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Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Das Problem

2 Austins Weg zur Sprechakttheorie
2.1 Performative versus konstative Äußerungen
2.1.1 Performative Äußerungen
2.1.1.1 Über das Glücken und Missglücken von performativen Äußerungen
2.1.1.2 Verdeutlichung durch Lycan
2.1.1.3 Explizit performative Äußerungen versus implizit performative Äußerungen
2.1.2 Der performative und konstative Teil in Äußerungen
2.1.3 Die Konklusion

3 Austins Sprechakttheorie
3.1 Die Teilakte in Austins Sprechakttheorie
3.1.1 Der lokutionäre Akt
3.1.1.1. Der phonetische Akt
3.1.1.2 Der phatische Akt
3.1.1.3 Der rhetische Akt
3.1.1.4 Ergo
3.1.2 Der illokutive Akt
3.1.2.1 Illokutionäre Rollen
3.1.3 Der perlokutive Akt
3.2 Der Sprechakt im Ganzen

Literaturverzeichnis

1 Das Problem

Als der Philosophieprofessor John Langshaw Austin im Jahre 1955 in Oxford anfing, seine Vorlesung zu halten, war er sich noch nicht darüber im Klaren, dass er damit die bisherigen Theorien in der Sprachphilosophie größtenteils entwerten und revolutionieren würde.[1]

Austin fiel damals auf, dass es Äußerungen gibt, die man weder verifizieren noch falsifizieren kann, und die dennoch kein Unsinn sind. Es sind Sätze wie:

(1) „Ja (sc. ich nehme die hier anwesende XY zur Frau)“ als Äußerung im Laufe der standesamtlichen Trauung.[2]

(2) „Ich taufe dieses Schiff auf den Namen ‚Queen Elizabeth’“ als Äußerung beim Wurf der Flasche gegen den Schiffsrumpf.[3]

Eine derartige Äußerung nennt Austin ‚performativ’. Er versucht sie, von der konstatierenden Äußerung abzugrenzen. Letztere „hat die Eigenschaft, wahr oder falsch zu sein. Demgegenüber kann die performative Äußerung niemals eins von beiden sein, sie hat vielmehr eine eigene Funktion: sie wird zum Vollzug einer Handlung gebraucht.“[4]

Was dies meint, wird in den ersten Abschnitten dieser Arbeit verdeutlicht. Denn der Versuch einer Abgrenzung von Performativa von konstatierenden Verba ist der Ausgangspunkt von Austins Sprechakttheorie, welche in dieser Arbeit die zentrale Rolle spielen soll.

2 Austins Weg zur Sprechakttheorie

2.1 Performative versus konstative Äußerungen

Ganz offiziell werden bei (1) und (2) – auch gesetzliche – Handlungen vollzogen, die Konsequenzen haben. Solche Äußerungen verändern etwas und sind an Konventionen gebunden. Es sind Sätze „in denen etwas sagen etwas tun heißt; in denen wir etwas tun, dadurch daß wir etwas sagen oder indem wir etwas sagen.“[5] Es sind Äußerungen, die eben nicht nur etwas feststellen.[6] Austin nennt diese performative Äußerungen. „Der Name stammt natürlich von ‚to perform’, ‚vollziehen’: man ‚vollzieht’ Handlungen. Er soll andeuten, daß jemand, der eine solche Äußerung tut, damit eine Handlung vollzieht – man faßt die Äußerung nicht nur als bloßes Sagen auf.“[7]

Diesen Äußerungen will Austin den konstativen entgegenstellen. Soll heißen: Das ursprüngliche Ziel seiner Vorlesung war es, Abgrenzungskriterien und treffende Definitionen zu finden, die den performativen Sätzen eine Daseinsberechtigung liefern.

2.1.1 Performative Äuß erungen

2.1.1.1 Über das Glücken und Missglücken von performativen Äuß erungen

Performative Äußerungen können glücken oder missglücken,[8] je nachdem ob die Konventionen, an denen sie gebunden sind, korrekt eingehalten wurden oder nicht. Sprich: Satz (2) bedingt gleichzeitig einen Sprecher, der autorisiert ist, ein Schiff zu taufen; das Schiff darf nicht schon einen anderen Namen haben, usw.

Missglücken kann beispielsweise die performative Äußerung

(3) Ich schenke dir dieses Buch.

wenn der Sprecher dieses Buch gar nicht an den Adressaten übergibt. Das zeigt nochmals deutlich, dass das Äußern von Performativa zu einer Handlung verpflichtet, oder besser: Es ist bereits diese Handlung. Wird hingegen während des Satzes (3) das Buch nicht übergeben, heißt dies jedoch nicht automatisch, unsere Äußerung sei falsch, sondern es heißt, dass die Handlung als Ganzes verunglückt ist.

2.1.1.2 Verdeutlichung durch Lycan

Lycan verdeutlicht diesen simpel scheinenden Gedankengang (also weg von ausschließlich wahren, falschen oder sinnlosen Äußerungen) an dem Beispielsatz

(4) I double.

Der erste Versuch, nämlich die Bestimmung des Wahrheitswertes von (4), misslingt:

(4a) That’s false, you don’t double.

Diese Negierung funktioniert nicht, denn natürlich verdoppelt der Sprecher, wenn er sagt „I double“.

Auch der Versuch einer Lösung durch T-Sätze schlägt fehl:

(4b) „I double” is true if and only if I double.

Dieser Satz beschreibt nur den Sprecher selbst während des Verdoppelns. Darum geht es jedoch bei solchen Äußerungen nicht. Es geht um mehr, schließlich ändere ich durch das Äußern von (4) etwas. Es geht schlichtweg um die Handlung, um den Akt des Verdoppelns und nicht um den Sprecher oder um etwas anderes.[9]

Eben weil durch das scheinbar bloße Äußern eines Satzes eine Handlung vollzogen wird, nennt man diesen Akt Sprechakt[10].

Der Hauptknackpunkt in Austins Theorie ist also, dass er feststellte, dass Äußerungen auch Handlungen seien. Dies ist eine neue, sensationelle Erkenntnis und der Grundstein zu seiner Sprechakttheorie.

2.1.1.3 Explizit performative Äu ß erungen versus implizit performative Äuß erungen

Um jedoch die Sprechakttheorie von Austin besser verstehen zu können, ist es hilfreich, sich bewusst zu machen, dass man nicht nur explizit durch Äußerungen Akte vollziehen kann. Daher soll an dieser Stelle verdeutlicht werden, was man unter explizit und implizit performativen Äußerungen versteht.

Explizit meint hierbei, dass Äußerungen durch performative Verba eingeleitet werden.[11] Diese machen erkenntlich, welche Handlungen dadurch vollzogen werden. Beginnt eine Äußerung also mit dem Performativum „Ich warne dich...“, so vollziehe ich durch das Sprechen dieses Satzes eine Warnung. Durch „Ich taufe dich...“ vollziehe ich eine Taufe von etwas oder jemandem. Ein Akt des Versprechens kann begonnen werden mit: „Ich verspreche dir...“ etc.

Unterstützt durch Kontext und/oder Art und Weise der Äußerung ist es hingegen auch möglich, ohne solche einleitenden Performativa einen Akt zu vollziehen. Betrachten wir hierzu die Aussage

(5) Der Hund ist bissig.

Der Kontext ist folgender: Ein kleines Kind steht an meinem Gartenzaun und steckt seine Hand dadurch, um meinen Hund zu streicheln. Ich reagiere mit (5) und zwar indem ich aufgeregt schreie und es mit erschrecktem, ängstlichem Gesicht anstarre. Das Kind wird so schnell wie möglich seine Finger wieder aus den Gartenzaunlatten herausziehen. Durch die Situation und der Art des Sprechens war dem Kind klar, wie dieser Satz zu verstehen ist – als Warnung nämlich. Das verdeutlicht: Äußerungen können auch durchaus implizit performativ sein.

Austin nennt diese impliziten Performativa primitiv. Er vergleicht sie mit einer primitiven Sprache, mit der man mittels „Ein-Wort-Äußerungen [wie] „Stier“ oder „Donner“ zum Beispiel warnen, mitteilen, voraussagen und so weiter“[12] kann. Weil aber das Explizite fehlt, bleiben solche primitiven Äußerungen ambig und vage und „machen ihre Rolle[13] nicht richtig klar“[14].

Dies lässt sich gut an Satz (5) zeigen. Hört man ihn zusammenhangslos, bedeutet er alles und nichts. Wir können mit ihm nicht eindeutig kommunizieren. Kennt man jedoch den Kontext oder hört man zumindest wie der Satz geäußert wird, kann er und seine Intention verstanden werden. So kann (5) neben der Warnung auch eine Drohung[15] implizieren oder eine Empfehlung[16] etc.

2.1.2 Der performative und konstative Teil in Äußerungen

Die erhoffte Taxonomie zwischen performativen und konstativen Äußerungen wird für Austin immer unhaltbarer. Nun sind schon – wie eben festgestellt – selbst Äußerungen performativ, die rein äußerlich konstativ aussehen.

Das sinkende Schiff wäre noch zu retten, ergänzte man konstativ scheinende Äußerungen, wie (5), mit performativen Einleitungen. Einige Varianten könnten sein:

(5a) Ich warne dich, der Hund ist bissig.

(5b) Ich drohe dir, der Hund ist bissig.

(5c) Ich teile dir mit, der Hund ist bissig.

[...]


[1] Austins Vorlesung wurde später unter dem Titel: „How to do things with Words“ 1962 veröffentlicht (dt.: Zur Theorie der Sprechakte.).

[2] Austin: Zur Theorie der Sprechakte., S. 28.

[3] Ebd., S. 28f.

[4] Austin: Performative und konstatierende Äußerung. Zitiert aus: Hoffmann: Sprachwissenschaft., S. 132.

[5] Austin: Zur Theorie der Sprechakte., S. 35.

[6] Vgl. Ebd., S. 35.

[7] Ebd., S. 29f.

[8] Austin entwarf ein Unglücksschema, welches die Gründe für missglückte Handlungen aufführt. (vgl. Ebd., S. 40.).

[9] Hingegen funktioniert die Äußerung „He doubled.“, weil es dabei um den Bericht geht. Vgl. Lycan: Philosophy of Language., S. 175.

[10] Ein Begriff, der während Austins Vorlesung noch eine weitaus größere Bedeutung erfahren wird.

[11] Performative Verba sind beispielsweise: versprechen, danken, auffordern, maßregeln, fragen, vorhersagen, bedauern, erklären, ersuchen, beglückwünschen, protestieren, feststellen, behaupten, etc.

[12]Austin: Zur Theorie der Sprechakte., S. 92.

[13] Es gibt „verschiedenenartige[n] Rollen [ forces ], welche die Äußerungen spielen können“ (Ebd., S. 92). Die Rolle der Äußerung ist das, „als was sie aufzufassen ist“ (Ebd., S. 93).

[14] Ebd., S.92.

[15] Zum Beispiel, weil sich jemand an meinen Erdbeeren bedienen will.

[16] Zum Beispiel, weil der Hund ein ausgezeichneter Kampfhund ist, den ich verkaufen möchte.

Details

Seiten
17
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640449514
ISBN (Buch)
9783640449361
Dateigröße
688 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v137016
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1
Schlagworte
Austin Searle Sprechtakt konstativ performativ wahr falsch glücken missglücken Lokution Illokution Perlokution Rhem Phem Phon Handlung Performativum Lycan Äußerung Aussage Handeln

Autor

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Titel: Austins Sprechakttheorie