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Pädosexuelle Täterstrategien im Internet

Diplomarbeit 2009 113 Seiten

Psychologie - Persönlichkeitspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Theoretischer Überblick.
1.1 Mediennutzung und Gefahren für Kinder und Jugendliche
1.1.1 Nutzungsformen
1.1.2 Mediennutzung von Kindern
1.1.3 Mediennutzung von Jugendlichen
1.1.4 Gefahren neuer Medien
1.1.5 Internetsucht
1.2 Pädosexualität-Historie und Begriffsklärung
1.2.1 Historie
1.2.2 Begriffsklärung
1.2.3 Psychologische Merkmale Pädosexueller
1.3 Entstehungstheorien zur Pädosexualität
1.3.1 Störung der Impulskontrolle
1.3.2 Persönlichkeitsstörung
1.3.3 Erkenntnisse der Neuropsychologie
1.3.4 Integrative Verursachungstheorie zur Entstehung der paedophilia erotica
1.3.5 Psychoanalytische Theorie
1.3.6 Feministische Theorie
1.3.7 Lerntheorie
1.3.8 Vier-Stufen-Modell Finkelhors
1.3.9 Komorbidität
1.4 Gesetzeslage in der BRD
1.4.1 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung
1.4.2 Pädosexuelle Straftaten im Internet
1.5 Statistiken zum sexuellen Missbrauch
1.5.1 Die Problematik des Dunkelfelds
1.5.2 Polizeiliche Kriminalstatistik
1.5.3 Studien zum sexuellen Kindesmissbrauch
1.6 Differenzierung von Tätertypen
1.6.1 Ausschließlicher vs. nicht-ausschließlicher Typ
1.6.2 trader, traveler, trader-traveler
1.6.3 Fixierter vs. regressiver Typ
1.7 Opfertypen
1.8 Folgen sexuellen Missbrauchs
1.9 Täterstrategien
1.9.1 Strategien jugendlicher Täter
1.9.2 Strategien erwachsener Täter
1.9.2.1 im Internet
1.9.2.2 außerhalb des Internets

2 Fragestellung und Hypothesen..

3 Methode
3.1 Datenerhebung und Untersuchungsdurchführung
3.2 Beschreibung der Stichprobe
3.3 Material und Messinstrumente
3.4 Methoden der Datenauswertung

4 Ergebnisse
4.1 Hypothese 1: Mädchen und Jungen unterscheiden sich nicht in der Dauer der Chatnutzung
4.2 Hypothese 2: Mädchen machen mehr unangenehme Erfahrungen im Chat als Jungen
4.3 Hypothese 3: Mädchen bekommen mehr sexuelle Inhalte per Handy, E-Mail oder im Chat als Jungen
4.4 Hypothese 4: Je länger die tägliche Chatnutzung, desto mehr unangenehme Inhalte werden per Chat erhalten
4.5 Hypothese 5: Je länger die tägliche Chatnutzung, desto häufiger werden unangenehme Erfahrungen im Chat gemacht
4.6 Hypothese 6: Je länger die Jugendlichen ihre Chatbekanntschaft kennen, desto zufriedener sind sie vom ersten Treffen

5 Diskussion
5.1 Beachtenswertes zur Datengewinnung durch Fragebögen
5.2 Methodische Einschränkungen der vorliegenden Studie
5.2.1 Vorgehensweise bei der Datengewinnung
5.2.2 Anmerkungen zur Gestaltung des Fragebogens
5.2.3 Rücklaufquote
5.2.4 Anwendung nonparametrischer Testverfahren
5.3 Diskussion der Ergebnisse
5.3.1 Mädchen und Jungen unterscheiden sich nicht in der Dauer der Chatnutzung (Hypothese 1)
5.3.2 Mädchen machen mehr unangenehme Erfahrungen im Chat als Jungen (Hypothese 2)
5.3.3 Mädchen bekommen mehr sexuelle Inhalte per Handy, E-Mail oder im Chat als Jungen (Hypothese 3)
5.3.4 Je länger die tägliche Chatnutzung, desto mehr unangenehme Inhalte werden per Chat erhalten (Hypothese 4)
5.3.5 Je länger die tägliche Chatnutzung, desto häufiger werden unangenehme Erfahrungen im Chat gemacht (Hypothese 5)
5.3.6 Je länger die Jugendlichen ihre Chatbekanntschaft kennen, desto zufriedener sind sie vom ersten Treffen (Hypothese 6)
5.4 Zusammenfassende Beurteilung der Ergebnisse und Ausblick

6 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang
Anhang A: Elternbrief
Anhang B: Fragebogen „Kinder nutzen neue Medien“
Anhang C: Chatprotokoll von Oberstaatsanwaltschaft Halle.

0 Einleitung

Die Art der Nutzung moderner Kommunikationsmittel, insbesondere bei Kindern und Heranwachsenden, wird regelmäßig von verschiedenen Instituten und Vereinigungen (z. B. Deutsches Kinderhilfswerk e. V., 2006, Medienpädagogischer Forschungsver-bund Südwest, 2007) erhoben. Meist handelt es sich bei den Untersuchungen um Fragebogenstudien. Sie resümieren eine gesteigerte Internet- und Handynutzung von Kindern und Jugendlichen in den letzten 10 Jahren. Hatten 1999 nur 13 % der 6- bis 13-Jährigen Erfahrungen mit dem Internet gemacht, so stieg der Anteil der Kinder, die das Internet nutzten, kontinuierlich auf 68 % im Jahr 2005. Ein Viertel von ihnen chattete regelmäßig. 2005 besaß fast jedes zweite Kind ein eigenes Handy (Deutsches Kinderhilfswerk e. V., 2006).

Die zunehmende Verbreitung moderner Medien unter Minderjährigen birgt eine Reihe von Gefahren. Eine 2005 vom Kriminologischen Forschungsinstitut Nieder-sachsen durchgeführte Befragung (Mößle, Kleimann, Rehbein & Pfeiffer, 2006) von 17.000 Neunt- und 6.000 Viertklässler im westdeutschen Raum weist auf einen negativen Zusammenhang zwischen der Nutzungsintensität neuer Medien (Fernsehgerät, Spielekonsole) und den schulischen Leistungen hin. „Je stärker die Präferenz für Mediengewalt ausfällt und je höher die Medienzeiten der Schüler, desto negativer wirken sich diese Faktoren auf die Schulleistungen aus“ (Mößle, Kleimann, Rehbein & Pfeiffer, 2006, S. 14). Das Spielen gewalthaltiger Video- und Computerspiele sowie der Konsum solcher Filme führe zudem zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft und zu einer allgemeinen Befürwortung männlicher Gewalt. Mößle, Kleimann, Rehbein und Pfeiffer (2006) beobachteten negative Auswirkung durch entwicklungsbeeinträchtigende Video- und Computerspiele (z. B. Ego-Shooter und Kampfspiele) und nicht altersgerechte Filme (z. B. Horror- und Actionfilme) auf die kognitive Leistungsfähigkeit. In diesem Zusammenhang wären jedoch neben den nicht altersgerechten Inhalten der zeitliche Aufwand der Spiele zu diskutieren, welchen die Kinder weder durch Bewältigung schulischer Aufgaben noch mit einer altersgemäßeren Freizeitgestaltung verbringen. Dazu zählt auch die Vernachlässigung sportlicher Aktivitäten, was zu physiologischen Defiziten (z. B. Erhöhung des Körperfettanteils, Störungen des Herz-Kreislaufsystems usw.) führen kann (Mößle et al., 2006).

Eine weitere Gefahr birgt der nicht adäquate Umgang mit dem Internet. Neben dem Risiko, das Opfer von Online-Betrug oder Kreditfallen zu werden, steigt auch die Ge-fahr in Kontakt mit Pädosexuellen zu geraten (Vogt, mündlich, Tagung Dunkelziffer e. V., 2008). Diese scheinen sich zunehmend bei der Kontaktaufnahme zu potentiellen (kindlichen) Opfern der Internetbereiche „Chat“ und „E-Mail“ zu bedienen (Stupperich, mündlich, Tagung Dunkelziffer e. V., 2008). Während vor der Verbreitung des Internets Pädosexuelle Kinder direkt an Spiel- und Sportplätzen, Schulen, in Einkaufszentren etc. angesprochen haben, bietet das Internet die Möglichkeit dies bequem und vermeintlich anonym per PC oder Handy von zu Hause aus zu tun. Mittels neuer Medien suchen sie ihre potentiellen Opfer und nehmen mit ihnen mittels Chat, Instant Messenger oder E-Mail Kontakt auf. Nach der Kontaktaufnahme beginnt das „Grooming“. Der Pädo-sexuelle wendet sich den Kindern vermehrt zu, informiert sich über ihre Vorlieben und Abneigungen und gibt sich als guter Freund aus. Somit erschleicht er ihr Vertrauen. Das alles dient einem Ziel: Ein Treffen außerhalb des Internets.

Ziel dieser Arbeit ist neben einer Untersuchung der aktuellen Nutzungsstrategien der neuen Medien durch Kinder im Alter von 10 bis 17 Jahren auch die Klärung von pädosexuellen Täterstrategien in der Wahrnehmung durch die (kindlichen) Opfer. Die Ar-beit ist ein Beitrag zur viktimologischen Forschung und soll als Ausgangspunkt für weiter- und tiefergehende Forschung dienen. Informell wendet sie sich an die Strafverfolgungsorgane (Polizei und Staatsanwaltschaft) sowie an Personen der Opferschutzorganisationen.

Im einleitenden Teil wird zunächst die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen dargestellt. Im Anschluss daran wird die juristische, gesellschaftliche und sexual-wissenschaftliche Sichtweise auf die Pädosexualität dargestellt. Der letzte Abschnitt beschäftigt sich mit den Strategien pädosexueller Täter zur Realisierung ihrer sexuellen Interessen.

Im empirischen Teil soll anhand einer Fragebogenstudie die Mediennutzung von 10- bis 17-Jährigen und das daraus resultierende Gefahrenmoment dargestellt werden

1 Theoretischer Überblick

1.1 Mediennutzung und Gefahren für Kinder und Jugendliche

Der „Tatort“ Internet existiert als solcher nicht, da er sich eben nicht an einer Lokalität sondern als digitales Moment darstellt (Stupperich, mündlich, Tagung Dunkelziffer e. V., 2008). Als solches steht es im engen Zusammenhang mit dem Nutzungsverhalten der Anwender (User). Die Studien „Kinder und Medien, Computer und Internet“, kurz KIM-Studie 2006 (mpfs, 2007a), sowie „Jugend, Information, (Multi-)Media“, kurz JIM-Studie 2007 (mpfs, 2007b) des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest informieren über die aktuelle mediale Nutzung der Kinder und Jugendlichen. Zuerst sollen einige wichtige Erkenntnisse der KIM- und der JIM-Studie des Jahres 2006 bzw. 2007 vorgestellt werden.

1.1.1 Nutzungsformen

Viele Funktionen des Handys und des Internets ermöglichen die Kontaktaufnahme und das Pflegen der Kontakte. Die Funktionen Chat, Instant Messenger, E-Mail, soziale Netzwerkseiten und SMS werden im Anschluss erläutert.

„Chat“ stammt aus dem englischen und bedeutet „plaudern“, „unterhalten“. In einem Chatroom kommunizieren zwei oder mehrere Personen in Echtzeit. Im Unterschied zu einem (Web-)Chat findet die Unterhaltung beim Instant Messenger in einem virtuellen, nicht öffentlichen Raum statt. Dafür wird im Normalfall eine spezielle Software benötigt. Zu den bekanntesten Instant Messengers zählen der „AOL Instant Messenger“ (AIM), „ICQ“ und der „Windows Live Messenger“ (früher: MSN) aus dem Hause Microsoft.

Unter einer „electronic Mail“, kurz E-Mail, versteht man einen elektronischen Brief bzw. eine elektronische Post, der/die auf elektronischem Weg in Computernetzwerken übertragen wird. Zur Übermittlung einer E-Mail werden eine Internetverbindung und die E-Mailadresse des Empfängers benötigt.

Soziale Netzwerkdienste stellen eine Form von Gemeinschaften im World Wide Web dar. Häufig fokussieren sie sich auf bestimmte Bevölkerungsgruppen, wie Studenten, Schüler oder Personen einer bestimmten Region oder Stadt. Zu den typischen Funktionen zählen das Anlegen eines persönlichen Profils, eine Kontaktliste und das Senden und Empfangen von Nachrichten anderer Mitglieder. Beispiele für soziale Netzwerkdienste sind „MySpace“, „Facebook“, „Lokalisten“ sowie „StudiVZ“ und „SchülerVZ“.

Der „Short Message Service“, kurz SMS, ist ein Telekommunikationsdienst zur Übermittlung kurzer Textnachrichten auf ein Handy oder Festnetztelefon. Umgangssprachlich steht die Abkürzung SMS jedoch auch für die Textnachricht an sich.

1.1.2 Mediennutzung von Kindern

Die KIM-Studie – bezogen auf das Kalenderjahr 2006 – ist eine repräsentative Basisuntersuchung des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest zum Medienumgang von 6- bis 13-Jährigen in Deutschland. Es wurden Daten in 1203 Haushalten erhoben.

89 % der Haushalte verfügten über mindestens einen Computer oder Laptop. 17 % der Kinder besaßen einen eigenen Computer. 81 % der Kinder berichteten, Erfahrungen mit dem Computer gemacht zu haben (im Vergleich dazu waren es 2005 lediglich 76 %). Von den 972 PC-Nutzern gaben 86 % an, den Computer mindestens einmal in der Woche zu benutzen. Das beliebteste Zeitfenster zur Nutzung war der Nachmittag (mpfs, 2007a).

Auch das Internet war mit 81 % weit verbreitet. Einen eigenen Internetanschluss besaßen nur 7 % der Mädchen und 10 % der Jungen im Alter von 6 bis 13 Jahren (mpfs, 2007a). Im World Wide Web hielten sich 58 % der Kinder zumindest selten auf. 14 % gehörten der Gruppe der Intensivnutzer an (n = 695) (mpfs, 2007a). Damit setzte das Internet seinen Siegeszug fort. 1999 hatten nur 13 % der 6- bis 13-Jährigen Erfahrungen mit dem Internet. Der Anteil der Kinder, die das Internet nutzten, stieg seitdem kontinuierlich (Deutsches Kinderhilfswerk e. V., 2006). Hatten die Kinder Fragen oder Probleme mit dem Internet, so wandten sie sich in erster Linie an die Eltern (64 % an die Väter, 39 % an die Mütter). Zu den weiteren Anlaufstellen gehörten Freunde (33 %) und Geschwister (21 %). Lehrer wurden mit 14 % nur selten um Rat gefragt (mpfs, 2007a).

Das Internet als Kontaktmedium fand vor allem bei den jüngsten Befragten wenig Anklang. Nur je 1 % versandten E-Mails, chatteten mit Freunden oder nutzten einen Instant Messenger (mpfs, 2007a). Jedoch werden diese Möglichkeiten der Kontaktaufnahme mit steigendem Alter interessanter. 32 % der 12- bis 13-Jährigen standen per E-Mails mit ihren Freunden in Kontakt. Den Chat nutzten dafür 21 %, 17 % den Instant Messenger (mpfs, 2007a). Abbildung 1.1 gibt einen Überblick über die Nutzung von online Kommunikationsangeboten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1.1: Nutzungsumfang von online Kommunikationsangeboten von 6- bis 13- jährigen Kindern (in %)

Die KIM-Studie belegt, dass ein Großteil der befragten Kinder unüberwacht die neuen Medien nutzte. Nur 9 % telefonierten im Beisein ihrer Eltern. Beim Chatten und SMS-Versenden waren es 4 %. 8 % der Eltern waren anwesend, wenn ihr Kind eine E-Mail verschickte und 24 %, wenn es sich im Internet aufhielt. Jedoch durften sich nur 26 % der Kinder frei im Internet bewegen. 72 % mussten bestimmte Regeln der Eltern einhalten. Über die Hälfte der Eltern (58 %) wollten über die Tätigkeiten des Kindes am Computer informiert werden (mpfs, 2007a).

Jeder fünfte Internetnutzer zwischen 6 und 13 Jahren chattete mindestens einmal in der Woche, 16 % zumindest selten (n = 695). Zu den beliebtesten Chaträumen zählten „knuddels.de“ (16 %), „yahoo.de“ (6 %), „toggo.de“ (5 %), „kika.de“ (4 %), „AOL.de“ (3 %), sowie die Instant Messenger ICQ und MSN (je 9 %). Abbildung 1.2 zeigt das Chatangebot von „knuddels.de“. Unter den wichtigsten Internetseiten bei Kindern rangierte das Chatportal „knuddels.de“ mit 4 % an dritter Stelle (n = 695). Mit 16 % war die beliebteste Internetseite der Kinder „toggo.de“, gefolgt von „kika.de“ mit 8 Prozentpunkten (mpfs, 2007a).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1.2: Bildschirmfotographie des Chatanbieters www.knuddels.de

Die Studie spricht bezüglich der Verbreitung von Mobiltelefonen in deutschen Haushalten von einer Vollversorgung. 95 % der befragten Familien verfügen über ein Handy (mpfs, 2007a).

Wozu wurden die elektronischen Geräte genutzt? Das Pflegen sozialer Kontakte war für die Kinder eine wichtige Freizeitaktivität. Ein Drittel der befragten Kinder nutzte den „Short Message Service“ (SMS), 30 % telefonierten mit dem Handy. Das Handy wurde vor allem für Telefonate benutzt, dicht gefolgt vom „Short Message Service“ (SMS). Pro Woche empfangen Kinder durchschnittlich 13.2 SMS und versandten 12.5 SMS (mpfs, 2007a).

1.1.3 Mediennutzung von Jugendlichen

Die JIM-Studie – bezogen auf das Kalenderjahr 2007 – ist eine repräsentative Basisuntersuchung des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest zum Medienumgang von 12- bis 19-Jährigen in Deutschland. Es wurden Daten in 1204 Haushalten erhoben.

2007 verfügten 98 % der 1204 befragten Haushalte über mindestens einen Computer oder Laptop (durchschnittlich 2.2 pro Haushalt). 67 % der Jugendlichen besaßen einen eigenen Computer. Die JIM-Studie zeigte ebenfalls auf, dass der Computer ein fester Bestandteil des Tagesablaufs für viele Jugendliche ist. 84 % beschäftigten sich zumindest mehrmals in der Woche mit diversen Arbeiten am PC. Die Jugendlichen wurden auch gefragt, auf welches Medium sie am wenigsten verzichten könnten. Zur Auswahl standen Radio, Fernseher, Bücher, Zeitschriften und Zeitungen, Computer, Internet und MP3-Player. Auf den Computer konnte und wollte ein Viertel der Befragten am wenigsten verzichten, gefolgt vom Internet (22 %). Diese Einstellung zur Medienbindung zeigte sich im stärksten Ausmaß bei den männlichen Heranwachsenden (mpfs, 2007b).

Die Studie ging im Weiteren der Frage nach, ob das Bildungsniveau einen Einfluss auf die Computer- und Internetnutzung hatte. Unterschieden wurden die Schulformen Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Zusammengefasst kann gesagt werden: Je höher der Bildungsgrad (Hauptschule < Realschule < Gymnasium), desto eher besaß der Jugendliche einen eigenen PC und hatte vom eigenen Zimmer aus Zugang zum Internet (mpfs, 2007b).

Die Integration der neuen Medien in den Alltag der Jugendlichen zeichnet sich hier intensiver ab als in der KIM-Studie 2006. 2007 verfügten 95 % der 1204 befragten Haushalte über einen Internetzugang (durchschnittlich 1.5 Anschlüsse pro Haushalt), wobei 45 % der Jugendlichen einen eigenen Zugang zum Internet hatten (mpfs, 2007b). 77 % (2006: 69 %) wählten sich täglich oder mehrmals in der Woche ins Internet ein. Dabei betrug die durchschnittliche Verweildauer im Internet werktags 114 Minuten. Diese Ergebnisse standen im Einklang mit den Präferenzen der Jugendlichen. 70 % interessierten sich für das Internet (2005: 61 %), 65 % für Themen rund um den PC (2005: 58 %). Abbildung 1.3 stellt die liebsten Tätigkeiten der Jugendlichen im Internet gegenüber. Mit 72 % am meisten genutzt werden Instant Messenger (2005: 41 %), gefolgt von dem Versenden oder Empfangen von E-Mails (60 %) und dem Chatten (30 %), also ausnahmslos kommunikative Aktivitäten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1.3: Nutzungsumfang von online Kommunikationsangeboten von 12- bis 19- jährigen Jugendlichen (in %)

Diese nahmen verglichen mit dem Vorjahr um 10 bis 14 Prozentpunkte zu. Zu den am häufigsten genutzten Instant Messengern zählten „ICQ“ (88 %) und das Microsoft-Produkt „MSN“ (44 %). Das Chatportal „knuddels.de“ war bei den Jugendlichen, wie auch schon bei den 6- bis 13-Jährigen, sehr beliebt. 4 % bezeichneten „Knuddels“ als ihre Lieblingsseite im Internet und 31 % hatten schon einmal diesen Chatraum benutzt (mpfs, 2007b). Gegen Ende 2006 benutzten 55 % der 12- bis 17-jährigen amerikanischen Internetnutzer soziale Netzwerkseiten (Wolak, Finkelhor & Mitchell, 2008). Für ihre deutschen Altersgenossen fanden sich keine vergleichbaren Studien.

Die präferierte kommunikative Funktion des Internets manifestierte sich auch in den Einstellungen der Jugendlichen zum Thema Internet. 37 % waren der Ansicht, dass sich das World Wide Web gut als Plattform zum Kennenlernen von neuen Freunden eignet. So hatte ein Drittel schon einmal mit ihren Chatpartnern telefoniert, bei den 18- bis 19-Jährigen war es mit 48 % knapp die Hälfte. 28 % hatten sich auch außerhalb des Internets getroffen. Das bedeutete einen Zuwachs von 3 % im Vergleich zum Vorjahr (mpfs, 2007b).

2007 besaßen alle der 1204 befragten Haushalte mindestens ein Handy (durchschnittlich 3.8 pro Haushalt). Während 1998 nur 8 % der 12- bis 19-Jährige ein eigenes Handy hatte, sind es im Jahr 2007 bereits 94 % (mpfs, 2007b).

Das Mobiltelefon stellt, neben dem Computer und dem Internet ein weiteres, für die Jugendlichen sehr wichtiges, Medium dar. Auch hier stand die kommunikative Komponente im Mittelpunkt des Interesses. 85 % der 1127 Handy-Nutzer empfingen und 78 % verschickten mehrere SMS pro Woche. Fast ebenso häufig wurden sie mehrmals die Woche auf ihrem Handy angerufen (79 %) bzw. tätigten Anrufe (63 %) (mpfs, 2007b).

1.1.4 Gefahren neuer Medien

Die Ergebnisse der KIM- und JIM-Studie (jeweils 2006) zeigen deutlich auf, wie wichtig die neuen Medien für Kinder und Heranwachsende sind. Sie erleichtern den Aufbau eines sozialen Netzwerks, die Kommunikation mit Freunden und Bekannten und den Austausch mit Gleichaltrigen. Aber die technologischen Errungenschaften rund um das Internet bergen auch Gefahren, die im folgenden Abschnitt genauer betrachtet werden sollen.

Eine Studie des Crime Against Children Research Center der Universität New Hampshire ergab, dass im Jahr 2000 jeder fünfte Internetnutzer im Alter zwischen 10 und 17 Jahren sexuell belästigt wurde, jeder dreißigste in aggressiver Weise. „Als aggressiv wurde ein Angebot definiert, wenn der Interessent den Jugendlichen auch offline (per Post, Telefon oder persönlich) zu kontaktieren oder den Jugendlichen zu überreden versucht hatte, selbst einen solchen Kontakt herzustellen“ (Salter, 2006, S. 332). Nach der KIM-Studie 2006 hatten 9 % der 6- bis 13-Jährigen mindestens einmal eine „seltsame oder unangenehme“ E-Mail erhalten, wobei es sich „hauptsächlich um allgemeine Anmache, Sex- oder Kaufangebote oder um Viren“ (mpfs, 2007a, S. 47) handelte.

Nur 34 % der Eltern erlaubten dem Kind, das Internet ohne Aufsicht zu nutzen. 77 % waren der Meinung, Kinder sollten nur mit speziellen Filterprogrammen im World Wide Web surfen. Jedoch waren nur 37 % der internetfähigen Computer mit so einem Programm ausgestattet. Das entsprach einem Plus von 13 Prozentpunkten zum vorhergegangenen Erhebungszeitraum 2005. Das Internet wurde von 77 % der Erwachsenen als ein für Kinder gefährliches Medium eingestuft. Und 61 % sahen sich in der Pflicht, den Kindern den richtigen Umgang mit dem Internet und Computer beizubringen (mpfs, 2007a).

Von den 527 Handybesitzern im Alter von 6 bis 13 Jahren gaben 9 % an, schon einmal „seltsame oder unangenehme Sachen auf ihr Handy geschickt bekommen [zu] haben“ (mpfs, 2007a, S. 51). Am häufigsten handelte es sich dabei um Kaufangebote. An zweiter Stelle folgten jedoch schon sexuelle Angebote (mpfs, 2007a).

Auch die Jugendlichen wurden gefragt, ob sie bereits „unangenehme Begegnungen“ (mpfs, 2007b, S. 50) im Chatroom hatten. 12 % berichteten von einer einzigen, 26 % von mehreren schlechten Erfahrungen. 53 % der 579 befragten Chatroom-Nutzer wurden ein- oder mehrmals von Fremden nach persönlichen Daten, wie Anschrift, Telefonnummer oder Namen gefragt. 15 % gaben ihre Daten preis, 39 % verweigerten eine Antwort (mpfs, 2007b). Die Nutzung des Internets für kommunikative Zwecke und die Veröffentlichung von persönlichen Daten im World Wide Web sind keineswegs rein deutsche oder europäische Phänomene. Auch in den Vereinigten Staaten erfreute sich diese Art der Internetnutzung unter den Jugendlichen (hier: 10 bis 17 Jahre) größter Beliebtheit, wie nachfolgende Zahlen belegen (Wolak et al., 2008):

- 56 % veröffentlichten persönliche Informationen
- 43 % kommunizierten mit Fremden
- 26 % sandten persönliche Informationen an Fremde
- 5 % sprachen mit Fremden über Sex

Eine 2005 in Nordrhein-Westfalen durchgeführte Studie zeigte ebenfalls, dass sexuelle Viktimisierung in Internetchats alles andere als eine Seltenheit darstellt. An der Befragung nahmen 1500 Schülern im Alter von 10 bis 19 Jahren teil. 48.1 % der weiblichen Chatter wurden mindestens einmal nach sexuellen Dingen gefragt. Bei den männlichen Chattern war es jeder Vierte. Nacktfotos bekamen 9.l % der Mädchen und 13 % der Jungen zugeschickt. Pornographische Filme wurden mit 7 % ebenfalls häufiger an Jungen gesendet (Mädchen: 3 %). 10.7 % der befragten Mädchen wurden ein oder mehrere Male aufgefordert, sexuelle Handlungen an sich vor der Webcam vorzunehmen. Bei den Jungen waren es 5 %. Aus der Studie ging ebenfalls hervor, dass die Gefahr, Opfer von sexueller Belästigung im Chatraum zu werden, unabhängig vom Alter war. Über die Hälfte der Mädchen nahm die Belästigung hin, ohne dass sie mit jemandem darüber sprach. 9 % suchten sich Hilfe bei den Eltern, 20 % teilten die Erfahrungen mit andern Chattern und 20 % wandten sich an die Chatbetreiber (Deutsches Jugendinstitut, 2007b). Haben sich die Jugendlichen mit einem Chatpartner außerhalb des Internets getroffen, so berichteten 10 % der 161 Befragten, dass sie unangenehm von ihrem Gegenüber überrascht waren (mpfs, 2007b).

Die Gefahr, die von sozialen Netzwerkseiten (z. B. „Facebook“, „MySpace“, „SchülerVZ“) ausgeht, ist nach aktuellem Stand der Forschung weniger groß, als angenommen. Im Zusammenhang mit der zweiten N-JOV-Studie wurden zwischen Juni und Oktober 2007 400 Interviews mit US-Polizisten über internetbezogene Sexualdelikte geführt. Es konnte kein einziger Fall ermittelt werden, bei dem Informationen, die auf sozialen Netzwerkseiten veröffentlicht wurden, den Ausgangspunkt für ein Sexualverbrechen irgendeiner Art bildeten, und das, obwohl diese Seiten sehr populär unter den Jugendlichen sind (Wolak et al., 2008).

1.1.5 Internetsucht

Der Begriff der Intersucht taucht im Zuge der fortschreitenden Verbreitung der Internetzugänge in den Medien vermehrt auf. Kimberly Young wagte sich 1996 als erste Psychologin an die Entwicklung einer Definition der Internetsucht. Dafür bediente sie sich der definitorischen Merkmale des pathologischen Spielens aus dem DSM-IV, da Internetsüchtige grundlegende Gemeinsamkeiten mit anderen Abhängigkeiten (Alkohol, Drogen, Glücksspiel, …) aufweisen. Sie benannte acht Kriterien (z. B. starkes Eingenommensein vom Internet, Abstinenzunfähigkeit, Toleranzentwicklung, Entzugssymptome), wobei mindestens fünf im Jahresverlauf erfüllt sein müssen. Später fügte Young noch 12 weitere Kriterien hinzu. Andere Erhebungsinstrumente basieren auf den Kriterien der „Abhängigkeit von psychotropen Substanzen“ (DSM-IV) bzw. der klinisch-diagnostischen Leitlinien des Abhängigkeitssyndroms (ICD-10) (Hahn & Jerusalem, 2001). Zu ihnen zählen unter anderem eine verminderte Kontrollfähigkeit, eine Toleranzentwicklung, die Vernachlässigung anderer Interessen und ein starkes Verlangen (Möller, Laux & Deister, 2005). Aussagefähige Daten über die Anzahl der Internetsüchtigen sind – bedingt durch methodische Probleme der Stichprobenziehung und durch den Einsatz unterschiedlicher Erhebungsinstrumente – nur schwer zu erhalten. 1999 wurde in Deutschland die erste große Pilotstudie durchgeführt, bei der 8851 Teilnehmer einen 158 Items umfassenden Fragebogen ausfüllten. Während unter den bis zu 14-Jährigen 10.3 % als internetsüchtig klassifiziert wurden, waren es bei den 21- bis 29-Jährigen nur noch 2.2 %. Außerdem zeigten sich geschlechtsspezifische Unterschiede bei den unter 18-Jährigen: Die Anzahl der internetabhängigen Jungen war im Durchschnitt doppelt so groß wie die der abhängigen Mädchen. Aber auch nach der Nutzung des Internets, gibt es Unterschiede zwischen Abhängigen und Nicht-Abhängigen. Abhängige investierten rund 1/3 ihrer Internetzeit in Kommunikationssysteme wie Chats, Foren oder Newsgroups (Hahn & Jerusalem, 2001).

1.2 Pädosexualität-Historie und Begriffsklärung

1.2.1 Historie

Der Terminus „Paedophilia erotica“ wurde 1902 von dem Gerichtspsychiater Richard von Krafft-Ebing erstmals benannt. Ab diesem Zeitpunkt galten Erwachsene, die ein sexuelles Interesse an Kindern hatten, als „Pädophile“. „Pädophilie“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Liebe zu Kindern“. Dadurch wird eine positive und natürliche Beziehung suggeriert und der Aspekt der sexuellen Gewalt außen vor gelassen (Ohlmes, 2006). Die Nomenklatur spiegelte die damals vorherrschende Meinung über sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern wieder. Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts galt die allgemeine Auffassung, dass sich die Opfer sexueller Übergriffe in ihrer Rolle wohl fühlen und diese selbst zu verantworten haben. Dr. Karl Abraham schrieb 1927 in dem Artikel „Die Erfahrung sexuellen Traumas als Form sexueller Aktivität“: „das Trauma [wird] in einer großen Zahl der Fälle vom Kind unbewusst begehrt […], und wir [müssen] es als Form frühkindlicher sexueller Aktivität begreifen“ (Salter, 2006, S. 86). Dies begründete er damit, dass „in allen Fällen das Trauma hätte verhindert werden können. Die Kinder hätten um Hilfe rufen können, davon laufen oder Widerstand leisten, statt der Verführung nachzugeben“ (Salter, 2006, S. 86). Dr. Abraham schreibt weiter, dass Kinder „ein normales Verlangen nach sexuellem Vergnügen haben und aus diesem Grunde sexuelle Traumata erdulden“ (Salter, 2006, S. 87). Zur damaligen Zeit wurden seine Ansichten in der psychologischen Welt allgemein geteilt (Salter, 2006).

1.2.2 Begriffsklärung

In neueren Studien (z. B. Ohlmes, 2006) wird von dem Gebrauch der etwas veralteten Nomenklatur der „Pädophilie“ Abstand genommen. Der Terminus „Pädophilie“, also „Liebe zu Kindern“, suggeriert ein positives Verhältnis zu Minderjährigen. Pädosexuelle lieben Kinder jedoch nicht im traditionellen Sinn, sondern fühlen sich sexuell zu ihnen hingezogen. Eine weitere Problematik besteht in der negativen Behaftetheit des Begriffs „Pädophilie“ in der Öffentlichkeit. In den letzten Jahren hat sich in Fachkreisen der Begriff „Pädosexualität“ eingebürgert, weil er zum einen wertneutraler erscheint, zum anderen inhaltlich das Störungsbild eher widerspiegelt. Aus den angeführten Gründen wird in der vorliegenden Arbeit fast ausschließlich der Terminus „Pädosexualität“ verwendet.

Dem 1971 veröffentlichten medizinischen Nachschlagewerk „Codex Medicus“ nach, wird Pädophilie als eine sexuelle Perversion gesehen, bei der die Libido einer erwachsenen Person auf ein Kind gerichtet ist. Unter Perversion wird eine sexuelle Entartung verstanden, die a) anlagebedingt oder b) im Laufe des Entwicklungsprozesses erworben wurde (Bernard, 1982).

Nach dem diagnostischen und statistischen Manual psychischer Störungen (DSM-IV) liegt eine Pädophilie dann vor, wenn über „einen Zeitraum von mindestens 6 Monaten wiederkehrende intensive sexuell erregende Phantasien, sexuell dranghafte Bedürfnisse oder Verhaltensweisen, die sexuelle Handlungen mit einem präpubertären Kind oder Kindern (in der Regel 13 Jahre und jünger)“ vorherrschen und „die Person [...] mindestens 5 Jahre älter als das Kind oder die Kinder nach Kriterium A“ (Herrmann, Marx & Müller, o. J.) ist. „In der internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) findet der Begriff Pädophilie ebenfalls Verwendung und bezeichnet Menschen, deren präferierte Sexualpartner Kinder in der Vorpubertät sind oder sich in einem frühen Stadium der Pubertät befinden“ (Ohlmes, 2006, S. 15).

Uneinigkeit herrscht bei der Definition des sexuellen Missbrauchs. In der Fachwelt wird kontrovers diskutiert, ob sexueller Missbrauch auch dann vorliegt, wenn kein Körperkontakt zwischen „Täter“ und „Opfer“ vorliegt. Eine weitere strittige Frage ist, wie groß der Altersunterschied zwischen „Täter“ und „Opfer“ mindestens sein muss, um von einem sexuellen Missbrauch sprechen zu können (Arter & Lieber, 2004). Zur Annäherung an dieses strittige Thema sollen im Folgenden einige auserwählte Definitionsversuche vorgestellt werden.

Nach dem Council of Scientific Affairs of the American Medical Association (wissenschaftliche Rat der amerikanischen Ärztevereinigung) liegt ein Missbrauch dann vor, wenn ein Kind zur (sexuellen) Befriedigung eines Erwachsenen ausgenutzt wird (Council of Scientific Affairs of the American Medical Association, 1985, zitiert nach Salhab, 2004). Laut Salhab sind eine Abhängigkeitsbeziehung, mangelnde Einfühlung in das Kind, Bedürfnisbefriedigung des Missbrauchers, eine sexuelle Handlung sowie Geheimhaltung des (sexuellen Kontakts) Bestandteile des sexuellen Missbrauchs von Kindern (Salhab, 2004).

Klinische Definitionen stellen die Symptome und Störungen, die ein sexueller Missbrauch hervorruft oder hervorrufen kann, in den Vordergrund. Fegert schreibt hierzu:

Sexueller Mißbrauch ist ein traumatisches Erlebnis (eine Noxe), das auch mit konkreten körperlichen Traumata verbunden sein kann und psychische Sofort-, Früh-, oder Spätfolgen zeitigen kann. Zu diesen psychischen Folgen können eine große Zahl von Symptomen gehören, wobei eine lineare Kausalität (sexueller Missbrauch – Krankheitsbild) – bei aller Evidenz – wissenschaftlich oft nicht aufzuzeigen sein wird. (Fegert, 1992, zitiert nach Salhab, 2004, S. 3)

Die Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Prävention & Prophylaxe e. V., Dr. Angela May, definiert sexuellen Missbrauch wie folgt: „Ein Mädchen oder Junge wird sexuell missbraucht, wenn er/sie zu körperlichen oder nichtkörperlichen Handlungen durch Ältere oder Erwachsene veranlasst oder ihnen ausgesetzt wird“ (May, 1997, S. 226). Das Besondere an dieser Definition ist, dass May genau festlegt, was unter einer „körperlichen oder nichtkörperlichen Handlung“ und „veranlassen“ zu verstehen ist. Körperliche und nichtkörperliche sexuelle Handlungen beinhalten (May, 1997):

- Penetration jeglicher Art
- Berühren der primären und sekundären Geschlechtsorgane
- Veranlassen von Berührungen am eigenen Körper oder dem Körper des Opfers zur sexuellen Stimulation
- Erstellen von Fotographien des Opfers (nackt bzw. in sexuellen Posen)
- Veranlassen von sexuellen Handlungen des Opfers mit Tieren
- Benutzen von sexualisierten Worten, Blicke und Gesten, die das Opfer zum Objekt sexueller Begierde deklassieren
- Vorzeigen von Bild- oder Filmaufnahmen zur sexuellen Stimulierung oder Befriedigung des Opfers und/oder sich selbst
Unter „veranlassen“ ist nach May zu verstehen:
- Manipulation des Opfers durch Lügen („Das machen alle Väter so“) oder durch Überredung in Form von Geschenken, Versprechungen, spielerischen Tricks etc.
- Ausübung von psychischen oder körperlichen Druck/Zwang

Eine andere Sichtweise zur Definition des sexuellen Missbrauchs verfolgt Engfer (2000). Sie bewertet den sexuellen Missbrauch nach dessen Intensitätsgrad. Eine leichte Form des Missbrauchs stellen anzügliche Bemerkungen, exhibitionistische und voyeuristische Handlungen dar. Schwerer Missbrauch liegt bei Berührung der Geschlechtsorgane des Opfers und bei Masturbationshandlungen im Beisein des Opfers vor. Unter die Kategorie schwerste Missbrauchshandlungen fallen versuchte oder vollzogene orale, anale oder vaginale Penetration (Engfer, 2000, zitiert nach Arter & Lieber, 2004).

Bange und Deegener benutzten bei ihren Forschungsarbeiten folgende Definition des sexuellen Missbrauchs:

Sexueller Missbrauch an Kindern ist jede sexuelle Handlung, die an oder vor einem Kind entweder gegen den Willen des Kindes vorgenommen wird oder der das Kind auf Grund körperlicher, psychischer, kognitiver oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann. Der Täter nutzt seine Macht- und Autoritätsposition aus, um seine eigenen Bedürfnisse auf Kosten des Kindes zu befriedigen. (Bange & Deegener, 1996, zitiert nach Arter & Lieber, 2004, S. 24)

Sgroi teilt die Ansicht von Bange und Deegener, führt aber zusätzlich noch den Aspekt der Geheimhaltung ein:

Sexuelle Ausbeutung von Kindern durch Erwachsene (oder ältere Jugendliche) ist eine sexuelle Handlung eines Erwachsenen mit einem Kind, das auf Grund seiner emotionalen und intellektuellen Entwicklung nicht in der Lage ist, dieser sexuellen Handlung informiert frei zuzustimmen. Dabei nützt der Erwachsene die ungleichen Machtverhältnisse zwischen Erwachsenen und Kindern aus, um das Kind zur Kooperation zu überreden und zu zwingen. Zentral ist dabei die Verpflichtung der Geheimhaltung, die das Kind zu Sprachlosigkeit, Wehrlosigkeit und Hilflosigkeit verurteilt. (Sgroi, 1982, zitiert nach Arter & Lieber, 2004, S. 25)

Wie anhand der genannten Definitionsbeispiele ersichtlich ist, beschränken sich die meisten Definitionen auf einige, aber bei weitem nicht alle Aspekte des sexuellen Missbrauchs. Die Konstruktion einer umfassenden Definition, die alle Aspekte – einschließlich der Folgen des sexuellen Missbrauchs – beinhaltet, wäre möglich, aber auf Grund der noch bestehenden Kontroversen und ihrer Länge wenig sinnvoll.

Weitgehend Einigkeit besteht in der Tatsache, dass das Verhalten durch Drohungen und/oder körperliche Gewalt erzwungen wird. Außerdem ist jede Handlung, die gegen den freien Willen eines Kindes praktiziert wird, als sexueller Missbrauch zu werten (Ohlmes, 2006).

1.2.3 Psychologische Merkmale Pädosexueller

In den vergangenen Jahrzehnten wurden mehrere Studien über Einstellungen und Stereotype von Pädosexuellen bezüglich ihres eigenen sexuellen Verhaltens durchgeführt.

1973 führte Bernard beim ersten internationalen Arbeitstreff der Hauptvorstandskommission Pädophilie des NVSH („Nederlandse Verenigung voor Sexuele Hervorming“, „Niederländische Vereinigung für Sexualreform“) in Breda, Niederlande, eine Fragebogenstudie mit 50 Pädosexuellen durch. Dr. Bernard bezeichnete seine Studie als „allgemeine Untersuchung“ (Bernard, 1982, S. 36), da es bis dato noch keine vergleichbare Studie über Pädosexuelle existierte. Die Probanden waren zum überwiegenden Teil ledig (90 %) und 2/3 wurden sich ihrer Pädosexualität im Alter von 11 bis 20 Jahren bewusst, also überwiegend in der Pubertät. 86 % machten ihre ersten pädosexuellen Kontakte, als sie zwischen 11 und 30 Jahre alt waren (Bernard, 1982). Bezüglich des bevorzugten Alters der Kinder sind die Ergebnisse kohärent zu vielen anderen wissenschaftlichen Berichten (Becker, 1997): 12- und 13-jährige Jungen bzw. 11- bis 13-jährige Mädchen werden im Durchschnitt von den Pädosexuellen am „interessantesten“ angesehen, wobei für 96 % Jungen und 4 % Kinder beiden Geschlechts als Partner in Frage kommen (Bernard, 1982). Anzumerken sei an dieser Stelle, dass der Entwicklungsstand des Kindes und nicht das numerische Alter entscheidend ist (Becker, 1997; Griesemer, 2006a). Die Untersuchungsteilnehmer gaben zudem Auskunft über die Anzahl der pädosexuellen Kontakte, die sie bisher eingingen. Jedoch wurde der Begriff „pädosexueller Kontakt“ nicht näher erläutert. Wie Abbildung 1.4 zeigt, hatten 6 % noch zu keinem Kind einen pädosexuellen Kontakt, 24 % zu 1 bis 10 Kindern, 28 % zu 10 bis 50 Kinder, 8 % zu 50 bis 100 Kinder und 6 % zu 100 bis 300 Kinder. Die restlichen Prozentpunkte entfielen auf die undifferenzierten Antworten „einige“ (6 %) und „viele“ (24 %) (Bernard, 1982).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1.4: Anzahl der pädosexuellen Kontakte

Abel und Mitarbeiter befragten vor rund 20 Jahren 232 pädosexuelle Sexualstraftäter. Diese berichteten von über 55 000 Fällen von versuchtem Kindesmissbrauch, wobei – nach ihren Angaben – in 38 000 Fällen (17 000 Opfer) der Kindesmissbrauch auch rea­lisiert wurde. Das entspricht einem Durchschnitt von etwa 73 Opfern pro Pädosexuel­lem (Salter, 2006). In der Literatur gibt es unterschiedliche Angaben bezüglich der Quantität und Qualität des sexuellen Verkehrs zwischen Pädosexuellen und Kindern. 42 % der Befragten gaben an, dass sie schon einmal analen Verkehr mit einem Kind hatten (Bernard, 1982). Becker hingegen ist der Ansicht, dass Anal- und Vaginalver­kehr eher die Ausnahme bilden. Streicheln und Masturbation sind ihrer Auffassung nach die häufigsten Sexualpraktiken (Becker, 1997). Kinderpornographisches Material (hier: Aufnahmen von ganz oder teilweise unbekleideten Kindern) in Form von Filmen besaßen 22 %. 8 % produzierten diese auch selbst. 74 % der Pädosexuellen gaben an, dass sie kinderpornographische Fotos besitzen; 44 % fertigten sie selbst an (Bernard, 1982).

Von den 50 Probanden wurden 27 Personen mindestens einmal wegen pädosexueller Handlungen von einem Gericht verurteilt. Dieser mit 54 % sehr hohe Anteil ist wohl darin begründet, dass es sich bei den Befragten vornehmlich um Personen handelte, die ihre sexuelle Präferenz nicht geheim hielten. Schließlich befanden sich die Probanden zum Zeitpunkt der Untersuchung auf einer Veranstaltung für Pädosexuelle. 8 % der Pädosexuellen wollten, nach eigenen Angaben, von ihrer Pädosexualität loskommen und 90 % waren mit ihrer sexuellen Neigung zufrieden. Die verbleibenden 2 Prozent entfielen auf die Antwort „weiß nicht“ (Bernard, 1982).

Die Aussage, dass Pädosexuelle allein den sexuellen Kontakt zu Kindern suchen, ist nach Becker nicht stimmig. Sie verlieben sich in Kinder und wollen auch von ihnen geliebt werden. Sie idealisieren Kinder, jedoch dauert diese Idealisierung an und ist tiefgreifend. Wird die von dem Pädosexuellen bevorzugte Altersspanne des Kindes überschritten, erlischt das emotionale und das sexuelle Interesse. Im Falle einer längeren Partnerschaft kommt es häufig zu einem Wechsel der Beziehungsebene; von intim zu freundschaftlich (Becker, 1997).

Elliott, Browne und Kilcoyne berichteten 1995 zur Auswahl der Opfer sexuellen Missbrauchs, dass von 91 Tätern fast die Hälfte angab, Kinder zu präferieren, denen es an Selbstbewusstsein bzw. Selbstachtung zu mangeln schien. Pädosexuelle Täter fühlen sich schon allein durch diese Art der Schwäche angezogen (Salter, 2006). Weitere wichtige Faktoren, auf die Täter achten, sind mangelnde Sicherheit, Zuwendung, Anerkennung, Liebe und Wärme (Ohlmes, 2006). Das äußere Erscheinungsbild ist ein weiteres wichtiges Kriterium für Pädosexuelle: Kinder mit rundlichen, wenig markanten Gesichtszügen, einer glatten Haut, ohne Bartwuchs, mit geringer Körperbehaarung und einer hohen Stimme wirken auf Pädosexuelle anziehend (Bernard, 1982; Griesemer, 2006a; Ohlmes, 2006). Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass auch Kinder, die aus intakten Familienverhältnissen stammen, Opfer eines sexuellen Missbrauchs werden können (Ohlmes, 2006).

Es ist davon auszugehen, dass die Verbreitung von Kinderpornographie heutzutage weitaus höher liegt. Hierfür sprechen diverse technische Neuerungen:

- Digitalkameras erlauben Laien Fotographien selbst zu entwickeln bzw. zu speichern. Außerdem sind sie mittlerweile für Jeden erschwinglich. Analoge Kameras haben den Nachteil, dass ein Fotolabor zur Entwicklung benötigt wird. Dadurch erhöht sich die Gefahr entdeckt zu werden.
- In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts konnten sich nur wohlhabende Privatpersonen eine Videokamera leisten. Heutzutage hat fast jede Digitalkamera/jedes Handy eine Videoaufnahmefunktion.
- Das Internet bietet die Möglichkeiten, mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten und fungiert als Tauschbörse.

1.3 Entstehungstheorien zur Pädosexualität

Zur Entstehung der Pädosexualität werden verschiedene Theorien diskutiert. Im Folgenden sollen einige von ihnen referiert werden.

1.3.1 Störung der Impulskontrolle

In der Literatur wird als ein möglicher Grund zur Entstehung der Pädosexualität eine unzureichende Impulskontrolle angeführt (Wiebking, Witzel, Walter, Gubka & Northoff, 2006). Es wird angenommen, dass Pädosexuelle ihre sexuellen Trieben nicht oder nur mangelhaft unterdrücken können. Dies beeinträchtigt nach Burns und Swerdlow (2003) die Entscheidungsfindung und führt zu soziopathischem Verhalten (Burns & Swerdlow, 2003).

Kröber hingegen ist der Ansicht, dass „die deviante (abweichende), pädosexuelle Orientierung an sich […] genau so wenig einen unbeherrschbaren Handlungsdruck wie Homosexualität oder reife Heterosexualität [schafft]. Pädosexuelle sind nicht triebhafter als andere Menschen“ (Kröber, 2004, S. 33). Diese Meinung vertreten auch Wolak, Finkelhor und Mitchell: „Overall, what we know about online child molesters suggests that they are not generally impulsive, aggressive, or violent” (Wolak et al., 2008, S. 119).

1.3.2 Persönlichkeitsstörung

Viele Autoren halten Persönlichkeitsstörungen ursächlich für die Entstehung von Pädosexualität (Amendt, 1997, 2003, Berner, 1997, zitiert nach Vogt, 2005). Doch die Zahl der Studien, die diesem Störungsparadigma widersprechen, häuft sich.

Bereits 1983 führten Wilson und Cox eine Studie mit 77 pädosexuellen Männern durch. Mittels Eysenck Personality Questionnaire (EPQ) sollten die Probanden bezüglich den Dimensionen Extroversion, Neurotizismus und Psychotizismus untersucht und mit der Allgemeinbevölkerung verglichen werden. Es zeigte sich, dass die untersuchten Pädosexuellen signifikant introvertierter waren als die Normalbevölkerung. Dies ist jedoch leicht zu erklären: Pädosexuelle sind durch die gesellschaftliche Verachtung einem enormen Druck ausgesetzt, der zu einem zurückgezogenen und introvertierten Lebensstil führen kann. Bezüglich der Dimensionen Neurotizismus und Psychotizismus weisen die pädosexuellen Männer zwar geringfügig erhöhte Werte im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung auf, jedoch liegen sie noch nicht in einem klinisch relevanten Bereich. Wilson und Cox kommentieren ihre Studienergebnisse wie folgt:

[...] the most striking thing about these results is how normal the paedophiles appear to be according to their scores on these major personality dimensions – particularly the two that are clinically relevant [neuroticism and psychoticism]. ... introversion ... in itself is not usually thought of as pathological. (Wilson & Cox, 1983, zitiert nach Vogt, 2005, S. 22/23)

Raymond, Coleman, Ohlerking, Christenson und Miner (1999) kamen in ihrer Studie zu dem Ergebnis, dass weniger als ein Viertel der von ihnen untersuchten pädosexuellen Männer eine antisoziale Persönlichkeitsstörung und ein Fünftel eine narzisstische Persönlichkeitsstörung aufwiesen. Es kann jedoch keine Aussage getroffen werden, ob die Persönlichkeitsstörung Ursache oder Folge der pädosexuellen Neigung ist (Raymond, Coleman, Ohlerking, Christenson & Miner, 1999, zitiert nach Vogt, 2005).

Howitt (1998) fasst den bisherigen Erkenntnisstand treffend zusammen:

The possibility of finding a simple personality profile that differentiates pedophiles from other men appeared increasingly unrealistic as the research and clinical base has widened. Simplistic notions such as social inadequacy driving men to sex with children become unviable as highly socially skilled pedophiles are found. (Howitt, 1998, zitiert nach Vogt, 2005, S. 23)

1.3.3 Erkenntnisse der Neuropsychologie

Wiebking, Witzel, Walter, Gubka und Northoff (2006) fanden in einer Vergleichsstudie mit 14 gesunden Kontrollprobanden und 13 in der forensischen Psychiatrie Uchtspringe (Sachsen-Anhalt) untergebrachten pädosexuellen Sexualstraftätern heraus, dass die Versuchsgruppe deutliche Schwächen bezüglich der Unterscheidung und Identifizierung von Emotionen bei erwachsenen Personen hatte. Mittels fMRT (funktionelle Magnet-Resonanz-Tomographie) konnten Wiebking et al. Gehirnareale identifizieren, die das fehlende sexuelle Interesse von Pädosexuellen an erwachsenen Personen erklären können. Eine mangelhafte neuronale Aktivierung des Hypothalamus, des periaquäduktalen Graus, des Cortex Insula und des lateralen Partialcortex konnte bei der Versuchsgruppe, nicht aber bei der Kontrollgruppe festgestellt werden (Wiebking et al., 2006). Des Weiteren deuten die Untersuchungsergebnisse auf einen Zusammenhang zwischen dem Amygdala-Hippocampus-Bereich und dem „Unvermögen pädophiler Patienten, aufgrund interpersoneller Einschränkungen eine stabile emotionale Beziehung mit erwachsenen Personen einzugehen“ (Wiebking et al., 2006, S. 90) hin.

Burnes und Swerdlow (2003) berichteten von einem 40-jährigen männlichen Patienten mit einer erworbenen pädosexuellen Neigung. Mittels MRT (Magnet-Resonanz-Tomographie) konnte ein rechtsseitiger orbitofrontaler Tumor diagnostiziert werden. Der orbotifrontale Cortex spielt eine entscheidende Rolle bei der Impulskontrolle, dem Sexualverhalten, dem Sozialverhalten und dem Erwerb moralischer Grundsätze. Der Tumor führte zu einer verminderten Impulskontrolle, einer antisozialen Persönlichkeitsstörung („sociopathy“) und zu einem veränderten Sexualverhalten. Der Patient begann pornographische Materialen – auch von Kindern und Heranwachsenden – zu sammeln und konnte seine sexuellen Impulse auch gegenüber Kindern nicht mehr unterdrücken. Sein Moralverständnis war hingegen intakt. Nach der Entfernung des Tumors verschwanden die Symptome (Burns & Swerdlow, 2003).

Mendez, Chow, Ringman, Twitchell und Hinkin (2000) berichteten von zwei männlichen Patienten, die im hohen Alter begannen, ein gesteigertes Sexualverhalten und pädosexuelle Neigungen zu entwickeln. Untersuchungen mittels PET (Positronen-Emissions-Tomographie) und MRT deckten bei beiden Patienten einen Hypometabolismus (verminderter Stoffwechsel) im Bereich des rechten Temporallappens auf. Weitere klinische Studien geben Grund zur Annahme, dass der rechte Temporallappen mehr als der linke für das Sexualverhalten verantwortlich ist. Eine Läsion des rechten Temporallappens kann zu einem gesteigerten sexuellen Interesse führen, was wiederum ausgehend von einer pädosexuelle Prädisposition zu pädosexuellem Verhalten führen kann (Mendez, Chow, Ringman, Twitchell & Hinkin, 2000).

Es sei an dieser Stelle aber der Hinweis angebracht, dass die derzeitige (neurobiologische) Forschung keine spezifische „Pädophilie Läsion“ ausmachen konnte (Mendez et al., 2000).

1.3.4 Integrative Verursachungstheorie zur Entstehung der paedophilia erotica

Neue Erkenntnisse der Neurowissenschaft weisen darauf hin, dass die sexuelle Orientierung durch pränatale Faktoren prädisponiert ist. Von sexueller Orientierung gesprochen, müssen zuerst zwei grundlegende Begriffe erläutert werden. Bei der Sexualorientierung unterscheidet man zwischen Androphilie und Gynäphilie (auch Gynäkophilie genannt). Die Begriffe stammen aus dem griechischen und bezeichnen die sexuelle Vorliebe für Männer („andros“ = Mann, „philie“ = Liebe) respektive die sexuelle Vorliebe für Frauen („gunē“ = Frau, „philie“ = Liebe). Androphilie umfasst somit heterosexuelle Frauen und homosexuelle Männer, Gynäphilie heterosexuelle Männer und homosexuelle Frauen (Griesemer, 2006a).

Griesemers „Integrative Verursachungstheorie zur Entstehung der paedophilia erotica“ vertritt den Standpunkt, dass biologische, medizinische und psychologische Prozesse zur Entstehung der Pädosexualität beitragen. Der genetische Eckpfeiler der Theorie besagt, dass „eine schwach ausgeprägte gynäphile bzw. androphile Konditionierbarkeit vor dem Hintergrund einer pränatalen Weichenstellung“ (Griesemer, 2006a, S. 6) zu pädosexuellen Neigungen führt. Nach dieser Auffassung liegt die Ursache der Pädophilie nicht in einer Störung der Impulskontrolle oder einer Persönlichkeitsstörung, sondern in der sensorischen „between sex“-Charakteristik von präpubertären Mädchen und Jungen. Kinder, die die Pubertät noch nicht durchlaufen haben, unterscheiden sich optisch – egal ob männlich oder weiblich – kaum. Von ihrem optischen Erscheinungsbild befinden sie sich zwischen einem erwachsenen Mann und einer erwachsenen Frau. Sie haben rundliche, wenig markante Gesichtszüge, keinen Bartwuchs, wenig Körperbehaarung, eine hohe Stimme, eine glatte Haut etc. (Griesemer, 2006a; Ohlmes, 2006). Dr. Frits Bernard, der eine Vielzahl von Pädosexuellen aus dem Hell- und Dunkelfeld interviewte, lässt in seinem Buch „Kinderschänder?“ (1982) Pädosexuelle zu Wort kommen. Ein Mann, der nach eigenen Angaben seit vier Jahren einen 14-jährigen Freund hat, schreibt: „Ich war (und bin heute noch) hauptsächlich an 12- bis 14jährigen interessiert. Feingeschnittene, zarte Gesichter sprechen mich am meisten an“ (Bernard, 1982, S. 15).

Mit dieser Theorie lässt sich auch die nicht-ausschließliche Pädophilie erklären. Unter nicht-ausschließlicher Pädophilie sind vor allem Männer gemeint, deren sexuelles Interesse zum einen auf erwachsene Frauen, zum anderen auf präpubertäre Kinder gerichtet ist. Wegen der „between sex“-Charakteristik der Kinder ähneln sie dem Phänotyp der Frau weitaus mehr, als dem des Mannes und strahlen somit für nicht-ausschließliche Pädosexuelle eine sexuelle Anziehung aus. Als Beleg für die genetische Komponente der Pädosexualität führt Griesemer den Sachverhalt an, dass es keine androphilen Männer gibt, deren sexuelles Interesse erwachsenen Männern und Mädchen vor der Pubertät gilt. Das äußerliche Erscheinungsbild unterschiede sich einfach zu stark (Griesemer, 2006a).

Den medizinischen Eckpfeiler zur Entstehung der Pädosexualität bilden Lernprozesse. Die ersten erotischen Erfahrungen machen 80 % der Kinder mit anderen Kindern, meist mit Gleichaltrigen. Das erste Verliebtsein findet durchschnittlich im 10. Lebensjahr statt. Zu diesem Zeitpunkt werden vermehrt Nebennieren-Steroide gebildet, die vermutlich für die Ausbildung der sexuellen Orientierung verantwortlich sind (Griesemer, 2006b). Die erotischen Kindheitserfahrungen führen zu einem automatisch ablaufenden, neuronal sich selbst verstärkenden Prozess im sexuellen Neurosystem. Das sexuelle Neurosystem umfasst die „Verarbeitungsschleifen zwischen Präfrontalem Kortex und Limbischen System, mit dem Medialen Vorderhirnbündel als bekanntem Substrat für neuronale Selbstverstärkung in der Sexualität“ (Griesemer, 2006a, S. 14). Da sich die Reiz-Reaktionsmuster selbst verstärken, können sie – einmal entstanden – nicht gelöscht werden. Dass nicht alle Erwachsenen pädosexuell sind, liegt an einem aktiven Prozess des Überlernens, durch den eine sexuelle Reaktivität auf den erwachsenen Phänotyp erworben wird. Für diesen Lernprozess wird gemäß dem psychophysiologischen Yerkes-Dodson-Gesetz ein bestimmtes, optimales Aktivierungsniveau in den entsprechenden Hirnarealen (hier: im sexuellen Neurosystem) benötigt. Kommt es zum Zeitpunkt des Lernprozesses zu einer Unter- bzw. Übererregung kann dieser nicht oder nur eingeschränkt durchgeführt werden. Als Ursachen für ein suboptimales Aktivierungsniveau benennt Griesemer exemplarisch vier oft in der Literatur genannte Störungen von Pädosexuellen:

- Androgendefizite bei Subgruppen (à Untererregung des sexuellen Neurosystems)
- Kindheitsdepression (à häufig Überaktivierung des präfrontalen Kortex)
- Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)
- Psychosexuell traumatische Verarbeitungsprozesse (à Übererregtheitszustände mit direktem sexuellen Bezug)

Mit diesen Prämissen lässt sich neben dem nicht-ausschließlichen auch der ausschließliche Typus der Pädosexualität erklären. Wie der Name schon vermuten lässt, begrenzt sich die sexuelle Fixierung des ausschließlichen Pädosexuellen auf Kinder und Heranwachsende. Die Reaktivierung von noch implizit bestehenden Lernprozessen erklärt, warum manche Personen erst im Erwachsenenalter eine pädosexuelle Persönlichkeit entwickeln (Griesemer, 2006a). Man spricht von einer sekundär-pädosexuellen Entwicklung (Griesemer, 2006b). Wie bereits erwähnt, bestehen die in der Kindheit erlernten Reiz-Reaktionsmuster ein Leben lang, auch wenn sie überlernt wurden. Durch Tumore, Drogenkonsum, Alterungsprozesse im Gehirn und endokrine Faktoren kann die Selektivität der Informationsaufnahme und -verarbeitung des Frontalhirns beeinflusst werden (Griesemer, 2006a). Dadurch kann der „psychosexuelle […] Umstellungsprozess von Kindern auf Erwachsene in der Pubertät“ (Griesemer, 2006b) gestört werden.

Ursächlich für die Entstehung von Pädosexualität können aber auch rein psychologische Merkmale sein. „Intensiv erlebte, […] positive oder […] freudvoll-prägende pädoerotische Erlebnisse der Kinderzeit mit anderen Kindern“ (Griesemer, 2006a, S. 15) können zu einer Reaktivierung der Lernprozesse und somit zu einer pädosexuellen Entwicklung im Erwachsenenalter führen. Intensive negative Erlebnisse, wie zum Beispiel die unerfüllte Sehnsucht eines präpubertären Jungen zu einem gleichaltrigen Kind, können zu einer resistenten, lebenslang anhaltenden Prägung auf das betreffende Erscheinungsbild führen (Griesemer, 2006c).

Mit der Nautilus-Studie bestätigte Griesemer seine Hypothese, dass Pädosexuelle, als sie noch Kinder waren, jüngere Kinder für physisch anziehend hielten, als Nicht-Pädosexuelle. 55 Pädosexuelle und 20 Nicht-Pädosexuelle nahmen an der Untersuchung teil. Pädosexuelle verspürten durchschnittlich im Alter von 8.4 Jahren die erste körperliche Anziehung, Nicht-Pädosexuelle im Alter von 9.1 Jahren. Dieser Unterschied der Mittelwerte erwies sich als nicht signifikant (p = .05). Die von Pädosexuellen gemachten Angaben bezüglich des Alters des begehrten Kindes liegen im Durchschnitt drei Jahre unterhalb der Angaben von nicht-pädosexuellen Probanden und somit vor dem Erreichen der Pubertät. Das Ergebnis zeigte sich signifikant (p = .05). Der Autor betont jedoch, dass eine Voraussetzung für eine pädosexuelle Neigung nicht der Altersunterschied per se ist, sondern dass das begehrte Kind noch nicht die Pubertät erreicht hat.

Griesemer kommt letztendlich zu dem Schluss, dass die Mentalität und das Erscheinungsbild präpubertierender Kinder eine Faszination auf Pädosexuelle ausüben und nicht, wie oft angenommen, das vorherrschende Machtgefälle oder eine narzisstische Komponente des Pädosexuellen (Griesemer, 2006a).

Auch für den oft replizierten Befund, dass Pädosexuelle fast ausschließlich männlich sind (95 bis 97 %, Salter, 2006; 97 %, Egg, 2003; 98 %, Wolak et al., o. J.), bietet die integrative Verursachungstheorie Griesemers eine Erklärung. Präpubertäre Mädchen verlieben sich, im Gegensatz zu gleichaltrigen Jungen, meist in ältere, sich bereits in der Pubertät befindliche Kinder. Somit entwickeln sie erst gar nicht eine erotische und sexuelle Neigung für Buben und Mädchen dieses Alters (Griesemer, 2006b).

1.3.5 Pychoanalytische Theorie

Nach der psychoanalytischen Theorie hat die Pädosexualität ihren Ursprung in der frühen Kindheit. Die Identifikation mit Kindern stellt einen Schutzmechanismus zur Verbesserung des psychischen Gleichgewichts, das unter anderem durch genitale Minderwertigkeit, Selbsthass und ein geringes Selbstwertgefühl beeinträchtigt ist, dar. Das Machtgefälle zwischen einem Erwachsenen und einem Kind wird von Psychoanalytikern als eine sexuell erregende Komponente gesehen, die auf fehlerhaftes Verhalten der Bezugspersonen – vor allem der Mutter – in der frühen Kindheit zurückzuführen ist (Ohlmes, 2006).

1.3.6 Feministische Theorie

Feministinnen sehen den Ursprung der Pädosexualität in der patriarchalischen Gesellschaftsordnung. Männer haben auf Grund der traditionellen Arbeitsteilung und Familienstruktur mehr Macht als Frauen (Ohlmes, 2006). Der sexuelle Missbrauch festigt diese Strukturen, da er stets von mächtigeren Personen vollzogen wird. Die Berufstätigkeit des Mannes führt des Weiteren zu einer emotionalen Entfremdung gegenüber dem Kind. Das kindliche Interesse an emotionaler Zuwendung kann von dem Mann als sexuelles Interesse fehlinterpretiert werden. Zudem verringern vor allem gewalttätige pornographische Materialien beim Mann die Hemmschwelle für sexuelle Übergriffe. Als Kritikpunkt sei anzumerken, dass sich die feministische Sichtweise allein auf das Machtmoment stützt (Ohlmes, 2006).

1.3.7 Lerntheorie

Die Lerntheorie vertritt die These, dass sich normabweichende Sexualpräferenzen genauso entwickeln wie andere Verhaltensweisen auch. „Normabweichende Erregungsmuster werden […] durch den Mechanismus der klassischen Konditionierung erworben. Dementsprechend erhält eine bis dahin sexuell neutrale Handlung durch die zeitliche Kopplung mit sexueller Erregung eine sexuelle Tönung“ (Ohlmes, 2006, S. 36). Wie Griesemer bereits zeigte, machen die meisten Kinder ihre ersten erotischen Erfahrungen mit anderen Kindern (Griesemer, 2006b). Eine Vielzahl solcher Erfahrungen führt zu einer Fixierung auf kindliche Merkmale. Durch diverse soziale Umstände, wie zum Beispiel Problemen mit gleichaltrigen Partnern, kann die sexuelle Präferenz bis ins Erwachsenenalter Bestand haben. Erlebnisse, wie sexuelle Erregung und Orgasmus, führen – gemäß der operanten Konditionierung – zu einer positiven Verstärkung des pädosexuellen Verhaltens (Ohlmes, 2006).

1.3.8 Vier-Stufen-Modell Finkelhors

Finkelhor ist der Ansicht, dass für die Entstehung von Pädosexualität mehrere Faktoren zusammenwirken müssen. Dies beschreibt er in seinem Vier-Stufen-Modell (Ohlmes, 2006). Abbildung 1.5 stellt Finkelhors Konzept graphisch dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1.5: Vier-Stufen-Modell zur Entstehung von Pädosexualität nach Finkelhor

- Faktor 1: Der Pädosexuelle nimmt die (sexuelle) Beziehung zu einem Kind als emotional befriedigend wahr. Persönlichkeitszüge, die diesen Faktor begünstigen, sind ein unreifes, kindliches Wesen sowie ein geringes Selbstwertgefühl des Erwachsenen. In Anlehnung an die feministische Theorie spielt der wahrgenommene gesellschaftliche Druck, „stark“ und „männlich“ sein zu müssen, eine wichtige Rolle. Durch die Beziehung zu einem schwächeren Partner, einem Kind, wird der Pädosexuelle dieser „Norm“ gerecht.
- Faktor 2: Der Pädosexuelle wird beim Zusammensein mit einem Kind sexuell erregt. Dies geschieht durch klassische und operante Konditionierung (vgl. Lerntheorie). Außerdem geht Finkelhor von einem „Zuschreibungsfehler“ aus. „[…] die von Kindern […] ausgelösten emotionalen Erregungen [werden] nicht etwa als ‚mütterlich/väterlich’ oder ‚liebevoll-zärtlich’ verstanden, sondern als ‚sexuelle Liebe’ etikettiert [….]“ (Ohlmes, 2006, S. 41/42).
- Faktor 3: Der Pädosexuelle ist nicht in der Lage, eine altersgemäße Partnerschaft zu führen. Hierfür sind individualpsychologische Merkmale ursächlich. Die ersten Beziehungen mit gleichaltrigen Erwachsenen wurden als unbefriedigend und frustrierend erlebt und erhalten dadurch eine negative Konnotation.
- Faktor 4: Der Pädosexuelle geht eine sexuelle Beziehung zu einem Kind ein, obwohl soziale und gesetzliche Regeln das verbieten. Die Gefahr der strafrechtlichen Verfolgung ist gering, da sexualisiertes Verhalten gegenüber Kindern oft stillschweigend hingenommen wird. Auch hier bedient sich Finkelhor der feministischen Sichtweise. Durch die patriarchalische Gesellschaftsordnung, in der der Mann über Frauen und Kinder verfügt, wird die Hemmschwelle für einen sexuellen Übergriff herabgesetzt.

Finkelhors Vier-Stufen-Modell dient lediglich der Erklärung des ausschließlichen Typus. Nicht-ausschließliche Pädosexuelle führen neben ihren pädosexuellen Kontakten Beziehungen mit gleichaltrigen Erwachsenen. Somit erfüllen sie den dritten Faktor nicht.

1.3.9 Komorbidität

Pädosexuelle leiden, bedingt durch die gesellschaftliche Ächtung und die damit verbundene Einsamkeit, die drohende Strafverfolgung und der – meist praktizierten – sexuellen Enthaltsamkeit, oftmals an diversen komorbiden Störungen. Zu ihnen gehören paranoide Persönlichkeitsmerkmale, Depression und Angststörungen. Vor allem die beiden Letztgenannten sind, wie mehrere Untersuchungen belegen, bei pädosexuellen Männern und Frauen sehr häufig zu finden. Ob diese Störungen ursächlich für die Pädosexualität sind oder nur eine Folge von ihr darstellen, ist noch unklar (Griesemer, 2006b).

1.4 Gesetzeslage in der BRD

1.4.1 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung

Die §§ 176 StGB (Sexueller Missbrauch von Kindern) und 174 StGB (Sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen) bilden die strafrechtliche Basis zur Verfolgung von pädosexuellen Tätern. § 176 verbietet sexuelle Handlungen zwischen einem Erwachsenen und Kindern unter 14 Jahren. Außerdem werden das Vorzeigen pornographischer Abbildungen oder Darstellungen, körperliche Berührungen mit sexueller Intention und verbale Beeinflussungen unter Strafe gestellt. Im § 174, Absatz 1 heißt es:

Wer sexuelle Handlungen 1. an einer Person unter sechzehn Jahren, die ihm zur Erziehung, zur Ausbildung oder zur Betreuung in der Lebensführung anvertraut ist, 2. an einer Person unter achtzehn Jahren, die ihm zur Erziehung, zur Ausbildung oder zur Betreuung in der Lebensführung anvertraut oder im Rahmen eines Dienst- oder Arbeitsverhältnisses untergeordnet ist, unter Mißbrauch einer mit dem Erziehungs-, Ausbildungs-, Betreuungs-, Dienst- oder Arbeitsverhältnis verbundenen Abhängigkeit oder 3. an seinem noch nicht achtzehn Jahre alten leiblichen oder angenommenen Kind vornimmt oder an sich von dem Schutzbefohlenen vornehmen läßt, wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft. (Juristischer Informationsdienst, 2008)

Im Falle einer Verurteilung ist der Schweregrad des sexuellen Missbrauchs maßgeblich für die Strafhöhe (Ohlmes, 2006).

1.4.2 Pädosexuelle Straftaten im Internet

Seit 1993 ist der Besitz, Handel und die Herstellung von kinderpornographischem Material verboten (§ 184 StGB). Zuvor waren lediglich der Vertrieb und die Produktion unter Strafe gestellt. Mit dieser gesetzlichen Neuregelung sollen die Nachfrage und somit auch die Anzahl der hergestellten Kinderpornographien reduziert werden (Egg, 2003).

Doch Kinderpornographie ist in Zeiten des Internets kein nationales, sondern ein globales Problem. Kinderpornographische Aufnahmen können binnen weniger Sekunden in alle Länder der Welt verschickt werden. Von daher ist es notwendig, dass möglichst alle Staaten den Herstellern, Händlern und Sammlern von Kinderpornographien den Kampf ansagen. Ein erster Schritt wurde im Jahr 2000 von den Vereinten Nationen mit dem „Fakultativprotokoll zum Übereinkommen über die Rechte des Kindes betreffend den Verkauf von Kindern, die Kinderprostitution und die Kinderpornographie“ unternommen. Mit der Unterzeichnung verpflichten sich die Staaten „das Herstellen, Vertreiben, Verbreiten, Einführen, Ausführen, Anbieten, Verkaufen oder Besitzen von Kinderpornographie […] unter Strafe zu stellen“ (Bundesministerium des Inneren, 2007, S. 2). Als Kind werden Personen unter 18 Jahren bezeichnet, „soweit die Volljährigkeit nach dem anzuwendenden Recht nicht früher eintritt“ (Bundesministerium des Inneren, 2007, S. 2). Bis Ende März 2007 unterzeichneten 118 Staaten den Vertrag. 2001 setzte der Europarat mit dem „Übereinkommen über die Computerkriminalität“ die Linie der Vereinten Nationen fort. Das Übereinkommen „verpflichtet die Vertragstaaten, das Herstellen, Anbieten, Verbreiten, Beschaffen oder Besitzen von Kinderpornographie über ein Computersystem unter Strafe zu bestellen“ (Bundesministerium des Inneren, 2007, S. 2). Unter Kinderpornographie werden sexuelle Darstellungen von Personen, die das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet haben oder das Erscheinungsbild von einer Person unter 18 Jahren haben, verstanden. Jedem Vertragsstaat steht es frei, die Altersgrenze nach unten zu korrigieren, jedoch darf ein Mindestalter von 16 Jahren nicht unterschritten werden (Bundesministerium des Inneren, 2007).

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Details

Seiten
113
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640435784
ISBN (Buch)
9783640435814
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v135828
Institution / Hochschule
Universität Regensburg
Note
2,0
Schlagworte
Psychologie Kindesmissbrauch Medien Internet Prävention Pädophilie Pädosexualität Internetkriminalität

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Titel: Pädosexuelle Täterstrategien im Internet