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Suchtprävention in der Schule

Diplomarbeit 2000 105 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Teil

1. Sucht und Gesellschaft
1.1Drogen als Teil der Kultur
1.2 Geschichte der Sucht
1.3 Sucht in der Moderne
1.4 Die Suchtgesellschaft?

2. Definitionen der Sucht
2.1 Soziologische Definition der Sucht
2.2 Medizinische Definition der Sucht
2.3 Psychosoziale Definiton der Sucht
2.3.1 Zeitliche Dimension der Sucht
2.3.2 Sucht als entwicklungshemmender Faktor
2.3.3 Ökologische Perspektive der Sucht

3. Individuelle Pathologie der Sucht

4. Ätiologien der Sucht
4.1 Genetische Ursachen
4.2 Psychoanalytische Theorien
4.3 Lerntheorien
4.4 Sozialpsychologische Theorien
4.5 Biologisch-phylogenetische Theorien
4.6 Mythologisch-existentielle Theorien

5. Zusammenfassung des ersten Teils

II. Teil

6. Jugend und Drogen
6.1 Jugendkultur und Drogen
6.2 Epidemiologie des Drogenkonsums bei Kindern und Jugendlichen
6.3 Funktionalität verschiedener Drogen
6.4 Grundstörungen als Voraussetzung schulischer Suchtprävention
6.4.1 Problemstellung
6.4.2 Adoleszenz als Initialstadium
6.5 Suchtbegünstigende Faktoren in der Familie
6.5.1 Elterliches Modellverhalten?
6.5.2 Broken-home-Sitution?
6.5.3 Erziehungs- und Interaktionsstil
6.5.4 Erfahrungen aus der klinischen Suchttherapie
6.5.5 Resümee
6.6 Personale Auslösefaktoren des Konsums von Drogen
6.6.1 Persönlichkeitsmerkmale
6.6.2 Entwicklungsstörungen
6.7 Zusammenfassung des zweiten Teils

III. Teil

7. Suchtprävention
7.1 Allgemeines
7.2 Sexualerziehung
7.2.1 Begründung
7.2.2 Konsequenzen
7.3 Sensorische Erziehung, Körpererleben
7.4 Bildung
7.5 Elternarbeit
7.6 Kommunikation

8. Zusammenfassung und abschließende Bemerkungen

Erklärung

Die Spitze an Sinn, man spürt es, ist das Rätsel.

Jacques

Lacan 1

Einleitung

Sucht ist ein weltweit verbreitetes Phänomen, das vor allem in den Industriegesellschaften als Problem mit epidemischem Ausmaß begriffen wird. Viele Institutionen in den modernen Gesellschaften sind mit den Auswirkungen der Sucht beschäftigt: Gesundheitswesen, kommunale Verwaltungen, Politik und Justiz. Ebenso werden viele Maßnahmen ergriffen, die der Sucht Einhalt gebieten sollen. Da Sucht eng an die Einnahme psychotroper Substanzen gebunden ist, ist ihr Konsum gesetzlich geregelt, es wird in legale und illegale Suchtstoffe unterschieden, die von Land zu Land unterschiedlich definiert werden. In der Bundesrepublik gilt das Betäubungsmittelgesetz (BtMG), das Besitz und Handel psychotroper Substanzen strengen Richtlinien unterwirft.

Polizei und Justiz sind mit der Überwachung dieses Gesetzes beauftragt, ein erheblicher Teil der Inhaftierten in Vollzugsanstalten rekrutiert sich aus Delikten gegen das BtMG; ein Drittel der Inhaftierten sind drogensüchtig, darunter überproportional viele Frauen und Kurzzeitinhaftierte ("Aktuelle Stunde" im

WDR-Fernsehen vom 17.4.00). Darüberhinaus wird Sucht in unserer Gesellschaft vor allem in wirtschaftlichen Zahlen erfaßt, d.h. im Gesundheitswesen werden Therapieplätze und -kosten errechnet, die Wirtschaft stellt Statistiken zu Arbeitsausfällen und Produktivitätseinbußen auf.

Das Thema Sucht erfährt aber auch in der Öffentlichkeit eine breite

Aufmerksamkeit. Die Angst, mit Sucht konfrontiert zu werden, trifft vor allem Eltern, die fürchten, daß ihre Kinder angesichts des großen und leicht zugänglichen Angebots an Suchtstoffen süchtig werden. Dies führt zu verschiedenartigsten Bemühungen, sich davor zu schützen, z.B. versuchen Eltern, Einfluß auf das Schulgeschehen zu nehmen, um dort den Drogenhandel zu unterbinden. In Irland, mit der europaweit derzeit höchsten Rate an Heroinkonsumenten, haben sich in besonders betroffenen Gegenden Bürgerwehren gebildet (Reportage im Öff.-Rechtl. Fernsehen 1999, näheres nicht rekonstruierbar). Abgesehen von solchen spektakulären Maßnahmen wird aber auch erkannt, daß Sucht ein weit verbreitetes Phänomen ist und gravierende Auswirkungen im gesellschaftlichen Umfeld der Betroffenen hat. Von daher wird Sucht auf vielen Ebenen in der Gesellschaft thematisiert und es bilden sich z.B. Betroffenen- und Angehörigengruppen, die neben Selbsthilfe auch Öffentlichkeitsarbeit leisten.

Sucht hat aber auch - und das macht den Kampf gegen sie schwierig - eine faszinierende Seite. Das Thema findet nicht nur vielfältigen Niederschlag in Kunst und Literatur - Fallada, Hemingway u.a. sind vielgelesene Autoren (vgl. Schwertl 19981) -, Sucht nimmt auch in der Literatur einen breiten Raum ein (vgl. Rau 1993). In der Musikszene ist ihr Einfluß noch offensichtlicher, populäre Rockmusik galt schon als Wegbereiter für Drogenkonsum (Tretter 1998). Letztlich scheint der gesamte Kreativbereich ohne Suchtstoffe nicht denkbar (vgl. Pfeiffer 1987). Ein weiteres Beispiel ist das Buch "Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", das 1979, auf dem Höhepunkt der bundesdeutschen Opiatwelle, Eingang in weite Kreise der Bevölkerung fand (Bockhofer 1988) - das aber auch aufschreckte und verstärkt die Frage nach den Ursachen stellen ließ. Seither

scheint das Bild der Sucht in den Massenmedien durch das Extrem des verelendenden jungen bis minderjährigen Fixers bzw. der Fixerin gekennzeichnet zu sein - Sucht haftet offenbar der Effekt des Nervenkitzels an (Dammer 1991).

Sucht ist damit bei weitem nicht die homogene Erscheinung, als die sie oft hingestellt wird, wenn es um Maßnahmen zur Eindämmung des Problems geht (vgl. Nissen 19941). Spätestens hier - bei Vorschlägen zur Prävention - zeigt sich, mit wieviel Emotionalität die Suchtthematik behaftet ist und mit wieviel Ideologisierung die Diskussion um sie geführt wird - wenn z.B., wie in etlichen Diskussionsbeiträgen zur Prävention, der Konsum von Tabak und Alkohol verteufelt wird (z.B. Hesse 1993).

Wenn daher, wie in dieser Arbeit, Suchtprävention - Prävention der Sucht oder Prävention von Sucht - das Thema ist, scheint es sinnvoll, etwas weiter auszuholen und das Phänomen Sucht mit seinen Insignien, den Drogen, in einen kulturgeschichtlichen Zusammenhang zu stellen, um daraus Schlüsse auf die Möglichkeiten von Prävention zu ziehen. Prävention (lat.: praevenire = zuvorkommen, überholen) bedeutet Vorbeugen, Verhüten, einem unerwünschten Geschehen, in diesem Fall der Sucht, zuvorkommen,

z.B. durch Erziehung. Inwiefern Schule hierzu einen Beitrag leisten kann, gilt es zu untersuchen und darzustellen.

Nachdem daher im ersten Teil die Bereiche Sucht und Drogen thematisiert werden, wird anschließend auf die Suchtproblematik, wie sie sich für Kinder und Jugendliche darstellt, eingegangen, wobei der Schwerpunkt auf einer entwicklungspsychologischen Sichtweise liegt. Im dritten Teil stehen die Bedingungen der Schule, und wie hier Suchtprophylaxe betrieben werden kann, zur Diskussion. Dabei

komme ich zu dem Ergebnis, daß Suchtprävention im Sinne eigens hierfür konzipierter Unterrichtseinheiten eher wenig sinnvoll ist, stattdessen süchtigem Verhalten vorbeugendes Lernen in das alltägliche Unterrichtsgeschehen integriert werden sollte. Zum Schluß geht es um die Bedeutung für Lehrerinnen und Lehrer, sich fortzubilden bzw. durch eigene Schulungen und kollegiale Gruppen die Handlungskompetenz und Unterrichtsqualität zu erhöhen und dadurch die eigene Tätigkeit befriedigender zu erleben.

1. Sucht und Gesellschaft

1.1 Drogen als Teil der Kultur

I. Teil

Drogen sind keine Erfindung der Neuzeit, auch wenn einige von ihnen wie z.B. das seit Anfang der 80er Jahre auf dem Markt befindliche Ecstasy - das genaugenommen eine Sammelbezeichnung für verschiedene Substanzen ist - erst im letzten Jahrhundert entdeckt wurden (Fromberg 1997). Stattdessen gehören Drogen, also Stoffe, die die Wahrnehmung beeinflussen, vermutlich seit jeher zum menschlichen Leben und fanden früher bei religiösen Ritualen Verwendung.

Bereits die Sumerer wußten vor über 4000 Jahren von der berauschenden Wirkung des Mohns, die Antike befaßte sich ausführlich mit seiner psychotropen Wirkung, seit Paracelsus galt eine Opium-Alkohol-Mixtur namens Laudanum als

Allround-Medizin (Tretter 1998). Hildegard von Bingen warnte dagegen in ihrem Kräuterbuch vor den gefährlichen Wirkungen des Mohnsaftes, und so dokumentiert der Basler Stadtarzt Felix Platter 1614 den ersten Fall einer Überdosierung, den ein "unwissender Quacksalber" zu verantworten hatte (Gastpar 1996).

Noch älter als die des Opiums ist die Geschichte des Alkohols

(Tretter 1998). Die Germanen sollen dem Met in einem Maße zugesprochen haben, daß Tacitus meinte, sie eher durch genügend zu trinken als durch Kriege vernichten zu können (Nissen 1994). Die Griechen kannten den Dionysoskult, die Römer den Bacchuskult, bei denen unter gewissen Spielregeln gemeinsam gezecht wurde und die quasireligiösen Charakter hatten. Man denke außerdem an die Bedeutung des Weins im christlichen Glauben. Auch andere Drogen wie Koka, Cannabis, Psylocibin und viele andere haben eine jahrtausendealte Geschichte.

Ursprünglich scheint der Gebrauch von Drogen an bestimmte Anlässe wie z.B. Totenfeiern gebunden und in feste Rituale eingebunden gewesen zu sein. Der gemeinsame Genuß von Rauschmitteln stellte einen Höhepunkt im Leben der jeweiligen Gemeinschaft dar, von dem wichtige Impulse ausgingen und der - denkt man an die Friedenspfeife der Indianer oder heutige Staatsbankette - vermutlich häufiger über die Geschicke der Menschheit entschieden hat. Mißbrauch scheint aber ebenfalls schon früher ein Thema gewesen zu sein, darauf weisen warnende Stimmen in der Antike hin (Cicero, Seneka) (vgl. Tretter). Darüberhinaus unterstreicht die Tatsache, daß alle Drogen auch als Heilmittel verwendet wurden und werden, die Nähe der berauschenden zur heilenden Wirkung (vgl. Legnaro 1995).

Drogen stellten offenbar auch immer schon einen politischen Faktor in dem Sinne dar, daß ihr Gebrauch zu reglementieren versucht wurde. Bei den Ägyptern war Wein im Gegensatz zu Bier den gehobenen Gesellschaftskreisen vorbehalten, bei den Römern Frauen der Alkohol offiziell verboten (Tretter). Nachdem in China der Genuß von Opium ab ca. 1500 n.Chr. völlig normal war,

zwischendurch auch als Appetitzügler in Notzeiten diente, verbot der Kaiser 1729 das Rauchen von Opium, als die Probleme im Zusammenhang mit süchtigem Verhalten überhand nahmen - freilich ohne Erfolg (ebd.). Die Problematik eskalierte in den Opiumkriegen mit England zwischen 1834 und 1856, in denen die Briten das Recht erzwangen, weiterhin Opium und andere Waren nach China einzuführen (Gastpar 1996). In Preusen ist Opium ab 1725 rezeptpflichtig (ebd.).

Der Kampf um die Drogen zieht sich bis in die Gegenwart, bekannt ist die Alkoholprohibition in den USA von 1917 bis 1933, die Diskussion um die Legalisierung von Haschisch, auf subtilerer Ebene auch die Diskussion um die Methadonsubstitution (vgl. z.B. Becker 1993). Drogen gehörten somit zu allen Zeiten zum Leben der Menschen, wenngleich in unterschiedlichem Maß und mit wechselnden Bedeutungen. Da ihr Konsum an kulturelle Anlässe gebunden war und in gemeinschaftsfördernder Absicht praktiziert wurde, läßt sich von einer kulturtragenden Funktion der Drogen sprechen.

1.2 Geschichte der Sucht

Die historischen Beispiele der Reglementierung zeigen, daß auch in früheren Zeiten der Konsum von Drogen an bestimmte Regeln gebunden war, einige Stimmen warnten bereits damals vor übermäßigem Gebrauch (siehe 1.1). Allgemein galt schwerer Rausch aber bis ins 15. Jhrdt. als normales und nicht besorgniserregendes Phänomen und erregte keinerlei Anstoß (Emlein 1998). Im Extremfall kontinuierlichen exzessiven Konsums wurde darin ein individuelles Problem gesehen, für das je nach Kultur Geister oder Krankheit verantwortlich gemacht wurden (ebd.).

Dies ändert sich im ausgehenden Mittelalter (16. Jhrdt.). Die Feudalherrschaft bröckelt, ein aufstrebendes Bürgertum läßt eine Ideologie entstehen, die lustfeindlich ist und exzessiven Konsum als Versagen im Kampf um wirtschaftlichen Aufstieg sieht (ebd.). Streben nach Erfolg ist nun wichtig, Leistung gilt als gottgefällig. Rausch und Genuß dagegen sind schlecht - "was früher Lust gewesen ist, wird jetzt zu [Laster und (W.K.)] Sucht" (ebd.). Von da an begleitet das Motiv persönlicher Schuld den nicht tolerierten Konsum, das Phänomen Sucht ist geboren (ebd.). Sucht besitzt damit deutlich eine soziologische Dimension als Mechanismus der Ausgrenzung gesellschaftlicher Gruppen (ebd.). Drei Konstituenten der Sucht lassen sich bestimmen:

(1) sozial auffälliger Konsum
(2) der herrschenden Ideologie entgegenstehender Konsum (z.B. sind heute Kokain-, Arbeits- oder Kaufsucht weniger geächtet als Abhängigkeit von sedierenden Stoffen, vgl. Legnaro 1995)
(3) Erfindung des Phänomens Sucht als Ausgrenzungsmechanismus, daher ihr epidemiologischer Charakter (vgl. Emlein 1998)

Trotz dieses Umschwungs bleibt neben dem Motiv der Schuld auch der Krankheitscharakter der Sucht erhalten. Das folgende Zeitalter der Aufklärung verstärkt diese Ambiguität im Suchtverständnis: Einerseits gilt übermäßiger Konsum als vernunftfeindlich und damit verwerflich, andererseits versucht eine erstarkende Medizin, auch die Sucht als Krankheit zu erfassen (Rodegra 1993). Diese divergierende Sicht auf die Sucht zieht sich bis heute durch die Suchtforschung, die zwar Erfolge in der Erforschung der Neurobiologie der Sucht vorweisen kann, die Therapie aber nach wie vor weitgehend

Pädagogik und Psychologie überlassen muß (Topel 1991).

1.3 Sucht in der Moderne

Entwicklungen im 19. Jhrdt. führen schließlich zu einem Verständnis der Sucht, das sie als im Verantwortungsbereich der Gesellschaft liegend begreift, die ihr mit den Mitteln der Erziehung, Medizin und Restriktion zu begegnen hat (Gastpar 1996). Diese Entwicklungen sind:

Technologie: Im Zuge der Industrialisierung werden ebenso wie andere Güter auch Drogen - zu medizinischen Zwecken - industriell hergestellt, mit gegenüber den Rohstoffen potenzierter Wirkung.

1827 bringt die Firma Merck das aus Opium gewonnene Morphium auf den Markt, das als Hausmittel ähnlich dem heutigen Aspirin Verwendung in der Mittelschicht findet, außerdem als Schmerzmittel (ebd.). Um 1850 wird die subkutane Injektion entdeckt, die die Wirkungsweise des Morphiums nochmals potenziert und präzisiert (ebd.). Um dieselbe Zeit kommen mit neuen Transportmitteln auch bisher ungebräuchliche Drogen wie Haschisch und Koka in die Industrieländer (Tretter). 1860 wird aus Koka Kokain gewonnen und 1862 von Merck auf den Markt gebracht (ebd.). 1891 werden zum erstenmal Amphetamine im Labor hergestellt und kommen als Appetitzügler zum Einsatz (Fromberg 1997), 1898 bringt Bayer das ursprünglich gegen Morphiumsucht entwickelte Heroin auf den Markt, das als Hustenmittel eingesetzt wird mit dem Argument, nicht süchtig zu machen (Dammer 1991).

Militärische Konflikte: In den Kriegen des 19. Jhrdts., u.a. im amerikanischen Bürgerkrieg 1861 - 1865 und dem

deutsch-französischen Krieg 1870/71, kommt Morphium massenhaft als Schmerzmittel zum Einsatz (Gastpar). Dadurch gelangt es in breitere Kreise der Bevölkerung, die Morphium vorher nicht kannten

und deren Konsummuster andere als die der Mittelschicht sind. Die heimkehrenden süchtigen Soldaten wirken zudem als Multiplikatoren, da nun auch Pflegepersonen und Angehörige mit Morphium konfrontiert sind - Sucht breitet sich aus (ebd.).

Gesellschaftlicher Wandel: Mit der zunehmenden Industrialisierung gegen Ende des 19. Jhrdts. ändern sich auch die Lebensverhältnisse der Menschen und die Gesellschaft insgesamt. Traditionelle Strukturen treten zurück zugunsten neuer Formen des Zusammenlebens, der Sippenverband löst sich zugunsten kleinerer Lebensgemeinschaften auf. Gleichzeitig wird Gemeinschaft auf anderen Ebenen gesucht, man organisiert sich in Clubs und Interessengemeinschaften, der gesellschaftliche Status, den eine Person einnimmt, wird zum wichtigen Bestandteil der Identität.

Gleichzeitig setzen gewaltige Menschenströme zwischen den Erdteilen ein und bringen einheimische Drogen und Konsummuster mit, z.B. Chinesen an der amerikanischen Westküste (Gastpar).

Andererseits treffen sie auf in den Einwanderungsländern gebräuchliche Drogen, vor allem Alkohol (Tretter). Die Einwanderungsländer wiederum exportieren Drogen und Drogentechnologie, führend ist bis zum ersten Weltkrieg die deutsche Chemieindustrie (Dammer 1991). Ein weltweiter Drogentransfer setzt ein, kulturell desintegrierter Konsum ist die Folge (Tretter).

Auf der Suche nach neuen Gemeinschaften gilt auch der Vorzug einer bestimmten Droge als identitätsstiftend, in Paris gibt es bereits um 1850 einen Club der Haschischesser, dessen Protagonist der Schriftsteller Baudelaire ist (vgl. Rauh 1993). Gleichzeitig entsteht aber ausgehend von den USA auch eine starke Abstinenzbewegung, auf deren Grundlage schließlich die Einsicht wächst, daß die Staaten durch gesetzliche Regelungen dem ungehinderten Drogenkonsum

Einhalt gebieten müssen (Gastpar). Diese Bestrebungen münden 1912 im "Haager Abkommen", das weltweit den Handel mit Drogen zwischen den Unterzeichnerstaaten regelt (Dammer 1991).

1.4 Die Suchtgesellschaft?

Das 20. Jhrdt. ist gekennzeichnet durch umfassende Industrialisierung, die wegen der damit verbundenen Umweltzerstörung an ihre Grenzen stößt, wie der "Club of Rome" in den 70er Jahren erstmals artikulierte. Außerdem prägen fortschreitende Technisierung und Globalisierung dieses Jahrhundert. Gesellschaftlich läßt es sich als durch Zersplitterung geprägt bezeichnen, d.h. die Gesellschaft zerfällt in eine Vielzahl von Gruppen, die ihre jeweils eigenen Interessen verfolgen, sich oft gegenseitig nicht wahrnehmen und zwischen denen oftmals keine Kommunikation stattfindet. Gleichzeitig formieren sich die Gruppen der Gesellschaft ständig neu, ein unübersehbarer Prozeß der Agglomeration und Auflösung findet statt, Luhmann spricht von Kontingenz (Luhmann 1987).

Das Leben der Individuen ist ebenfalls durch Segregation gekennzeichnet. Die Menschen gehen vielfältigen Aktivitäten nach, die jeweils ihren eigenen Kontext besitzen und voneinander getrennt sind: das Berufs- vom Privatleben, das Hobby vom Familienleben, der Alltag vom Urlaub, die Konsum- von der Arbeitswelt, der Freundeskreis A vom Freundeskreis B, die Bilder- von der realen Welt, Schule vom Zuhause, der Sportverein vom Diskobesuch, der Einpersonenhaushalt vom Beziehungs-, das politische vom privaten Leben. In jedem dieser Bereiche gelten andere Regeln, jede dieser Aktivitäten fordert ihre oftmals ausschließliche Aufmerksamkeit, Tretter spricht von "Parallelwelten" als "geschlossene[n] Sinnsysteme[n] [...], die aus aufeinander bezogenen Inhalten und

Werten bestehen, sich jedoch stark voneinander abgrenzen" (Tretter 1998). Für "das Ich, das die Grenze zu allem Außerhalb, zur Gegenständlichkeit bildet" (Niebling 1997), bedeutet das, daß es sich in vielen Welten bewegen muß.

"Die Geschichte des Menschen als einem gesellschaftlichen Wesen begann damit, daß er aus einem Zustand des Einsseins mit der Natur heraustrat und sich seiner selbst als einer von der ihn umgebenden Natur und seinen Mitmenschen abgesonderten Größe bewußt wurde. Allerdings blieb dieses Bewußtsein während langer Geschichtsperioden sehr vage und unbestimmt (Hervorhebung W.K.)" (Fromm 1983, zitiert nach Niebling 1997).

In der Formulierung von Fromm bedeutet die moderne Welt eine neue Qualität in der Geschichte der Menschheit. Mehr als in früheren Zeiten unterliegt der Mensch dem Zwang zur Selbststeuerung (vgl. Elias 1990). Nicht mehr größere menschliche Einheiten wie Familie, Sippe, Volksgruppe etc. bestimmen die Lebensführung, sondern der Einzelne muß von Situation zu Situation entscheiden, wie er sich verhält. Nach Niebling ist der Mensch in der modernen Welt auf sich selbst geworfen (Niebling 1997). Einher mit Individualisierung und Freiheit gehen Gefühle der Ohnmacht, Angst, Einsamkeit und Sinnlosigkeit.

"Die Fähigkeiten [des Menschen], sich Welt anzueignen und zu seinem eigenen Raum zu gestalten, werden ob der Vielfalt an Angeboten bei gleichzeitigem Mangel an qualitativen Entscheidungskriterien immer geringer. [...] Der Verlust von Grenzen, von Qualität, von Tranzendenzen hat den Effekt, daß der einzelne den

Hintergrund, vor dem er existiert und woraufhin er sein Leben entfaltet, tendenziell aus dem Blick verliert. [...] Was gestern noch Struktur verleihen konnte, kann heute schon obsolet sein" (ebd., S.39).

Die Antwort der bürgerlichen Gesellschaft auf diese Situation der Orientierungslosigkeit und Auf-sich-selbst-Geworfenheit der Menschen besteht nach Niebling im Streben nach Konsum und dem Anhäufen materieller Werte, mit denen die Menschen versuchen, sich Sicherheit und Orientierung zu verschaffen. Sie verhalten sich damit gemäß einer "bürgerlichen Rationalität" (ebd.), die in der Akkumulation ihr höchstes Ziel sieht, also der Quantität verhaftet ist. Konsum und Akkumulation ersetzen die Transzendenzen früherer Zeiten und bekommen quasireligiösen Charakter (ebd.).

Auch der moderne Drogenkonsum ist nach Niebling dem Gesetz der Menge unterworfen. Einhergehend mit dem Zwang zu Rationalität und Produktivität steigt das Bedürfnis nach Entspannung, Glück und Gemeinschaft - und damit auch das Bedürfnis nach Rausch und Ekstase. Im Unterschied zu früher wird aber auch der Rausch heute effektiv zu gestalten versucht, d.h. es werden Drogen zu Entlastungszwecken konsumiert, der Gebrauch geschieht individuell, die Wirkung wird antizipiert; Drogenkonsum wird damit unter rationalen Gesichtspunkten gehandhabt, oberstes Ziel ist das Funktionieren des Individuums in der Gesellschaft (ebd.). Damit ist der Rausch seiner Qualität, der Nichtrationalität, beraubt - das Bedürfnis der Menschen nach Transzendenz, nach übermenschlicher Struktur, nach Einheit mit dem Universum bleibt ungestillt (ebd.).

Nach Niebling ist der echte und reuelose Rausch als gemeinschaftliches Erleben einer jenseitigen Welt daher in der

bürgerlichen Gesellschaft unwiderbringlich verloren - Waren- wie Drogenkonsum schließen als "hedonistische Variante der bürgerlichen Rationalität Freude, Rausch und Ekstase [...] aus" (ebd., S.102). Konsequenz ist ein Drogenkonsum, der sich allein an Art und Menge ausrichtet, dem aber die rekreierende Funktion des Rausches fehlt, und der daher maßlos wird. Dies konstituiert nach Niebling Sucht (Niebling 1997).

Es wird deutlich, daß Niebling auch die Vernunft, die Ratio, für verselbständigt hält, die ihren Bezug zur Ganzheit des Lebens verloren hat: "In ihrer freudlosen Exzessivität aber wird die instrumentelle Vernunft zur Sucht" (ebd., S. 102). In der bürgerlichen Gesellschaft hat sich laut Niebling auch die Vernunft in den Dienst der Akkumulation gestellt und ist dem Gesetz der Menge unterworfen; damit verliert sie ihre Qualität als Instrument zur Erkennung dessen, was dem Gemein- wie dem individuellen Wohl dient (Niebling 1997).

Nach Niebling leben wir daher in einer Gesellschaft, die insgesamt als süchtig charakterisiert werden kann - aus marxistischer Sicht ist Sucht Struktur und Ausdruck der Industriegesellschaft zugleich. Drogensucht als gesellschaftliches Thema stellt in dieser Perspektive vor allem ein Symptom dar, in dem sich der Disziplinierungswille der Gesellschaft äußert (ebd.). Gleichwohl sieht Niebling Drogensucht auch als individuelles Problem, dem er allerdings nur mit Blick auf die Gesellschaft Heilung verspricht.

Ähnlich aussichtslos wie Niebling aus marxistischer Sicht sieht Schaef das Suchtgeschehen aus feministischer Sicht: Sucht sei

Ausdruck und Symptom des "Männlichen Systems" (Schaef 1989). Einher mit diesen universalen Entwürfen geht eine Tendenz in den 80er Jahren, den Begriff "Sucht" inflationär auszudehnen. Plötzlich war von Sex-, Arbeits-, Kauf-, Ich-, Fernseh-, Reise-, Rekord-, Tanz-, Autofahr-, Computer-, Abenteuersucht etc. die Rede (vgl. Winter 1993). Auch wenn dies teilweise Umbenennungen bzw. Umdeutungen alter psychopathologischer Zustandsbilder sind (z.B. Poriomanie = Wandersucht, vgl. Nissen 1994), teilweise Modeerscheinung (Heim 1993), zeigt sich darin dennoch, daß süchtige Verhaltensweisen auf viele Lebensbereiche übergreifen und als durchgängiges Merkmal der heutigen Gesellschaft aufgefaßt werden können. In neuerer Zeit machen vor allem Risiko - Sportarten von sich reden, denen ebenfalls Suchtpotential unterstellt werden kann (Winter 1993).

2. Definitionen der Sucht

2.1 Soziologische Definition

Nachdem bisher deutlich geworden ist, daß Sucht ein vielschichtiger Komplex ist, stellt sich die Frage, wie Sucht in unserer Gesellschaft definiert und damit kommuniziert wird. Eine erste, soziologische Definition wurde bereits unter 1.2 gegeben, die hier aus Gründen der Gegenüberstellung noch einmal wiederholt werden soll:

Sucht wird konstituiert durch

(1) sozial auffälligen Konsum
(2) der herrschenden Ideologie entgegenstehender Konsum (z.B. sind heute Kokain-, Arbeits- oder Kaufsucht weniger geächtet als Abhängigkeit von sedierenden Stoffen, vgl. Legnaro 1995)
(3) Erfindung des Phänomens Sucht als Ausgrenzungsmechanismus, daher ihr epidemiologischer Charakter (vgl. Emlein 1998)

2.2 Medizinische Definition

In der individualisierten Gesellschaft dominieren freilich auch individualisierende Definitionen der Sucht, maßgebend sind hier ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Disorders, 10th Revision) der Weltgesundheitsorganisation von 1992 und DSM-IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 4th Edition) der American Psychiatric Association von 1994, die als standardisierte Diagnosekriterien in der medizinischen Welt Anwendung finden. Sie heben vor allem auf eine Unterscheidung des Drogenmißbrauchs von der -abhängigkeit ab. Die Kriterien nach ICD-10 (ICD-10 1996) sind:

(1) Drogenmißbrauch: - gelegentlicher Konsum
- Gesundheitsschädigung durch Konsum, z.B. "Kater" nach Alkohol

(2) Drogenabhängigkeit: - starkes Bedürfnis nach Konsum
- anhaltender Konsum trotz Gesundheitsschädigung
- Vorrang des Konsums vor anderen Aktivitäten und Verpflichtungen
- Toleranzentwicklung, d.h. gegenüber Nichtabhängigen höhere Dosis für gleiche Wirkung
- manchmal körperliches Entzugssyndrom

In der Praxis bereitet die Anwendung dieser Definitionen Schwierigkeiten. Wie bei allen psychiatrischen Kategorien fällt eine zuverlässige Zuordnung des Einzelfalls oft schwer (Nissen 1994). So eröffnet das Kriterium der Gesundheitsschädigung ein weites Feld, über das vermeintlich harte Kriterium der Toleranzentwicklung liegen widersprüchliche Ergebnisse vor (vgl. Wolffgramm 1996). Dies vor dem Hintergrund, daß es bereits im Kapitel über "Störungen durch Einnahme psychotroper Substanzen" in DSM-III (Vorgänger von DSM-IV) heißt:

"In unserer Gesellschaft wird die Einnahme bestimmter Substanzen zur Beeinflussung der Stimmung oder des Verhaltens in einem gewissen Rahmen allgemein als normal und angemessen angesehen" (DSM-III 1980, Übersetzung W.K.).

Der Wert der medizinischen Definitionen der Sucht liegt daher eher in einer öffentlichkeitswirksamen Verständigung über das Vorhandensein des Phänomens Sucht als in wirklich stichhaltigen Kriterien. Aus systemischer Sicht ließe sich behaupten, daß damit ein umfassendes System professioneller Hilfe sprich "Sozialkontrolleure" (Heim 1993) rechtfertigt wird (z.B. Emlein 1998). Sie sind außerdem Ausdruck dafür, daß psychosoziale Probleme aus Gründen der Handhabbarkeit nach Möglichkeit medizinisch zu fassen versucht werden (ebd.).

Darüberhinaus zeigt sich in den medizinischen Definitionen auch die Zuschreibungsfunktion der Sucht: alle aufgeführten Kriterien beschreiben lediglich äußerlich sichtbares menschliches Verhalten. Sie teilt damit das Schicksal jeglicher psychiatrischen Kategorisierung, die einem Verhalten immer eine bestimmte

Motivation unterstellt (Foucault 1968). Erheblich differenzierter geben dagegen psychologische Tests Auskunft über das Vorliegen einer Sucht, z.B. der von Feuerlein entwickelte und vielzitierte MALT (Münchener Alkoholismustest) (Heimann 1994). Die Verbreitung der obengenannten medizinischen Definition der Sucht rührt daher aus ihrer vermeintlichen Stichhaltigkeit, für Therapie und Prävention der Sucht ergeben sich daraus kaum Anhaltspunkte.

2.3 Psychosoziale Definition

Eine weitere Definition der Sucht besagt, daß

jedes menschliche Verhalten süchtig ausarten kann, wenn dafür soviel Zeit aufgewendet wird, daß die weitere psychosoziale Entwicklung der Person beeinträchtigt ist (vgl. Waibel 1992).

Mit dieser Formulierung sind mehrere Perspektiven auf die Sucht impliziert, denen die folgenden Unterkapitel gelten und die ein psychosoziales Verständnis der Sucht als dem Problem am ehesten angemessen erscheinen lassen.

2.3.1 Zeitliche Dimension der Sucht

Mit der in 2.3 genannten Definiton wird zum erstenmal der zeitlichen Dimension der Sucht entsprechende Aufmerksamkeit geschenkt. Die Verknüpfung gegenwärtiger mit in die Zukunft gerichteter Perspektive scheint ein Schlüssel zum Verständnis der Sucht zu sein. Von Gebsattel (Gebsattel 1954, zitiert nach Heimann 1994):

"Der Sucht verfallen tritt der Mensch auf der Stelle, und das buchstäblich: Er scheidet aus der lebensimmanenten Zeit aus, aus der Zeit, die das Zeitigungselement der Persönlichkeit und ihrer Gestaltwerdung ist. Sie ist, die

Sucht, dem Selbstverwirklichungsdrang der Persönlichkeit konträr und hebt ihn auf."

Aus Sicht der Umwelt klinkt sich die süchtige Person also auf gewisse Weise aus der Zeit aus. Andererseits spricht einiges dafür, daß das zeitliche Erleben im süchtigen Verhalten gegenüber dem nüchternen Zustand verändert ist (vgl. Kuhn 1994). Mit der Dimension der Zeit ist daher auch die fundamentale ontologische Dimension der Sucht als besonderer Form des Zeiterlebens angesprochen (vgl. Thiel 1993).

2.3.2 Sucht als entwicklungshemmender Faktor

Außerdem greift obengenannte Definition der Sucht in der Formulierung "psychosoziale Entwicklung" die Bedingtheit von Entwicklung und Beziehungen des Individuums zu seiner Umwelt auf. Der Mensch befindet sich zeitlebens in Entwicklung, er ist ein Lebewesen, das sich in Austauschprozessen mit seiner Umwelt befindet, diese prägt und von ihr geprägt wird. Als Ideal gilt das mündige, selbstbestimmte und -verantwortliche Individuum, das in befriedigenden Beziehungen mit seiner Umwelt lebt (Hallmann 1991). Sucht wird in dieser Definition daher als - die Entwicklung des Individuums zu befriedigenden Beziehungen - beeinträchtigendes Verhalten bzw. destruktive Entwicklung gesehen (Heimann 1994). Sucht entspricht damit einem Zustand der Endostase, d.h. Erstarrung, statt dem - Lebewesen angemessenen - Zustand der Homöostase, d.h. einem dynamischen Gleichgewicht.

2.3.3 Ökologische Perspektive der Sucht

Drittens eröffnet obige Definition der Sucht eine ökologische Sichtweise, insofern sie eine Unterscheidung von süchtigem

Verhalten ("...soviel Zeit aufgewendet...") und süchtigem Individuum ("...Entwicklung der Person...") trifft und beide in Beziehung zur Umwelt ("...psychosozial...") setzt (vgl. Tretter 1998). Sie lenkt damit den Blick weg vom süchtigen Individuum hin zu Austauschprozessen zwischen Individuum, süchtigem Verhalten und Umwelt, womit Sucht als Wechsel- und Zusammenwirkung vieler Faktoren erkennbar wird. Das Schema (folgende Seite) verdeutlicht folgende Beziehungen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Vorteil dieser Aufspaltung und anschließenden Integration des Suchtkomplexes liegt vor allem in seiner entemotionalisierenden Wirkung, die oftmals fehlt, wenn das süchtige Individuum fokussiert wird. Damit ist die genannte Definition der Sucht die umfassendste, aber auch weitestgehende und am ehesten weiterführende, weshalb sie dem Folgenden zugrundegelegt wird.

3. Individuelle Pathologie der Sucht

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie aus 2.3.3 hervorgeht, kann süchtiges Verhalten als Ergebnis unterschiedlicher personaler und umweltlicher Faktoren gesehen werden. Daraus erwächst auch ihr Krankheitswert: Die individuelle Disposition - mit für die Süchtigen jeweils ganz unterschiedlicher Bedeutung und Stellung des süchtigen Verhaltens im

Lebenszusammenhang - macht Sucht zu einem Phänomen, das äußerst schwer zu erfassen ist und es in die Nähe der "Unsagbarkeit" und "Namenlosigkeit" der Depression rückt (Kuhn 1994). Einige Autoren bezeichnen die Droge daher auch als eine Art Klebstoff, der das von divergierenden Kräften - z.B. den unter 1.4 genannten verschiedenen Lebenswelten - zerrissene Individuum zu einer integren Ganzheit zusammenschweißt (vgl. Rauh 1993).

Die daraus resultierende Sprachlosigkeit gilt sowohl für die gesellschaftliche Kommunikation über Sucht als auch für Äußerungen und Erklärungsversuche der Suchtkranken zu ihrem Verhalten selber (ebd.). Bekannt ist auch, daß viele Suchtkranke nur eingeschränkten Zugang zu ihrer Emotionalität besitzen (Nissen 1994). Abgesehen von konsumbegleitenden Beschwerden (z.B. Abszesse nach Injektionen) scheint es vor allem diese isolierte, nur schwer kommunizierbare Situation des Süchtigen zu sein, die in Verbindung mit der Ablehnung süchtigen Verhaltens durch die Gesellschaft den Leidensdruck der Sucht erzeugt. Dieser Komplex wird auch als Stigmatisierung beschrieben. Sucht ließe sich so gesehen sowohl aus individueller als auch aus gesellschaftlicher Sicht als pathologische Form der Beziehungen eines Individuums zu seiner Umwelt begreifen.

In Annäherung an die intrapsychische Dimension der Sucht präzisiert Waibel die psychosoziale Definition daher dahingehend, daß süchtiges Verhalten durch folgende Merkmale gekennzeichnet sei (Waibel 1992):

- Es wird zwanghaft wiederholt und gewinnt für den Süchtigen immer mehr an Bedeutung.
- Es führt zu einer zunehmenden Einengung der sozialen Bezüge und zum Verlust an Interessen oder Selbstkontrolle.
- Es treten bei ausbleibender Befriedigung psychische, manchmal auch physische Entzugserscheinungen auf.
- Der Süchtige versucht, sein Verhalten zu rechtfertigen, auch wenn gesundheitliche Folgen zu befürchten sind.

Damit sind zwar wiederum nur Symptome genannt, sie weisen aber mehr als z.B. die in 2.2 genannten Kriterien Bezüge zum individuellen Suchterleben auf. Darüberhinaus wird süchtiges Verhalten vielfach als Symptom tieferliegender Psychopathologien, vor allem der Depression, gesehen (z.B. Kuhn 1994).

Die individuelle Ausprägung einer Sucht verläuft dabei schleichend,

d.h. anfänglicher Konsum führte über Gewöhnung zur Abhängigkeit und kann in völligem Zerfall der Persönlichkeit enden (Waibel 1992). Allerdings kann diese Entwicklung auch auf jeder Stufe stagnieren, inwieweit sie rückgängig gemacht werden kann, ist umstritten (Rommelspacher 1996). Rätsel bereitet bisher die Terminierung des Zeitpunktes, ab dem gewohnheitsmäßiges in süchtiges Verhalten übergegangen ist (Wolffgramm 1996).

4. Ätiologien der Sucht

4.1 Genetische Ursachen

Viele Untersuchungen, u.a. an eineiigen Zwillingen und Adoptivkindern, legen nahe, daß eine Disposition zu süchtigem Verhalten mit näher zu bestimmender Wahrscheinlichkeit vererbbar ist (z.B. Fritze 1994). Es wird aber auch darauf hingewiesen, daß jede Disposition auf entsprechende Umweltbedingungen angewiesen ist, um sich zu äußern. Außerdem konnte bisher nicht der Nachweis spezieller "Suchtgene" erbracht werden - wahrscheinlicher ist, daß ein Zusammenspiel mehrerer Gene möglicherweise eine Disposition zur Sucht erzeugt (Topel 1991).

4.2 Psychoanalytische Theorien

Neuere psychoanalytische Theorien gehen davon aus, daß die Grundlage zu süchtigem Verhalten in der präödipalen Phase des Menschen gelegt wird (Krystal 1983). In dieser Phase ist das Kind völlig von der Mutter abhängig, seine Lebensbedürfnisse werden allein von der Mutter befriedigt. Ausgehend von der Geburt befindet sich der Säugling zunächst in einem Zustand totaler Symbiose mit der Mutter, die er als solche noch gar nicht wahrnimmt. Erst allmählich entwickelt er atavistische Vorstellungen seiner Umwelt, zunächst der mütterlichen Brust. Mit zunehmender Wahrnehmungsfähigkeit und steigenden Bedürfnissen entwickelt er differenziertere Vorstellungen seiner Umwelt und nimmt schließlich die Mutter, dann auch eigene Körperorgane als Objekte wahr, die sogenannten Objektrepräsentanzen bilden sich. In der weiteren Entwicklung verdichten sich diese schließlich zu einer Selbstrepräsentanz, d.h. das Kleinkind entwickelt eine Vorstellung von sich selbst.

Treten in dieser Entwicklung tiefgreifende Störungen in Form von Nahrungsentzug oder Versagung anderer elementarer Bedürfnisse auf, kommt es zum Trauma, das sich letztlich beinahe unwiderruflich durch das gesamte zukünftige Leben der betreffenden Person zieht

und sich in gestörten Umweltbeziehungen manifestiert, z.B. stark gesteigerter Furchtsamkeit, Reizbarkeit, Mißtrauen, Aggressivität etc. (ebd.).

Die einzige Möglichkeit des Betreffenden, diese ihn angehenden Affekte unter Kontrolle zu bringen, liegt darin, sich mit Drogen oder neurotischem Verhalten zu betäuben bzw. in die Phantasie zu flüchten (Böhle 1993). Zum Problem wird diese Sucht nach Krystal allerdings erst dann,

"wenn sie mit dem Phänomen der Dosiserhöhung und der Fixierung auf das Beschaffungsproblem gekoppelt ist und sich dadurch der Lebensstil und die Zielsetzungen des Patienten erheblich verändern" (Krystal 1983).

Aufgrund der psychoanalytischen Sichtweise, die Sucht als letztlich nicht vollständig zu heilendes und ihre Auswüchse nur mit äußerster Anstrengung einzudämmendes Problem begreift (Wernado 1993), wurde ihr häufig der Vorwurf gemacht, die Therapie Suchtkranker zu vernachlässigen (Heigl-Evers 1993). Erst unter Einbeziehung verhaltenstherapeutischer und systemischer Sequenzen gelang es ihr, sich auf diesem Gebiet zu etablieren (ebd.)

[...]


1 Lacan, J.: Vorwort zur deutschen Ausgabe; in: Schriften II, Weinheim 1986, Seite 7

Details

Seiten
105
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638100953
Dateigröße
653 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v136
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Seminar für Erziehungsschwierigenpädagogik
Note
2,0
Schlagworte
Prävention Sucht Schule Sexualerziehung Bildung

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Titel: Suchtprävention in der Schule