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Der Propagandafilm im Dritten Reich am Beispiel von Hans Steinhoffs "Der alte und der junge König"

Hausarbeit 2009 33 Seiten

Amerikanistik - Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Nationalsozialistische Filmpolitik nach der Machtergreifung

3. Der historische Spielfilm im Dritten Reich

4. Der alte und der junge König
4.1 Produktion
4.2 Inhaltsangabe
4.3 Propagandaelemente in Handlung und Dramaturgie
4.3.1 Glorifizierung preußischer Tugenden
4.3.2 Anti-Haltung gegenüber anderen Nationen
4.3.3 Militarismus
4.3.4 Vermittlung des Führerprinzips
4.3.5 Vermittlung traditioneller Geschlechterrollen
4.4 Rezeption und Kritik des Films

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Produktionsdaten

DVD-Ausgabe

1. Einleitung

Der Film war von Anfang eines der wichtigsten Propagandamittel der Nationalsozialistischen Deutschen-Arbeiterpartei (NSDAP) zwischen 1933 und 1945. Hauptverantwortlich für den Einsatz der Filmindustrie zur Beeinflussung und Lenkung der Bevölkerung war Reichspropagandaminister Joseph Goebbels. Wie David Stewart Hull in seiner Studie Film in The Third Reich[1] schreibt, ging Goebbels Interesse am Film sowohl über das seiner Parteigenossen, als auch darüber, was man als Hobby bezeichnen hätte können, weit hinaus. Goebbels war sowohl Filmenthusiast, als auch als Filmexperte.[2]

Goebbels wusste sehr genau Bescheid über die Möglichkeiten, die der Film in der Manipulation der Massen besaß. Dabei vertrat er ein Propagandaverständnis, das sich, zumindest bezogen auf den Film, von jenem Adolf Hitlers unterschied. Reichskanzler Hitler hatte eine klare Trennung von Kunst und Politik im Kopf: „Gewiß, ich will den Film auf der einen Seite voll und ganz als Propagandamittel ausnützen, aber so, daß der Besucher weiß: Heute gehe ich in einen politischen Film. Genau so, wie er im Sportpalast ja auch nicht Politik und Kunst gemischt zu hören bekommt. Mir ist es ein Ekel, wenn unter dem Vorwand der Kunst Politik getrieben wird. Entweder Kunst oder Politik.“[3] Goebbels hingegen war strikt gegen eine Trennung von Propaganda und Kunst. In einer Rede vor der am 14. Juli 1933 (vorläufig) bzw. 22. September 1933 (als Teil der Reichskulturkammer) eingerichteten Reichsfilmkammer sprach er sich für eine möglichst indirekte Propaganda aus: „Nicht das ist die beste Propaganda, immer sichtbar zutage zu treten, sondern das ist die beste Propaganda, die sozusagen unsichtbar wirkt, das ganze Leben durchdringt, ohne daß das öffentliche Leben überhaupt von der Initiative der Propaganda irgendeine Kenntnis hat.“[4] Aus Goebbels“

Propagandaverständnis heraus lässt sich nachvollziehen, warum die Anzahl der explizit politischen Spielfilme im Dritten Reich derart niedrig war.

Die bislang einflussreichste Kategorisierung der NS-Filmproduktion stammt von dem Filmsoziologen Gerd Albrecht, der seine Klassifizierung bereits im Jahr 1969 veröffentlichte.[5] Albrecht teilte die während der NS-Herrschaft entstanden Spielfilme in vier Kategorien ein:

1. P-Filme: Filme mit einer deutlichen politischen und propagandistischen Funktion
2. H-Filme: Heitere Filme mit dem Ziel der Unterhaltung
3. E-Filme: Ernste Filme, darunter Dramen und Tragödien
4. A-Filme: Aktionsbetonte, spannende Filme

Während Albrecht also nur eine Kategorie für klare politische Produktionen vorsah, stellte er drei Gruppen für von ihm selbst als nonpolitische, kurz nP-Filme bezeichnete Werke auf. Das entscheidende Kriterium, ob ein Film in die Gattung der P-Filme fällt, liegt für Albrecht in der Tatsache, „welchen Eindruck die Filme hinsichtlich ihrer politisch-propagandistischen Absichten nach Inhalt und/oder öffentlicher Behandlung durch das RMPV in der Öffentlichkeit hervorrufen mußten“.[6] Für Albrecht kommt es also nicht allein auf den Inhalt an, sondern auch auf die Rezeption durch das Publikum.

Nach Albrechts Klassifikation gehören von den 1094 im Dritten Reich gedrehten Spielfilmen lediglich 153 oder knapp 14% zu den explizit politischen Filmen.[7] Der Anteil der als H-Filme bezeichneten Unterhaltungsproduktionen liegt dagegen bei 47,8%.[8] Dieses Ergebnis mag auf den ersten Blick überraschen, ist aber auf den zweiten Blick kongruent zu Goebbels“ Propagandaverständnis und muss als dessen Resultat angesehen werden. Dass Albrechts Einteilung nicht unproblematisch ist, merkt Bernd Kleinhans in seiner Studie des Kinos im Dritten Reich, Ein Volk, ein Reich, ein Kino an.[9] Bei nicht wenigen Filmen ist eine klare Unterscheidung und die damit verbundene Zuweisung in eine der vier Kategorien schwierig. Die Aufteilung in P- und nP-Filme ist sogar derart problematisch, dass sie in dieser Eindeutigkeit zurückgewiesen werden muss. Wie das Beispiel des hier untersuchten Films Der alte und der junge König zeigen wird, waren nicht wenige Filme im Dritten Reich unterhaltsame Propaganda.

Der im Januar 1935 uraufgeführte Film Der alte und der junge König gehört zu den historischen NS-Spielfilmen, oder genauer, zu den Preußenfilmen, dessen Sujet Friedrich der Große war. Dieser Film war jedoch insofern atypisch, als er nicht den „Alten Fritz“ portraitierte, sondern vielmehr dessen Jugendjahre. Die

Propagandafunktionen blieben von diesem inhaltlichen Fokuswechsel jedoch weitestgehend unberührt. Der alte und der junge König, gedreht unter der Regie von Hans Steinhoff, der einige der bekanntesten Filme der NS-Zeit drehte, darunter Hitlerjunge Quex (1933) oder Ohm Krüger (1941), enthält eine ganze Reihe an Propagandaelementen in Handlung und Dramaturgie, ohne ein ausschließlich politischer Film zu sein.[10] Dazu gehören der Militarismus, das Führerprinzip, vermeintlich preußische Tugenden und Werte wie Disziplin, Gehorsam, Vaterlandsliebe, Opfersinn, ferner antibritische und antifranzösische Tendenzen, sowie eine fixe Idee der Geschlechterrollen.

Obschon ein historischer Spielfilm, der nicht selten auch als Kostümfilm bezeichnet wird, ist Der alte und der junge König ein Film, der einen starken Bezug zur damaligen Gegenwart, also zur Mitte der 1930er Jahre hat. Regisseur Steinhoff antwortete auf die Frage, ob der Film ein geschichtlicher Film sei: „Eben nicht! Sondern [ein] zeitgemäßer, zeitgerechter, zeitgebundener Film!“[11]

Im Folgenden soll gezeigt werden, dass Der alte und der junge König ein für die damalige Zeit hochaktueller Film war, der eine eindeutige, wenn auch nicht unbedingt für das damalige Durchschnittspublikum überdeutliche politische Botschaft vermittelt.[12] Dadurch nimmt der Film die von Goebbels betonte Erziehungsaufgabe[13] wahr. Der Zuschauer sollte den Kinosaal nach Ansehen dieses Films mit einem Gefühl verlassen, das dem Eindruck entsprach, der durch diesen Film vermittelt wurde. Der alte und der junge König ist ein unterhaltender Film und gleichzeitig ein überaus politischer Film, wofür nicht zuletzt die beiden Prädikate „staatspolitisch und künstlerisch besonders wertvoll“ und „volksbildend“ sprechen. Gerade diese auf den ersten Blick schwierige Verbindung ist aber für den Film im Dritten Reich ein typisches Merkmal.

2. Nationalsozialistische Filmpolitik nach der Machtergreifung

Mit der Machtergreifung beanspruchte die NSDAP die Filmindustrie für ihre politischen Ziele. Bereits zuvor, am 13. März 1933, war das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP) eingerichtet worden, dem, wie nicht anders zu erwarten gewesen war, Goebbels Vorstand. Nur fünf Tage nachdem das Ermächtigungsgesetz am 23. März 1933 den Reichstag passiert hatte, traf sich Goebbels mit führenden Filmproduzenten.[14] Anfang April sprach der Propagandaminister ein De-Facto-Berufsverbot für Juden in der Filmwirtschaft aus, deren wichtigste Verbände die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO) und die Dachorganisation der Deutschen Filmwirtschaft (DACHO) waren. Der Arier­Paragraph und neue, die Filmindustrie betreffende Gesetze brachten im Juli 1933 ein endgültiges Betätigungsverbot für Juden und Filmschaffende jüdischer Abstammung.[15]

Zur Einrichtung einer vorläufigen Filmkammer kam es am 14. Juli 1933. Als die Regierung am 22. September des gleichen Jahres die Reichskulturkammer gründete, wurde die Reichsfilmkammer (RFK) eine Unterabteilung der neuen Behörde. Für die Tätigkeit in der Filmbranche wurde die Mitgliedschaft in der RFK Pflicht, wodurch eine Nicht-Mitgliedschaft einem Berufsverbot gleichkam. So entledigten sich die Nationalsozialisten unerwünschter Produzenten, Regisseure und Schauspieler. Die RFK besaß zwar einen eigenen Präsidenten - von 1933 bis 1935 hatte dieses Amt der Jurist Fritz Scheuermann inne - die Fäden liefen jedoch in der Regel bei Goebbels zusammen, in dessen Propagandaministerium nach wie vor eine Abteilung Film existierte.

Interessanterweise entstanden im Jahr 1933 gleich mehrere Filme, die Goebbels Propagandaverständnis eigentlich zumindest partiell hätten zuwiderlaufen müssen. Bereits im Juni erschien mit SA-Mann Brand (Regie: Franz Seitz) ein Film, der schwache schauspielerische Leistungen bot und vom Publikum kaum angenommen wurde. Ende des Jahres kamen Hans Westmar (Franz Wenzler) - eine leicht abgeänderte Horst-Wessel-Biographie - und Hitlerjunge Quex in die Kinos. Nur letzterer Film, gedreht unter der Regie von Hans Steinhoff, war kommerziell erfolgreich. Wie deutlich die Propagandaelemente in diesen drei Filmen waren, belegt nicht zuletzt die Tatsache, dass die Titel sich auf der Liste der so bezeichneten Vorbehaltsfilme befinden, und damit noch heute nur in Bildungsveranstaltungen mit sachkundiger Anleitung aufgeführt werden dürfen. Keine dieser Produktionen, und auch kein anderer Film waren allerdings Staatsauftragsfilme. Obwohl sehr schnell und sehr früh gleichgeschaltet, behielt die Filmproduktion zwischen 1933 und 1945 ihre privatwirtschaftliche Struktur bei. Größte und wichtigste deutsche Filmgesellschaft war die Universum Film AG (Ufa), der der Verleger Alfred Hugenberg vorstand. In Hugenberg, zugleich Vorsitzender der Deutschnationalen Partei, hatte Hitler einen politischen Verbündeten. Diese Tatsache spiegelte sich auch in der Filmproduktion wieder.[16]

Wenn auch nach wie vor privatwirtschaftlich geführt - erst 1942 wurden alle verbliebenen Produktionsgesellschaften in der staatseigenen Ufa-Film GmbH (Ufi) zusammengeführt - unterstand die Filmproduktion der Kontrolle der Propagandaministeriums, und damit Goebbels persönlich, der sich immer mal wieder direkt in konkrete Fragen wie der nach der Rollenbesetzung einschaltete.[17] Ein enorm wirksames Instrument schuf die nationalsozialistische Regierung mit der Gründung der Filmkreditbank GmbH. Die deutsche Filmwirtschaft steckte nicht zuletzt bedingt durch die Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre in finanziellen Schwierigkeiten. Mithilfe der Filmkreditbank wurde die Produktion zwar indirekt, aber doch entscheidend beeinflusst. Politisch genehme Produktionen konnten auf diese Weise gefördert werden, während nicht-genehme Inhalte und Personen, wenn nicht schon zuvor auf andere, dann spätestens jetzt auf diese Weise gestoppt wurden. Die großen Konzerne wie Ufa, Terra und Tobis und noch mehr die kleineren Produktionsgesellschaften konnten sich trotz dieser Maßnahmen nicht aus den finanziellen Schwierigkeiten befreien, denn nach der Machtergreifung ging der Filmexport stark zurück.

[...]


[1] David Stewart Hull: Film in the Third Reich. A Study of the German Cinema 1933-1945. Berkeley, Los Angeles 1969.

[2] Ebd., S. 12.

[3] Adolf Hitler, in einem Interview mit Toni van Eyck 1932, zit. nach Gerd Albrecht (Hg.): Der Film im

[4] Dritten Reich. Eine Dokumentation. Karlsruhe 1979. S. 10.

[5] Gerd Albrecht: Nationalsozialistische Filmpolitik. Eine soziologische Untersuchung über die Spielfilme des Dritten Reiches, mit 16 Tabellen. Stuttgart 1969.

[6] Ebd., S. 105.

[7] Ebd., S. 107.

[8] Ebd., S. 110.

[9] Bernd Kleinhans: Ein Volk, ein Reich, ein Kino. Lichtspiel in der braunen Provinz. Köln 2003. S. 107— 110.

[10] Albrecht teilt den Film zu Recht in die Kategorie der P-Filme ein. Allerdings gibt es innerhalb der Gruppe der P-Filme Abstufungen, und es ließen sich Untergruppen anlegen, um die P-Filme in Art und Intensität ihrer Propaganda noch eingehender unterscheiden.

[11] Zit. nach Ulrich von der Osten: NS-Filme im Kontext sehen! »Staatspolitisch besonders wertvolle Filme« der Jahre 1934-1938. München 1998. S. 104.

[12] Wie wenig die politischen Botschaften wahrgenommen werden, zeigen mehrere Kurzinhaltsangaben, die beinahe ausschließlich den Vater-Sohn-Konflikt als zentrales Thema sehen.

[13] Vgl. Goebbels Rede vor der Reichsfilmkammer am 15. Februar 1941, zit. nach Albrecht: Der Film im Dritten Reich. S. 70-97.

[14] Hull: Film in the Third Reich. S. 18.

[15] Ebd., S. 26.

[16] Ebd., S. 20f.

[17] Vgl. Peter Reichel: Der schöne Schein des Dritten Reiches. Faszination und Gewalt des Faschismus. München 1991. S. 186f.

Details

Seiten
33
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640441341
ISBN (Buch)
9783640441082
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v136423
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Amerika-Institut
Note
1,7
Schlagworte
Nationalsozialismus Film Filmpolitik Propaganda Filmpropaganda Propaganda im Film Der alte und der junge König Hans Steinhoff Emil Jannings Drittes Reich Preußen Friedrich der Große Preußen im Film Fridericus-Rex-Film

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