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Zwischen Lyrik, Lyrics und (Rock-)Musik: Eine intermediale Untersuchung des Songs Rosenrot von Rammstein

Hausarbeit 2008 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Rammstein

3 Rosenrot
3.1 Stoffursprung
3.1.1 Goethes Heidenröslein
3.1.2 Grimms Schneeweißchen und Rosenrot
3.1.3 Schillers Der Handschuh, Der Taucher
3.1.4 Volkslied Edelweiß
3.1.5 Musikalischer Ursprung: Heidenröslein Vertonung
3.2 Songtextanalyse unter literaturwissenschaftlichen Gesichtspunkten
3.2.1 Formale Analyse
3.2.2 Interpretation des Songtextes
3.2.3 Musikvideo-Umsetzung des Songs und die Rezeptions-Bedeutung

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

6 Anlage

1 Einleitung

Die deutsche Literatur war seit Anbeginn des dichterischen Schaffens mehr Niederschrift denn Vorlage für Volkslieder, Sangsprüche etc. Durch die fehlende Alphabetisierung im Mittelalter war die Fähigkeit zu lesen häufig nur Klerikern vorbehalten. Folglich wurden die Geschichten, Sagen und Mythen mündlich weitergeben, bis später Gelehrte diese verschriftlichten. Die Rezeption war nur selten eine private Einzelrezeption, wie man sie heutzutage kennt, es war ein gesellschaftliches Ereignis, bei dem die verschiedenen Geschichten öffentlich vorgetragen bzw. gesungen wurden[1]. Im späteren Verlauf und nach dem Entstehen einer Kaste von professionellen Dichtern, waren Vertonungen von Gedichten gleichsam üblich. Unter anderem Goethe sah das Potenzial der Vertonungen, die Nutzung der Synergien zwischen Musik und Lyrik und die daraus resultierende „wechselseitige Inspiration zu neuer Produktivität“[2]. Dies zeigt die tiefe geschichtliche Verflechtung von Literatur und der Musik. Und dennoch werden die so stark zusammenhängenden Gattungen in der Wissenschaft meistens getrennt voneinander behandelt. Viele Lieder der jüngeren und älteren Vergangenheit der Popmusik beinhalten literarische Elemente. Es gibt narrative Songs mit komplexen Handlungen sowie lyrische Songs mit literarischen Stilmitteln. Dem zum Trotz ist das Thema, Lyrik in der (Gegenwarts-)Musik, nur spärlich behandelt.

Diese Untersuchung fand im Rahmen des Seminars „Sind 'Lyrics' Lyrik? Popmusik und Text“ im Wintersemester 2008/2009 an der Universität Hamburg statt, welches den Fokus auf die Hamburger Schule[3] richtete. Rammstein gehört definitiv nicht in den Kreis der Hamburger Schule, dennoch ist die Untersuchung des Songs Rosenrot auch für dieses Seminar von Interesse. Die Arbeit bezieht sich direkt auf den Seminartitel und nimmt sich die Freiheit, die Frage, ob Lyrics Lyrik sind, vorweg mit einem deutlichen Ja zu beantworten. Die skizzierte Geschichte der Literatur beweist die Verwurzelung mit der Musik, ein weiteres Argument soll diese Untersuchung sein. Lyrics können Lyrik sein, müssen es aber auch nicht. Im Zentrum der Hausarbeit steht dementsprechend, wie Lyrik in der modernen Musik vorkommt und nicht ob. Umfassende Untersuchungen unter Berücksichtigung der vielen verschiedenen Ebenen von Popsongs sind rar gesät, zu groß scheint die Gefahr sich im intermedialen Raum zu verlieren. Doch wie untersucht man einen Song? Rein formal anhand des Metrums, der rhetorischen Figuren sowie der Interpretation des Textes, wie es bei literarischen Texten der Fall ist? Oder anhand der Melodien, anhand des Musikvideos? Im besten Fall unter Berücksichtigung aller Perspektiven. Hierfür wären die Kompetenzen der Literaturwissenschaften, der Medienwissenschaften und der Musikwissenschaften von Nöten, um die parallel laufenden und voneinander getrennten Untersuchungen zu vereinen. Diese Ausarbeitung soll die Grenzen der wissenschaftlichen Untersuchungen von Literatur und Musik nicht einreißen, sie soll vielmehr einen Anreiz dafür geben, die literaturwissenschaftliche Arbeit anderen Disziplinen zu öffnen und für einen Austausch zu sorgen. Sie soll zudem ein Beispiel dafür sein, dass Lyrik nicht nur in geschrieben Texten vorkommt, sondern auch in der Musik beheimatet ist. Die Analyse darf nicht nur stur nach Fachgebieten erfolgen, sie muss flexibel in der Betrachtung sein. Die Hausarbeit befasst sich aus diesem Grunde mit dem Song Rosenrot der deutschen Rockgruppe Rammstein. „Das Berliner Sextett […] macht auf diesem Album das Unmögliche möglich – es führt zusammen, was eigentlich nicht zusammengehört: die Gebrüder Grimm und Johann Wolfgang von Goethe“[4], heißt es im offiziellen Pressetext des Plattenlabels Univeral Music. Damit ist die Prägung des Songs eindeutig, er hat einen literarischen Ursprung und der Germanist somit die Legitimation, sich mit der Musik zu beschäftigen. Um den eigenen Ansprüchen zumindest im Ansatz gerecht zu werden, bewegt sich die Untersuchung auf mehreren Ebenen, der literaturwissenschaftlichen und der medialen Ebene. Die Entstehung der Literaturadaption, also eine Untersuchung der literarischen Vorlagen, die möglichen Lesarten des Songs sowie die Untersuchung des Musikvideos als weiteres Ausdruckmittel des Songs stehen dabei im Vordergrund. Aufgrund der Umfangsbeschränkungen und fehlender musikwissenschaftlicher Kompetenz kann die musikalische Komponente nur am Rande und nicht streng musikwissenschaftlich behandelt werden. Die Ausarbeitung setzt sich dementsprechend vordergründig mit dem Text auseinander, soll aber durch die Berücksichtigung des Musikvideos die Möglichkeiten der Analyse eines Untersuchungsgegenstandes erweitern und Perspektiven eines neuen Umgangs mit Literatur und Musik aufzeigen.

2 Rammstein

Rammstein zählt zu den bedeutendsten und erfolgreichsten Rockbands in Deutschland. Seit Gründung im Jahre 1993 hat das Sextett aus Berlin, bestehend aus Sänger und Liedschreiber Till Lindemann, den Gitarristen Paul Landers und Richard Z. Kruspe, Schlagzeuger Christoph Schneider, dem Keyboarder Flake Lorenz und dem Bassisten Oliver Riedel in Deutschland und auch international für Aufsehen gesorgt. Insgesamt verkauften die aus Berlin und Schwerin stammenden Musiker von ihren bisher veröffentlichen Tonträgern mehr als zehn Millionen Exemplare. In den USA, wo der Durchbruch mit Hilfe von Regisseur David Lynch, der die Tracks Heirate mich und Rammstein in den Soundtrack zu seinem Film Lost Highway aufnahm, mündete der Erfolg gar in eine Nominierung für den Grammy für die beste Metal Performance.[5]

Musikalisch erregten sie mit harten Gitarrenriffs, dem gerollten R von Sänger Till Lindemann und dem Spiel mit der Provokation die Aufmerksamkeit. Bereits der Name der Band ist Provokation pur, wie ein gleichnamiger Song bestätigt: „Rammstein, Fleischgeruch liegt in der Luft / Rammstein, ein Kind stirbt / Rammstein, die Sonne scheint“[6], welches auf das Unglück bei einer Flugschau beim US-Stützpunkt in Ramstein 1988 verweist. Das Überschreiten von Grenzen jeglicher Art ist bei Rammstein Programm. Besonders tabuisierte Themen wie Kannibalismus, Inzest, Homosexualität, Missbrauch und Nekrophilie werden bei Rammstein Thema in der Musik.[7] Die Mischung Rammsteins aus hartem Rock, Metal, Industrial Rock erschwert eine genaue Zuordnung und wird häufig mit dem Gattungsnamen Neue Deutsche Härte zusammengefasst.[8] Jene Härte, der Hang zur Provokation, das Aufgreifen der deutschen Geschichte um das dritte Reich[9] sowie die martialisch wirkenden Auftritte der Band, drängen in der öffentlichen Wahrnehmung Rammstein in das Rechts-Rock-Milieu. Nach anfänglicher Weigerung der Band, sich selbst zu erklären, nahm Rammstein an der Initiative Rock gegen Rechts teil und quittierten die Beschuldigungen in dem Song Links, 2, 3, 4 mit: „Sie wollen mein Herz am rechten Fleck / doch seh' ich dann nach unten weg / dann schlägt es links“.[10]

Wie bereits an der kurzen Textpassage deutlich wird, schreibt der Vokalist und Songwriter, Till Lindemann, die Texte für Rammstein wenig prosaisch, sondern kunstvoll, vage und mit viel Raum für Interpretationen.[11] Zusätzlich veröffentlichte der ehemalige Hochleistungsschwimmer im Jahre 2002 den Lyrikband Messer, was die Nähe zur Lyrik demonstriert.

3 Rosenrot

Inhalt

Rammsteins Rosenrot handelt von einem Mädchen, das auf einem Berg ein „Röslein“ sah und ihren Geliebten bat, diese Rose zu holen. Der „Jüngling“, der nur Augen für das Mädchen hatte, begab sich auf den Weg und kam bei dem Versuch die Blume zu holen, ums Leben.

Methodik

Wie eingangs in der Einleitung erwähnt, weist die offizielle Pressemitteilung auf den Ursprung des Stückes hin. So sei Rosenrot eine Literatur-Adaption von Goethes Heidenröslein und des Märchens Schneeweißchen und Rosenrot der Gebrüder Grimm. Im Nachfolgenden wird der Ursprung des Songs umfassend behandelt, um darauf aufbauend zur Interpretation und Deutung des Songs zu kommen. Das Voranstellen des reinen Textinhalts des Songs dient der Übersicht und dem späteren Vergleich mit den verbunden literarischen Stoffen, die in Rosenrot verarbeitet wurden.

3.1 Stoffursprung

3.1.1 Goethes Heidenröslein

Goethes Heidenröslein basiert auf einem Volksgedicht, das von einem jungen Knaben handelt, „der ein Röslein brechen will“[12], um ihrer habhaft zu werden, was in der Liedersammlung von Paul van der Aelst (1602) überliefert ist. Im möglicherweise poetischen Wettstreit mit Johann Gottfried Herder, der den Stoff ebenfalls umdichtete und unter dem Titel Die Blüte veröffentlichte, verfasste Goethe seine Interpretation vom Volksgedicht als Heidenröslein, welches 1773 von Herder publiziert wurde.[13]

[...]


[1] Vgl. Weddige, 2006, S. 42ff.

[2] Jung, 2002, S. 21.

[3] Hamburger Musikbewegung in den 1990er Jahren. Vgl. Fischer, 2007.

[4] Vgl. Zahn, 2005.

[5] Vgl. Schmidt-Joos, 2008; vgl. Lüke, 2008.

[6] Rammstein: Rammstein. Schmidt-Joos, 2008 , S. 1439.

[7] Der Titel Mein Teil bezieht sich auf den Kannibalismus Fall von Rothenburg. Vgl. Ebd., S. 1441.

Das Thema Inzest wird im Song Spiel mit mir, Homosexualität in Mann gegen Mann, Missbrauch in Tier und Nekrophilie in Heirate mich behandelt .

[8] Vgl. Lüke, 2008.

[9] Im Video zu Stripped, dem Remake von Depeche Mode, nutzt Rammstein Video-Aufnahmen von Leni Riefenstahls Propaganda-Filmaufzeichnungen der Olympischen Spiele 1936. Vgl. Baßler, 2005, S. 226f.

[10] Schmidt-Joos, 2008, S. 1441.

[11] „Wir hassen es, uns eindeutig auszudrücken. Bei Rammstein bleibt immer Raum für Interpretationen frei.“, so Christoph Schneider im Stern-Interview. Stern, 2001.

[12] Wilpert, Gero von, 1998, S. 224.

[13] Wilpert, Gero von, 1998, S. 224.

Details

Seiten
21
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640449750
ISBN (Buch)
9783640465613
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v136848
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,7
Schlagworte
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