Raum. Die wichtigsten Bezugspersonen sind die Eltern, mit ihnen wächst das Kind auf, sie sind unmittelbar an seiner Entwicklung beteiligt. Wenn das Kind mit unbekannten Situationen konfrontiert wird, kann es die Eltern um Rat und Hilfe bitten und erfährt sie als seine „Verteidiger“. Alles Schlechte auf der Welt wird möglichst noch von dem Kind ferngehalten, es soll, aus der Sicht der Erwachsenen, eine möglichst reine, unbefleckte Kindheit genießen können. Doch es kommt der Zeitpunkt, an dem das Kind mit dem von ihm ferngehaltenen Teil der Realität konfrontiert wird. Es ahnt, dass es neben den schönen Dingen der Welt auch schlechte gibt, die bis dahin vor ihm versteckt wurden ( vgl. Korczak, J., 1998, S.124 ff. ).

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Details

Seiten
20
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638192927
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v13720
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg – Institut für Pädagogik
Note
sehr gut
Schlagworte
Beziehung Erwachsenem Kind Janusz Korczak Proseminar Jahrhundert Kindes-Rückblick Ausblick

Autor

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Titel: Die Beziehung zwischen Erwachsenem und Kind bei Janusz Korczak