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Zum Identitätsbegriff

von Johannes-Christian Schmücker (Autor)

Essay 2007 4 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Identität

Überlegungen zu einem „fragwürdigen“ soziologischen Begriff

Das hier vorliegende Essay ist, im Sinne des Begriffs, der Versuch den soziologischen Begriff der Identität, sowohl im historischen Kontext als auch in einem aktuellen Rahmen darzustellen, wobei die Sonderformen der Identitätsbetrachtung wie Autismus, Schizophrenie und die Zwillingsforschung aufgrund ihrer Ausnahmestellung nicht beachtet werden.

Betrachtet man die Entwicklung, die der Begriff Identitätskonzepte durchlaufen hat, so gelangt man schnell zu der Feststellung, dass dieser im Laufe der Menschheitsgeschichte mehrere Phasen durchlief, er war jedoch immer von der jeweils aktuellen Weltanschauung geprägt. So ging man in archaischen Kulturen von der tiefen Verbindung des Menschen mit der Natur aus, das heißt man hatte totemistische und animistische Vorstellungen von der Welt.

In der griechischen Mythologie wurden dann die Vorstellungen der anonymen Naturkräfte durch Gottheiten abgelöst, aber auch diese wurden mit dem Beginn des philosophischen Denkens und der Entdeckung der Individualität und des persönlichen Selbst des Menschen zurückgestellt und an ihre Stelle traten die philosophischen Überzeugungen der Antike. Dies darf man nicht in dem Sinne falsch interpretieren, dass die Menschen sich von der Religion im allgemeinen abwendeten, vielmehr wurde ihnen die Eigenverantwortung des Menschen für seine Handlungen bewusst. So vollzogen die Ionischen Naturphilosophen (Thales, Anaximander, Anaximenes) mittels ihrer Naturbeobachtungen die endgültige Emanzipation des Menschen vom Mythos hin zur Natur. Weiterhin wurde die Zahl als Grundstruktur des Kosmos angesehen ( Phytagoräer, Pythagoras) und auch ein Gedanke des in ewigem Fluss begriffenen Werdens (Heraklit) wurde entwickelt. Ein großen Schritt hin zum modernen Identitätsbegriff machten allerdings die Eleaten (Parmenides), sie entwickelten den Gedanken des unvergänglichen und unveränderlichen Seins, wobei die wesentlichen Strukturmerkmale das Selbsterkennen und das sich Unterscheiden waren, die wiederum eine Näherung an den philosophischen Subjektivitäts- und Individualitätsbegriff darstellten. Einen Schritt weiter gingen dann die Sophisten (Protagoras) bei denen der Mensch das Maß aller Dinge war und die den Grundsatz der Subjektivität in die Philosophie einführten. Der größte Fortschritt war dabei jedoch die Anerkennung des Individuellen. Diese Vorstellung wurde dann von der Philosophie Platons durch eine Theorie des Bewusstseins erweitert, die Begriffe wie Seele, Wahrnehmung, Erkenntnis und Wissen in sich vereinte. Ein weiterer Philosoph der Antike der unter anderem auch Überlegungen zum Begriff Identität anstellte war Aristoteles, für ihn war Identität das Merkmal eines jeden numerisch identischen Gegenstandes und er vertrat damit die Einheit des Seins. Für Aristoteles spielte auch der Begriff der Vernunft eine Rolle und zwar in dem Sinne, dass sie eine allgemeine Tendenz aufweist, das Gute in der vernünftigen Tätigkeit zu verwirklichen. Der Begriff der Vernunft wurde dann von der stoischen Philosophie in sofern erweitert, dass jeder Mensch die Vorraussetzungen für eine vernünftige Lebensführung in sich trägt und somit das Bewusstsein vom eigenen Sein der Ankerpunkt des Menschen wurde. Mit der Verflechtung der stoischen Philosophie und der römischen Kultur und Geschichte vollzog sich dann die Entstehung der modernen Auffassung von Identität.

Die nächste historisch wichtige Phase für die Entwicklung des Identitätsbegriffes war die Renaissance, sie fühlte sich jedoch in erster Linie dem Platonismus verpflichtet, was sich unter anderem auch darin zeigte, dass dessen Werke komplett ins Lateinische übersetzt wurden und die Denker dieser Epoche meist Anhänger des Neuplatonismus waren. An die Renaissance schloss sich die Phase der Romantik an in der die Doppelgängertheorien entwickelt wurden. Der Begriff des Doppelgängers ist hierbei nicht im wörtlichen Sinne zu verstehen sondern vielmehr als eine Variation zerstreuter Identitäten, besonders hervorzuheben ist dabei der 1815 erschienene Roman „Elixiere des Teufels“ von Ernst Theodor Hoffmann, der die Lebensgeschichte des Mönches Medardus erzählt, der sich nicht nur einen Doppelgänger zulegte sondern auch ständig neue Identitäten annahm. Weiterhin entwickelte die Literatur der Romantik ein System der psychogenen Symbolismen, die ähnlich der Traumarbeit bei Freud waren. Sigmund Freud (1856-1939) der Konzepte der bedrohten Identität entwickelte, vertrat die Vorstellung, dass der soziale Trieb, also die Orientierung der Gedanken und Gefühle an Anderen ein Großteil zur Identitäts- beziehungsweise Ichfindung beitrage. So versucht das Individuum das eigene Ich nach einem Vorbild zu gestalten um in der Masse aufzugehen und so ein Teil von ihr zu werden. Der Begriff der Masse bezieht sich hierbei allerdings auf eine organisierte und stabile Masse, beispielsweise in Form eines Heeres oder einer Religionsgemeinschaft. Dabei fungierte das sogenannte Über-Ich als ein Art Moralinstanz was man mit dem heutigen Begriff des Gewissens wohl am besten umschreiben könnte. Im Gegensatz zur organisierten Masse differenzierte Freud die einfache Masse, die sich durch Kurzlebigkeit und Organisationslosigkeit charakterisiert. Beide Massen werden aber laut Freud durch libidinöse Bindungen zusammengehalten, wobei sich die einfache Masse nur der Triebbefriedigung hingibt und sich die stabile Masse durch die Triebunterdrückung des Einzelnen, zugunsten der geschaffenen Kultur und deren Erhaltung auszeichnet. Die Religion, die, wie oben schon erwähnt, eine Form der organisierten Masse darstellt, ist nach Freud nur ein Abwehrmechanismus des Menschen um die Schwere des eigenen Lebens erträglich machen zu können.

Ein weiterer zentraler Autor für die Entwicklung des modernen Identitätsbegriffes war George Herbert Mead (1863-1931). Er entwickelte, ähnlich wie Freud, die Begriffe des I, Me und Self, jedoch hatten diese Begriffe im Gegensatz zu Freud leicht differenzierte Bedeutungen. Das I repräsentierte für Mead das subjektive Ich oder die personale Identität, die als Urheber der eigenen Handlungen und Gedanken auch spontane Triebe in sich vereint. Im Gegensatz dazu repräsentierte das Me, oder auch die soziale Identität, für Mead die objektive Komponente des Individuums, die sowohl von der Außenwelt als auch vom I wahrgenommen werden, das das Individuum aus Sicht der Anderen zeigt. Aus der Wechselwirkung dieser beiden Komponenten entwickelte sich nach Mead die Ich-Identität beziehungsweise das Self, was somit die wahre Identität des Individuums repräsentierte. Die Vorraussetzungen, die zur Entwicklung des I, Me und Self von Nöten sind, unterteilte Mead in zwei unterschiedliche Formen, die sich beide meist im Kleinkind- beziehungsweise Kindesalter vollziehen. Die erste Form war für Mead das sogenannte Play, das heißt das spielen des Kleinkindes ohne genormte Regeln oder wechselnde Rollen. Die zweite Form war für Mead das Game also ein Spiel, bei dem vorgegebene Regeln eingehalten werden und die Rollen der beteiligten Mitspieler bekannt und verinnerlicht sind. Der Begriff der Rolle bezeichnet nach Mead hierbei die konkreten Verhaltenserwartungen, die ein Individuum in einer Situation den anderen Beteiligten gegenüber hat. Die Entwicklung der eigenen Identität setzt allerdings voraus, dass die Rollen beziehungsweise die Verhaltenserwartungen, die das Individuum gegenüber den Anderen hat, vom Individuum als allgemeine soziale Normen erkannt werden.

Ein weiterer Autor, der an der Entwicklung des modernen Identitätsbegriffes maßgeblich beteiligt war ist Erik H. Erikson (1902-1994). Er entwickelte das Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung und verwendete als Psychoanalytiker die Terminologie Sigmund Freuds. Sein Identitätsbegriff setzt sich aus vier Komponenten zusammen 1. ein Gefühl der individuellen Identität, 2. ein bewusstes Streben nach einer Kontinuität des eigenen Charakters, 3. ein Kriterium für stille Taten der Ich-Synthese und 4. die Erhaltung einer inneren Solidarität den Idealen und der Identität der Gruppe gegenüber. David J. DeLevita, der das Konzept der stufenweisen Entwicklung von Erikson übernahm, versuchte im weiteren die Rollenkonzepte in einen Bezug dazu zu setzen. In seinen Ausführungen stellte er fest, dass alles was ein Individuum ist, hat und woran es beteiligt ist, einen Identitätsfaktor darstellt und er betont außerdem die Unterscheidung von Identität und Selbst. Das Selbst ist für DeLevita ein Sammelbegriff für jedwede Form Selbstwahrnehmung, Selbst-Vorstellung und Selbst-Einschätzung.

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Details

Seiten
4
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640454440
Dateigröße
348 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v135815
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,3
Schlagworte
Identitätsbegriff

Autor

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    Johannes-Christian Schmücker (Autor)

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