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Realität und Fiktion in Ludwig Tiecks "Der blonde Eckbert"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 21 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einleitung

2.) Zu den Begriffen Realität und Fiktion
2.1) Theorie der „Fiktion“ nach Todorov
2.2) Theorie der „Realität“ nach Aust
2.3) Romantische Einflüsse

3.) Realität und Fiktion in Ludwig Tiecks ‚der blonde Eckbert’
3.1) Fiktionale und reale Einflüsse sowie andere Einflüsse
3.2) Tiere und Natur als Elemente der Handlung

4.) Fazit

5.) Literaturverzeichnis
5.1) Primärliteratur
5.2) Sekundärliteratur

1. Einleitung

„Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“, so lautet die berühmte Redewendung in Shakespeares Hamlet. Diese Frage nach einer Entscheidung ist allgegenwärtig und hat immerwährende Gültigkeit. Im übertragenen Sinne stellen sich Fragen dieser Art in der Gegenwart vor allem bei Werbespots und Filmen im Fernsehen oder auf Plakaten, dabei stehen sich das Reale und das Spekulative, das Irreale gegenüber. Die Fragen in der Lebendwelt werden zumeist im inneren Monolog gestellt und auch beantwortet. Die gleiche Frage stellt sich auch in der Literatur des Übernatürlichen, wenn auch gleich auf einer anderen Ebene. Dabei geht es dann um das Reale, das „Sein“ beziehungsweise um das „Nichtsein“, das Irreale. Aber was bedeutet eigentlich das „Sein“ oder „Nichtsein“? Hängen sie zusammen und wenn ja, wie? Eine Reihe von Fragen, die diesbezüglich aufgeworfen werden und nach einer Klärung verlangen, sofern dies überhaupt möglich ist.

Auch in Ludwig Tiecks tragischem Märchen Der blonde Eckbert aus dem Jahre 1796 stellt sich unter dem bereits angesprochenen Aspekt dieser Ruf nach einer Antwort dar. Gegenstand der Handlung ist die Eheleute Eckbert und Bertha, die zusammen mit einem Freund, Walther, in einer stürmischen Nacht auf dem Sitz Eckberts im Harz vor einem Kamin sitzen. Dabei beginnt Bertha etwas aus ihrer Jugend zu erzählen. In dieser Geschichte beschreibt sie, wie sie von zuhause weggelaufen und bei einer alten Frau untergekommen ist. Die alte Frau besitzt einen kleinen Vogel, der jeden Tag ein Ei mit Kostbarkeiten legt, und einen kleinen Hund namens Strohmian. Als Bertha älter wird, flieht sie aus dem Haus der Alten, nimmt den Vogel mit und heiratet später Eckbert. Als Walther Bertha den Namen des Hundes nennen kann, der ihr entfallen ist, erleidet sie einen tödlichen Fieberschock. Kurz darauf bringt Eckbert Walther um und lebt eine Zeit lang allein, ehe er einen neuen Freund namens Hugo kennenlernt. Aber durch die vorhergegangenen Ereignisse beginnt Eckbert den Verstand zu verlieren und sieht sich am Schluss der alten Frau auf Berthas Erzählung gegenüber, ehe er wegen der Vorwürfe der Alten stirbt.

Schon beim ersten Lesen wird deutlich, dass Elemente der Fiktion und der Realität vorhanden sind. Zudem wird der Eindruck erweckt, dass die Grenzen der Wahrnehmung des Lesers und der Figuren eine besondere Rolle erhalten. Ist die Erzählstruktur zu Anfang noch klar gegliedert, so beginnt mit der einsetzenden Erzählung über das Leben Berthas und dem ihr widerfahrenen Bewusstseinswandel, die gesamte Klarheit zu verschwimmen.[1] Es ist also zu untersuchen, wie diese Veränderlichkeit innerhalb der Handlung zu Stande kommt, beziehungsweise worin ihre Begründung liegt und was damit erreicht werden soll.

In der vorliegenden Arbeit geht es also um die Realität und Fiktion in der Literatur, die sich mit dem Übernatürlichen beschäftigt. Auf der Grundlage der Einführung in die Fantastik von Tzvetan Todorov und Hugo Austs Literatur des Realismus soll versucht werden, das Übernatürliche zu definieren und in Grenzen zu fassen. Anschließend sollen an Ludwig Tiecks Werk Der blonde Eckbert die Elemente des Realen und des Irrealen hervorgehoben und, wie eben angesprochen, ihre Funktion untersucht werden. Gleichzeitig soll aufgezeigt werden, ob die Realität und die Fiktion überhaupt durch eine klare Grenze voneinander zu trennen sind.

2. Realität und Fiktion

2.1) Theorie der Fiktion nach Todorov

Der Begriff „Fiktion“ entstammt dem lateinischen Verb fingere, das soviel wie formen oder ersinnen bedeutet. Auf die Literatur angewandt, trifft der Begriff „gewollte Zustände des Autors“ für die Wahrheitsfähigkeit vollkommen zu.[2]

Todorov gibt in seiner Abhandlung zur Fantastik auch einen kurzen Einblick in die Realität, die in erster Linie durch das Alltägliche geprägt ist. Es würde jedoch an dieser Stelle zu weit führen, diesen Punkt genauer zu behandeln. Für die Fantastik stellt er die Definition auf, dass

[d]as Fantastische […] die Unschlüssigkeit, die ein Mensch empfindet, der nur die natürlichen Gesetze kennt und sich einem Ereignis gegenübersieht, das den Anschein des Übernatürlichen hat [ist][3]

und merkt an, dass die Aussagen des russischen Philosophen und Mystikers Wladimir Solowjow und des englischen Autors Montagu Rhodes James, deren Meinung nach, die Fantastik auf einem sehr schmalen Grat zwischen den „Antworten“, des Unheimlichen und des vom Wort „Wunder“ abstammenden Wunderbaren stehe, nahezu kongruent sind. Gerade wegen dieser Zwischenposition bezeichnet Todorov das Fantastische als „verschwimmend“.[4] Zusammenfassend stellt das folgende Schema dar, wie sich das Unheimliche und das Wunderbare innerhalb der Fiktion gliedern.[5]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Unheimliche setzt sich aus bekannten Fakten, den vorausgegangenen Erfahrungen und den Erlebnissen der Vergangenheit zusammen, während das Wunderbare sich aus dem Unbekannten und dem Zukünftigen zusammensetzt. Dazwischen liegt das gegenwärtige, von der Unschlüssigkeit geprägte, Fantastische. Hier geht Todorov in seiner Definition weiter als die von ihm zitierten Solowjow und James. Demnach entsteht das Unschlüssige beim Leser gleichermaßen wie bei den handelnden Personen, durch Übernatürliches, das sich in das Weltliche und in die Gesetzmäßigkeiten hineindrängt.[6] Allegorien, die generell wegen der Sicht auf einen anderen Sinn keine Zweifel beim Leser zulassen und das nicht darstellbare Poetische, müssen daher für eine Interpretation ausgeschlossen werden. Diese Strukturen lassen eine Einlassung des Lesers auf das Fantastische nicht zu.[7]

Ein Festsetzen der Grenzlinie bleibt nach Todorov der Entscheidung des Lesers vorbehalten, der sich für eine Erklärung zwischen zwei Gattungen entscheiden muss. Entweder erkennt er die bestehenden Gesetze der Realität an und entschließt sich für das Unheimliche oder aber er schließt sich den neuen Naturgesetzen an. So gelangt er in den Bereich des Wunderbaren. Auf jeden Fall tritt der Leser aus dem Fantastischen heraus, welches letztlich in einer der beiden Kategorien mündet.

Das Unvermischt Unheimliche ist eng an Gefühle, wie Angst, gebunden und ohne materielles Ereignis. Beim Fantastisch Unheimlichen findet das Unheimliche eine Erklärung, indem der Leser und der Erzähler zunächst von etwas Übernatürlichem ausgehen, ehe letztlich eine rationale Aufklärung erfolgt. Weiterhin unterteilt Todorov das Fantastisch Unheimliche in das Real-Imaginäre und in das Real-Illusorische. Beim Real-Imaginären liegt das Übernatürliche beim Leser beziehungsweise beim Erzähler. Dazu zählen auch die eigene Einbildung und der Wahnsinn. Das real-illusorische sind Zufälle oder Täuschungen, die eine rationale Erklärung finden.[8]

Entgegengesetzt dazu ist das Fantastisch Wunderbare, das nicht mit einer Erklärung, wohl aber mit der wunderbaren Anerkennung des Übernatürlichen ein Ende findet. Eine genaue Abgrenzung dieser beiden Kategorien ist sehr schwierig, denn Details entscheiden über die Zugehörigkeit zum Unheimlichen oder zum Wunderbaren.[9] Als wunderbar gilt etwas, wenn eine gewisse emotionale Distanz vorhanden ist, also die Geschehnisse weder beim Leser, noch beim Erzähler besondere Gefühle hervorrufen.[10] Für die Eingrenzung dieser Gattung führt Todorov vier Merkmale an, um das Fantastisch Wunderbare vom das Unvermischt Wunderbaren trennen zu können.[11]

Merkmale für das Fantastisch Wunderbare sind unter anderem die Übernatürlichkeit von Ausmaßen drückt das hyperbolisch-Wunderbare aus.[12] Als exotisch-Wunderbares gelten übernatürliche Ereignisse, die nicht als solche vorgestellt werden und dem Leser so keinen Grund zum Zweifel an den Gegebenheiten geben. Unter dem Aspekt des instrumental-Wunderbaren findet eine Verschmelzung von verschiedenen Epochen der Geschichte statt[13] und zum naturwissenschaftlich-Wunderbaren zählt heutzutage die Science-Fiction. In ihr werden die auftretenden übernatürlichen Elemente auf rationale Weise erklärt, jedoch die Erklärung durch die gegenwärtige Naturwissenschaft nicht anerkannt.[14]

Für das Übernatürliche selbst sind drei Merkmale maßgebend. Das erste umfasst die Wörtlichkeit. Hier wird das Bildliche wörtlich genommen und dadurch, dass es auch die letzte Stufe des Bildlichen sein kann, resultiert daraus die notwendige Übertreibung.[15]

[...]


[1] Vgl. Rath, Wolfgang: Ludwig Tieck. Das vergessene Genie. Paderborn u.a: Ferdinand Schönringh 1996. S. 262; Tieck, Ludwig: In: Literatur Lexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache. Hrsg. Von Walther Killy. München: Bertelsmann 1991. S. 368 f.

[2] Speck, Josef (Hrsg.): Handbuch wissenschaftstheoretischer Begriffe. Band 1. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1980. S. 230 f.

[3] Vgl. Todorov, Tzvetan: Einführung in die fantastische Literatur. Frankfurt am Main: Fischer 1992. S. 26.

[4] Vgl. Todorov, S. 26; 41.

[5] Vgl. Todorov, S. 42 f.

[6] Anzumerken ist hier, dass in einigen wenigen Fällen mittels sekundärer, nicht offensichtlicher Indizien das Übernatürliche bestätigt werden kann und so weder beim Leser, noch bei der Figur ein Gefühl der Ungewissheit eintritt. Vgl: Todorov, S. 27 ff.

[7] Vgl. Todorov, S. 32.

[8] Das Unheimliche wurde von Richard Alewyn im Rahmen der Gothic Novel als eine Angst definiert, die durch die “Verbindung von Geheimnis und Gefahr” entsteht. Vgl dazu: Krech, Annette: Schauererlebnis und Sinngewinn. Wirkungen des Unheimlichen in fünf Meisternovellen des 19. Jahrhunderts. Frankfurt am Main, u. a.: Peter Lang 1992. S. 10; Todorov, S. 44 f.

[9] Vgl. Todorov, S. 49 f.

[10] Märchen allgemein zählen beispielsweise zur Gattung des unvermischt Wunderbaren, sind nach Todorov nur lediglich eine „Spielart“. Sigmund Freud ist der Ansicht, dass das Märchen den Boden der Realität verlassen hat, da die Einwirkung übernatürlicher Kräfte auf die Handlung sehr wahrscheinlich ist. Damit ist auch die Frage nach der Unheimlichkeit hinfällig, da die Grundbedingung hierfür ein Streit Voraussetzung ist, ob die Handlung real möglich ist oder nicht, nicht gegeben ist. Vgl. Hienger, Jörg: Literarische Zukunftsphantastik. Eine Studie über Science Fiction. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1972. S. 219 f.; Todorov, S. 51.

[11] Die Begründung für die Darstellung der Merkmale liegt in der Undefinierbarkeit des

Unvermischt Wunderbaren. Vgl. Todorov, S. 54.

[12] Neben der von Todorov angeführten Geschichte über die Reisen des Sindbad können

hierbei auch die biblischen Texte dazugezählt werden. Vgl. Todorov, S. 52 ff.

[13] Es werden technische Gerätschaften erwähnt, die es zu dem Handlungszeitpunkt noch

Nicht gab. Beispielsweise ein sprachgesteuerter Safe und die Räuberhöhle des Ali Baba und seiner vierzig Räuber in früheren Märchen, die sich mit den Worten „Sesam öffne dich“ zu öffnen war. Vgl. Todorov, S. 52 ff.

[14] Vgl. Todorov, S. 52 ff.

[15] Vgl. Todorov, S. 71 ff.

Details

Seiten
21
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640433179
ISBN (Buch)
9783640432806
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v136218
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Realität Fiktion Ludwig Tiecks Eckbert

Autor

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