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"Oral History". Methodenentwicklung und Verwendungsmöglichkeiten in Schule und Wissenschaft

Seminararbeit 2005 13 Seiten

Didaktik - Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. „Oral History“

2. Geschichte, Ursprung und ursprüngliche Verwendung

3. Verwendung in der Geschichtswissenschaft
3.1 Verwendung im Unterricht
3.2 Chancen und Risiken der Oral History
3.3 Durchführung einer Zeitzeugenbefragung im Unterricht

4. Zeitzeugen in den Medien
4.1 Fernsehzeitzeugen
4.2 Oral History im Internet

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. „Oral History“

Der Begriff Oral History kommt aus dem Englischen und bedeutet wörtlich übersetzt „mündliche Geschichte“.[1] Es handelt sich um einen Quellentyp und eine Methode, bei der die in einem Interview erzählten Erinnerungen von Zeitzeugen als historische Quelle genutzt werden.[2] Eine passende, wenn auch stark verkürzte Definition kann lauten: „Oral History ist die Produktion und Bearbeitung mündlicher Quellen.“[3]

Die Literatur beschäftigt sich mittlerweile ausführlich mit der Oral History als Methode für den Geschichtsunterricht. In allen großen Werken der Geschichtsdidaktik finden sich Artikel über Oral History, so z.B. im „Handbuch der Geschichtsdidaktik“[4] oder im „Handbuch Medien im Geschichtsunterricht“.[5] Auch die Zeitschrift „ Geschichte lernen“ hat ein Heft zum Thema Oral History“ herausgegeben.[6] Zudem haben sich zahlreiche weitere Historiker und Didaktiker mit dem Thema Oral History im Geschichtsunterricht beschäftigt. Eine Auswahl dieser Literatur wurde für die vorliegende Arbeit verwendet.

Die folgende Arbeit schildert, wie sich die Methode der Oral History entwickelte und heute in der Geschichtswissenschaft sowie in der Schule verwendet wird. Es werden Risiken und Chancen, sowie die Verwendungsmöglichkeiten für den Unterricht demonstriert, um in einem abschließenden Fazit die Zukunftsperspektive der Oral History für den Geschichtsunterricht aufzeigen zu können.

2. Geschichte, Ursprung und ursprüngliche Verwendung

Der Ursprung der Oral History liegt im 5. Jahrhundert v. Chr.[7] Damals befragte der Historiker Herdot Zeitzeugen zum Perserkrieg.[8] Die Oral History ist eigentlich eine sehr junge wissenschaftliche Methode, die es aber schon längere Zeit in ähnlicher Form gab.[9]

Als fundierte historische Methode entstand sie aber erst in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts mit der Erfindung des Tonbandes in den USA aus mehreren Bedürfnissen.[10] Zum einen stand die Erforschung schriftloser Kulturen und sozialer Gruppen im Mittelpunkt, wodurch bspw. die Geschichte und Meinung der Indianer und schwarzen Sklaven erforscht werden sollte.[11] Zum anderen sollte sie durch Experteninterviews zur „Erforschung der politischer Entscheidungsprozesse auf Regierungsebene in einer Gesellschaft“ beitragen.[12]

Einen regelrechten „Schub“ erlebte die Oral History um 1970 durch die Erfindung des Kassetten- Recorders und kam dann auch in Europa zum ersten Mal zur Anwendung um die Geschichte sozialer Minderheiten, Unterschichten und Frauen zu erforschen.[13] Im Zentrum der Zeitzeugenbefragung stand also die Geschichte der „kleine[n] Leute“[14], die Alltags- und Mentalitätsgeschichte.[15] Diese Gruppen waren zwar im eigentlichen Sinne nicht schriftlos, wurden aber in historischen Forschungen zuvor nur selten beachtet.[16]

In Deutschland ist die Befragung von politisch verfolgten Menschen des Nationalsozialismus ein zentrales Thema der Zeitzeugenbefragung.[17] Das Interesse am Nationalsozialismus ist für die Oral History besonders interessant, weil „hier die Diskrepanz zwischen politischem Willen der Oberen und sozialer Realität der Unteren ebenso offenbar wie erklärungsbedürftig erschien“.[18]

In der DDR begann man in den 1980er Jahren mit Zeitzeugenbefragungen, die unter starker staatlicher Aufsicht standen.[19]. Besonders die Arbeiterklasse wurde hierdurch erforscht.[20] Durch die Wiedervereinigung können nun Oral History –Projekte frei von staatlicher Zensur durchgeführt werden.[21]

3. Verwendung, Bedeutung und Stand der Oral History in der Geschichtswissenschaft

Zu Beginn diente die Oral History vor allem als Ersatz für fehlende oder stark verzerrte Schriftquellen.[22] Mittlerweile hat sie sich zu einer historischen Erfahrungswissenschaft entwickelt, mit deren Hilfe der subjektive Umgang eines Individuums mit der Geschichte erforscht wird.[23] Zwei Fragen stehen dabei im Mittelpunkt, mithilfe derer „Muster und Mechanismen subjektiver Erfahrungsverarbeitung“ ermittelt werden sollen:[24] Wie werden persönliche Erfahrungen wiedergegeben bzw. verarbeitet?[25] Wie ist das Verhältnis zwischen früherer Erfahrungen und ihrer Integration in die Identität des Individuums?[26]

Bei der Erforschung dieser Fragen darf nicht außer Acht gelassen werden, dass es sich bei Zeitzeugen oft um ältere Menschen handelt, die sich an einige Begebenheiten der Vergangenheit nicht mehr oder nur noch in Ausschnitten erinnern können, oder Erlebnisse verdrängt haben.[27] Des Weiteren führt der Wertewandel dazu, dass ursprüngliche Wahrnehmungen verändert werden.[28]

Daher müssen andere Quellen zur Überprüfung der Aussagen des Zeitzeugen herangezogen werden.[29]

In der Wissenschaft wird weitestgehend zwischen zwei verschiedene Formen eines Erinnerungsinterviews unterschieden. Beim thematischen Interview wird der Zeitzeuge gezielt zu einem bestimmten Sachverhalt befragt.[30] Dabei werden meist ganz konkrete Fragen gestellt.[31] Das biographische Interview beschäftigt sich mit der Geschichte des Befragten.[32] Der Interviewer wird hier offene Fragen stellen, so dass der Zeitzeuge relativ frei über seine Vergangenheit erzählen kann.[33]

3.1 Oral History im Geschichtsunterricht

Die Oral History ist besonders wegen ihrer Lebendigkeit und Anschaulichkeit eine beliebte Methode auch außerhalb der Geschichtswissenschaft.[34] Im Bereich des forschenden Lernens trägt sie einen wichtigen Teil zum Geschichtsunterricht bei.[35] Leider gehört die Befragung von Zeitzeugen noch nicht zum Standart- repertoire des Geschichtsunterrichts.[36]

Kommt die Oral History im Unterricht zur Anwendung, wollen die Schülerinnen und Schüler häufig konkrete Dinge von den Zeitzeugen wissen.[37] Dabei stehen meist geschehens- und sachorientierte Fragen im Mittelpunkt.[38] Einzelheiten beeindrucken die Schülerinnen und Schüler besonders.[39]

Wenn eine eigens durchgeführte Zeitzeugenbefragung zu viel Zeit des Unterrichts einnimmt, können Zeitzeugeninterviews bei Landesbildstellen ausgeliehen werden.[40] Jedoch verfolgt eine selbst durchgeführte Befragung noch ein anderes Ziel: Der Unterricht wird abwechslungsreicher, offener und kommunikativer gestaltet.[41]

[...]


[1] Vgl. Wierling, Dorothee, Oral History, in: Bergmann, Klaus et. al. (Hg.) Handbuch der Geschichtsdidaktik, 5. Auflage, Seelze-Velber, S. 236.

[2] Vgl. ebd.

[3] Siehe Heitzer, Horst W., Oral History, in: Schreiber, Waltraud, Erste Begegnung mit Geschichte. Grundlagen historischen Lernens, Neurid 1999, S. 460.

[4] Vgl. Wierling, Dorothee, Oral History, in Bergmann, Klaus, et. al. (Hg.), Handbuch der Geschichtsdidaktik, 5. Auflage, Seelze-Velber, S. 236-239.

[5] Vgl. Herbert,Ulrich, Oral History, in: Pandel, Hans-Jürgen/ Schneider, Gerhard, Handbuch Medien im Geschichtsunterricht, Düsseldorf 1985, S.333-345.

[6] Geschichte lernen 76 (2000): Oral History.

[7] Vgl. Heitzer, Horst W., Oral History, S. 459.

[8] Vgl. Starr, Louis M., Oral History in den USA. Probleme und Perspektiven, in: Niethammer, Lutz (Hg.), Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis. Die Praxis der Oral History, Frankfurt am Main 1980, S. 28.

[9] Vgl. Samuel, Raphale, Oral History in Großbrittanien, in: Niethammer, Lutz (Hg.), Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis. Die Praxis der Oral History, Frankfurt am Main 1980, S. 55.

[10] Vgl. Wierling, Dorothee, Oral History, S. 236.

[11] Vgl. ebd.

[12] Siehe ebd.

[13] Vgl. ebd.

[14] Siehe Sauer, Michael, Geschichte unterrichten. Eine Einführung in die Didaktik und Methodik, 2. Auflage, Seelze-Velber, S. 196.

[15] Vgl. ebd.

[16] Vgl. Wierling, Dorothee, Oral History, S. 236.

[17] Vgl. ebd..

[18] Siehe Herbert, Ulrich, Oral History, S. 334.

[19] Vgl. Wierling, Dorothee, Oral History, S. 236.

[20] Vgl. ebd.

[21] Vgl. ebd.

[22] Vgl. ebd.

[23] Vgl. Henke-Bockschatz, Gerhard, Zeitzeugenbefragung, in: Bergmann, Klaus et. al. (Hg.), Forum historisches Lernen, Schwalbach 2004, S. 355.

[24] Siehe ebd.

[25] Vgl. ebd.

[26] Vgl. ebd.

[27] Vgl. Heitzer, Horst W., Oral History, S. 462.

[28] Vgl. ebd.

[29] Vgl. ebd.

[30] Vgl. Wierling, Dorothee, Oral History, S. 237.

[31] Vgl. ebd.

[32] Vgl. ebd.

[33] Vgl. ebd.

[34] Vgl. ebd., S. 239.

[35] Vgl. ebd.

[36] Vgl. Henke-Bockschatz, Gerhard, Oral History im Geschichtsunterricht, in: Geschichte lernen 76 (2000), S. 18.

[37] Vgl. Henke-Bockschatz, Gerhard, Zeitzeugenbefragung, S. 361.

[38] Vgl. ebd.

[39] Vgl. ebd.

[40] Vgl. ebd., S. 359.

[41] Vgl. Henke-Bockschatz, Gerhard, Oral Histoy im Geschichtsunterricht, S. 18f.

Details

Seiten
13
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640437856
ISBN (Buch)
9783640438013
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v135465
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,0
Schlagworte
Oral History Geschichtsdidaktik Methodik Geschichtsunterricht

Autor

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