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„Unternehmen Barbarossa“ - Der Feldzug Deutschlands gegen die Sowjetunion vom Juni 1941 bis März 1942

Examensarbeit 2008 78 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einführung in die Thematik, Forschungsstand und Literaturlage

2.) Die Zeit vor dem deutschen Angriff
2.1) Der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag und die Folgen
2.2) Die deutsch-sowjetische Beziehung von 1939 bis zum Angriff 1941
2.2.1) Wirtschaftliche Zusammenarbeit
2.2.2) Von politischer Kooperation zur Konfrontation

3.) Der Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941
3.1) Der Kriegsverlauf vom Juni 1941 bis März 1942
3.1.1) Aufstellung der Streitkräfte vor „Barbarossa“
3.1.2) Finnland, die Heeresgruppe Nord und Leningrad
3.1.3) Die Heeresgruppe Mitte, bis Smolensk und Moskau
3.1.4) Die Heeresgruppe Süd und die Ukraine
3.2) Die sowjetische Reaktion
3.2.1) Die Reaktionen und Handlungen bis zum März 1942
3.2.2) Die nationalen Minderheiten nach dem 22. Juni 1941
3.3) „Barbarossa“ und die Reaktionen aus dem Ausland
3.4) Die Kontroverse um die „Präventivkriegsfrage“

4.) Ideologisierung und Organisationen in den besetzten Gebieten.
4.1) Der deutsche „Kommissarbefehl“ und die Folgen
4.2) Reichskommissariate und ihre Verwaltung
4.3) Organisationen in den besetzten Gebieten der Sowjetunion

5.) Deutsche Pläne für die Zeit nach „Barbarossa“

6.) Ergebnis und Ausblick

7.) Quellen- und Literaturverzeichnis.
7.1) Quellen
7.2) Literatur
7.2.1) Monographien
7.2.2) Aufsätze

8.) Anhang
8.1) Kartenmaterial
8.1.1) Die deutschen und sowjetischen Streitkräfte im Juni 1941
8.1.2) Verlauf der Operation „Taifun“.
8.1.3) Die sowjetische Gegenoffensive bis zum März 1942
8.2) Briefmarke zum Heldengedenktag 1942

1. Einführung in die Thematik, Forschungsstand und Literaturlage

„Das Schicksal Europas, die Zukunft des Deutschen Reiches, das Dasein unseres Volkes liegen nunmehr allein in Eurer Hand. Möge uns allen in diesem Kampf der Herrgott helfen!“[1] Mit diesen Worten schloss Adolf Hitler am Sonntag, den 22. Juni 1941, seine „Rechtfertigung“ für den deutschen Angriff auf die Sowjetunion. An diesem Tag hielt „die Welt den Atem an“[2]. Das Deutsche Reich löste unter Missachtung des im August 1939 geschlossenen Hitler-Stalin-Paktes einen Krieg aus, der in diesem Ausmaß in jeglichen Auswirkungen noch nie dagewesen war. Das Unternehmen „Barbarossa“ hatte begonnen.[3]

Die Gründe für diesen Feldzug waren sehr vielschichtig. Der Angriff sollte sich von den bisherigen Kriegen und Feldzügen in Europa abheben. Wichtig ist es an dieser Stelle, das komplexe Verhältnis beider Staaten nach 1933 zueinander deutlich zu machen. Schweißte 1922 die außenpolitische Isolation Deutschlands und der Sowjetunion diese grundverschiedenen Systeme noch zusammen, so trat mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten eine Zäsur ein. Außerdem ist zu beleuchten, wie es im August 1939 zu dieser unnatürlichen Allianz der verschiedenen Wirtschaftssysteme und Ideologien kommen konnte, beziehungsweise welche Konsequenzen sich daraus bis 1941 ergaben. Ein besonderes Augenmerk gilt der Haltung der vom Panslawismus geprägten sowjetischen Außenpolitik während des Balkanfeldzuges im Frühjahr 1941. Dabei ist der scheinbare Widerspruch deutlich zu machen.

Beim Feldzug gegen die Sowjetunion ist der Fokus vor allem auf die Reaktion der UdSSR, insbesondere Stalins, auf den deutschen Angriff zu richten. Es erscheint an dieser Stelle sinnvoll, den Feldzug bis zum März 1942 zu betrachten, da sich an diesem Punkt ein abgeschlossener Zyklus ergibt. Im Falle des zeitlichen Weiterausgreifens besteht die Gefahr, in andere, weiter gefächerte Themenkomplexe des Russlandfeldzuges zu geraten. Im Übrigen beinhaltet das Thema „Barbarossa“ auch die in der Forschung kontrovers diskutierte Frage, ob es sich bei dem deutschen Angriff um einen Überfall oder um einen „Präventivschlag“ handelte. In dieser Arbeit steht die Untersuchung der Argumentationsstruktur im Mittelpunkt.

Eine weitere Besonderheit während des Russlandfeldzuges ist das Aufkommen der Ideologisierung des Krieges, dessen bestes Beispiel der sogenannte „Kommissarbefehl“ darstellt. Darüber hinaus spielen die nationalistisch motivierten Organisationen in den besetzten Gebieten der Sowjetunion eine gewichtige Rolle. Nicht nur von außen wurden mit der Besetzung Organisationen, wie beispielsweise die SS, hineingetragen, sondern auch im Inneren der besetzten Gebiete operierten, nach nationaler Unabhängigkeit strebende Gruppen wie beispielsweise die „Organisation ukrainischer Nationalisten“ (OUN) oder aber die der Wehrmacht unterstellte „russische Befreiungsarmee“ (ROA). Obwohl diese Organisationen einen relativ geringen Bekanntheitsgrad haben, gilt es auch sie zu berücksichtigen. Das Augenmerk im Rahmen dieser Arbeit liegt auf der OUN, da sie im Feldzug gegen die Sowjetunion eine gewichtige Rolle gespielt hatte. Auf eine tiefergehende Behandlung der ROA muss verzichtet werden, weil die Bildung und die Aktivitäten außerhalb des hier betrachteten Zeitraumes lag. Für das Gesamtbild des Unternehmens „Barbarossa“ kommt den angesprochenen Organisationen im Hinblick auf den Umgang mit der Bevölkerung und der Partisanentätigkeit in den besetzten Gebieten der UdSSR eine tragende Rolle zu.

Schon vor dem Beginn des Feldzuges gegen die Sowjetunion waren auf deutscher Seite erste Pläne ausgearbeitet, wie nach einem erfolgreichen Abschluss der Offensive mit den besetzten sowjetischen Gebieten verfahren werden sollte. Zentral hierbei war die Befriedung und Verwaltung der Gebiete. Hierzu wurden schon 1941 erste „Reichskommissariate“ gegründet, die für die spätere Verwaltung der besetzten Gebiete der Sowjetunion elementar waren. Festzuhalten ist außerdem, welche Auswirkungen das Unternehmen „Barbarossa“ für die deutsche Kriegswirtschaft hatte. Abschließend gilt es eine Bilanz des Russlandfeldzuges bis März 1942 zu ziehen und die weiteren Auswirkungen für den Kriegsverlauf aufzuzeigen. Ergänzend befindet sich im Anhang Kartenmaterial, um zu den Ausführungen zu der Offensive „Taifun“ die Lage erwähnter Ortschaften besser nachvollziehen zu können.

Die Literaturdichte ist als sehr ausführlich zu bezeichnen. Kaum ein anderes Kapitel des Zweiten Weltkrieges ist in solcher Bandbreite und Ausführlichkeit behandelt worden. Trotz der ideologischen Perspektiven ist kaum ein Unterschied von westlicher und sozialistischer Literatur zu erkennen, was das Faktische betrifft. Häufig kommt es zu einer Ergänzung beider Forschungen. Besonders Andreas Hillgruber schuf in der Mitte der 1960er Jahre in der Bundesrepublik mit seinem Werk zur Politik und Kriegführung Hitlers einen tiefgreifenden Wandel.[4] Er sieht im Krieg gegen die Sowjetunion eine Verschlingung von verschiedenen Faktoren in Hitlers Konzeption. Auf dieser Grundlage fand in den 1970ern eine ständige Forschung statt, die sich mit der Vielschichtigkeit „Barbarossas“ befasste.[5] Nach der Wende 1989/90 und der Öffnung vieler Archive setzte sich die Auseinandersetzung anhand neu zugänglicher Dokumente fort, wenn es bisher auch nur wenig neue Erkenntnisse innerhalb der Forschung gegeben hatte.[6] In der sozialistischen Geschichtsschreibung ließ sich allerdings eine Veränderung erkennen. Bis zur Entstalinisierung am Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre fand die Person Stalins und seiner Rolle in den ersten Tagen des Russlandfeldzugs wenig oder keine Kritik. So bezeichnete die sowjetische Kriegsgeschichtsschreibung die anfänglichen Rückzüge „planvoll“. Schon hier lässt sich eine Verschiebung deutlich machen, da vor der Entstalinisierung noch von einer militärisch „genialen“ Vorgehensweise gesprochen wird.[7] Eine Zäsur stellt die stalinkritische Rede Chrustschows vom 25. Februar 1956 vor führenden Politikern der UdSSR dar.[8] Die Post-Stalinistische Literatur ließ offenere Diskussionen zu, bezog kritische Stellung und warf Stalin sogar „ernste[] Fehler“[9] vor. Die Anzeichen für einen deutschen Angriff häuften sich schon ab Herbst 1940. Allerdings wurden die notwendigen Vorkehrungen nicht vollständig durchgeführt oder aber die Warnungen ignoriert.[10] Lücken befanden sich in der post-sowjetischen Forschung in den Bereichen der sowjetischen Kriegsgefangenen, der Kollaboration einiger Bevölkerungsteile mit den Deutschen sowie die Judenverfolgung auf sowjetischem Terrain, da diese lange Zeit taburisiert waren.[11]

2. Die Zeit vor dem deutschen Angriff

2.1) Der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag und die Folgen

Die 1930er Jahre waren stark geprägt von Zäsuren innerhalb der politischen Ebene Europas. Am nachhaltigsten war der Regierungsantritt Adolf Hitlers in Deutschland 1933. Wegen der folgenden innenpolitischen Veränderungen, wie beispielsweise die Einschränkung der Pressefreiheit oder die Gleichschaltung von Institutionen und Organisationen, wuchs in Europa die Angst vor einem erneuten Krieg. Geschürt wurden diese Befürchtungen durch die beginnende Expansion des Deutschen Reiches, deren Beginn der Einmarsch in Österreich im März 1938 und in die Tschechoslowakei im März 1939 darstellte. Als unmittelbare Reaktion darauf begannen Großbritannien und Frankreich nach einer Lösung zu suchen, Hitler von weiteren aggressiven Expansionen abzuhalten. Eine angestrebte Möglichkeit war eine Allianz von Großbritannien, Frankreich und der Sowjetunion, um Deutschland, wie bereits im Vorfeld des Ersten Weltkrieges geschehen, einzukreisen und jegliche Aggressionen umgehend unterbinden zu können. Als problematisch erwies sich vor allem das von Großbritannien sehr gering gehaltene Tempo, mit dem die Verhandlungen mit der Sowjetunion abliefen. Die bereits im Frühsommer 1939 begonnenen Gespräche verschleppten sich bis Mitte August desselben Jahres.[12]

In Berlin erkannte die Führung unterdessen sowohl die drohende Gefahr der Einkreisung, als auch die Chance, aus den sich dahinschleppenden Verhandlungen zwischen den Westalliierten und der Sowjetunion selbst Kapital zu schlagen. Befanden sich die Kontakte zwischen Deutschland und der Sowjetunion nach 1933 wegen der verschiedenen Ideologien und Wirtschaftssysteme nur auf der untersten Ebene, so unternahm die deutsche Außenpolitik im Sommer 1939 eine folgenreiche Kehrtwendung.[13] Schon die Ablösung des sowjetischen Außenkommissars Litwinow, einem Verfechter der Allianz mit den Westmächten und jüdischer Herkunft, durch Molotow am 03. Mai 1939 zog großes Interesse Hitlers auf sich.[14] Der Geschäftsführer der sowjetischen Botschaft in Berlin, Astachow, bemerkte am 12. Mai 1939, dass es eine Veränderung des deutschen Umgangstones der Sowjetunion gegenüber gab.[15] Für die Sowjetunion gab es nur drei Möglichkeiten, den außenpolitischen Weg in Europa weiterzugehen. Zum einen hätte eine Koalition mit den Westmächten unweigerlich zu einer direkten Konfrontation mit Deutschland geführt, zum anderen wäre ein Heraushalten unweigerlich in die erneute politische Isolation gemündet. Aus der sowjetischen Sicht stellte sich lediglich ein Bündnis mit dem nationalsozialistischen Deutschland als Mittelweg dar, wenn es Stalin auch klar war, dass es über kurz oder lang zu einer Konfrontation mit Hitler kommen würde.[16]

Aus ersten Kontaktaufnahmen zwischen beiden Staaten wurden schnell ernsthafte Verhandlungen. Deutschland suchte eine Übereinkunft mit der Sowjetunion, um im bereits geplanten Feldzug gegen Polen die Neutralität dieser sicher zu haben. Dafür war Hitler selbst zu großen Zugeständnissen Stalin gegenüber bereit. Molotov wollte sich in der Unterredung vom 17. August 1939 über den genauen „Preis“ der sowjetischen Neutralität nicht äußern. Stattdessen machte er den Vorschlag, dem bevorstehenden Vertrag mit Deutschland ein Zusatzprotokoll hinzuzufügen, in dem die Regelungen für die Zukunft Polens, Rumäniens, Finnlands und des Baltikums zwischen beiden Staaten festgelegt werden sollte. Der Vorschlag stieß beiderseits auf Einvernehmen. Am 23. August 1939 kam es dann in Moskau zur Unterzeichnung des Abkommens zwischen der Sowjetunion und dem Deutschen Reich.[17] Als innenpolitische Konsequenz folgte die Einstellung der jeweiligen propagandistischen Feindseligkeiten der beiden Staaten. In der Sowjetunion verschwand der Begriff „faschistisch“ aus Presse und Reden vollkommen und die Vorreiterrolle wurde im Kampf gegen den „Faschismus“ aufgegeben. Beispielsweise wurden Lieder mit feindseligen Texten innerhalb der Roten Armee verboten. Als neue Aggressoren galten die Westmächte, die einen Krieg zwischen der Sowjetunion und Deutschland zu provozieren beabsichtigten.[18] Die Umsetzung des deutsch-sowjetischen Abkommens in Deutschland gestaltete sich etwas anders. Zwar wurde die anti-sowjetische Presse eingestellt, jedoch waren die Eroberungspläne für die Sowjetunion nicht verworfen worden.[19]

Zur Aufteilung Ostmitteleuropas in Interessensphären kam noch eine Reihe von Wirtschaftsverträgen. Mit Ausbruch des Krieges in Europa 1939 war das Deutsche Reich wegen des Kriegseintritts Frankreichs und Großbritanniens vollkommen von den kriegswichtigen sowjetischen Rohstoffimporten abhängig.[20] Nach der Besetzung Polens durch Deutschland, ab 01. September 1939, und der Sowjetunion, ab 17. September 1939, wurden mit dem deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28. September 1939 noch einzelne Veränderungen an den im Vertrag festgelegten Interessengebieten vorgenommen. So wurde der Artikel eins des geheimen Zusatzprotokolls vom 23. August 1939 insofern abgeändert, als dass Deutschland auf die Interessen bezüglich Litauens verzichtete. Im Gegenzug entließ die Sowjetunion die polnischen Gebiete um Warschau und Lublin sowie den litauischen Suwalki-Zipfel[21] aus ihrem Anspruch.[22] Die baltischen Staaten wurden im Dezember 1939 von sowjetischer Seite zunächst dazu gezwungen, Militärstützpunkte für die Rote Armee zuzulassen, ehe 1940 die Annexion folgte. Bei der Interessenswahrnehmung gegenüber Finnland stieß die Sowjetunion jedoch auf Widerstand, der schließlich im finnisch-sowjetischen Winterkrieg 1939/40 mündete. In Folge dessen musste Finnland zwar Karelien und einen Landstreifen nördlich Leningrads abtreten, allerdings hatte die Rote Armee empfindliche Verluste hinnehmen müssen.[23]

2.2) Die deutsch-sowjetische Beziehung von 1939 bis zum Angriff 1941

2.2.1) Wirtschaftliche Zusammenarbeit

In der Zeit bis zum deutschen Angriff auf die Sowjetunion, am 22. Juni 1941, beschränkten sich die Beziehungen beider Staaten in erster Linie auf Basis von Wirtschaftsabkommen. Die ersten Wirtschaftsverträge vom August 1939 sahen eine Dauer von 18 Monaten vor, wovon allein in den ersten 12 Monaten Lieferungen in Höhe von ungefähr 500 Millionen Reichsmark von der UdSSR erfolgen sollten. Vor allem Futtergetreide, Hülsenfrüchte, Erdöl, Baumwolle, Phosphate und Erze stellten den Gesamtlieferumfang dar. Deutschland hingegen hatte für seine Lieferungen, zumeist Technologie, 27 Monate Zeit, trotzdem kam es immer wieder zu Verzögerungen, was seitens der Sowjetunion nicht der Fall gewesen war.[24] Ein weiterer Wirtschaftsvertrag vom 10. Februar 1940 in Höhe von 420 bis 430 Millionen Reichsmark hatte eine Laufzeit von einem Jahr und sah vor allem die Lieferung von land- und forstwirtschaftlichen und industriellen Erzeugnissen, Lebensmitteln und weiteren Produkten an Deutschland vor. Wegen der kriegsbedingten Rohstoffknappheit in Deutschland mussten auch diejenigen Rohstoffe zur Herstellung von Waffen und Munition aus der Sowjetunion importiert werden.[25] Um die Bedeutung der jeweiligen Ausfuhren zu vergleichen zu können, ist es sinnvoll, das Gesamtverhältnis der Exporte aufzuzeigen. So lag der Anteil der sowjetischen Ausfuhren nach Deutschland bei 52% des Gesamtexports, währenddessen der Anteil der deutschen Ausfuhr in die Sowjetunion von deutscher Seite her lediglich 4,4% des Exports lag. Damit wird das Missverhältnis in der wirtschaftlichen Umsetzung deutlich.[26]

Den wirtschaftlichen Höhepunkt vor dem deutschen Angriff stellt das Handelsabkommen vom 10. Januar 1941 dar. Der aufgeführte Tausch von Waren und das daraus resultierende Volumen sollte nach Blumenhagen einen Gesamtwert in Höhe von 600 bis 610 Millionen Reichsmark betragen und bis zum 11. Mai 1942 Gültigkeit besitzen. Auf Grund des Kriegsbeginns zwischen der Sowjetunion und dem Deutschen Reich kam dieser Wirtschaftsvertrag nicht mehr zur vollkommenen Entfaltung.[27]

2.2.2) Von politischer Kooperation zur Konfrontation

Die wirtschaftlichen und die politischen Kooperationen wiesen zwischen 1939 und 1941 zunehmend verschiedene Richtungen auf. Hitler war der Ansicht, dass er die sowjetische Neutralität brauchte, um einen Zweifrontenkrieg zu verhindern. Nach dem Erfolg im Feldzug in Westeuropa im Frühsommer 1940 bestand bei Hitler die Hoffnung, dass Großbritannien einlenken und den Krieg beenden würde. Allerdings lehnte die britische Regierung das „Friedensangebot“ Hitlers ab. Aus dieser Ablehnung heraus resultierte im Juli 1940 der Befehl, erste Überlegungen für einen Feldzug gegen die Sowjetunion auszuarbeiten. Die Angriffsbestrebungen gegen die Sowjetunion erhielten verstärkte Aufmerksamkeit, nachdem die geplante Invasion in Großbritannien nicht statt fand. Da es sich immer mehr abzeichnete, dass die Vereinigten Staaten von Amerika zumindest durch Waffen- und Lebensmittellieferungen an Großbritannien am Krieg teilnahmen und auf langfristige Sicht hin ein aktives Eingreifen nicht auszuschließen war, sah sich die deutsche Führung dazu angehalten, die Sowjetunion zu erobern, um die USA von einer direkten Kriegsteilnahme abhalten zu können.[28]

Für die deutsche Führung schien der Feldzug gegen die Sowjetunion notwendig, um ein eigenes Terrain inne zu haben, aus dem die besonders kriegswichtigen Rohstoffe bezogen und die Produktion von Rüstungsgütern erfolgen könnte. Das zu diesem Zeitpunkt noch bestehende Bündnis mit der UdSSR mit der Aussicht auf eine Dauerhaftigkeit, konnte in Hitlers Augen keine langfristige Lösung sein. Resultat war das Vorantreiben der Planungen für den Angriff auf die Sowjetunion.[29] Generalstabschef Halder notierte dazu, dass wenn

in Großbritannien die Hoffnung auf Rußland wegfällt, fällt auch Amerika weg, weil eine Aufwertung Japans „in ungeheurem Maße“ die Folge sei. Nach der Zerschlagung Rußlands sei Deutschland Herr Europas und des Balkans. „Entschluß: Im Zuge dieser Auseinandersetzung muß Rußland erledigt werden. […][30]

Ein erster Konfliktpunkt, der die sowjetische Interessensphäre beeinflusste, war der zweite Wiener Schiedsspruch vom 30. August 1940, der die territorialen Differenzen zwischen Ungarn und Rumänien regeln sollte. Bedeutend hierbei war, dass der Sowjetunion kein Mitspracherecht eingeräumt und es daher als gegen die UdSSR gerichtet empfunden wurde. Die neuen Grenzen Rumäniens wurden dem Abkommen nach, durch Deutschland und Italien garantiert.[31] Des Weiteren sorgte die Erneuerung des sogenannten „Dreimächtepaktes“[32] zwischen Deutschland, Italien und Japan vom 27. September 1940 bei der sowjetischen Führung für kritische Aufmerksamkeit.[33] Offiziell sollte die Haltung gegenüber der UdSSR von diesem Abkommen unangetastet bleiben, jedoch fand zwischen dem 20. November 1940 bis 25. März 1941 eine Erweiterung des „Dreimächtepaktes“ durch die Staaten Ungarn (20. November 1940), Rumänien (23. November 1940), Slowakei (24. November 1940), Bulgariens (01. März 1941) und Jugoslawiens (25. März 1941) statt. All dies ist als ein erneuter Eingriff in die sowjetische Interessensphäre zu sehen.[34]

Bei seinem Besuch am 12. und 13. November 1940 in Berlin wollte Molotow mit der deutschen Reichsregierung die weiteren Ziele der Bündnispartner abstimmen. Hitler legte in diesem Gespräch das Hauptthema auf die Zerschlagung und die Aufteilung des britischen Weltreiches zwischen Deutschland, der Sowjetunion, Japan, Italien, Frankreich und Spanien. Alles in allem verfolgte Hitler das Ziel, die traditionellen Interessensphären der UdSSR vom Balkan weg zu lenken. Stattdessen sollte das Augenmerk der UdSSR auf britische Besitzungen in Indien und Nahen Osten gelenkt werden.[35] Molotow aber zielte unter anderem auf die Frage nach der Zukunft der Türkei ab, da die Sowjetunion einen ungehinderten Zugang zum Mittelmeer anstrebte. Im Zuge dessen sollte noch die Frage gestellt werden, welche Position Hitler, als derjenige, „der über die gesamte deutsche Politik zu entscheiden habe“[36], zur sowjetischen Garantie für Bulgarien einnehmen würde. Allerdings reagierte Hitler auf die Bestätigung der Aktualität der sowjetischen Interessensgebiete sehr ausweichend und die Gespräche wurden deshalb ergebnislos abgebrochen. Aus diesem Grund ist die gescheiterte Unterredung zwischen Hitler und Molotow als Wendepunkt der Beziehungen unter beiden Staaten zu sehen.[37]

Seinen Tiefpunkt vor dem deutschen Angriff erfuhr das deutsch-sowjetische Verhältnis mit dem deutschen Engagement auf dem Balkan, insbesondere in Jugoslawien. Nach dem Beitritt zum „Dreimächtepakt“ am 25. März 1941 erfolgte am 27. März 1941 ebendort ein Putsch. Hintergrund war die Ablehnung der Annäherung mit Deutschland und die damit verbundene Gefahr, die staatliche Unabhängigkeit zu verlieren. Am 06. April 1941 schloss die sowjetische Regierung mit der neuen jugoslawischen Regierung einen „Freundschafts- und Nichtangriffspakt“, jedoch keinen Beistandspakt ab.[38] Ohne auf Loyalitätsbekundungen seitens der neuen Regierung zu warten, erließ Hitler noch am 27. März 1941 die „Führerweisung Nr. 25“, nach der Jugoslawien als „Feind betrachtet und daher so rasch als möglich zerschlagen werden“[39] sollte.[40] Der Feldzug gegen Jugoslawien, an dem sich auch italienische und ungarische Truppen beteiligten, endete am 17. April 1941 mit der Kapitulation der jugoslawischen Armee. Im Weiteren folgte die befohlene „Zerschlagung“ Jugoslawiens durch Annexionen zugunsten Deutschlands, Italiens, Bulgariens und Ungarns, sowie der Errichtung autonomer Landesteile wie Kroatien (Satellitenstaat), Serbien (deutsch besetzt) und Montenegro (italienisch besetzt).[41] Auch wenn der Balkanfeldzug eine massive Verletzung der traditionell-sowjetischen Interessensphäre markierte, so kam es zu keinerlei Intervention seitens der sowjetischen Regierung, um einen Konflikt mit Deutschland zu vermeiden. Hintergrund dessen war das Wissen Molotows und Stalins um die deutschen Angriffspläne[42] und das Ziel, keinen Vorwand für einen deutschen An-griff zu geben.[43] Daher war das Entgegenkommen der sowjetischen Regierung als hinhaltend zu bewerten, um den Angriff zumindest bis zum Herbst 1941 hinauszuzögern. Denn das fortgeschrittene Jahr ermöglichte eine deutsche Invasion erst wieder im Frühjahr 1942. Diese Zeit konnte zur Verteidigungsvorbereitung der sowjetischen Streitkräfte genutzt werden. Die These des Hinauszögerns wurde dadurch verstärkt, dass die sowjetischen Rohstofflieferungen an Deutschland mit der Zuspitzung der Balkankrise noch einmal erhöht wurden. Zu diesem Zeitpunkt wurde es aber schon auf beiden Seiten deutlich, dass eine unmittelbare Konfrontation zwischen der Sowjetunion und Deutschland als unvermeidlich schien.[44]

3. Der Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941

3.1 Der Kriegsverlauf vom Juni 1941 bis März 1942

3.1.1 Aufstellung der Streitkräfte vor „Barbarossa“

Seit Herbst 1940 begann die Verlegung von starken deutschen Truppenkontingenten an die deutsch-sowjetische Grenze. Der Krieg auf dem Balkan sorgte, wie bereits erwähnt, zu einer Verschiebung des Angriffstermins vom 15. Mai auf den 22. Juni 1941. Am 20. Juni 1941 erfolgte durch die deutsche Führung die Ausgabe des Stichwortes „Dortmund“, das den Angriffstermin endgültig bestätigte und auf die Zeit zwischen 03h00 und 03h30 festlegte.[45] Der Deckname „Barbarossa“ entstammt der Anlehnung an Kaiser Friedrich I., der den dritten Kreuzzug zur Befreiung Jerusalems anführte. Darin liegt auch die Verwendung des Begriffes „Kreuzzug“ für den Russlandfeldzug von 1941 begründet. Es sollte damit ein gemeinsamer Identifikationsfaktor bei den Menschen zwischen den besetzten Gebieten in West- und Mitteleuropa geschaffen werden, was jedoch nur bei den freiwilligen Kriegsteilnehmern gelang.[46]

Der deutsche Aufmarsch sah eine Unterteilung in drei Heeresgruppen vor.[47] Die Heeresgruppe Nord unterstand General Leeb und umfasste die 18. Armee (Generaloberst von Küchler), die 16. Armee (Generaloberst Busch) sowie die Panzergruppe 4 (Generaloberst Hoepner). 16 finnische Divisionen[48] und fünf deutsche Gebirgsdivisionen (General Dietl), zählten ebenfalls dazu. Insgesamt umfasste diese Heeresgruppe 29 Divisionen mit 570 Panzern. Hauptstoßrichtung war Leningrad, das über die gut ausgebauten Straßen nach Dünaburg und Riga, welche sich südlich des Peupussees trafen, erreicht werden sollte. Ergänzt wurde die Heeresgruppe Nord durch die Luftflotte 1 (Generaloberst Keller). Smolensk war die Hauptstoßrichtung der Heeresgruppe Mitte, die aus der 4. Armee (Generalfeldmarschall von Kluge), 9. Armee (Generaloberst Strauß), die Panzergruppe 2 (Generaloberst Hoth) und die Panzergruppe 3 (General Guderian) zusammengesetzt war. Alles in allem zählten 49 Divisionen mit 930 Panzern dazu. Anzumerken ist hier, dass nach der Überquerung der von der sowjetischen Westgrenze bis Smolensk reichende Ebene, als „Rollbahn“ bezeichnet, nach der Eroberung Smolensks der Vormarsch gestoppt werden sollte. Im Anschluss daran sollten weitere Befehle folgen, weil Leningrad, Stalingrad und die Krim in Hitlers Augen politisch und wirtschaftlich gesehen als bedeutender angesehen waren als Moskau.[49] Somit gewann die Heeresgruppe Mitte nach der deutschen Planung die Rolle einer Reserve für weitere Operationen in der Sowjetunion. Unterstützung erfolgte durch die Luftflotte 2 (General Kesselring). In den Zuständigkeitsbereich der Heeresgruppe Süd fiel die Eroberung der wirtschaftlich bedeutsamen Ukraine. Zusammengesetzt war die Heeresgruppe Süd aus der 6. Armee (Generalfeldmarschall von Reichenau), 7. Armee (General Stülpnagel), 11. Armee (General von Schobert) und der Panzergruppe 1 (Generaloberst von Kleist). Ergänzt wurde die Heeresgruppe durch die Luftflotte 4 (Generaloberst Löhr). Außerdem kamen rumänische, slowakische und ungarische Verbände hinzu.[50] Es ist an dieser Stelle zu bemerken, dass eine Kooperation zwischen den Heeresgruppen Mitte und Süd bis zum Erreichen des Dnjepr nicht möglich war, da sich zwischen ihnen die weitläufigen Pripjetsümpfe befanden. Insgesamt überschritten am 22. Juni 1941 um 03h15 morgens 145 Divisionen, inklusive 28 Divisionen der verbündeten Staaten, die Grenze zur Sowjetunion.[51] Am Unternehmen „Barbarossa“, das „von Finnland bis zum Schwarzen Meer“[52] reichte, beteiligten sich also insgesamt rund 3,2 Millionen Soldaten[53], 3350 Panzer, 2000 Flugzeuge sowie 600.000 LKW und Pferdegespanne. Zu der erwähnten Anzahl der Soldaten addierten sich bis zum Wintereinbruch 1941 noch rund 50.000 Freiwillige, die teils aus den besetzten Ländern wie Belgien, Dänemark, Frankreich und den Niederlanden, teilweise auch aus neutralen Staaten wie Spanien, vereinzelte auch aus Schweden und der Schweiz, stammten. Ein kleiner Teil der Kriegsfreiwilligen, der als „[g]ermanisch“ eingestuft wurde, kam zur Waffen-SS, die übrigen zur Wehrmacht.[54] Die Kriegführung sollte nach der schon „üblichen“ Blitzkriegsstrategie erfolgen, die einen unvorangekündigten Angriff der Luftwaffe vorsah, ehe gepanzerte Einheiten weit ins gegnerische Gebiet vorstießen, um in Zangenbewegungen Kessel zu schaffen.[55] Die „Abteilung Fremde Heere Ost“ bezifferte in ihrem Bericht vom April 1941 die Stärke der sowjetischen Truppen auf insgesamt 211 Divisionen, die an der Westgrenze auf zusammen vier „Fronten“ aufgeteilt waren. So verteilten sich im Sommer 1941 die „Nordfront“ unter der Führung Popows, die „Nordwestfront“ unter Kusnezow, die „Westfront“ unter Pawlow und die „Südwestfront“ unter Kirponos vom nördlichen Polarkreis bis hin zum Schwarzen Meer. Ihre Gesamtstärke wich entscheidend von den Schätzungen der deutschen Seite ab, die insgesamt eine Stärke von 246 Divisionen gegenüber den bezifferten 211 aufwiesen.[56] Sie setzten sich demnach aus 145 Infanteriedivisionen, 26 Kavalleriebrigaden und 40 motorisierten Brigaden mit insgesamt circa 10.000 Panzern zusammen. In dem Bericht wurde auch deutlich gemacht, dass es sich bei dem sowjetischen Material überwiegend um veraltete Fahrzeuge und Waffen handelte, also den deutschen eine qualitative Überlegenheit zusicherte.[57] Unmittelbar nach dem Beginn des „Kreuzzug[es] gegen den Bolschewismus“[58] oder dem Feldzug zum Gewinn von „Lebensraum“[59], wie Hitler den Feldzug nannte, versuchte er Japan ebenfalls zu einem Angriff auf die Sowjetunion zu bewegen. Jedoch stieß er schon sehr bald auf Ablehnung. Hintergrund war die Ersetzung des bisherigen japanischen Kabinetts Konoe. Das neue Kabinett verfolgte das Ziel einer „Asiatischen Wohlstandsphäre“ und sah ein Vorgehen gegen britische Stützpunkte in Asien und im Pazifik als Priorität vor.[60]

3.1.2 Finnland, die Heeresgruppe Nord und Leningrad

Schon am ersten Tag des Feldzuges gelang es der Heeresgruppe Nord, mehr als 50 Kilometer tief in sowjetisches Gebiet vorzudringen.[61] Der Widerstand der Roten Armee im Baltikum ist als sehr unterschiedlich zu erachten. Teilweise leistete sie heftige Gegenwehr, wie bei Dünaburg oder Rasejnaj, teilweise fehlte die Gegenwehr völlig.[62] Es zeigte sich hier recht bald die erste Krise der deutschen Wehrmacht. Auf Grund der größtenteils nur unzureichenden Motorisierung der Divisionen musste der Vormarsch bei Dünaburg angehalten werden, um das Gros der Infanterie nachrücken zu lassen. Deshalb verstrich für die Deutschen wertvolle Zeit für die Eroberung Leningrads und ließ den Verteidigern die Möglichkeit, Befestigungen zu errichten.[63] Dasselbe Problem wiederholte sich weiter nördlich, als am 14. Juli 1941 der letzte große Fluss vor Leningrad, die Luga, überquert wurde. Erneut mussten die deutschen Angriffsspitzen warten, bis die 16. und 18. Armee nach den Kämpfen im Baltikum den Anschluss gefunden hatten. Als dies am 08. August 1941 der Fall war, stießen die deutschen Truppen weiter vor und eroberten Nowgorod sowie Teile des Ilmenseeufers. Eine Einschließung Leningrads zeichnete sich zu diesem Zeitpunkt immer mehr ab. Innerhalb der Stadt wurde begonnen, sich auf einen Belagerungszustand einzurichten, wobei eine Räumung von sowjetischer Seite ausdrücklich verboten worden war.[64] Die deutsche Führung beschloss, vorerst Leningrad nicht einzunehmen, sondern zunächst zu belagern, um die Zustände innerhalb der Stadt erheblich zu verschlimmern.[65] Nach der Belagerung der Stadt stieg die Kriminalität sprunghaft an. So begann diese sich im Winter 1941/42 teilweise zu organisieren, was häufig zu Überfällen von Gruppen von „Strafgefangene[n], Deserteure[n] und elternlose[n] Jugendliche[n] […] häufig bewaffnet“[66] auf Lebensmittelgeschäfte führte. Im Anschluss daran flossen diese Güter häufig auf den sich rasch entwickelnden Schwarzmarkt. Zeitgleich bildete sich eine extremere Form der Kriminalität heraus, und zwar die des Kannibalismus. Zumeist handelte es sich bei den Tätern um Menschen, die keinerlei Existenzgrundlagen aufwiesen.[67] Durch das bewusst in Kauf genommene Chaos und Elend zeigte sich deutlich der Charakter dieses Feldzuges nur zu offensichtlich, der von Anfang an die Differenz der Perspektiven zwischen Hitler und der Militärführung zeigte. Während die Generalität den Krieg als Auseinandersetzung zweier Armeen ansah, so sah Hitler darin vielmehr einen ideologischen „Vernichtungskampf zweier Zivilisationsformen“[68]. Es erging der Befehl, eine Kapitulation der Stadt abzulehnen und sie nach der Einnahme vollständig zu zerstören.[69] Bis dahin sollte jedoch die Front für Flüchtlinge durchlässig bleiben. Dahinter stand der Gedanke, das ohnehin schon enorme Flüchtlingschaos im sowjetischen Hinterland noch zu vergrößern.[70] Des Weiteren erhielt die 16. Armee die Anweisung, das 200 Kilometer entfernte Archangelsk einzunehmen und so neben der Vereinigung mit den finnischen Streitkräften auch die wichtigen Rohstoffvorkommen zu sichern.[71] Im Oktober 1941 fiel Schlüsselburg in die Hände der Wehrmacht, wobei anzumerken ist, dass der Widerstand der Roten Armee im Vergleich zu den ersten Kriegswochen, deutlich zugenommen hatte. Auch vermehrte sich seit Kriegsbeginn die Partisanenbewegung, die vor allem im Großraum von Leningrad aktiv war und mit Fortdauer des Krieges wegen der Repressionen und Folterungen immer mehr zunahm.[72] Trotzdem gelang es, den äußeren Verteidigungsring der Stadt zu durchbrechen, in Oranienbaum starke sowjetische Streitkräfte einzuschließen und auf Tichwin vorzustoßen, das am 21. November 1941 erobert wurde, aber kurze Zeit später wieder geräumt werden musste.[73] Es lässt sich festhalten, dass Leningrad eine bedeutende Rolle im Kriegsverlauf zukam. Im Falle einer deutschen Eroberung, die im September 1941 als sehr wahrscheinlich galt, hätte die Heeresgruppe Nord im weiteren Verlauf der Operationen gegen Moskau ein entscheidendes Gewicht erlangen können. Es kann deshalb sogar soweit gegangen werden, dass die Stadt und ihre Rolle als „Festung“ in der sowjetischen Kriegsstrategie ein maßgebliches Gewicht spielte.[74] Im gesamten Abschnitt der Heeresgruppe Nord gestaltete sich die Lage als dramatisch. Insbesondere galt dies für das Gebiet um die bei Wolchow eingeschlossenen deutschen Truppen, wo für die Entsetzung eine heterogene Reserve von Hilfs- bis hin zu Eliteeinheiten herangeführt worden war.[75] Ebenso kritisch erwies sich die Lage in den von der Roten Armee eingeschlossenen Städten Demjansk und Cholm, die seit Januar 1942 abgeschnitten, jedoch ab Mitte Februar 1942 durch die deutsche Luftwaffe versorgt werden konnten. Am 02. März 1942 ergingen die deutschen Befehle, Offensiven auf Cholm am 05. März 1942 und Demjansk am 15. März 1942 zu eröffnen, um die dortigen Truppen zu entsetzen. Die Auflösung des Kessels von Cholm gelang im Mai 1942, des von Demjansk erst im Juni 1942.[76]

[...]


[1] Zitiert nach: Jacobsen, Hans-Adolf; Dollinger, Hans: Der Zweite Weltkrieg in Bildern und Dokumenten. Unternehmen „Barbarossa“ 1941. Bd. 3. München, Wien, Basel 1968. S. 49.

[2] Fest, Joachim C.: Hitler. Eine Biographie. Frankfurt am Main, Berlin (West), Wien 1973. S. 884.

[3] Boog, Horst; Förster, Jürgen; Hoffmann, Joachim; u. a.: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Der Angriff auf die Sowjetunion. Bd. 4. Stuttgart 1983. S. 451.

[4] Zuvor stand in der fachhistorischen Diskussion in der Bundesrepublik zumeist die Leiden der deutschen Bevölkerung durch Bombenkrieg, Vertreibung oder Kriegsgefangenschaft im Vordergrund. Somit kam es zu einer Überlagerung der Forschung zu den deutschen Kriegsverbrechen, vor allem in der Sowjetunion. Nolte, Hans-Heinrich: Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion 1941. Hannover 1991. S. 94 f.

[5] Ebenda, S. 95 f.

[6] Bedeutsam wäre eine Öffnung der russischen Archive, um eventuell neue Erkenntnisse oder aber Ergänzungen herbeiführen zu können. Nolte, S. 102; Siehe auch Anderle, Alfred; Basler, Werner: Juni 1941. Beiträge zur Geschichte des hitlerfaschistischen Überfalls auf die Sowjetunion. Berlin (Ost) 1961; Werth, Alexander: Russland im Krieg 1941-1945. München 1965.

[7] Nolte, S. 99.

[8] Hoffmann, Joachim: Die Kriegführung aus der Sicht der Sowjetunion. In: Boog, Horst; Förster, Jürgen; Hoffmann, Joachim; u. a.: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Der Angriff auf die Sowjetunion. Bd. 4. Stuttgart 1983. S. 713.

[9] Anderle, S. 114 f.

[10] Ebenda, S. 114; Nolte, S. 99.

[11] Nolte zählt all dies auf und macht darauf aufmerksam, dass innerhalb der sowjetischen Geschichtsschreibung eine Verfälschung in der Reihenfolge der Ofer liege. In dieser Aufzählung stünde die Zahl der sowjetischen Todesopfer vor denen der Juden, was allerdings nicht der Fall ist. So ist in Weißrussland während des Zweiten Weltkrieges mit 2.230.000 Menschen fast ein Viertel der Gesamtbevölkerung ums Leben gekommen. Verschwiegen wird dabei, dass die meisten Opfer aus der jüdischen Bevölkerung stammten. Ebenda, S. 100 f.

[12] Ein deutliches Indiz für die angesprochene Verlangsamung der Gespräche ist die Anreise der britischen Delegation. Anstatt mit dem Flugzeug nach Moskau zu reisen, wurde der deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmende Weg mit dem Schiff über die Ostsee nach Leningrad und von dort aus weiter mit der Eisenbahn nach Moskau bevorzugt. Pätzold, Kurt; Rosenfeld, Günter (Hrsg.): Sowjetstern und Hakenkreuz. Dokumente zu den deutsch-sowjetischen Beziehungen. Berlin 1990. S. 29 ff.

[13] Siehe dazu auch: Michalka, Wolfgang: Ribbentrop und die deutsche Weltpolitik 1933-1940. Außenpolitische Konzeptionen und Entscheidungsprozesse im Dritten Reich. München 1980.

[14] Anzumerken ist an dieser Stelle, dass es im Oktober 1938 zwischen Schulenburg und Litwinow zu einer Übereinkunft kam, keine Beleidigungen mehr gegenüber den jeweiligen Staatsoberhäuptern zu unternehmen. Vor allem betrafen diese Regelung die Presse und der Rundfunk. Dies ist als erstes, aber nicht entscheidendes, Anzeichen einer Annäherung beider Staaten zu werten. Oberländer, Erwin (Hrsg.): Hitler-Stalin-Pakt 1939. Das Ende Ostmitteleuropas? Frankfurt am Main 1989. S. 32.

[15] Pätzold, S. 40.

[16] Ebenda, S. 38

[17] Oberländer, S. 27 f.; Pätzold, S. 45 ff.; Vasold, Manfred: August 1939. Die letzten elf Tage vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. München o. J. S. 79.

[18] Pätzold, S. 62 f.

[19] Ebenda, S. 61 f.

[20] Das Deutsche Reich bezog beispielsweise zwischen 1939 und 1941 90% des Zinn-, 70% des Kupfer-, 80% des Kautschuk-, 65% des Öl- und 99% des Bauxidbedarfes aus der Sowjetunion. Vgl. Eickhoff, Michael; Pagels, Wilhelm; Reschl, Willy: Der unvergessene Krieg. Hitler-Deutschland gegen die Sowjetunion 1941-1945. Köln 1981. S. 31; Für eine detailliertere Darstellung der jeweiligen Import- und Exportartikel siehe Blumenhagen, Karl Heinz: Die deutsch-sowjetischen Handelsbeziehungen 1939-1941. Ihre Bedeutung für die jeweilige Kriegswirtschaft. Hamburg 1998.

[21] Der Suwalki-Zipfel ist das Gebiet, das sich an die Ostgrenze Ostpreußens anschloss und bisher die südlichste Spitze des litauischen Staatsgebietes gegenüber der polnischen Grenze darstellte. Hauptstadt dieses Gebietes war die Stadt Suwalki. Es erhielt im Folgenden die Bezeichnung „Neu-Ostpreußen“. Jacobsen, Hans-Adolf; Dollinger, Hans: Der Zweite Weltkrieg in Bildern und Dokumenten. Die „Blitzkriege“ 1939/40. Bd. 1. München, Wien, Basel 1968. S. 75 ff.

[22] Oberländer, S. 127 ff.; Pätzold, S. 66.

[23] Oberländer, S. 27 f.

[24] Pätzold, S. 64 ff.

[25] Blumenhagen, S. 412.

[26] Ebenda, S. 161; Pätzold, S. 65.

[27] Die Gesamthöhe des Wirtschaftsabkommens ist an dieser Stelle von Karl Heinz Blumenhagen übernommen, da der Warenverkehr zwischen Deutschland und der Sowjetunion hier eine detaillierte Aufschlüsselung findet. Andere Zahlen, wie beispielsweise bei Alan Bullock, belaufen sich bei ungefähr 630 Millionen Reichsmark. Vgl. dazu Bullock, Alan: Hitler und Stalin. Parallele Leben. Berlin 1991. S. 925; siehe auch Blumenhagen S. 181 ff.

[28] Pietrow-Ennker, Bianka (Hrsg.): Präventivkrieg? Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion. Frankfurt am Main 2000. S. 19 f.

[29] In der „Führerweisung Nr. 21“ vom 18. Oktober 1940 wurde der Termin für den Angriff auf die Sowjetunion auf den 15. Mai 1941 festgelegt, jedoch fand durch den Balkanfeldzug im April und Mai 1941 eine Verschiebung auf den 22. Juni statt. Ebenda, S. 25.

[30] Zitiert nach ebenda, S. 25 f.

[31] Die Erweiterung des „Dreimächtepaktes“ widersprach der von von Ribbentrop angestrebten Kontinentalblockvariante, der gegen einen Kriegseintritt der USA gerichtet sein sollte. Bullock, S. 902; Pietrow-Ennker, S. 26 f.; Jacobsen, Hans-Adolf; Dollinger, Hans: Der Zweite Weltkrieg in Bildern und Dokumenten. Krieg gegen Großbritannien 1940/41. Bd. 2. München, Wien, Basel 1968. S. 82.

[32] Jacobsen, Großbritannien, S. 82.

[33] Overy, Richard: Russlands Krieg 1941-1945. Hamburg 2003. S. 108.

[34] Eickhoff, Michael; Pagels, Wilhelm; Reschl, Willy: Der unvergessene Krieg. Hitler-Deutschland gegen die Sowjetunion. Köln 1981. S. 144; Jacobsen, Großbritannien, S. 82 f.

[35] Anzumerken ist an dieser Stelle, dass Hitler noch vor den Verhandlungen die sogenannte „Führerweisung Nr. 18“ erließ, in der unabhängig vom Ausgang der Gespräche, die Planungen für Krieg gegen die Sowjetunion fortlaufen sollten. Zudem schlug Göring Hitler vor, den Vertrag mit der Sowjetunion in ein langfristiges Bündnis umzuwandeln und die Kräfte der Roten Armee vornehmlich nach Indien zu lenken. Besymenski, Lew: Stalin und Hitler. Das Pokerspiel der Diktatoren. Berlin 2002. S. 308, Cartier, Raymond: Der Zweite Weltkrieg. 1939-1941. Bd. 1. München 1967. S. 342; Pietrow-Ennker, S. 27.

[36] Jacobsen, Großbritannien, S. 95.

[37] Wenn auch am 13. November 1940 Molotow noch ein allererster Entwurf für den Beitritt der Sowjetunion zum „Dreimächtepakt“ übergeben worden ist, so war von weiteren geplanten Verhandlungen zwischen den Regierungen der beiden Staaten keine Rede mehr. Besymenski, S. 328 f.; Bullock, S. 902; Gorodetsky, Gabriel: Die große Täuschung. Hitler, Stalin und das Unternehmen „Barbarossa“. Berlin 2001. S. 100 ff.; Overy, Russland Krieg 1941-1945. Hamburg 2003. S. 109; Pietrow-Ennker, S. 124.

[38] Werth, Alexander: Russland im Krieg 1941-1945. München 1965. S. 103.

[39] Jacobsen, Großbritannien, S. 114 f.

[40] Des Weiteren umfasste diese Planung auch die Besetzung Griechenlands, um dort eine Landung britischer Truppen zu verhindern. Voraus ging die erfolglose Offensive vom 28. Oktober 1940 der italienischen Armee, von Albanien aus Griechenland zu erobern, die letztlich zur teilweisen Besetzung Albaniens durch griechische Truppen führte. Jacobsen, Großbritannien, S. 72 ff.

[41] Jacobsen, Großbritannien, S. 112 ff.

[42] Einer der bedeutendsten Informanten der Sowjetunion, Richard Sorge, gewann das Vertrauen des deutschen Botschafters in Tokio und spielte der sowjetischen Führung immer wieder Informationen zu. Bereits am 10. März 1941 meldete Sorge, dass die deutsche Führung die japanische Regierung zu einer Beteiligung an einem Krieg gegen die Sowjetunion drängte. Im Mai 1941 wies Sorge auf die Entschlossenheit Hitlers die Sowjetunion anzugreifen hin und nannte gleichzeitig den geplanten Angriffstermin, den 22. Juni 1941. Eickhoff, S. 52; Gruchmann, Lothar: Der Zweite Weltkrieg. München 1995. S. 149 f.; Gorodetsky, S. 236 f.; Jacobsen, Hans-Adolf; Dollinger, Hans: Der Zweite Weltkrieg in Bildern und Dokumenten. Kriegswende 1942/43. Bd. 5. München, Wien, Basel 1968. S. 178 f. Zu Richard Sorge siehe auch: Japp, Alexander: Mensch und Mythos. Richard Sorge, Spion und Kundschafter. Hamburg 2006; Kreiz, Isabell: Die Sache mit Sorge. Stalins Spion in Tokio. Hamburg 2008.

[43] Stalin gab am 06. Mai 1941 seinen Posten als Generalsekretär auf und löste Molotow als Regierungschef ab. Es sollte damit klargestellt werden, dass das Verhältnis zu Deutschland eine persönliche Sache Stalins sei. Bullock, S. 936 f.

[44] Ebenda, S. 921 ff.; Werth, S. 103 ff.

[45] Klink, Ernst: Der Krieg gegen die Sowjetunion bis zur Jahreswende 1941/42. Die Operationsführung. In: Boog, Horst; Förster, Jürgen; Hoffmann, Joachim; u. a.: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Der Angriff auf die Sowjetunion. Bd. 4. Stuttgart 1983. S. 451.; Ueberschär, Gerd R.; Wette, Wolfram (Hrsg.): „Unternehmen Barbarossa“. Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion 1941. Paderborn 1984. S. 145.

[46] Der Begriff „Kreuzzug“ bildete nicht nur bei der britischen und sowjetischen Propaganda eine hervorragende Angriffsfläche, indem er als „Hakenkreuzzug“ bezeichnet wurde, sondern auch Goebbels versuchte tunlichst den Ausdruck „Kreuzzug“ zu vermeiden, da im Kreuzzug Friedrich I., große Mengen an Blut vergossen wurden und es kein vollständiger Erfolg war. Nicht zuletzt, kam Barbarossa bei dem Unterfangen selbst ums Leben. Daher sprach Goebbels schon bei der geheimen Ministerkonferenz am 27. Juni 1941 vom „Aufbruch Gesamteuropas gegen den Bolschewismus“ Ueberschär, S. 123.

[47] Siehe dazu auch das Kartenmaterial im Anhang 9.1.1.

[48] Finnland ist nicht als direkter Verbündeter Deutschlands zu sehen, da keine vertragliche Bindung bestand. Der Eintritt in den Krieg mit der Sowjetunion erfolgte nicht unter den Gesichtspunkten des Eroberungs- und Vernichtungskrieges Hitlers, sondern wurde offiziell als „Fortsetzungskrieg“ des finnisch-sowjetischen Winterkrieges von 1939/40 bezeichnet. Deutschland wurde von finnischer Seite her daher als „Waffengefährte“ bezeichnet. Jacobsen, Barbarossa, S. 11 f.; Gorodetsky, S. 121.

[49] Über die genaue Fortführung des Feldzuges gab es immer wieder Meinungsverschiedenheiten zwischen dem OKH und Hitler. Hitlers Weisung vom 21. August 1941 setzte dieser Diskussion ein Ende und machte deutlich, dass der Ukraine ein besonderes Augenmerk geschenkt werden solle, zumal die Krim von „allergrößter Bedeutung“ sei. Nach Abschluss der Eroberung der Halbinsel seien die rumänischen Ölquellen für die sowjetischen Flugzeuge außerhalb der Reichweite. Cartier, S. 396 f.; Jacobsen, Barbarossa, S. 87.

[50] Das rumänische Kontingent umfasste die rumänische 3. und 4. Armee, welche der 11. Deutschen Armee unterstellt waren. Hinzu kamen von ungarischer Seite eine Kavalleriebrigade und zwei motorisierte Divisionen und slowakischerseits eine motorisierte und zwei Infanteriedivisionen. Ihre Aufgabe bestand in der Absicherung der Flanken der Heeresgruppe Süd. Bullock, S. 948; Cartier, S. 345; Eickhoff, S. 50.

[51] Cartier, S. 345 ff.

[52] Jacobsen, Barbarossa, S. 11 f.

[53] Zu Beginn des Krieges standen 87% der insgesamt 3,8 Millionen deutschen Soldaten an der deutsch-sowjetischen Grenze. 1942 waren es noch 72% und 1943 noch 64% der Gesamtstärke, da sich die Lage auf den übrigen Kriegsschauplätzen mit fortschreitender Zeit zu Deutschlands Ungunsten entwickelte. Hartmann, Christian: Verbrecherischer Krieg-verbrecherische Wehrmacht. Überlegungen zur Struktur des deutschen Ostheeres 1941-1944. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 1 (2004), S. 4.

[54] Dahms, Hellmuth Günther: Der Weltanschauungskrieg gegen die Sowjetunion. In: Michaelis, Herbert, u. a.: Der 2. Weltkrieg. Gütersloh 1968. S. 310 f.

[55] Fest, S. 884.

[56] Dahms, S. 311.

[57] Die Zahl der Flugzeuge ist bei Cartier mit 720 Jägern, 1160 Bombern und 120 Aufklärern beziffert. Insgesamt ist festzustellen, dass die Zahl der eingesetzten Soldaten und des Kriegsmaterials innerhalb der Literatur starken Schwankungen unterworfen ist. In der vorliegenden Arbeit bilden die bei Cartier genannten Zahlen die Grundlage. Bei Ueberschär, Weinberg und Fest liegen die Ziffern bei in 153 Divisionen unterteilte 3,6 Millionen Soldaten, 3600 Panzern und 2700 Flugzeugen. Overy beziffert die Anzahl der Flugzeuge auf insgesamt 2770, davon 1085 Bomber und 920 Jagdflugzeuge. Cartier, S. 347 ff.; Overy, S. 146 f.; Ueberschär, S. 145 f.; Weinberg, Gerhard L.: Eine Welt in Waffen. Die globale Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Stuttgart 1995. S. 294.

[58] Ueberschär, S. 122.

[59] Slutsch, Sergej: Stalins „Kriegsszenario 1939“. Eine Rede, die es nie gab. Die Geschichte einer Fälschung. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 4 (2004), S. 63.

[60] Ueberschär, S. 150 ff.

[61] Bemerkenswert ist das der Offensive Vorausgegangene. So ließen sich die Truppenansammlungen und auch die vorbereiteten Brückenbauten nur schwerlich tarnen. Trotzdem gelang den deutschen Truppen der Überraschungsangriff auf die Sowjetunion. Klink, S. 463.

[62] Ebenda, S. 463 f.

[63] Ebenda, S. 468; Cartier, S. 363 f.

[64] Cartier, S. 370 ff.

[65] Durch das Abschneiden der lebenswichtigen Eisenbahnlinie nach Moskau und der zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglichen Versorgung über den Ladogasee mittels Booten, waren die rund 3,3 Millionen Einwohner Leningrads einer Hungersnot ausgeliefert. Indikator für die Lebensmittelknappheit sind die Hochrechnungen, dass zu Beginn des Oktobers 1941 die Vorräte voraussichtlich bis zum Monatsende reichen sollten. Als Mitte November 1941 beziehungsweise Anfang Dezember 1941 die Nahrungsmittelbestände aufgebraucht und die Rationen für Brot auf rund 25 Gramm abgesunken waren, begannen sich die zivilisatorischen Strukturen innerhalb der Stadt aufzulösen. Nicht selten kam es zu Übergriffen gegenüber Schwächeren, um an deren Lebensmittelkarten oder an das Hab und Gut zu gelangen. Besonders hoch lagen die Sterbeziffern bei Alten, Säuglingen, Frauen und Kindern. Bis zum Januar 1942 stieg die Todesrate auf 4000-5000 Tote pro Tag. Ab dem 20. November 1941 war es auf Grund der fallenden Temperaturen möglich, Lebensmitteltransporte über den zugefrorenen Ladogasee nach Leningrad zu transportieren, womit auch die hungerbedingte Sterblichkeitsrate leicht zu sinken begann. Die Belagerung Leningrads dauerte bis Anfang 1944 an und kostete insgesamt mehr als eine Million Menschen das Leben, wobei die meisten im Winter 1941/42 starben. Eickhoff, S. 50; Overy, S. 172 ff.

[66] Hass, Gerhart: Leben, Sterben und Überleben im belagerten Leningrad (1941-1944). In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 12 (2002), S. 1097

[67] Im Dezember 1941 wurden wegen Kannibalismus 26 und im Zeitraum bis zum 15. Februar 1942 860 weitere Menschen verurteilt. Die Verbrechensrate dieser Sparte fiel ab 1943 rapide ab. Hass, Leben, S. 1098.

[68] Cartier, S. 349.

[69] Jacobsen, Barbarossa, S. 68.

[70] Bis Ende August 1941 gelang es den Sowjets, rund 636.000 Menschen, darunter auch 216.000 Kinder und 100.000 Flüchtlinge aus dem Baltikum und aus Leningrad, zu evakuieren. Jedoch scheiterte eine Fortsetzung durch das Schließen des Belagerungsringes der Wehrmacht. Erst mit der Rückeroberung von Tichwin im Dezember 1941 gelang es, die Eisenbahnlinie nach Leningrad wieder in Betrieb zu setzen und von dort aus Lebensmittel ein- und weitere Flüchtlinge auszufahren. So wurden bis März 1942 noch einmal rund 500.000 Leningrader aus der Stadt evakuiert. Aus den verbliebenen Menschen wurden sogenannte „Arbeitermilizen“ gebildet, deren Zahl bei rund 36.000 lag. Overy, S. 168 ff.

[71] Cartier, S. 409 f.

[72] Im Jahre 1943 gewannen die Partisanen so sehr an Einfluss, dass teilweise der gesamte deutsche Feldpostverkehr der Heeresgruppe Nord zum erliegen kam. Ebenda, S. 369 ff.

[73] Ebenda, S. 415 ff.

[74] Overy, S. 181.

[75] Klink, S. 633.

[76] Der Stützpunkt in Cholm selbst wurde am 05. Mai 1942 entsetzt. Allerdings dauerte es noch bis in den Juni hinein, bis die letzten sowjetischen Widerstände in Cholm unter Kontrolle gebracht worden waren. Klink, S. 639 ff.; Jacobsen, Hans-Adolf; Dollinger, Hans: Der Zweite Weltkrieg in Bildern und Dokumenten. Die Ausweitung zum Weltkrieg 1941/42. Bd. 4. München, Wien, Basel 1968. S. 82; Weinberg, S. 328 f.

Details

Seiten
78
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640474233
Dateigröße
4.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v136228
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Historisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Barbarossa“ Feldzug Deutschlands Sowjetunion Juni März

Autor

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Titel: „Unternehmen Barbarossa“ - Der Feldzug Deutschlands gegen die Sowjetunion vom Juni 1941 bis März 1942