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Kinderarmut und Kinderarbeit

Zur Situation von indigenen Kindern in Guatemala und von Kindern in Deutschland

Zwischenprüfungsarbeit 2007 30 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Überblick über die Indikatoren für Armut und Kinderarmut, Einführung in die Kategorisierungen von Kinderarbeit

3. Beschreibung der Situation von in Armut lebenden und von arbeitenden Kindern der indigenen Bevölkerung in Guatemala und von Kindern in Deutschland

4. Einführung in die Befreiungspädagogik Paulo Freires

5. Diskussion der Frage, ob die Pädagogik Paulo Freires Anregungen für die Arbeit mit Kindern in beiden Ländern gibt

6. Anlagen

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Arbeit zur Situation von indigenen Kindern in Guatemala und von Kindern in Deutschland, soll der Frage nachgegangen werden, ob die Pädagogik Paulo Freires Anregungen für die Arbeit mit diesem Klientel in beiden Ländern gibt. Dafür wird zunächst, nach einer kurzen Diskussion der allgemeinen Indikatoren für Armut, eine Einführung in das Thema Kinderarmut erfolgen. Es schließt sich eine Auseinandersetzung mit den gebräuchlichen Definitionen von Arbeit im Allgemeinen, und den Stellungnahmen der International Labour Organisation und UNICEF zur Abgrenzung und Kategorisierung von Kinderarbeit im Konkreten, an. Im dritten Kapitel folgt eine Beschreibung der Situation von in Armut lebenden und von arbeitenden Kindern an den konkreten Beispielen Guatemalas und Deutschlands. Hierbei wird als erstes, anhand der UNICEF-Studien zur weltweiten Kindersterblichkeitsrate, auf die Situation der Kinder in der Welt eingegangen, und auf Grundlage von Schätzungen des „Statistischen Informations- und Überwachungsprogramms zur Kinderarbeit SIMPOC“, auf die weltweite Lage zum Thema Kinderarbeit. Anschließend erfolgen konkrete Ausführungen zur Situation der Kinder in den indigenen Bevölkerungsgruppen Guatemalas und in Deutschland, anhand der Betrachtung statistischer Quellen. Im vierten Kapitel soll es darum gehen, in die Befreiungspädagogik Paulo Freires einzuführen. Dieser Abschnitt beginnt mit einem Überblick zu Freires Person und seinem Menschenbild. Es folgen Beschreibungen des von ihm geprägten Begriffs der Educación popular, dem Prozess der Bewusstwerdung – dem „conscientizacao“ – und seinen konkreten Vorstellungen von befreiender Erziehung. Das letzte Kapitel stellt eine Diskussion der Grundfragestellung dar. Es soll untersucht werden, ob und wie Freires Ansätze in der Arbeit mit den untersuchten Kindern und Jugendlichen Anwendung finden können. Gibt es überhaupt Parallelen in den Lebenssituationen von Kindern aus einem Industrieland und denen einer Bevölkerungsgruppe, die in einem viel weniger entwickelten Gebiet lebt?

2. Überblick über die Indikatoren für Armut und Kinderarmut, Einführung in die Kategorisierungen von Kinderarbeit

Zu Anfang soll definiert werden, was Armut, und im Konkreten Kinderarmut charakterisiert, und die Frage nach Indikatoren für Armut untersucht werden. Nach Karin Holm und Uwe Schulz (2003, 17) bezieht sich die gebräuchlichste Armutsdefinition in Europa auf die Festlegung des EG-Ministerrates vom 19. Dezember 1984. Demnach gelten Einzelpersonen, Familien und Haushalte als arm, „die über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedsstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist“. Armut ist demnach immer mehrdimensional zu sehen und im Bezug auf die Ungleichheit der Lebensbedingungen in verschiedenen Ländern zu beschreiben. Armutsstatistiken sind daher kritisch zu betrachten, sofern sie eindimensional Armut nur als Einkommensarmut erfassen (S. 17 f.). Kinderarmut wurde laut Zander (2003, 72) lange nicht als eigenständiges soziales Problem betrachtet. Kinder seien aber nicht nur „Angehörige einkommensarmer und sozial benachteiligter Haushalte“, sondern spezifisch betroffen von Armutslagen. Die Armutslagen ihrer Familien müssen dabei immer in Zusammenhang mit den Einflussfaktoren Wohnsituation, Bildungsstatus der Eltern, soziale Eingebundenheit, Erwerbssituation und Krankheit oder Behinderung betrachtet werden. Zander führt an, dass sich viele Studien zu Kinderarmut der Bundesrepublik auf Einzelaspekte wie „eingeschränkte räumliche Erfahrungsmöglichkeiten und ungenügende Lernanreize, Differenzwahrnehmungen und Ausgrenzungserfahrungen sowie Folgewirkungen für die kindliche Entwicklung“ (S. 72 f.) beziehen. Im Wesentlichen wird durch UNICEF auch die Lage der Kinder in der Welt anhand von ähnlichen Indikatoren untersucht. So führen die Studien „Zur Situation der Kinder in der Welt“ (2007, 141 ff.) unter anderem die Säuglingssterblichkeitsrate und die Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren, Lebenserwartung zum Zeitpunkt der Geburt, jährliche Anzahl der Sterbefälle von Kindern unter fünf Jahren, Alphabetisierungsrate und Einschulungsrate, als „Grundindikatoren“ für das Wohlergehen von Kindern an. Neben diesen gehen die Statistiken des weiteren auf die Indikatoren Ernährung, Gesundheit, HIV/Aids, demographische Indikatoren, wie zum Beispiel Geburtenrate und Verteilung der Bevölkerung und ökonomische Indikatoren, wie die jährliche Inflationsrate und den Anteil der Staatsausgaben für Bildung, Gesundheit und Verteidigung, ein. Sabine Walper weist in einer Expertise für den 10. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung darauf hin, dass die verschiedenen Ausprägungsformen von Armut auch differenziert in ihren Konsequenzen für Kinder betrachtet werden müssen. Sie unterscheidet nach Zander in „kurz- und längerfristige Verarmung, plötzliche Einkommensverluste und Eintreten von Erwerbslosigkeit“ (74 f.).

Zur Annäherung an das Thema der Kinderarbeit soll als nächstes vorerst der Begriff der Arbeit eingegrenzt werden. In Nnaji (2005, 36 f.) werden Tätigkeiten als Arbeit definiert „die nicht unter dem Leitmotiv des Spielens oder des Lernens stattfinden“. Weiterhin diene Arbeit „der bewussten schöpferischen Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur und der menschlichen Gesellschaft … [,] der individuellen Reproduktion, der Arterhaltung, der kulturellen Weiterentwicklung des einzelnen Menschen und der gegebenen sozialen Verhältnisse“ (ebd., 36). Nnaji führt weiterhin die ethymologische Herleitung nach Meyers Ezyklopädischem Lexikon auf, die Arbeit als „schwere körperliche Anstrengung und Mühsal, Plage“ einstuft (ebd., 36). Giangi Schibotto bezieht auch Hausarbeit wie zum Beispiel das Aufpassen auf jüngere Geschwister und anderes, in seine Definition von Arbeit mit ein (vgl. Nnaji, 37). Für die International Labour Organisation (ILO), eine 1991 gegründete UN- Sonderorganisation mit Sitz in Genf, gilt ein Kind nach Börger als „erwerbstätig“, „dass mindestens ein Stunde an einem Tag in einem Referenzzeitraum von sieben Tagen arbeitet“ (2007, 8). Nach Definition der ILO schließt der davon zu unterscheidende Begriff der „Kinderarbeit“ „alle Kinder über zwölf Jahren aus, die nur einige Stunden pro Woche eine erlaubte Arbeit verrichten, sowie Kinder über 15 Jahren, deren Arbeit nicht als ‚gefährlich’ eingestuft wird“ (ebd., 8). Als „gefährliche Arbeit“ bezeichnet die deutsche Niederlassung der ILO laut Generaldirektor des Internationalen Arbeitsamtes Genf jede Tätigkeit „die sich ihrer Natur nach schädlich auf die Sicherheit, die körperliche oder seelische Gesundheit und die sittliche Entwicklung des Kindes auswirkt oder auswirken kann. Gefahren können auch von einer übermäßigen Arbeitsbelastung, den physischen Arbeitsbedingungen und/oder der Arbeitsintensität im Sinne von Arbeitsdauer oder geleisteten Arbeitsstunden ausgehen, selbst dann, wenn eine Tätigkeit oder Beschäftigung als nicht gefährlich oder als ‚sicher’ gilt“ (2006, 6). In der seit 1999 vorliegenden ILO-Norm 182 wird diese „gefährliche oder ausbeuterische Kinderarbeit“ konkret beschrieben als „Sklaverei und Schuldknechtschaft und alle Formen der Zwangsarbeit, Arbeit von Kinder unter zwölf Jahren, Kinderprostitution und -pornographie, der Einsatz von Kindern als Soldaten, illegale Tätigkeiten wie zum Beispiel Drogenschmuggel, Arbeit, die die Gesundheit, die Sicherheit oder die Sittlichkeit gefährdet, also zum Beispiel Arbeit in Steinbrüchen, das Tragen schwerer Lasten oder sehr lange Arbeitszeiten und Nachtarbeit“ (Börger, 2007, 8). UNICEF unterscheidet arbeitende Kinder in „Kinder von fünf bis elf Jahren, die in der Woche vor der Befragung wenigstens eine Stunde ökonomisch tätig waren oder wenigstens 28 Stunden Hausarbeit verrichtet haben, und [des weiteren] Kinder zwischen zwölf und 14 Jahren die während der Woche vor der Befragung wenigstens 14 Stunden ökonomisch tätig waren oder insgesamt wenigstens 42 Stunden kombiniert ökonomisch oder im Haushalt tätig waren“ (Nnaji, 2005, 36, eigene Übersetzung). Bei dieser Definition werden die so genannten „domestic childworkers“ ausgeschlossen, die weniger als 28 oder „kombiniert“ 42 Stunden Hausarbeit verrichten (vgl. ebd., 38). Auch die Definition der ILO bezieht diese Kinder, die täglich im Haushalt, Garten, Kinderbetreuung arbeiten, nicht mit ein, um die von Kindern in industrialisierten Ländern nach der Schule verrichteten Tätigkeiten auszuklammern (vgl. ebd., 40).

3. Beschreibung der Situation von in Armut lebenden und von arbeitenden Kindern der indigenen Bevölkerung in Guatemala und von Kindern in Deutschland

Nun zu einigen statistischen Fakten im Rahmen einer kurzen Beschreibung der aktuellen Situation der Kinder in der Welt in Bezug auf Armut und Kinderarbeit. Die schon oben erwähnte Studie von UNICEF (2007, 142 ff.) veröffentlichte unter anderem die Zahlen zur Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren im Jahr 2005, die den „Schätzungen und Hochrechnungen der Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen“ (ebd., 141) entstammen. Demnach war 2005 die Sterblichkeitsrate in West- und Zentralafrika mit 169 Todesfällen pro 1000 Lebendgeborenen am höchsten. Danach folgen in der Rangliste die anderen Regionen Afrikas. Mit 84 Todesfällen liegt auch die Rate in Südasien im Gegensatz zu Mittel- und Osteuropa und den GUS-Staaten (35 Todesfälle) und Lateinamerika und der Karibik (31 Todesfälle) deutlich höher. Besonders auffällig ist der Unterschied zwischen den Industriestaaten mit im Schnitt nur sechs Fällen des vorzeitigen Todes, den Entwicklungsländern der Welt, in denen durchschnittlich 83 Todesfälle geschätzt wurden, und den am wenigsten entwickelten Ländern mit einer Sterblichkeitsrate von 153 (ebd., 242).

Zum Thema der weltweiten Kinderarbeit bietet die abgebildete Tabelle der ILO (2006, 6 ff.) einen ersten Überblick:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diesen Informationen nach, die auf Schätzungen des „Statistischen Informations- und Überwachungsprogramms zur Kinderarbeit“ SIMPOC beruhen, gab es im Jahr 2004 weltweit 317 Millionen erwerbstätige Kinder, 218 Millionen von ihnen so genannte Kinderarbeiter im Alter von fünf bis 17 Jahren.

126 Millionen von ihnen gehören zu den Kindern, die gefährlicher Arbeit nachgingen (ebd., 6). Prozentual ist der Anteil der Jungen, vor allem bei den Kindern in gefährlicher Arbeit, um einiges höher als der der Mädchen (ebd., 7). Nach den Daten der SIMPOC arbeiteten die meisten Kinder in der Landwirtschaft, 22 Prozent im Bereich Dienstleistungen und nur neun Prozent in der Industrie (ebd., 8). In den Jahren 2000 bis 2004 ist laut dem angeführten ILO-Bericht die Kinderarbeit in allen drei Kategorien zurückgegangen. Vor allem weist der Bericht auf einen massiven Rückgang der gefährlichen Kinderarbeit weltweit, und ein starkes Abnehmen der Anzahl der erwerbstätigen Kinder in Lateinamerika und der Karibik um circa ein Drittel hin (ebd., 8).

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Details

Seiten
30
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640429073
ISBN (Buch)
9783640429097
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v135695
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe
Note
1,3
Schlagworte
Armut Kinderarmut Arbeit Kinderarbeit Guatemala Indigene Paulo Freire Befreiungspädagogik Kinder Educación popular Lateinamerika

Autor

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Titel: Kinderarmut und Kinderarbeit