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Frühneuzeitliche Hexenverfolgungen und "Die Vernichtung der Weisen Frauen" von Gunnar Heinsohn und Otto Steiger. Realität oder Fehlinterpretation?

Hausarbeit 2009 26 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die These von Heinsohn und Steiger
2.1 Tradition der These

3. Auseinandersetzung mit der These Heinsohns und Steigers
3.1 Hebammen, Verhütungswissen und Abtreibung in der Frühen Neuzeit
3.2 Der Hexereibegriff
3.3 Erscheinungsformen und Ausmaße der Hexenverfolgungen
3.4 Widerspruch zum Aufbau des frühneuzeitlichen Staats

4. Medizinische und magische Hilfe für das Volk – die weisen Frauen und Männer in der Realität
4.1 Die Berufe der Volksmagier
4.2 Die Rolle der weisen Frauen und Männer bei der Hexenverfolgung
4.3 Das Verhältnis zur Bevölkerung

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die weisen Frauen wurden als Hexen verbrannt, weil sie durch ihr Geheimwissen eine Gefahr für die Kirche darstellten“, „Hexen waren die letzten Bewahrerinnen der magisch-heidnischen Kultur“, „Das uralte Wissen der weisen Frauen wurde durch die Hexenverfolgung ausgelöscht“. Sätze wie diese klingen in den Ohren vieler Hexenforscher vertraut, wenn es um die gegenwärtige öffentliche Meinung zur Rolle der weisen Frauen in den Hexenverfolgungen geht.

Einen nicht unwesentlichen Beitrag zu dieser Meinungsbildung leisteten der Sozialwissenschaftler Gunnar Heinsohn und der Wirtschaftswissenschaftler Otto Steiger mit ihrem 1979 erstmals erschienen Buch „Die Vernichtung der weisen Frauen. Hexenverfolgung – Menschenproduktion – Kinderwelten – Bevölkerungswissenschaft“.[1] Nicht zuletzt durch die Lobeshymnen des „Spiegel“, der diesem Buch im Jahre 1984 sogar eine Titelgeschichte widmete[2], fand es eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung.

„Die Vernichtung der weisen Frauen“ bietet eine allumfassende Lösung des - bis dahin ungelösten - großen Rätsels der frühneuzeitlichen Hexenverfolgungen, die keine Fragen mehr offen lässt. Dabei zeichnen die Autoren jedoch ein ungewöhnliches Bild des Hexenglaubens[3], das die verschiedenen Forschungsansätze, die Historiker bis zu diesem Zeitpunkt entwickelt haben, in das Reich des Unmöglichen abdrängt.

Haben Heinsohn und Steiger nun tatsächlich „des Rätsels Lösung“[4] gefunden, lassen sich ihre Behauptungen auch bei näherer Betrachtung aufrechterhalten? Oder sah die Realität in der Frühen Neuzeit doch anders aus?

Die beiden Autoren verbinden in ihrem Werk – so scheint es – Forschungsergebnisse aus den verschiedensten Bereichen – Bevölkerungsstatistik, Hexenforschung, Geschichte der Hebammen, Staatstheorie, Rechtspraxis, Geschichte des Verhütungswissens und der Abtreibung – miteinander. Ob die Ergebnisse in diesen verschiedenen Bereichen ihre Thesen stützen, oder ihnen widersprechen, gilt es zu überprüfen.

Hierzu soll zunächst die These von Heinsohn und Steiger näher erläutert und in eine Tradition ähnlicher Forschungsansätze gestellt werden. Danach gilt es, die einzelnen Bestandteile und Aussagen des Buches anhand der Quellen und verschiedener neuerer Forschungen zu überprüfen. Zunächst wird der Beruf der Hebamme in der Frühen Neuzeit und das Wissen über Verhütung und Abtreibung erleuchtet. Es folgen dann Betrachtungen zum Hexereibegriff, zu den Erscheinungsformen und Ausmaßen der Hexenverfolgung und schließlich ein kurzer Einblick in Verwaltung und Aufbau des frühneuzeitlichen Staates.

Der dritte und letzte Teil wird sich nicht mehr primär auf die „Vernichtung der weisen Frauen“ beziehen, sondern versucht, Leben und Wirken der weisen Frauen – und der weisen Männer! – in der Frühen Neuzeit nachzuzeichnen. Auch ihr Bezug zur „normalen“ Bevölkerung und ihre ganz spezielle Rolle in den Hexenverfolgungen und -prozessen wird hier eine Rolle spielen.

2. Die These von Heinsohn und Steiger

Die zentrale These der Publikation von Heinsohn und Steiger besagt, dass nur solche Frauen als Hexen verfolgt wurden, die zu den weisen Frauen oder genauer zur Berufsgruppe der Hebammen gehörten. Diese „Hexenhebammen“[5] hätten als einzige im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit ein umfangreiches Wissen über Verhütung und Abtreibung besessen. Dieses geheime Wissen war nach Meinung der beiden Autoren der alleinige Grund, warum diese Frauen systematisch von Kirche und Staat verfolgt und verbrannt wurden. Die Hebammen standen den Interessen von weltlichen und geistlichen Obrigkeiten entgegen, die ihre durch die Pest entvölkerten Ländereien wiederbevölkern wollten, um mehr Steuerzahler und Soldaten zu erhalten. So gesehen sei die Hexenverfolgung quasi ein Nebenprodukt der Vernichtung der Geburtenkontrolle gewesen und diente nur zur Verschleierung der wirklichen Absichten der Obrigkeiten.[6]

Das rationale Handeln der männlichen Hexenjäger bekämpfte schließlich erfolgreich die Geburtenkontrolle[7], das Ergebnis der erfolgreichen Vernichtung der Hebammen und Heilerinnen sei bis zum heutigen Tage durch ein anhaltendes Bevölkerungswachstum wahrnehmbar.[8]

2.1 Tradition der These

Viele Aspekte dieser These können durchaus als nicht neu bezeichnet werden. Bereits mehrmals in der Vergangenheit wurden die Hexen als Trägerinnen und Bewahrerinnen einer Kultur, welche im Gegensatz zur christlichen Kultur steht, umgedeutet. Jules Michelets Werk „La Sorcière“ aus dem Jahre 1862 behandelt das Thema der verfolgten Zauberin und setzt ihr in Frankreich ein romantisches Denkmal als immerwährende „Ärztin des Volkes“. Dagegen wollte Jakob Grimm in den Dokumenten zur Hexenverfolgung die Überreste einer germanischen Mythologie erkennen.[9]

Im 19. Jahrhundert erfuhr schließlich auch der Begriff „weise“ eine Umdeutung. Er bezeichnete nun nicht mehr eine Person mit allgemeiner Magiekompetenz, sondern wurde ausschließlich als Synonym für „Hebamme“, ohne Verbindung zur Magie, gebraucht.[10]

Die Tradition der Verklärung und Umdeutung setzte sich auch im 20. Jahrhundert fort, indem die Ägyptologin Margarete Murray 1922 in der Hexerei ein Überbleibsel eines heidnischen Fruchtbarkeitskultes, der von der Kirche verfolgt wurde, entdeckt zu haben glaubte. Deutlich wird hier, dass es eine relativ lange Tradition gibt, die sich kirchenfeindlichen und mythischen Elementen bediente und noch bedient.[11]

In diese Reihe kann auch vielfach die feministische Forschung zum Thema Hexenverfolgungen gestellt werden. Hier werden die als Hexen verbrannten Frauen als magiekundige Volksheilerinnen überhöht und ihre Verfolgung als Konsequenz der Männerherrschaft dargestellt.[12] „Ihre Unterdrückung war einer der ersten Kämpfe in der langen Geschichte männlicher Unterdrückung heilkundiger Frauen.“[13] Dabei übersehen jedoch die Autorinnen, dass keineswegs nur Männer an den Verfolgungen teilnahmen. Etwa ein Drittel der Zeugen, die vor Gericht gegen Hexen aussagten, waren Frauen, und sie waren es auch, die oftmals den ersten Anstoß zur Hexereianklage gaben.[14]

Auch arbeiten die feministischen Autorinnen oftmals mit viel zu hohen Opferzahlen, die ihrer Meinung nach in die Millionen gehen.[15] Eine weitere Parallele dieser Forschungsrichtung zum Werk von Heinsohn und Steiger bildet die Aussage, dass die Hexenverfolgungen eine „gezielte Terrorkampagne der herrschenden Klasse“[16] war und wiederum eine enge Verbindung zwischen Hexen und Hebammen hergestellt wird.[17] Die Hauptverantwortlichen für die Verfolgungen sind hier die Kirche, der Staat und die männlichen Ärzte.[18]

Ähnliche Intentionen verfolgten auch die Vertreter des Nationalsozialismus, indem sie das Hexenbild für ihre eigenen Zwecke zurechtbogen. Für Alfred Rosenberg war die frühneuzeitliche Hexe der Inbegriff einer germanischen Priesterin, deren Kult von der Kirche durch die Hexenverfolgung unterdrückt worden sei; für das SS-Ahnenerbe fand das Urgermanische in den Hexen seine neuzeitliche Fortsetzung, und für Mathilde Ludendorff und Friederike Müller-Reimerdes war die frühneuzeitliche Hexe die Leitfigur eines völkischen Feminismus. Heinrich Himmler sah in ihr die Trägerin wertvoller rassischer Elemente, welche die jüdisch-chmristliche Kirche durch die Hexenverfolgungen auszulöschen versuchte. Damit nutzte er zugleich dieses Thema für seine eigenen aktuellen Interessen, für die Abwertung und Brandmarkung von Kirche und Judentum.[19]

Die in der heutigen Zeit als etwas absolut Neues und Revolutionäres dargestellten Interpretationen der Hexenverfolgung weisen erschreckenderweise viele Ähnlichkeiten mit ihren berühmt-berüchtigten Vorgängern auf.

Die politische Linke deckte mit der Lösung des Rätsels der Hexenverfolgungen ein „politisches Schurkenstück“[20] auf, das Werk Heinsohns und Steigers wurde von einem Publikum, das Staat und Kirche nur zu gern als die entlarvten Täter sieht, enthusiastisch aufgenommen.[21]

Ob die historische Wirklichkeit tatsächlich aus der „Vernichtung der weisen Frauen“ besteht, wird noch zu überprüfen sein.

3. Auseinandersetzung mit der These Heinsohns und Steigers

Es ist kaum vorstellbar, dass die seit Jahren intensiv arbeitende Hexenforschung das Offensichtliche – die Vernichtung der weisen Frauen – scheinbar übersehen hat.

Die folgenden Seiten werden zeigen, ob die Thesen Heinsohns und Steigers einer kritischen Überprüfung standhalten.

3.1 Hebammen, Verhütungswissen und Abtreibung in der Frühen Neuzeit

Die Forschung zu Tätigkeit und Wissen der Hebammen im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit war im Erscheinungsjahr des Buchs von Heinsohn und Steiger noch nicht besonders weit vorangeschritten, so dass es verwundern muss, dass die Autoren bereits damals über ein breites Wissen zu diesem Themengebiet verfügten. Heute kann auf sehr gute neuere Untersuchungen zurückgegriffen werden, die, verglichen mit denjenigen von Heinsohn und Steiger, auf gegenteilige Ergebnisse kommen.[22]

Bemerkenswert ist, dass bis in das 15. Jahrhundert hinein der Begriff „Hebamme“ in den Quellen nur vereinzelt auftaucht und die historische Forschung bis heute die Frage, wann sich das Berufsfeld der Hebamme herauszukristallisieren begann, noch nicht abschließend beantworten konnte.[23]

Daher verwundert es doch sehr, dass eine Personengruppe, die zu dieser Zeit nur sehr schwer zu fassen ist, als einzige über das geheime Verhütungs- und Abtreibungswissen verfügt haben sollte.

Hinzu kommt, dass aus medizinhistorischer Sicht die Hilfe zur Empfängnisverhütung und Abtreibung zu einer anderen Spezialisierung als die Geburtshilfe gehörte. Auch lag das Wissen darum nicht allein in den Händen von Frauen; bereits in den frühen Apothekerordnungen wurde Männern der Handel mit Abortiva untersagt, was zeigt, dass sie über Kenntnisse der entsprechende Mittel verfügt haben mussten.[24]

Seit der Reformationszeit wurde dann versucht, Frauen die Herstellung und den Handel von stark wirkenden Arzneimitteln zu verbieten, um sie auf diese Art von abtreibenden Mitteln fernzuhalten. Somit hatten allein männliche Ärzte und Apotheker die Möglichkeit zur Verordnung und Weitergabe empfängnisverhütender und abtreibender Mittel.[25] Eine Verfolgung und Vernichtung der Hebammen unter dem Vorwurf der Hexerei scheint nach diesen Erkenntnissen also vollkommen unnötig.

[...]


[1] Heinsohn, Gunnar / Steiger, Otto: Die Vernichtung der weisen Frauen. Hexenverfolgung – Menschenproduktion – Kinderwelten – Bevölkerungswissenschaft, Berlin 41985.

[2] Spiegel, 38. Jg., Nr. 43, 1984, S. 117ff.

[3] Schwerhoff, Gerd: [Rezension von Heinsohn u. Steiger, Die Vernichtung der weisen Frauen], in: Geschichtsdidaktik 11, 1986, S. 95.

[4] so der Titel eines Aufsatzes von Jerouschek, der sich mit den Thesen des Buches auseinandersetzt

[5] „Hexenhebammen“ ist die von Heinsohn und Steiger häufig gebrauchte Bezeichnung für die als Hexen verfolgten Frauen.

[6] Heinsohn / Steiger: Die Vernichtung der weisen Frauen. Sehr schöne Zusammenfassung ihrer These bei Rummel, Walter: „Weise“ Frauen und „weise“ Männer im Kampf gegen Hexerei. Die Widerlegung einer modernen Fabel, in: Europäische Sozialgeschichte. Festschrift für Wolfgang Schieder, hrsg. von Christoph Dipper / Lutz Klinkhammer / Alexander Nützenadel, Berlin 2000, S. 354.

[7] Jerouschek, Günter: Des Rätsels Lösung? – Zur Deutung der Hexenprozesse als staatsterroristische Bevölkerungspolitik, in: Kritische Justiz 19, 1986, S. 446 und Irsigler, Franz: Hebammen, Heilerinnen und Hexen, in: Hexenwahn. Ängste der Neuzeit. Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung des Deutschen Historischen Instituts, hrsg. von Rosmarie Beier-de Haan / Rita Voltmer / Franz Irsigler, Berlin 2002, S. 142.

[8] Heinsohn / Steiger: Die Vernichtung der weisen Frauen, S. 316.

[9] Rummel, Walter: Weise Frauen als Opfer?. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. von Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/1672/ (23.02.2009).

[10] ebd.

[11] Rummel: „Weise“ Frauen und „weise“ Männer, S. 354.

[12] Schwerhoff, Gerd: Hexerei, Geschlecht und Regionalgeschichte. Überlegungen zur Erklärung des scheinbar Selbstverständlichen, in: Hexenverfolgung und Regionalgeschichte. Die Grafschaft Lippe im Vergleich, hrsg. von Gisela Wilbertz, Gerd Schwerhoff, Jürgen Scheffler, Bielefeld 1994, S. 327; siehe beispielsweise Barbara Ehrenreich / Deirdre English: Hexen, Hebammen, Krankenschwestern. The Witches are Back, München 172001(Erstauflage 1975). Hier geben die Autorinnen bereits in der Einleitung zu, dass sie keine professionellen Historikerinnen sind.

[13] Ehrenreich: Hexen, Hebammen, Krankenschwestern, S. 13.

[14] Schwerhoff: Hexerei, Geschlecht und Regionalgeschichte, S. 345, gibt für den Saarraum und die Stadt Lemgo etwa zwei Drittel der Zeugen der Anklage vor Gericht als männlich an.

[15] Ehrenreich: Hexen, Hebammen, Krankenschwestern, S. 15.

[16] ebd., S. 20.

[17] Ehrenreich: Hexen, Hebammen und Krankenschwestern, S. 25.

[18] ebd., S. 25, 28, 34.

[19] Rummel: „Weise“ Frauen und „weise“ Männer, S. 354f. Zu diesem Zweck ließ Himmler die Hexenverfolgungen systematisch erforschen und eine Kartei anlegen, welche zuletzt etwa 33 000 Prozesse umfasste.

[20] ebd., S. 355.

[21] ebd., S. 355.

[22] Schwerhoff: Hexerei, Geschlecht und Regionalgeschichte, S. 337; zur neueren Hebammenforschung siehe beispielsweise: Flügge, Sibylla: Hebammen und heilkundige Frauen. Recht und Rechtswirklichkeit im 15. und 16. Jahrhundert, Basel / Frankfurt a.M. 1998 und Leibrock-Plehn, Larissa: Frühe Neuzeit. Hebammen, Kräutermedizin und weltliche Justiz, in: Geschichte der Abtreibung. Von der Antike bis zur Gegenwart, hrsg. von Robert Jütte, München 1993.

[23] Flügge: Hebammen und heilkundige Frauen, S. 34.

[24] ebd., S. 119.

[25] ebd., S. 120.

Details

Seiten
26
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640448203
ISBN (Buch)
9783640447992
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v136686
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Institut für geschichtliche Landeskunde und historische Hilfswissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Hexen Geschichte Hexenforschung Frühe Neuzeit Hexenverfolgung weise Frauen Magie Vernichtung Heinsohn Steiger

Autor

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