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Die Rolle des Islam in Samuel Huntingtons Kampf der Kulturen

Diplomarbeit 1998 45 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung
1.1 Gegenstand und Struktur der Arbeit
1.2 Zum Begriff der Kultur und des Kulturkreises

2. Darstellung der wesentlichen Aspekte der “Kultur-Knall Theorie” Huntingtons
2.1 Kurzdarstellung der huntingtonschen Konzeption
2.2 Zum Wesen der Kulturkreise und der Funktion von Kernstaaten
2.3 Der Westen
2.4 Empfehlungen an die Politik

3. “Die blutigen Grenzen des Islam”- Huntingtons Islamwahrnehmung
3.1 Konflikt- und Gewaltbereitschaft des Islam
3.2 Die antiwestliche Tendenz des Islam
3.3 Die “sinisch-islamische Connection”
3.4 Das Fehlen eines islamischen Kernstaats
3.5 Die “Bevölkerungsexplosion” der islamischen Staaten

4. Denkstrukturen: Identität und der Feind
4.1 Huntingtons Grundannahme
4.2 Geistige Verwandschaften
4.2.1 Carl Schmitt
4.2.2 Oswald Spengler
4.3 Zwischenresümee: Zur Bedeutung der geschilderten Ansätze für die huntingtonsche Theorie

5. Funktion und Wirkung des Huntington Paradigmas
5.1 Zur Funktion der Theorie Huntingtons hinsichtlich der außenpolitischen Interessen der USA
5.2 Hegemonieanspruch des “Post-cold-war-Paradigma”
5.3 Rezeption der huntingtonschen Theorie in der Öffentlichkeit

6. Zusammenfassung und kritische Schlußbetrachtung

7. Bibliographie
7.1 Bücher
7.2 Aufsätze
7.3 Artikel

8. Anhang

1. EINLEITUNG

1.1 Gegenstand und Struktur der Arbeit

Der Gegenstand dieser Arbeit ist das Konzept des “Clash of Civilizations”, welches Samuel Huntington 1993 der Öffentlichkeit vorstellte und welches für lebhafte Diskussionen gesorgt hat, die nach wie vor anhalten.[1]

Bei dem Titel der Arbeit “Die Rolle des Islam in Huntingtons Kampf der Kulturen” liegt die Betonung auf dem Wort “Rolle.” Dies liegt an der Grundthese dieser Arbeit, daß Huntington sich mit seiner Theorie vom kommenden Kampf der Kulturen an die Feindbildproduktion macht. Das Feindbild ist der Islam (unter partiellem Einschluß dessen, was Huntington den sinischen Kulturkreis nennt). Die Funktion des Feindbildes, ich werde dieses nachzuweisen versuchen, liegt in der Legitimation einer bestimmten Politik der USA, die sowohl den verbündeten Regierungen als auch den Wissenschaftlern und letztlich wohl auch den jeweiligen Bevölkerungen vermittelt werden muß.

Ich werde versuchen was man über den Islam, oder besser gesagt Huntingtons Wahrnehmung desselben, bei ihm lesen kann, nachzuzeichnen und zu prüfen. Zuvor werde ich einen groben Überblick über das Gesamtkonzept Huntingtons geben um es möglich zu machen, den Islam in diesem zu verorten.

Da ich von der Feindbildproduktion ausgehe, werde ich im Anschluß an die Untersuchung der huntingtonschen Islamperzeption zu klären versuchen, wie und wozu das Feindbild konstruiert wird. Mir scheinen u.a. die Ausführungen Carl Schmitts dazu erhellend zu sein.

Außerdem werde ich versuchen, die Tradition der Denkstruktur Huntingtons am Beispiel Oswald Spenglers aufzuzeigen. Einerseits gibt es Bezüge zu dessen Kulturen-Modell, andererseits hat Spengler 1933 eine Argumentation geführt, die mir sehr große Parallelen zu der huntingtonschen zu haben scheint. Allerdings sprachen sowohl Spengler als auch Schmitt die Konsequenzen ihres Denkens klar aus: Krieg. Die Frage war, wie ihn gewinnen.[2]

Am Ende der Arbeit sollen Funktionen und Konsequenzen der Theorie, die Huntington selbst als Paradigma (im Sinne Kuhns) ansieht, im Zusammenhang mit der außenpolitischen Situation und Politik der USA nach dem Kalten Krieg dargestellt werden.

Aus dem zuvor Gesagten folgt, sofern es mir im Verlauf der Arbeit gelingt dieses zu belegen, daß die Gedanken Huntingtons weder neu noch besonders originell sind. Es scheint insofern berechtigt sich zu fragen, weshalb ich diese dann bearbeite.

Mein Interesse an der Theorie vom Kampf der Kulturen entspringt der Frage nach der zukünftigen weltpolitischen Entwicklung, mit der wir, wie immer sie sich darstellen wird, umzugehen haben werden. Da Huntington seit nahezu dreißig Jahren die amerikanische Außenpolitik als Berater der verschiedenen US-Regierungen mitdefiniert,[3]darf man hoffen, aus seinen Thesen etwas über die zukünftige US-Politik herauslesen zu können. Im Sinne einer self-fulfilling prophecy behält Huntington vielleicht sogar recht, wenn er seine Theorie als den besten Kompaß für die Zukunft bezeichnet.[4]Nicht unbedingt weil sie die Gegenwart treffend analysiert oder weil sie eine große Prognosenkompetenz aufwirft, sondern einfach weil sein Buch möglicherweise anzeigt, quasi als übermäßig dimensioniertes Strategiepapier gelesen, woran sich die USA langfristig außenpolitisch orientieren.

1.2 Zum Begriff der Kultur und des Kulturkreises

Da der Begriff der Kulturkreise im Paradigmaentwurf Huntingtons eine zentrale Kategorie ist, die auf dem Kulturbegriff basiert, wird es notwendig, beide eingehender zu untersuchen. Die (Art der) Nutzung des Begriffes ist auch zentraler Kritikpunkt bei verschiedenen Kritiken an dem Konzept Huntingtons.[5]

DerBegriff der Kulturentspringt dem lateinischen cultura (Pflege), zu colere (pflegen, bebauen), wo er ursprünglich im Zusammenhang mit der Bodenpflege (lat. agricultura) verwendet wurde. Der Begriff wurde aber schon von Cicero, der von der cultura animi (Geistes-Kultur) spricht, auf den menschlichen Bereich übertragen.[6]

“Im umfassendsten Sinne ist Kultur die Gesamtheit der Lebensbekundungen, der Leistungen und Werke eines Volkes oder einer Gruppe von Völkern.”[7]Sie bezeichnet auch “die Handlungsbereiche, in denen der Mensch auf Dauer angelegte und den kollektiven Sinnzusammenhang gestaltende Produkte, Produktionsformen, Lebensstile, Verhaltensweisen, und Leitvorstellungen hervorzubringen vermag,...”[8]

Außerdem wird sie mit dem Gemachten identifiziert, im Gegensatz zur Natur, die mit dem Nichtgemachten identifiziert wird.[9]

Die nach der Encyclopaedia Britannica klassische Definition von Kultur stammt von dem Anthropologen Burnett Tylor aus dem Jahr 1871: “Culture ... is that complex whole which includes knowledge, belief, art, morals, law, custom, and any other capabilities and habits acquired by man as a member of society.”[10]

Es gibt aber eine ganze Reihe verschiedener Definitionen von Kultur. So führten A.L. Kroeber und Clyde Kluckhohn, zwei amerikanische Anthropologen, in ihrem 1952 erschienen BuchCulture: A Critical Review of Concepts and Definitions164 Definitionen des Kultur-Begriffes an.[11]

Dies liegt auch daran, daß sich verschiedene wissenschaftliche Disziplinen mit der Kultur beschäftigen und den Begriff mit unterschiedlichen Bedeutungen belegen. Dementsprechend ist der wissenschaftliche Kontext, in dem das Wort verwendet wird, für dessen richtiges Verstehen entscheidend, wie Leslie A. White festhält.[12]

DerBegriff des Kulturkreisesgeht nach Caglar auf L. Frobenius zurück, der diesen kurz vor der letzten Jahrhundertwende eingeführt haben soll.[13]Frobenius gilt,[14]neben Spengler, Toynbee, und anderen, als einer der Hauptvertreter der Kulturmorphologie. Bei dieser handelt es sich um die Wissenschaft von der Gestalt und dem Gestaltwandel der Kulturen, die als selbständige vom Menschen unabhängige Organismen mit gesetzmäßigem Entwicklungsablauf angesehen werden. Die Kulturmorphologie basiert auf der Annahme einer inneren Geschlossenheit und Selbständigkeit von Kulturen, die wie ihre Verwandlung auf einer in der Kultur selbst wirkenden Kraft beruhen.[15]

Der Kulturkreis “umfaßt eine Mehrzahl von Kulturen und Gesellschaften, die hinsichtlich bedeutender soziokultureller Dimensionen und Elemente (z.B. Sprache, Religion, Wirtschaftsweise, Sozialordnung) weitgehende Gemeinsamkeiten aufweisen. Die Herausbildung von Kulturkreisen wird insbesondere durch Prozesse der Akkulturation und Diffusion bestimmt.”[16]Die Akkulturation bezeichnet die Übernahme von Elementen einer fremden Kultur durch Einzelpersonen, Gruppen, oder Schichten. In ihrem Verlauf, in dem es von einer Übernahme einzelner Werte, Ideen, Herrschaftsverhältnissen, etc. bis zur totalen Angleichung an einen anderen Kulturkreis kommen kann,[17]“wird die zuvor als selbstverständlich erlebte eigene Kultur relativiert und verunsichert. Der Akkulturation wirkt die Rückbesinnung auf die geschichtlich-kulturelle Identität der eigenen Gesellschaft entgegen.”[18]

2. DARSTELLUNG DER WESENTLICHEN ASPEKTE DER “KULTUR-KNALL-THEORIE” HUNTINGTONS

2.1 Kurzdarstellung der huntingtonschen Konzeption

Huntingtons Grundthese ist “... that the fundamental source of conflict in this new world will not be primarily ideological or primarily economic. The great divisions among humankind and the dominating source of conflict will be cultural. Nation states will remain the most powerful actors in world affairs, but the principal conflicts of global politics will occur between nations and groups of different civilizations. The clash of civilizations will dominate global politics. The fault lines between civilizations will be the battle lines of the future.”[19]

Für Huntington stellt dies in mehrerlei Hinsicht einen Umbruch der politischen Weltlage dar. Zum einen sieht er eine Verschiebung von der bipolaren Welt des kalten Krieges zur multipolaren Welt der Kulturkreise.[20]Zum anderen bedeutet die Gegenwart das Ende der Ideologie und die Renaissance der Religionen, oder wie Huntington es in einem Kapitel seines Buches nennt, die Rache Gottes.[21]

Die Frage, auf wessen Seite man stehe, sei ersetzt worden durch die Frage, wer man sei. Huntington sieht eine globale Identitätskrise: “Fast überall, wohin man sieht, fragen die Menschen: ‚Wer sind wir?‘, ‚Wohin gehören wir?‘ und ‚Wer sind nicht `wir´?‘ Diese Fragen sind zentral nicht nur für Völker, die einen neuen Nationalstaat herbeizuzwingen suchen, wie im früheren Jugoslawien, sondern auch für viele andere.”[22]

Es wird deutlich und im Folgenden noch zu behandeln sein, daß die Identitätsfrage eine zentrale Bedeutung für das Modell Huntingtons hat.

Huntington geht davon aus, daß wir in Zeiten rapiden gesellschaftlichen Wandels leben, in denen sich alte Identitäten auflösen und neue gefunden werden müssen. Dieses werde durch die Religion möglich, die dementsprechend überall[23]auf dem Vormarsch sei.[24]

Die Besinnung auf die verschiedenen Religionen in nichtwestlichen Kulturkreisen sei aber nicht nur eine Reaktion auf soziale, wirtschaftliche und kulturelle Modernisierung, sondern auch eine offene Ablehnung des Westens samt seiner Werte. Sie sei die Erklärung der kulturellen Unabhängigkeit vom Westen,[25]welche quasi der Spiegel der neuen globalen Machtverhältnisse ist.

Mit dem Ende des Kalten Krieges ende auch die westliche Phase der Weltpolitik. Die Geschichte der Konflikte der letzten 150 Jahre, wie Huntington sie sieht, also von Konflikten unter Fürsten, zu Konflikten zwischen Nationalstaaten und schließlich Ideologien, sei letztlich eine Geschichte der Konflikte des westlichen Kulturkreises.[26]

Nun aber, mit Beginn der multipolaren Welt der Kulturkreise würden aus nichtwestlichen Kulturkreisen, die bisher nur als Objekt des westlichen Kolonialismus in der Geschichte vertreten seien, Geschichtsmacher, die neben dem Westen die Welt formen würden. Denn die Welt würde nun auf Grundlage der Kulturkreise geordnet werden, wobei die Kernstaaten an die Stelle der Supermächte träten.[27]Diese Entwicklung führe zu einer relativen Abnahme westlichen Einflusses. Allerdings werde der Westen bis auf weiteres der vorherrschende Kulturkreis sein.[28]

2.2 Zum Wesen der Kulturkreise und der Funktion von Kernstaaten

Was macht nun für Huntington den Kulturkreis aus? Es sind vorallem “Blut, Sprache, Religion und Lebensweise”, wobei das wichtigste davon die Religion sei.[29]Kulturkreise seien in sich geschlossen; ohne Bezug auf die Gesamtkultur könne keines der Bestandteile ganz verstanden werden.[30]

Ein Kulturkreis sei die größte kulturelle Einheit[31], und somit die allgemeinste Ebene kultureller Identität des Menschen:

“Die Kultur, zu der er gehört, ist die allgemeinste Ebene der Identifikation, mit der er sich am nachdrücklichsten identifiziert. Kulturkreise sind das umfassendste `Wir´, in dem wir uns kulturell zuhause fühlen, gegenüber allen anderen `Sie´ da draußen.”[32]

Dennoch haben Huntingtons Kulturkreise keine klar umrissenen Grenzen. Statt dessen wirken sie aufeinander ein und überlagern sich.[33]Sie sind dynamische Gebilde, “sie verschmelzen miteinander und teilen sich; und wie jeder Kenner der Geschichte weiß, verschwinden sie auch, und der Sand der Zeiten begräbt sie.”[34]

Huntington geht von der Existenz von sieben, bzw. acht Kulturkreisen aus, je nachdem ob man Afrika mitzählt oder nicht.

Diese Kulturkreise sind: Der sinische, der japanische, der hinduistische, der islamische, der westliche, der orthodoxe, der lateinamerikanische und “der afrikanische, vielleicht.”[35]

Beim afrikanischen Kontinent ist sich Huntington nicht sicher. Einerseits sähen die meisten Kulturtheoretiker diesen nicht als eigene Kultur, sondern den Norden als Teil des islamischen Kulturkreises, während der Süden durch den Kolonialismus von Elementen des europäischen Kulturkreises geprägt sei. Andererseits würden Afrikaner zunehmend eine eigene afrikanische Identität entwickeln. Es sei vorstellbar, daß das subsaharische Afrika zu einem eigenen Kulturkreis werde, eventuell mit Südafrika als dessen Kernstaat.[36]

Die Einteilung der Kulturkreise, die Huntington vornimmt, wird von verschiedenen Autoren kritisiert, unabhängig davon, ob sie grundsätzlich an die Möglichkeit einer solchen Einteilung in Kulturkreise glauben. Kirkpatrick z.B. meint, daß sowohl der orthodoxe, als auch der lateinamerikanische Kulturkreis Teil des westlichen seien.[37]

Den Kernstaaten kommt in Huntingtons Konzept ein besonderes Gewicht zu: Sie lösen die Supermächte des Kalten Krieges ab[38]und haben Ordnungsfunktion innerhalb ihres Kulturkreises. “Sie sind die Quelle der Ordnung innerhalb von Kulturkreisen und, durch Verhandlungen mit anderen Kernstaaten, zwischen den Kulturen.”[39]Huntington vergleicht einen Kulturkreis mit einer erweiterten Familie. In dieser sei der Kernstaat das ältere Familienmitglied, welches für die Unterstützung und Disziplin seines Verwandten sorge.[40]

Die kulturelle Zugehörigkeit eines Kernstaats legitimiere dessen Führung vor den Mitgliedstaaten des Kulturkreises, als auch vor äußeren Mächten.[41]

Ohne den Kernstaat innerhalb eines Kulturkreises sei es viel problematischer eine intrakulturelle Ordnung zu schaffen, bzw. eine interkulturelle Ordnung auszuhandeln.[42]Dies sei durch die Rolle der USA im bosnisch-serbischen Konflikt deutlich geworden. So wären die USA durch das Fehlen eines islamischen Kernstaats “der eine ähnlich legitime und autoritative Beziehung zu den Bosniern unterhalten hätte wie Rußland zu den Serben und Deutschland zu den Kroaten”[43]dazu genötigt worden, sich in einer solchen Rolle zu versuchen. Unter anderem sei das Fehlen einer kulturellen Bindung zwischen USA und Bosnien ein Grund für das Scheitern dieses Versuches gewesen. Ähnliches sei in Haiti geschehen, wo lateinamerikanische Länder die amerikanischen Aktivitäten als die eines kulturfremden Eindringlings kritisiert hätten.[44]

2.3 Der Westen

Danach gefragt, ob man nicht angesichts des globalen Siegeszuges von Coca Cola, MTV und McDonalds statt von der Welt der Kulturkreise eher von einer westlich geprägten Weltkultur sprechen könne, erklärt Huntington: “Das Wesen des Westens ist die Magna Charta, nicht der Magna Mac.”[45]Während die anderen Kulturkreise durch die jeweilig vorherrschende Religion definiert sind, wird der Westen von Huntington durch “westliche Werte”[46]definiert: “Demokratie, freie Märkte, kontrollierte Regierung, Menschenrechte, Individualismus, Rechtsstaatlichkeit”.[47]

Die Politik der USA und ihrer Verbündeten habe dazu beigetragen, die Demokratie in viele lateinamerikanische Länder,[48]aber auch nach Portugal, Spanien und verschiedene andere Länder zu bringen.[49]

Nach Huntington liegt ein Problem darin, daß der Westen der Meinung sei, daß die nichtwestlichen Völker die oben genannten Werte für sich übernehmen sollten. Diese Vorstellung sei aber falsch, denn: “Was für den Westen Universalismus ist, ist für den Rest der Welt Imperialismus.”[50]

Indem Huntington also aus den genannten Werten westliche macht, wirken beispielsweise Demokratisierungsbewegungen innerhalb verschiedener islamischer oder lateinamerikanischer Staaten wie Erfüllungsgehilfen des westlichen Imperialismus. Die Behauptung daß die Demokratie ein westlicher Wert ist, ist höchst zweifelhaft.

Huntington behauptet es seien Minderheiten, die in anderen Kulturen diese Werte förderten, die Mehrheit stände ihnen mit Skepsis bis Widerstand gegenüber.[51]Leider unterläßt Huntington es, diese Behauptung zu belegen. Dabei bin ich durchaus der Ansicht, daß Huntington in den Fällen richtig urteilt, in denen Ländern der dritten Welt demokratische Ideen aufoktroyiert werden. Dagegen trifft m. E. sein Urteil nicht zu wenn derartige Bewegungen aus der eigenen Bevölkerung hervorwachsen.

Die Situation des Westens sei von Dominanz und Niedergang geprägt. Der Westen sei der einzige Kulturkreis, der in jeder anderen Kultur wesentliche Interessen wahrnehme und dort Politik, Wirtschaft und Sicherheit beeinflusse.[52]Er dominiere derzeit massiv und werde noch bis weit ins 21. Jahrhundert die vorherrschende Macht bleiben. Allerdings sei bereits eine Machtverschiebung hin zu nichtwestlichen Staaten zu beobachten.[53]

Diese Machtverschiebung werde auch in der Frage der Menschenrechte deutlich. So zitiert Huntington einen “amerikanischen Menschenrechtler” der feststellt, daß die amerikanische Hegemonie untergraben und Europa nach 1992 kaum mehr als eine Halbinsel sei, was sowohl eine neue Menschenrechtspolitik als auch vermehrte Konfliktmöglichkeiten bedeute. Die Erklärung der Menschenrechte von 1948 sei heute weniger relevant als in der unmittelbaren Nachkriegszeit.[54]

Der Westen ist nach Huntington in doppelter Beziehung heraus-gefordert. Einerseits von außen, durch die “Herausforderer-Kulturen”,[55]andererseits von innen, was Huntington für die entscheidende Herausforderung hält.

Daher sieht er auch die entscheidende Frage darin, für ob der Westen sich erneuern kann, ob er innere Verfallsprozesse aufhalten und umkehren kann.[56]Die größten Probleme des Westens seien dessen moralischen Verfall, kultureller Selbstmord und seine politischen Uneinigkeit.[57]Als Belege für den moralischen Verfall führt er die Zunahme von Kriminalität, Gewalt, Drogenkonsum, den Verfall der Familie, den Rückgang des “Sozialkapitals” und den damit einhergehenden Verlust zwischenmenschlichen Vertrauens, das Nachlassen der Arbeitsethik und das abnehmende Interesse für Bildung und geistige Betätigung an.[58]

Neben diesen Problemen des moralischen Verfalls gebe es noch eine weitere Ebene der inneren Herausforderung des Westens:

Die westliche Kultur werde von Gruppen innerhalb der westlichen Gesellschaften in Frage gestellt. Zum einen seien dies Einwanderer aus anderen Kulturkreisen, die eine Assimilation ablehnen und nicht aufhören würden, Werte, und Gebräuche ihrer Herkunfts-gesellschaften zu praktizieren. Dies gelte besonders für die europäischen Muslime, im geringeren Maße auch für die Hispanics in den USA.[59]

Die gefährlichere innerwestliche Herausforderung bestünde aber aus einer Minderheit von Intellektuellen und Publizisten, die die Identifikation der USA mit dem westlichen Kulturkreis attackieren würden. Im Namen des Multikulturalismus würden sie das Vorherrschen der monokulturellen europäisch-amerikanischen Perspektive brandmarken.[60]Sie würden damit das amerikanische Credo von Freiheit, Demokratie, Individualismus, Gleichheit vor dem Gesetz, Achtung von Verfassung und Privateigentum unter Beschuß nehmen. “Die Ablehnung des westlichen Credos und der westlichen Kultur bedeutet das Ende der Vereinigten Staaten von Amerika, wie wir sie gekannt haben. Sie bedeutet praktisch auch das Ende der westlichen Kultur.”[61]

Deshalb fände der eigentliche Kampf im amerikanischen Teil des westlichen Kulturkreises statt. Die Zukunft des westlichen Kulturkreises hänge davon ab, ob die Amerikaner ihre Zugehörigkeit zum Westen bekräftigten.[62]

[...]


[1]Es gibt eine ganze Reihe von Reaktionen auf die Thesen Huntingtons. Die Foreign Affairs, in denen der Aufsatz im Sommer 1993 erschien, brachten bereits wenige Monate später ein Sonderheft heraus (The Clash of Civilizations? The Debate), in dem verschiedene Wissenschaftler sich mit dem Aufsatz auseinandersetzten. Es erschienen Aufsätze in den verschiedenen Fachzeitschriften (Orient 3/97, Blätter für deutsche und internationale Politik 3/94 und 2/97, etc.), das Thema wurde von wissenschaftlichen Arbeitsgruppen behandelt und dargestellt (Vgl. Schriftenreihe der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung e.V., AFK ; Bd. 23) und schließlich in einer Reihe von Zeitungen und Zeitschriften beschrieben.

(Vgl. hierzu Bibliographie)

[2]Vgl. hierzu Spengler: Jahre der Entscheidung, Einleitung und S. 165

[3]Vgl. hierzu Munzinger-Archiv: Huntington, 20/97

[4]Vgl. Spiegel-Interview: “Und dann die Atombombe”, Spiegel 48/96, S. 186

[5]Vgl. hierzu “Cultural Explanations” In: “The Economist” v. 9.11.96, Ramonet, Ignacio: “Krieg der Zivilisationen?” In: “Le Monde Diplomatique”, Beilage der “Tageszeitung” v. 16.06.95, Caglar, Gazi: “Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen”, S. 27 und 117, etc.

[6]Vgl. Schischkoff, Georgi (Hg.): Philosophisches Wörterbuch, S. 406, auch Brockhaus-Enzyklopädie, Bd. 12, S. 580, und Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 492

[7]Schischkoff, Georgi (Hg.): Philosophisches Wörterbuch, S. 406

[8]Brockhaus-Enzyklopädie, Bd. 12, S. 580

[9]Vgl. ebda.

[10]Tylor, Burnett, zitiert nach Encyclopaedia Britannica, S. 874

[11]Vgl. ebda.

[12]Vgl. ebda.

[13]Vgl: Caglar: Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen, S. 59

[14]Nach dem Dtv-Brockhaus soll er die Kulturmorphologie sogar begründet haben. Vgl. Dtv-Brockhaus, Bd. 10, S. 184

[15]Vgl. Schischkoff (Hg.): Philosophisches Wörterbuch, S. 407

[16]Hillmann: Wörterbuch der Soziologie, S. 462

[17]Vgl. ebda., S. 13

[18]Ebda.

[19]Huntington: Clash of Civilizations?, S.1

[20]Vgl. Huntington: Kampf der Kulturen, S. 20 ff.

[21]Vgl. ebda., S. 20 ff. und 143 ff.

[22]Ebda., S. 194

[23]Was Europa betrifft, sind Huntingtons Aussagen zum Wiederaufleben der Religion widersprüchlich. Einerseits spricht er von einer zweiten Christianisierung Europas, und einem Aufschwung im Engagement von Gläubigen (vgl. ebda., S. 144). An anderer Stelle spricht er von der Schwächung des Christentums in Europa (vgl. ebda., S. 501); immer weniger Europäer würden sich zu einer religiösen Überzeugung bekennen.

[24]Vgl. ebda., S. 143-147

[25]Vgl. ebda., S. 147-154

[26]Vgl. Huntington: Clash of Civilizations? S. 1-2

[27]Vgl. ebda., S. 247

[28]Vgl. ebda., S. 28

[29]Ebda., S. 52

[30]Vgl. ebda., S. 53

[31]Vg. ebda.

[32]ebda., S. 54

[33]Vgl. ebda.

[34]Ebda., S. 55

[35]Ebda., S. 57-62. Genaugenommen ist sich Huntington bei der Zuordnung Südamerikas zu einem eigenen Kulturkreis auch nicht sicher, wie aus dem Spiegel-Interview (48/96) hervorgeht.

[36]Vgl. ebda., S. 61

[37]Vgl. Kirkpatrick: The Modernizing Imperative, S. 51. Auch Hippler: Anstatt einer notwendigen Satire. S. 170

[38]Vgl. Huntington: Kampf der Kulturen, S. 246

[39]Ebda., S. 247

[40]vgl. ebda., S. 248, vgl. auch “Der Standard” (Wien), v. 6.12.96

[41]Vgl. ebda., S. 248

[42]Vgl. Huntington: Kampf der Kulturen, S. 248

[43]Ebda.

[44]Vgl. ebda., S. 248-249

[45]Im bereits erwähnten Spiegel-Interview (48/96, S. 185)

[46]Huntington: Kampf der Kulturen, S. 292

[47]Ebda.

[48]Über die Rolle der US-amerikanischen Politik in den Demokratisierungsprozessen Lateinamerikas kann man geteilter Meinung sein. Seit den Aussagen Nixons beim Watergate Prozess ist die Beteiligung der USA am Sturz des demokratisch gewählten Präsidenten Chiles unstrittig.

[49]Vgl. Huntington: Kampf der Kulturen, S. 308

[50]Ebda., S. 292

[51]vgl. ebda.

[52]Vgl. ebda., S. 117

[53]Vgl. ebda., S. 119

[54]Vgl. ebda., S. 314

[55]Vgl. ebda., S. 155 ff.

[56]Vgl. ebda., S. 499

[57]Vgl. ebda., S. 500

[58]Vgl. ebda.

[59]Vgl. ebda., S. 501

[60]Vgl. ebda., S. 502

[61]Vgl. ebda., S. 504

[62]Vgl. ebda., S. 505

Details

Seiten
45
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638108454
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1368
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Fachbereich Soziologie
Note
1,00
Schlagworte
Huntington; Kampf der Kulturen; Islam

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