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Neuere Forschungsbefunde zur Einsamkeit

Seminararbeit 2008 26 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einsamkeit im Lebenslauf
2.1. Kindesalter
2.2. Jugendalter
2.3. Erwachsenenalter
2.4. spätes Erwachsenenalter

3. Einsamkeit und Depression

4. Originalarbeit: Warum fühlen sich Schüler einsam?
4.1. Zusammenfassung
4.2. Einleitung
4.3. Durchführung
4.4. Ergebnisse
4.5. Diskussion

5. Die UCLA- Einsamkeits- Skala
5.1. die ursprüngliche UCLA- Skala
5.2. die revidierte UCLA- Skala

6. Interventionsmöglichkeiten bei Einsamkeit

7. Zusammenfassung

8. Literaturverzeichnis

9. Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abb.1, soziale Kontakte im Lebenslauf

1. Einleitung

Einsamkeit ist ein psychologischer Forschungsbereich, der bisher zwischen Sozialpsychologie, Persönlichkeitspsychologie, Entwicklungspsychologie und klinischer Psychologie anzufinden ist und bisher selten ausführlich behandelt wurde. (Elbing, 1991).

„Der Begriff Einsamkeit bezeichnet die Empfindung, von anderen Menschen getrennt und abgeschieden zu sein.“(http://de.wikipedia.org/wiki/Einsamkeit)

Dies kann, je nach Betrachtungsweise, positiv oder negativ ausgelegt werden. Die Sozialwissenschaften betrachten die Einsamkeit häufig als normabweichend. In den Geisteswissenschaften wird Einsamkeit auch positiv gesehen, zum Beispiel als nützliches Instrument zur Selbstfindung. Die positive Sichtweise des Alleinseins ist historisch verankert in den, früher sehr positiv betrachteten, Lebensweisen als Eremit oder Klosterbewohner. Auch heute wird die bewusste Hinwendung zu Stille und zu sich selbst als Bedingung für die Selbstfindung gesehen, die dann wiederum Voraussetzung für soziale Offenheit und befriedigende Beziehungen ist. Diese Sichtweise steht im Gegensatz zur soziologischen Sichtweise, die behauptet, dass alle Probleme verschwinden würden, wenn die individuelle Vereinsamung überwunden würde indem man alles gemeinsam mache. Erfahrungen mit verordneter oder ideologischer Gemeinsamkeit in Kirchen, Parteien sowie in diversen Clubformen des Urlaubs- und Freizeitsektors zeigen, dass die Hoffnung auf individuelles Glück dadurch allein nicht erfüllt werden kann. (Elbing,1991).

Das Gefühl von Einsamkeit entsteht, wenn eine Person die Art oder Anzahl ihrer sozialen Kontakte als unzureichend empfindet und darunter leidet. Somit ist es möglich, viele soziale Kontakte zu haben und sich dennoch einsam zu fühlen oder sehr wenige soziale Kontakte zu haben und dennoch sehr zufrieden zu sein. In dem Gebiet der sozialen Arbeit wird häufig von sozialer Isolation im Zusammenhang von Einsamkeit gesprochen. Für diese Isolation gibt es exogene Risikofaktoren (wie z.B. Zugehörigkeit zu einer Randgruppe) oder endogene Risikofaktoren, die sich auf die Persönlichkeitsstruktur des Einzelnen beziehen. Viele endogene Faktoren wie ein geringes Selbstwertgefühl, Generalisierung von negativen Erlebnissen und Attribuierungsmuster, welche die soziale Isolation auf internale Defizite zurückführen, führen schließlich zur immer weiteren sozialen Isolation. Am größten sind Resignation und Depression bei Menschen, die ihre Einsamkeit mit inneren und stabilen Ursachen wie dem Aussehen oder der Persönlichkeit erklären.

Wird Einsamkeit eher äußeren, veränderbaren Ursachen zugeschrieben, trifft das den Menschen weniger da er eine Möglichkeit zur Änderung sieht. Die endogenen Faktoren sind gleichzeitig Ursache und Folge der sozialen Isolation da sie wechselhaft verstärkend wirken. Ablehnung führt beispielsweise zu einem internalen Attributionsmuster, welches wiederum den sozialen Rückzug des Betroffenen verstärkt und somit auch die Ablehnung der Gruppe, die in dem Betroffenen schnell einen Eigenbrötler sieht. (Lauth, G.W.& Viebahn ,P.,1987). Wie Einsamkeit erlebt wird ist höchst unterschiedlich, typisch sind jedoch Gefühle wie Verzweiflung (sich hilflos, furchtsam und verzweifelt fühlen), ungeduldige Langeweile, Depression (Gefühle von Isolation, Leere und Traurigkeit) und Selbstabwertung (sich selber unattraktiv und langweilig finden). Menschen, die meist einsam sind meiden paradoxerweise öfters soziale Kontakte. Dies lässt sich so erklären, dass sich Einsamkeit durch soziale Interaktion und die anschließende Isolation noch verstärkt. Betroffene sind weniger bereit, sich auf soziale Kontakte einzulassen aus Angst vor Enttäuschung. (Forgas J.P., 1995). Eines der bekanntesten Messmethoden für Einsamkeit ist die UCLA- Einsamkeits- Skala (Russel, Peplau & Cutrona, 1980), die 20 Feststellungen zu Isolation von anderen und Kontakt mit anderen enthält, die der Befragte auf einer Skala hinsichtlich ihres Zutreffens oder ihrer Häufigkeit bewerten soll.

Im Folgenden sollen die Entwicklung und Ursachen von Einsamkeit im Lebenslauf sowie die Interventionsmöglichkeiten beleuchtet werden. Der Schwerpunkt liegt auf Einsamkeit im Kindes- und Jugendalter. Wobei das Einsamkeitserleben im schulischen Kontext durch eine ausführliche Querschnittstudie näher betrachtet wird.

2. Einsamkeit im Lebenslauf

2.1.Kindheit

Ob Kinder bereits Einsamkeit empfinden, ist bisher nicht ausreichend geklärt. Gerade bei kleinen Kindern lässt sich empirisch sehr schwer prüfen, ob sie Einsamkeit empfinden da sie noch nicht über die nötigen, verbalen Ausdrucksmittel verfügen und ihre Aussagen meistens wenig Reliabilität zeigen. Eine Studie von Uhlendorff (2002) zeigt, dass der Wunsch viel Zeit alleine zu verbringen deutlich positiv mit der empfundenen Einsamkeit korreliert (.30), es besteht ein linearer Zusammenhang zwischen der allein verbrachten Zeit/Woche und der empfundenen Einsamkeit.

Je einsamer sich Kinder fühlen, desto mehr Zeit wollen sie alleine verbringen. Dies ist auf den ersten Blick erstaunlich da man eher annehmen würde, dass Kinder die sich einsam fühlen möglichst wenig Zeit alleine verbringen wollen. Anscheinend ist es aber weniger schmerzlich für Kinder, diese Einsamkeit alleine zu erleben als sich einsam zu fühlen, während andere zusammen Spaß haben. Der Wunsch allein zu sein geht in jedem Fall mit einer ungünstig erlebten sozialen Integration einher. Diese kann grundlegend schon im sehr frühen Kindesalter manifestiert werden durch eine ungünstige/günstige Bindung zu einer engen Bezugsperson wie Ainthworth & Wittig 1969 im Fremde- Situation- Test untersuchten. Die Bindungsstile haben prognostischen Wert für die Vorhersage von Verhalten im Grundschulalter.

Kinder, die mit einem Jahr sicher gebunden waren, finden sich gut zurecht und zeigen eine hohe Kompetenz in Konflikten mit Gleichaltrigen. (Berk, 2005). Für Einsamkeit lässt sich, wie auch für Bindungsstile, eine Weitergabe über die Generationen finden. Bei einer Untersuchung an Studentinnen fand man eine positive Korrelation mit der UCLA- Skala zwischen Tochter und Mutter (r. = .26). Das wird damit begründet, dass die Qualität der Eltern- Kind- Beziehung die Grundlage für die Wahrnehmung später Beziehungen ist.

2.2.Jugendalter

Im Jugendalter gewinnen soziale Beziehungen immer mehr an Bedeutung. Freundschaften werden intimer und dienen immer mehr der Selbstoffenbarung, erste intime Liebesbeziehungen werden gewünscht und erlebt. Dies erhöht das Risiko enttäuscht zu werden, Zurückweisung zu erleben und sich somit einsam zu fühlen. Es entsteht eine Diskrepanz zwischen den tatsächlichen und den gewünschten sozialen Beziehungen. Einsamkeit erreicht die höchsten Werte in den späten Jahren der Adoleszenz bis in die ersten Jahre des zweiten Lebensjahrzehnts. Danach fallen die Werte konstant bis zum 70. Lebensjahr hin ab. Dies ist nicht nur mit der wachsenden Bedeutung sozialer Beziehungen zu erklären sondern auch mit dem stetigen Wechsel, dem diese Beziehungen in der Adoleszenz unterworfen sind. Der Jugendliche muss ständig neue Beziehungen knüpfen, sei es in der Schule oder in der Ausbildungsstätte. Das soziale Umfeld ist starken Schwankungen und Wechseln unterworfen. (Berk, 2005).

Larson, Csikszentmihalyi & Graf zeigten 1982 in einer Studie mit 75 Jugendlichen, dass Jugendliche sich besonders am Freitag und Samstag einsam fühlen da hier das Alleinsein besonders stark mit der soziokulturellen Norm kollidiert, dass man an diesen Tagen sozialen Aktivitäten nachgehen sollte und ausgehen sollte. Dies nimmt im Erwachsenenalter ab da das Wochenende dann öfter der Erholung dient anstatt dem Ausgehen. Jugendliche erleben Situationen des Alleinseins wesentlich stärker als Einsamkeit als dies bei Erwachsenen der Fall ist. Dies ist aus entwicklungspsychologischer Sicht ein Befund, der eigentlich nur logisch ist da die Jugendzeit als Zeit des Umbruchs gesehen wird. Die Loslösung vom Elternhaus, die berufliche Orientierung, erste intime Beziehungen und die Veränderung der eigenen Identität sind alles Umstände, die die Vulnerabilität gegenüber Verlusten erhöhen. Brennan & Auslander (1979) fanden Auslöser und Bedingungen für Einsamkeitserleben bei Jugendlichen. Im Wesentlichen waren das Gefühle des Unverstandenseins, Danebenstehens und Vertrauensverlustes. Die Bedeutung der Beziehung zu den Eltern nimmt in der Jugendzeit ab, die Peergruppe übernimmt die wichtigste Stellung im Sozialgefüge des Jugendlichen. 54% der Jugendlichen geben an, sich häufig außenstehend in ihrer Peergruppe zu fühlen, 27% verbringen mehr als drei Stunden pro Tag alleine und 51% langweilen sich oft. Die Loslösung von den Eltern ist ein wesentlicher Faktor, der bei Jugendlichen die Vulnerabilität gegenüber Einsamkeit bedingt, sie kann als zentrale Entwicklungsaufgabe der Adoleszenz gesehen werden. Die Bewältigung dieser Aufgabe hängt von komplexen Faktoren wie der Persönlichkeit, dem sozialen Netzwerk und der Unterstützung des Autonomiestrebens des Jugendlichen durch die Eltern ab. Autonomiestreben kann als Einsamkeit begünstigender Faktor gesehen werden wenn die Eltern das Bestreben des Jugendlichen nach Eigenverantwortung, eigener Wertorientierung und Unabhängigkeit ablehnen oder der Jugendliche auf Unverständnis stößt. Auch ambivalente Verhaltensweisen der Eltern tragen hierzu bei. (Elbing, 1991). Zudem findet in der Adoleszenz eine kognitive Entwicklung statt die durch abstrakteres und symbolhaltiges Denken (konkret- operatorisches Denken, Piaget) gekennzeichnet ist. Vermehrt wird reflexiv gedacht, somit wird das eigene Selbst bewusster. Diese Entwicklungen begünstigen einerseits die Individuation des Jugendlichen andererseits stellt sich eine bewusste Wahrnahme der Vergänglichkeit, des Auf- sich-gestellt- seins und der Trennungserfahrung ein. Dies kann sich verstärkend auf das Einsamkeitsempfinden auswirken.

Der Aufbau neuer, emotional enger Beziehungen und die Integration dieser in einen sinnvollen Kontext ist eine weitere, sehr wichtige Entwicklungsaufgabe der Adoleszenz. Wird diese Aufgabe nicht bewältigt, wird das eigene Leben als leer und sinnlos empfunden was die Teilnahme an sozialen Aktivitäten blockiert und Einsamkeitsempfindungen hervorruft. (Elbing, 1991). Die persönliche Zufriedenheit mit den sozialen Beziehungen erwies sich in einer multiplen Regressionsanalyse durchgängig als bester Prädiktor für Einsamkeit als objektive Messung der sozialen Involvierung. (Cutrona, 1982). Elbing (1991) stellt zusammenfassend dar, dass vor allem der Anspruch der Gesellschaft internalisiert wird optimal zu sein, besser als alle Anderen (Erfolg in Liebe, Beruf, Freundschaft und Attraktivität). Das führt bei Jugendlichen oft zur Erfahrung des Außenstehens, des nicht den Ansprüchen-Genügens. Die Erfahrung nicht gut genug zu sein, kann zur Isolierung und zur Einsamkeit führen. Es ist aber vor allem die Qualität der sozialen Beziehungen und der Einbindung und nicht die Quantität die bestimmt, inwieweit Einsamkeit entsteht oder nicht.

Bisher wurden folgende Reaktionsmuster und Strategien bei Jugendlichen, die Einsamkeit erleben, empirisch nachgewiesen:

Betonung sozialer Aktivitäten: Zur Bewältigung von verunsichernden Einsamkeitsgefühlen werden soziale Aktivitäten exzessiv betrieben wie z.B. ständige Partys, Diskobesuche, Musikveranstaltungen, Alkoholexzesse oder auch der Anschluss an Clubs, Gruppen und Gangs. Dies ist Ausdruck eines erhöhten Affiliationsstrebens (Suche nach Unterstützung durch andere Personen) um identitätsschädigende Ausgrenzungserfahrungen zu mindern. Das kann dazu führen, dass Jugendliche sich vorschnell (bedenklichen) Gruppierungen anschließen (gewalttätigen Gangs, Rechtsradikalen) um das Gefühl des Dazugehörens zu steigern.

Betonung des Äußeren: Übermäßige Beschäftigung mit dem Äußeren wie starkes schminken, Bodybuilding oder sehr ausgefallene Frisuren und Kleidung sollen Unsicherheiten verdecken. Die soziale Beliebtheit soll durch höhere Attraktivität gesteigert werden.

Häufiger Wechsel der Kontaktpersonen: Der sehr schnelle Wechsel von Freunden und Liebespartnern soll imponieren, macht jedoch eine enge, emotionale Bindung sehr schwer. Durch die Oberflächlichkeit und fehlende Verantwortungsübernahme verstärkt sich die Einsamkeit eher als dass sie gemindert wird.

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Details

Seiten
26
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640438174
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v135679
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
Schlagworte
Neuere Forschungsbefunde Einsamkeit

Autor

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Titel: Neuere Forschungsbefunde zur Einsamkeit