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Zur Aktualität von Günther Anders 'Die Welt als Phantom und Matrize'

Hausarbeit 2009 20 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung – „Die Welt als Phantom und Matrize“: Günther Anders´ Kritik der Medien

2. Allein unter vielen – die Entstehung des „Massen-Eremiten“
2.1. Zur Phantomhaftigkeit der Welt
2.2. Die ins Haus gelieferte Ware Welt
2.3. Die Verbiederung der Welt

3. Günther Anders´ Analyse im Spiegel der heutigen Zeit – was vom Phantom übrig blieb

4. Résumé

Literaturverzeichnis

1. Einleitung – „Die Welt als Phantom und Matrize“: Günther Anders´ Kritik der Medien

Im Jahr 1956 erschien der erste Band von Günther Anders´ Hauptwerk Die Antiquiertheit des Menschen, in dem er sich mit der zunehmenden Technisierung und ihren Folgen auseinandersetzte. Im Zentrum seines Interesses standen hierbei jedoch nicht die technischen Geräte und deren Beschaffenheit, sondern stets der Mensch und sein Verhältnis zu den von ihm geschaffenen Maschinen.

Seine Philosophie der Technik [...] ist in ihrem Kern immer nur eins: philosophische Anthropologie im Zeitalter der Technokratie, Denken also, das um den Menschen bemüht ist.[1]

In drei Einzelstudien befasste sich Anders in diesem Band mit Phänomenen der Technisierung. So diagnostizierte er im Aufsatz „Über prometheische Scham“ ein Gefühl von Minderwertigkeit, das der Mensch angesichts der Perfektion seiner Maschinen empfinde. Des Weiteren setzte er sich mit den damals neuen Medien Radio und Fernsehen („Die Welt als Phantom und Matrize“) sowie der Atombombe („Über die Atombombe und die Wurzeln unserer Apokalypse-Blindheit“) auseinander. Allen drei Aufsätzen liegt eine konstitutive These zugrunde: dass der Mensch der technischen Entwicklung hinterherhinke, dass er seinen eigenen Produkten längst nicht mehr gewachsen sei. Die Tatsache dieses „von Tag zu Tag breiter werdenden Abstandes“[2] bezeichnet Günther Anders als prometheisches Gefälle. Hieraus erklärt sich auch der Titel des Werks: neben den von ihm geschaffenen Maschinen muss der Mensch selbst als „Fehlkonstruktion“ erscheinen. „Gemessen an den stofflichen Leistungen und Qualitäten seiner von ihm hergestellten Produkte und Apparate steht ohne Zweifel fest, daß er mit ihnen nicht konkurrieren kann.“[3] In diesem Sinne ist der Mensch also antiquiert.

In dieser Arbeit soll uns primär der Aufsatz „Die Welt als Phantom und Matrize“ interessieren, also Günther Anders´ Auseinandersetzung mit Rundfunk und Fernsehen, welche Konrad Paul Liessmann zufolge einen Kernpunkt seiner Philosophie darstellt.[4] Anders war im Jahre 1936 vor dem Zweiten Weltkrieg nach New York geflüchtet. Im amerikanischen Exil wurde er nun

mit den Produkten und Sozialstrukturen eines Zukunftslandes konfrontiert [...]: den Medien, der Massenkultur, verordneter Zerstreuung und der Omnipotenz und –präsenz der Produkte; Phänomene, die in Europa noch nicht ausgebildet oder gänzlich unbekannt waren.[5]

Es steht außer Frage, dass der Aufenthalt in den USA seine Philosophie entscheidend geprägt hat,[6] und so kann und muss seine Betrachtung der neuen Medien vor diesem Hintergrund gelesen werden. Günther Anders hat immer wieder betont, dass er sich als „Gelegenheitsphiloph“ verstehe[7] – als Philosoph also, dessen Reflexionen sich an Ereignissen oder, wie er sagte, den „Sachen selbst“[8] entzünden. Die Konfrontation mit dem Radio und in noch größerem Maße dem Fernsehen muss ein solches Ereignis gewesen sein. Doch angesichts der dieser neuer Phänomene war es keineswegs Faszination, die er empfand, sondern vielmehr ein tief sitzendes Unbehagen. Anders sah im Fernsehen ein Medium, das unwiderrufliche Veränderungen im Menschen, in dessen Wahrnehmung und nicht zuletzt in dessen Seele hervorrufe. Der TV-Apparat führe zu einer regelrechten Umformung des Menschen.[9] Worin diese Umformung im Einzelnen besteht, sollen im Folgenden die unter Punkt 2 aufgeführten Kapitel klären. Es werden hier die zentralen Themenkomplexe des Aufsatzes „Die Welt als Phantom und Matrize“ erläutert, um vor diesem Hintergrund schließlich eine Bewertung und Einordnung der Andersschen Thesen vorzunehmen. Dabei soll insbesondere die Frage nach der Aktualität und Relevanz seiner Medienanalyse für heutige Betrachtungen von Rundfunk und Fernsehen behandelt werden. Da der erste Band der Antiquiertheit des Menschen, wie wir sahen, untrennbar an die zeithistorischen Umstände seiner Entstehung geknüpft ist, gilt es, sich zu fragen: haben die von Anders formulierten Thesen heute noch Gültigkeit oder bedarf es an gewissen Punkten einer Ergänzung, Einschränkung oder gar Revision? Und wenn ja, worin bestünden diese? Diese Fragen sollen im Anschluss an die Texterläuterungen in Kapitel 3 diskutiert werden. Im abschließenden Résumé werden die Ergebnisse dieser Arbeit zusammengefasst und – unter Berücksichtigung von Bezügen zu anderen Technikphilosophien – in einen weiteren Kontext eingeordnet.

2. Allein unter vielen – die Entstehung des „Massen-Eremiten“

Warum waren es erst das Radio und das Fernsehen, die Günther Anders´ philosophisches Interesse an den Medien weckten? Weshalb richteten sich seine Betrachtungen nicht schon früher auf Kino oder Presse? Gemeinsam ist schließlich all diesen Medien, dass sie sich an ein großes Publikum wenden, also Massenmedien sind. Die entscheidende Differenz in Bezug auf Radio und Fernsehen besteht nun allerdings „in der Art ihrer Verwendung und in ihrem Wesen“,[10] denn während das Massenmedium Kino etwa kollektiv rezipiert wird, spaltet sich die Konsumentenmasse im Falle des Fernsehens und des Radios in eine große Anzahl von Einzelkonsumenten auf. Als Folge dieser Aufspaltung ist laut Anders „der Typ des Massen-Eremiten “ entstanden, der „einsiedlerisch im Gehäus“[11] sitzt und nicht länger in der Gemeinschaft, sondern für sich allein – solistisch – konsumiert.

Dieser Vorgang ist durch eine besondere Eigentümlichkeit gekennzeichnet. Denn der Mensch wird nicht in einen Massenmenschen verwandelt, vielmehr ist er „als Heimarbeiter höchst ungewöhnlicher Art angestellt und beschäftigt“ und aktiv an der „Verwandlung seiner selbst in einen Massenmenschen“[12] beteiligt. Absurderweise leistet er diese Arbeit durch Muße ab und hat noch dazu selbst für seine Mitarbeit zu zahlen, statt dafür entlohnt zu werden. Schließlich muss er die „Produktionsmittel“ (also das Empfangsgerät und heute in manchen Fällen auch die Sendungen) käuflich erwerben – nicht wissend, dass er damit im Grunde für die eigene Unfreiheit zahlt.[13] Gerade dieses Nichtwissen ist für Günther Anders das Heimtückische, ja Gefährliche an den Medien Radio und Fernsehen: „Da die Behandlung sich als ‚fun‘ gibt; da sie dem Opfer nicht verrät, daß sie ihm Opfer abfordert [...] bleibt sie völlig diskret.“[14] Es findet also eine Umstrukturierung statt, die umso erfolgreicher ist, als sie unbemerkt bleibt.

Diese Umstrukturierung hat schließlich auch soziale Konsequenzen, insbesondere im Bereich des Familienlebens. Günther Anders beklagt, dass das ehemals „soziale Symptommöbel der Familie: der massive, in der Mitte des Zimmers stehende, die Familie um sich versammelnde Wohnzimmertisch“[15] nun durch den TV-Apparat abgelöst wird. Letzterer wird damit zum negativen Familientisch, der die Kommunikation innerhalb der Familie erschwert oder gar unmöglich macht:

[D]ie Stuhlanordnung vor dem Schirm ist bloße Juxtapposition, die Möglichkeit, [...] einander anzusehen, besteht nur noch aus Versehen; die, miteinander zu sprechen (wenn man das überhaupt noch will und kann), nur noch durch Zufall.[16]

Während der allgemeine Tenor in den fünfziger Jahren dahin ging, das Fernsehen als „Chance für eine Renaissance der Familie“[17] aufzufassen, so schätzte Günther Anders die Situation weitaus pessimistischer ein. Denn auch wenn die Fernsehfamilie gemeinsam vor dem Bildschirm versammelt ist, ist dieses Miteinander Anders zufolge trügerisch. Tatsächlich nämlich handelt es sich nicht einmal mehr um ein Beieinander, sondern allenfalls noch um ein Nebeneinander. Die Familienmitglieder sind allesamt zu „Solisten des Massenkonsums“[18] geworden, deren letzte Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie eben den gleichen Bildschirm anstarren.

2.1. Zur Phantomhaftigkeit der Welt

In seinem Bemühen, das Wesen der Dinge zu erfassen,[19] stellt sich Anders auch im Falle der Fernsehbilder die Frage, was eigentlich ihr Wesen ausmache und wie sie sich zur ihnen zugrunde liegenden Wirklichkeit verhalten.[20] Zunächst einmal scheint es auf der Hand zu liegen, dass das Fernsehen schlichtweg aus Musik, Stimmen und bewegten Bildern zusammengesetzt ist.[21] Doch dass solch eine oberflächliche Feststellung das Wesen der Fernsehbilder nur unzureichend erfasst, legt Günther Anders dar, indem er eine grundlegende ontologische Zweideutigkeit der Bilder konstatiert. Diese resultiert daraus, dass „die gesendeten Ereignisse zugleich gegenwärtig und abwesend, zugleich wirklich und scheinbar, zugleich da und nicht da“[22] sind. Das Fernsehbild kann weder der Sphäre der Wirklichkeit noch der der Fiktionalität zugeordnet werden – schließlich finden die gesendeten Ereignisse tatsächlich statt. Doch Fernsehbild und Ereignis sind nicht identisch, das Fernsehbild ist nicht das Ereignis selbst. Dies ist zweifellos auf Anhieb einzusehen, schwieriger wird es mit Anders´ Behauptung, es sei auch nicht dessen Abbild. Günther Anders begründet diese Feststellung mit dem fehlenden Zeitgefälle zwischen Ereignis und Sendung. Ein Abbild (etwa in der bildenden Kunst) ist schließlich immer die Nach bildung nach einem Vor bild – Anders weist darauf hin, dass diese Wortwahl im Deutschen sehr sinnvoll und keineswegs zufällig ist, denn die Vorsilben „Vor-“ und „Nach-“ sind durchaus wörtlich, also zeitlich zu verstehen. Den Fernsehbildern fehlt die Qualität dieser zeitlichen Differenz nun völlig, „sie treten mit den von ihnen abgebildeten Ereignissen simultan und synchron auf; sie zeigen, nicht anders als das Teleskop, Gegenwärtiges “.[23] Aus diesem Grunde werden die Fernsehbilder in letzter Konsequenz zu Phantomen, ja die ganze Welt, die der Zuschauer durch das Fernsehen zu erfahren[24] glaubt, wird Phantom.

[...]


[1] Vgl. Liessmann, Konrad Paul: Günther Anders. Philosophieren im Zeitalter der technologischen

Revolutionen. München: Beck 2002, S. 44.

[2] Anders, Günther: Die Antiquiertheit des Menschen. Über die Seele im Zeitalter der zweiten

industriellen Revolution. Durch ein Vorwort erweiterte 5. Auflage, München: Beck 1980,

Einleitung S. 16.

[3] Reimann, Werner: Verweigerte Versöhnung. Zur Philosophie von Günther Anders. Berlin 1989, S.

33.

[4] Vgl. Liessmann, Konrad Paul: Günther Anders zur Einführung. Hamburg 1988, S. 51.

[5] Schubert, Elke: Günther Anders. Reinbek: Rowohlt 1992, S. 50.

[6] Vgl. Ebd., S. 50.

[7] Vgl. Bormann, Thomas: Die Medienkritik von Günther Anders. Hamburg 1994, S. 15ff. Vgl. auch

Hofmann, Norbert: Wegwerfwelt. Günther Anders´ „Die Antiquiertheit des Menschen“, in:

Liessmann, Konrad Paul: Günther Anders kontrovers. München: Beck 1992, S. 174.

[8] Anders, Einleitung S. 14. Dies ist auch ein Grund dafür, weshalb Günther Anders sich kaum explizit

mit der philosophischen Tradition auseinandersetzte. „So wenig sich der Astronom für Astronomie

interessiert, sondern für die Gestirne“, so wenig habe sich auch der Philosoph für die Philosophie zu

interessieren. Das Interesse des „wirklich Philosophierende[n]“ könne und dürfe nur den „Sachen

selbst“ gewidmet sein. Ebd., S. 14. Vgl. auch Hildebrandt, Helmut: Weltzustand Technik. Ein

Vergleich der Technikphilosophien von Günther Anders und Martin Heidegger. Berlin 1990, S. 13.

[9] Vgl. Liessmann 1988, S. 52.

[10] Düll, Stefan: Günther Anders und der Neoliberalismus. Über die Seele des Menschen im Zeitalter der

zweiten und dritten industriellen Revolution. Dresden 2004, S. 34.

[11] Anders, S. 102.

[12] Ebd., S. 103.

[13] Vgl. ebd., S. 103.

[14] Ebd., S. 104.

[15] Ebd., S. 106.

[16] Ebd., S. 106.

[17] Ebd., S. 104.

[18] Ebd., S. 106.

[19] Günther Anders ging es nicht nur darum, die Wirkung der Dinge auf den Menschen zu erforschen.

Vielmehr forderte er eine Psychologie der Dinge, die „den Dingen selber gleichsam in die Seele

schauen will“ (Lütkehaus, Ludger: Philosophieren nach Hiroshima. Über Günther Anders. Frankfurt

am Main: Fischer 1992, S. 15) – hieraus geht hervor, welche Rolle Anders den Dingen (und damit

auch den Medien) tatsächlich zugestand: in seinen Augen sind sie nicht Objekte, sondern vielmehr

aktiv „handelnde“ Subjekte, die uns weit mehr prägen, als uns tatsächlich bewusst ist. (Vgl. Althaus,

Gabriele: Leben zwischen Sein und Nichts. Drei Studien zu Günther Anders. Berlin: Metropol 1989,

S 89).

[20] Vgl. Liessmann 1988, S. 54.

[21] Vgl. Düll, S. 37.

[22] Anders, S. 131.

[23] Ebd., S. 132.

[24] Über den Begriff der Erfahrung, der in Anders´ Untersuchung des Fernsehens eine wichtige Rolle

spielt, wird im Kapitel „Die ins Haus gelieferte Ware Welt“ noch ausführlicher zu sprechen sein.

Details

Seiten
20
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640447275
ISBN (Buch)
9783640447527
Dateigröße
397 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v136406
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
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