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Determinanten des Suizids. Eine Untersuchung der Inneren-Monolog-Novelle 'Fräulein Else', 1924 von Arthur Schnitzler

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 36 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

1. Biographische Angaben zu Arthur Schnitzler
1.1 Arthur Schnitzler und Sigmund Freud
1.2 Vorbilder und Einflüsse der Novelle

2. Inhaltsangabe „Fräulein Else“

3. Formale Analyse
3.1 Die Erzähltechnik Innerer Monolog
3.2 Der Aufbau der Novelle
3.3 Die Motive

4. Inhaltsanalyse
4.1 Soziale Determinanten des Suizids der Protagonistin
4.1.1 Familiäre Situation
4.1.2 Soziale Bedingungen ihres weiteren Umfeldes
4.1.2.1 Die sexuelle Nötigung Herrn von Dorsdays
4.1.1.1 Die distanzierte Beziehung Elses zu ihrem Cousin Paul
4.1.1.2Cissy Mohr als auslösender Moment des Suizids
4.2 Innerpsychische Determinanten des Suizids
4.2.1 Elses Liebeskonzept
4.2.2 Inadäquate Strategien der Konfliktbewältigung
4.3 Die öffentliche Inszenierung ihrer Exhibition
4.4 Das prämenstruellle Syndrom als Einflussfaktor auf die Stimmungslage

5. Zusammenfassende Begründung des Suizids

6. Die Wahrscheinlichkeit des letalen Ausgangs

7. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Vorwort

Im Rahmen des Seminars 7354 „Geschlechterkonstellationen und Liebeskonzepte in ausgewählten Texten des 19. und 20. Jahrhunderts“ im Wintersemester 02/03 habe ich mich vertieft mit dem Suizid in der Inneren-Monolog-Novelle „Fräulein Else“ (1924) von Arthur Schnitzler beschäftigt.

Einleitung

Einleiten möchte ich mit Franz Kafkas „Kleine Fabel„ (1920):

„Ach“, sagte die kleine Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese lange Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“

„Du musst nur die Laufrichtung ändern.“ sagte die Katze und fraß sie.1

Unausweichlich ist der Weg des Scheiterns der „kleinen Maus“ in Kafkas Fabel, und so unausweichlich gestaltet auch Arthur Schnitzler das Scheitern der Fräulein Else. Die „persönliche Katastrophe“2 ist in der Novelle „Fräulein Else“ der Suizid der Protagonistin, die antizipiert, „Geheimnisvoller Selbstmord einer jungen Dame der Wiener Gesellschaft“.3

Schnitzler hat 1924 als „Kenner des menschlichen Seelenlebens“4 auf psychologisch-literarische Weise den Selbstmord Elses als logische Konsequenz äußerer Bedingungen als auch ihrem inneren Gefühlsleben dargestellt. Dabei sind die psychopathologischen Aspekte Elses Verhaltens als Symptom eines gesellschaftlichen Auslösers anzusehen. In der vorliegenden Hausarbeit sollen nun diese Determinanten des Suizids, sowohl die sozialen als auch die psychisch-individuellen, herausgearbeitet werden.

Zunächst werde ich anhand Schnitzlers Biographie der Frage nachgehen, woher dieser ein solch psychologisch fundiertes Wissen hatte und welchen Einfluss sein Zeitgenosse Sigmund Freud auf sein literarisches Schaffen nahm. Schnitzler erreicht beim Rezipienten ein hohes Maß an Empathie mit der Protagonistin, die Frage danach, wie er das technisch umsetzt, werde ich in der formalen Analyse des Inneren Monologes sowie im Aufbau der Novelle betrachten.

Zur Begründung des Suizids werde ich dann Elses gesellschaftliche Bedingungen, hier vor allem ihre Beziehung zum Vater, aber auch der Mutter, Cissy und Paul untersuchen. Schließlich stellt die Forderung Herrn von Dorsdays Else vor einen nicht lösbaren Konflikt. Warum sie an diesem Konflikt scheitert, werde ich anhand ihrer psychischen Determinanten, ihren inadäquaten Lösungsstrategien und ihrem problematischen Liebeskonzept herausstellen. Zuletzt interessiert mich die Frage, ob die Protagonistin literarisch tatsächlich stirbt. Wie wahrscheinlich ist das letale Ende Elses, bedenkt sie doch selbst, „vielleicht habe ich nicht einmal genug Veronal.“?1

1. Biographische Angaben zu Arthur Schnitzler

Arthur Schnitzler wurde am 15. Mai 1862 als Sohn von Johann Schnitzler und Louise, geb. Markbreiter, in Wien geboren. Der Vater war ein anerkannter Professor der Medizin und Schnitzler wuchs in jüdisch-liberalen, wohlhabenden Verhältnissen auf. Er besuchte 1871 das akademische Gymnasium in Wien und begann bereits früh zu schreiben, so notierte er im Mai 1880 „Somit hab ich bis auf den heutigen Tag zu Ende geschrieben 23, begonnen 13 Dramen“2. Im Jahr 1879 begann er auf Wunsch seiner Familie mit dem Medizinstudium, auch wenn er feststellte,

Oh ich fühls – ich bin kein Mensch, der zum Studium taugt. Wenn ich nur so sehr Künstler wäre, als ich Künstlernatur bin. Aber in ein paar Jahren werde ich vielleicht auf dem Punkt stehen, wo ich einsehe, daß ich nicht zu diesem und nicht zu jenem tauge – und meine Zukunft wird sein: ein mittelmäßiger Arzt zu werden! 3

Sein Gemütszustand in den ersten Jahren seines Studiums ist mit „Weltschmerz“ zu beschreiben, frustriert bemerkt Schnitzler „Ich bin mir selbst zuwider“.4 Aber „Immerhin bringt die militärische Dienstzeit (1882 bis 1883) eine Ablenkung von der zwanghaften Reflexion der eigenen Perspektivlosigkeit.“5 und bedingt eine

Wendung nach außen, die sich zunächst in einer langen Reihe von mehr oder weniger flüchtigen Liebschaften niederschlug, deren unpersönlicher Charakter Schnitzler später nicht zu unrecht hervorhob.6

Sein Verhältnis zur Medizin blieb distanziert, allerdings bildete er ein verstärktes Interesse für Nerven – und Geisteskrankheiten aus und promovierte schließlich

1885 zum Dr. med. . Anschließend wurde er Sekundararzt im Allgemeinen

Krankenhaus.1 Ab 1887 arbeitete er ohne Enthusiasmus in der Redaktion der von seinem Vater gegründeten „Internationalen Klinischen Rundschau“ mit. Von 1888 bis 1893 war er Assistent seines Vaters in der Allgemeinen Poliklinik in Wien, nach dessen Tod eröffnete er eine „Privatpraxis, die er jedoch mit zunehmendem Erfolg als Dichter vernachlässigte.“2

Zu Beginn der 90er Jahre bildeten Schnitzler, Paul Goldmann, Hugo von Hoffmansthal, Felix Salten, Richard Beer-Hofmann und Hermann Bahr den Literatenkreis „Jung Wien“, der sich im „Café Griensteidl“ zusammenfand.3

„Liebelei“ brachte Schnitzler 1895 den endgültigen künstlerischen Durchbruch. Doch „Der gesamten Realität seiner Zeit wird Schnitzler erstmals in den zehn Szenen des Reigen habhaft.“4 Seine analysierende Darstellung unverbindlich ablaufender sexueller Handlungen, rief moralische Entrüstung hervor, die Aufführungen in Wien und Berlin wurden gestört. Darüber hinaus hatte „Leutnant Gustl“ 1901, zur Folge, dass Schnitzler seine Offizierscharge verlor.

Schnitzler war in seiner Gesellschaft ein einsamer Mensch, was von den Autoren der „Moderne“ durchaus auch als „Voraussetzung, die eigene ‚Sensitivität’, die ‚Nervenszustände’ “ zu fühlen, gesehen wurde. Schnitzler meinte melancholisch:

Unrettbar wird man sich fremd. Und dieses über alle Maßen schreckliches Gefühl kommt – daß zwei Leute sich immer, immer fremd bleiben müssen, daß man nie ganz ineinander hineinsehen kann, daß man sich eigentlich nie wirklich versteht. – In der Empfindung dieser Lebenseinsamkeit sich begegnen – das ist eigentlich die letzte Hoffnung.5

Erst als sich Schnitzler in die junge Schauspielerin und Sängerin Olga Gussmann (1882 – 1970) verliebte, begannen „die Widerstände gegen die Ehe nachzulassen“6. Am 9. August 1902 kam Sohn Heinrich zur Welt, ein Jahr später heiratete Schnitzler dessen Mutter Olga. Seine Tochter Lili wurde am 13. September 1909 geboren. Sie nahm vor allem auch nach der Scheidung von seiner Frau Olga im Jahre 1921 eine besondere Rolle in seinem Leben ein und ihr Selbstmord 1928 erschütterte ihn zutiefst. Schnitzler starb am 21. Oktober 1931 als einer der bedeutendsten österreichischen Schriftsteller der Gegenwart in seiner Heimatstadt.7

1.1 Arthur Schnitzler und Sigmund Freud

„Ich danke Ihren Schriften so mannigfache starke und tiefe Anregungen“1 gesteht Schnitzler in seinem Glückwunschschreiben am 6. Mai 1906 zu Freuds 50. Geburtstag und belegt so den Einfluss der Psychologie auf seine Literatur.

In seiner Antwort vom 8. Mai 1906 betont Freud die „weitreichenden Übereinstimmung(...), die zwischen Ihren und meinen Auffassungen mancher psychologischer und erotischer Probleme besteht.“2. 16 Jahre später erklärt Freud in seinem Gratulationsschreiben zu Schnitzlers 60. Geburtstag diesen als seinen „Doppelgänger“ und nennt die „feine Selbstwahrnehmung“ Schnitzlers als Ausgangspunkt seiner „Analyse der Wirklichkeit“3.

Ich meine, ich habe Sie gemieden aus einer Art von Doppelgängerscheu. Nicht etwa, daß ich sonst so leicht geneigt wäre, mich mit einem andern zu identifizieren oder daß ich mich über die Differenz der Begabung hinwegsetzen wollte, die mich von Ihnen trennt, sondern ich habe immer wieder, wenn ich mich in Ihre Schöpfungen vertiefe, hinter deren poetischem Schein die nämlichen Voraussetzungen, Interessen und Ergebnisse zu finden geglaubt, die mir als die eigenen bekannt waren. Ihr Determinismus wie Ihre Skepsis – was die Leute Pessimismus heißen -, Ihr Ergriffensein von den Wahrheiten des Unbewussten, von der Triebnatur des Menschen, Ihre Zersetzung der kulturell-konventionellen Sicherheiten, das Haften Ihrer Gedanken an der Polarität von Lieben und Sterben, das alles berührt mich mit einer unheimlichen Vertrautheit. (...) So habe ich den Eindruck gewonnen, daß Sie durch Intuition – eigentlich aber in Folge feiner Selbstwahrnehmung – alles das wissen, was ich in mühseliger Arbeit an andern Menschen aufgedeckt habe. Ja ich glaube, im Grunde Ihres Wesens sind Sie ein psychologischer Tiefenforscher, so ehrlich und unparteiisch und unerschrocken wie nur je einer war, und wenn Sie das nicht wären, hätten Ihre künstlerischen Fähigkeiten, Ihre Sprachkunst und Gestaltungskraft, freies Spiel gehabt, und Sie zu einem Dichter weit mehr nach dem Wunsch der Menge gemacht.4

Schnitzler stimmt mit Freud darüber ein, „daß die Forschungen der Tiefenpsychologie für den Schriftsteller ein unermessliches Ideenreservoir sein können.“5 Neben der „Differenz der Begabung“ sieht Schnitzler aber auch Differenzen der psychologischen Theorien beider Männer. „Er kennt und schätzt die Werke Freuds, steht aber der psychoanalytischen Methode mit einer gewissen Reserviertheit gegenüber, da er für sie zu dogmatisch und einseitig hält.“6 Skeptisch ist Schnitzler vor allem gegen die „Überdeterminierung einer Bildung des Unbewussten“7 und der Sexualität als Grundlage aller neurotischen Störungen. Weiterhin wandte er sich gegen eine „Willkür der Traumsymbolik“8. Letztendlich „witterte Schnitzler hinter Freuds Verallgemeinerung das verzweifelte Scheitern an der Mannigfaltigkeit der Wirklichkeit.“9

1.2 Vorbilder und Einflüsse der Novelle

Ein Teil der Kernhandlung entspricht stellenweise sogar wörtlich einer Episode Schnitzlers Leben, als seine Großtante Dora für ihren Schwager eintreten musste.

Dora Kohnberger, die sich während dieses Sommers (1887) in Ischl aufhielt, begleitete ich auf einem peinlichen Gang ins Hotel Bauer, wo wir bei einem guten Freunde für meinen Onkel Edmund Markbreiter, Doras Schwager, der wieder einmal vor dem Ruin, wenn nicht vor dem Kriminal stand, als Bittsteller vorsprachen. Es handelte sich um ein paar tausend Gulden, die durch eine Sammlung aufgebracht werden sollten, an der sich hauptsächlich Verwandte beteiligten, soweit sie nicht schon müde geworden waren, dem unverbesserlichen Verschwender und Börsenspieler, der zugleich ein so großer Advokat war, aber persönlich allen Kredit verloren hatte, beizustehen. Herr Cz., ein reicher Kunsthändler, Junggeselle, Freund der Familie und – ohne Erfolg natürlich – ein Kurmacher der Frau Dora, entschloß sich nach einer längeren Unterredung (...) zu einer Spende.1 (Hervorhebungen von mir, C.M.)

Namensgeberin der Protagonistin war wahrscheinlich die Tochter dieses Onkels, seine frühverstorbene Cousine, die Else geheißen hat.2

Schnitzler schildert eine ähnliche familiäre Distanz wie er sie der Protagonistin zuschreibt. Er hat ebenso wie er es in der Novelle gestaltet eine schwache, sich völlig mit dem Ehemann identifizierende Mutter, der er bezeichnender Weise in seiner Biographie nicht mehr als eine Erwähnung widmet.

Bei aller Zärtlichkeit , deren wir uns von den Eltern zu erfreuen hatten, bei aller Sorgfalt die auf unseren Unterricht – mehr auf diesen als auf unsere Erziehung im weiteren Sinne – verwendet wurde, war mein Vater nach Anlage, Beruf und Streben (...) doch so sehr von sich selbst erfüllt, ja auf sich angewiesen, und die Mutter in all ihrer hausfraulichen Tüchtigkeit und Übergeschäftigkeit hatte sich seiner Art und seinen Interessen so völlig und bis zur Selbstentäußerung angepasst, daß sie beide an der inneren Entwicklung ihrer Kinder viel weniger Anteil zu nehmen vermochten und dieser Entwicklung vor allem viel weniger echtes und befruchtendes Verständnis entgegengebracht, als sie sich jemals einzugestehen auch nur fähig gewesen wären.3

Die fiktive Fräulein Else weist einige identische Charakterzüge mit seiner Tochter Lili auf, die bereits in der Kindheit „Extravaganzen“4 zeigt und sich als „begnadet (...) vor vielen, und ‚jung, jung, jung’“5 empfindet. Sie spielt bereits früh mit Selbstmordgedanken, „die aber heftig abgelehnt werden“6. Anhand ihres Tagebuches von 1928 muss Schnitzler das „pathologische ihres Wesens, das erotisch besessene“ und zugleich naive bei einem „klaren, klugen“ Verstand erkennen.7 Das Tagebuch offenbart „eine zügellose erotische Phantasie“8 und

Schnitzler hat auch in bezug auf seine Tochter zuweilen von Hebephrenie gesprochen, doch hat er die Dinge nie dramatisiert und hat stets versucht –und auch daran geglaubt- Lillis psychische Labilität heilen zu können.9

2. Inhaltsangabe „Fräulein Else“

Die Innere-Monolog-Novelle „Fräulein Else“ von Arthur Schnitzler, 1924 veröffentlicht, behandelt den letal endenden Konflikt der Protagonistin Else zwischen eigenem Willen und familiärer Verantwortung.

Die 19jährige, unverheiratete Else aus Wien verbringt auf Einladung ihrer wohlhabenden Tante Emma mit dieser und ihrem Cousin Paul im Hotel Fratazza in einem italienischen Kurort, San Martino am Cimone gelegen, einige Ferientage. Hier erhält sie einen bereits erwarteten Expressbrief ihrer Mutter, die ihr mitteilt, dass ihr Vater, ein Rechtsanwalt, Mündelgelder veruntreut hat. Nun droht ihm eine Haftstrafe und damit der gesamten Familie der finanzielle und gesellschaftliche Ruin. Die Mutter verlangt von Else, den ebenfalls im Kurort anwesenden Herrn von Dorsday, einem wohlhabenden Geschäftsfreund des Vaters, noch am selben Tag um 30.000 Gulden zu bitten, da dieser Elses Vater schon früher aus einer finanziellen Verlegenheit geholfen hat. Else sucht unter großen Vorbehalten das Gespräch mit Herrn von Dorsday. Dieser erklärt sich bereit, ihr das Geld unter der Bedingung, sie eine Viertelstunde nackt sehen zu können, zu geben. Else empfindet diese Forderung als sehr beunruhigend und stellt sich in ihrer Phantasie die unterschiedlichsten Szenarien der Erfüllung dieses Verlangens sowie Ausweichmöglichkeiten vor. . So spekuliert sie vor allem mit den Gedanken an Selbstmord, um diesem inneren Konflikt zwischen Autarkie und Abhängigkeit zu entkommen. Sie konkretisiert den Wunsch nach einer Alternativlösung, indem sie sich ein Sedativum, Veronal, bereit stellt. Als sich ihre Krise aufgrund eines neu eintreffenden Telegramms ihrer Mutter mit einer Erhöhung der benötigten Summe auf 50.000 Gulden verschärft, entscheidet Else sich dazu, in der Öffentlichkeit des Diners Herrn von Dorsdays Forderung nachzukommen. So geht sie nur mit einem Mantel bekleidet in den Musiksaal, öffnet diesen vor den gesamten Gästen und bricht darauf zusammen. Sie täuscht eine Ohnmacht vor, wird auf ihr Zimmer gebracht und nimmt in einem unbeobachteten Moment eine tödliche Dosis Veronal zu sich.

3. Formale Analyse

3.1 Die Erzähltechnik Innerer Monolog

Im ausgehenden 19. Jahrhundert bestanden in „Literatur wie medizinischer Wissenschaft gleichermaßen ein starkes Interesse“ 1 für das Unbewusste. Dies führte zu neuen epischen Techniken, um den Bewusstseinstrom, Gedanken und Assoziationen, literarisch unmittelbar wiedergeben zu können.

Als erster deutschsprachiger Schriftsteller verwendet Arthur Schnitzler zur Wiedergabe des Bewusstseinstroms den Inneren Monolog 1901 im „Leutnant Gustl“ und 1924 in perfektionierter Form in „Fräulein Else“.

Durch diese Erzähltechnik erreicht Schnitzler beim Leser ein verstärktes Verständnis für die Protagonistin, denn der Innere Monolog ist durch den „totalen Verzicht auf die vermittelnden Instanz eines Erzählers“2 gekennzeichnet. Aufgrund der Verlagerung der Kommunikation auf das Ich, steht die Monologfigur Else meist im Dialog mit sich selbst. Dieser wechselt dabei zwischen einer Personenanrede und einer Ich-Anrede, die Else zwischen einer Anrede des Ich in der 1. Person Singular, der 3. Person Singular und auch der 1. Person Plural variiert.

Die Erzählperspektive ist dabei weiblich und reduziert auf die subjektive Wahrnehmung der Protagonistin. Doch treten auch fremde Stimmen in Form der direkter Rede auf, die Schnitzler graphisch durch Kursivdruck von den Gedanken Elses abhebt. Er kontrastiert dabei ironisch zwischen Gesprochenem und Gedachtem der Protagonistin.

Die Form der literarischen Wiedergabe des Bewusstseinstroms kann zur Lockerung der Syntax bis hin zu deren Auflösung führen. Schnitzler verzichtet, bis auf die letzten Gedanken der sterbenden Protagonistin, auf eine „Verstümmelung der Sprache“.3

Die Erzählzeit des Inneren Monologes ist kongruent oder länger als die erzählte Zeit.4 Bei „Fräulein Else“ umfasst die erzählte Zeit etwa sechs Stunden5, womit die genannte Beziehung zwischen der Erzählzeit und der erzählten Zeit in etwa kongruent zu nennen ist.

Die literaturwissenschaftliche Bezeichnung „stream of consciousness“ wurde (später) von dem amerikanischen Philosophen und Psychologen William James in Bezug auf einen der ersten Romane dieser Erzähltechnik des Franzosen E. Dujardin „Les Lauriers sont coupés“,1888, geprägt.1

3.2 Aufbau der Novelle

Schnitzler setzt Elses Konflikt in das Spannungsfeld äußerer Impulse und innerer Auseinandersetzung, was er auch formal umsetzt. So lässt sich die Novelle in 10 Abschnitte einteilen.

Im ersten Abschnitt von den Seiten 401 bis 405 baut Schnitzler die Rahmenhandlung seiner Novelle auf und nutzt als spannungssteigerndes Element den angekündigten Brief der Mutter, welcher Else zu einem Rückzug aus der Öffentlichkeit veranlasst. Im zweiten Abschnitt von den Seiten 406 bis 409 liest Else den Brief und ist somit der konfliktbedingenden Anforderung der Außenwelt ausgesetzt. Der dritte Abschnitt von den Seiten 409 bis 416 behandelt ihre innere Auseinandersetzung mit der Forderung der Mutter. Im vierten Abschnitt von den Seiten 416 bis 425 tritt sie im Gespräch mit Herrn von Dorsday in Kontakt zur Außenwelt und erfährt durch dessen Forderung wiederum eine erneute Steigerung ihrer Problemlage. Die Seiten 425 bis 437 stellen den fünften Abschnitt dar, in dem Else wieder gezwungen ist, in ihrer Innerlichkeit den Konflikt zu bewältigen. Mittelpunkt nicht nur dieses Abschnittes, sondern der gesamten Novelle bildet der Traum auf den Seiten 430 bis 431. Im sechsten Abschnitt auf den Seiten 438 bis 439 steigert sich aufgrund der erneuten äußeren Anforderung, durch das Eintreffen des Telegramms der Mutter, Elses Konfliktlage zu einer für sie nicht mehr zu bewältigenden Situation. Dies führt im siebten Abschnitt von den Seiten 439 bis 444 zu ihrer inneren Entscheidung, sich öffentlich, nicht in intimer Zweisamkeit mit Herrn von Dorsday, zu entkleiden. Im achten Abschnitt auf den Seiten 445 bis 451 setzt sie ihr Vorhaben eines öffentlichen Auftrittes um. Der neunte Abschnitt von den Seiten 452 bis 457 stellt ihren Rückzug ins Innere, ihre gestellte Ohnmacht, dar. Die absolute Steigerung ihres Rückzuges von außen erfolgt durch ihren Suizid im letzten, zehnten Abschnitt von den Seiten 457 bis 459.

[...]


[1] Franz Kafka in „Texte, Themen und Strukturen„, Seite 18

[2] Scheible, Hartmut, „Arthur Schnitzler und die Aufklärung„, Seite 70

[3] Schnitzler, Arthur „Fräulein Else„, Seite 447

[4] Reh, Albert, „Literatur und Psychologie„, Seite 21

[1] Schnitzler, Arthur „Fräulein Else“, Seite 447

[2], 3 Scheible, Hartmut „Schnitzler“, Seite 19

[4] Scheible, Hartmut „Schnitzler“, Seite 21

[5] Scheible, Hartmut „Schnitzler“, Seite 22

[6] Scheible, Hartmut „Schnitzler“, Seite 25

[1] Scheible, Hartmut „Schnitzler„, Seite 26

[2] Worbs, Michael „Nervenkunst„, Seite 196

[3] Scheible, Hartmut „Schnitzler„, Seite 40

[4] Scheible, Hartmut „Schnitzler„, Seite 65

[5] Scheible, Hartmut „Schnitzler„, Seite 76

[6] Scheible, Hartmut „Schnitzler„, Seite 77

[7] Scheible, Hartmut „Schnitzler„, vgl. Seiten 78 ff

[1] Farese, Giuseppe „Jugend in Wien“, Seite 235

[2] Farese, Giuseppe „Jugend in Wien“, Seite 237

[3] Scheible, Hartmut „Schnitzler und die Aufklärung“, Seite 71

[4] Farese, Giuseppe „Jugend in Wien“, Seite 233, 234

[5], 6 Farese, Giuseppe „Jugend in Wien“, Seite 300

[7] , 8, 9 Worbs, Michael „Nervenkunst“, Seite 253

[1], 2 Farese, Giuseppe „Jugend in Wien“, Seite 271

[3] Scheible, Hartmut, „Schnitzler“, Seite 13

[4], 5, 6 Farese, Giuseppe „Jugend in Wien“, Seite 304

[7], 8, 9 Farese, Giuseppe „Jugend in Wien“, Seite 305

[1] Worbs, Michael „Nervenkunst“, Seite 57

[2], 3, 4 Metzler Literaturlexikon, Seite 221

[5] Die Erzählzeit beginnt nachmittags gegen 17 Uhr und endet etwa um 23 Uhr, denn sie reflektiert nach dem Tennisspiel mit Paul und Cissy „Um vier, wie ich zum Tennis gegangen bin“ (S.402) und sie nimmt das Veronal nach ihrer Entkleidung im Musiksaal, bei dessen Eintreten sie dies mit „noch zwei Stunden (bis Mitternacht)“, kommentiert.

[1] Metzler Literaturlexikon, Seite 221

Details

Seiten
36
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638192484
ISBN (Buch)
9783638643047
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v13647
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Seminar für Literaturwissenschaft und Didaktik
Note
1
Schlagworte
Eine Untersuchung Determinanten Suizids Inneren-Monolog-Novelle Fräulein Else Arthur Schnitzler Liebeskonzepte Geschlechterkonstellationen

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Titel: Determinanten des Suizids. Eine Untersuchung der Inneren-Monolog-Novelle 'Fräulein Else', 1924 von Arthur Schnitzler