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Colemans "Grundlagen der Sozialtheorie" in Bezug auf den Aspekt des Vertrauens

Hausarbeit 2008 17 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis / Gliederung

I. Einleitung

II. Begriffsklärung

III. Vertrauensbeziehungen, -systeme und ihre dynamischen Eigenschaften
1. Gegenseitiges Vertrauen
2. Vertrauensintermediäre
3. Drittparteien- Vertrauen
4. Große Systeme mit Vertrauensbeziehungen

IV. Fazit und Zsfg

V. Kritik, Probleme und Perspektiven von “Rational Choice“
1. Kritik und Probleme
2. Perspektiven
3. Abschluss

I. Einleitung

- „Das Vertrauen ist eine zarte Pflanze. Ist es zerstört, so kommt es sobald nicht wieder.“ (Otto von Bismarck)

Die Hauptaufgabe der Sozialwissenschaft liegt in der Erklärung sozialer Phänomene. Zwar mögen sich manchmal soziale Phänomene direkt aus dem Verhalten von Individuen ergeben, aber häufig ist dies nicht der Fall. Folglich muss das soziale System, dessen Verhalten erklärt werden soll, im Blickpunkt des Interesses stehen.[1] Dieses System kann aus einer Zweierbeziehung oder aus einer Gesellschaft bis hin zur Weltgesellschaft bestehen, aber die grundlegende Voraussetzung bleibt die Konzentration der Erklärung auf das System als Einheit und nicht auf die Individuen oder andere Komponenten, aus denen es sich zusammensetzt.[2]

Für das Verhalten sozialer Systeme gibt es zwei Erklärungsmethoden: Die eine stützt sich entweder auf eine Stichprobe verschiedener Fälle von Systemverhalten oder auf die Beobachtung des Systemverhaltens als Ganzes über einen gewissen Zeitraum hinweg. Diese analytischen Methoden bedienen sich statistischer Assoziation zwischen dem zu interpretierenden Verhalten und anderen Eigenschaften des sozialen Systems, die den Kontext für dieses Verhalten bilden.[3]

Eine zweite Methode beinhaltet die Untersuchung von Prozessen, die innerhalb des Systems ablaufen, wobei Bestandteile oder Einheiten, die berücksichtigt werden, eine Ebene unterhalb der des Systems liegen. Auf diese Art und Weise erklärt sich das System über das Verhalten seiner Bestandteile.[4] Dieser zweite Erklärungstyp hat verschiedene Vorzüge, weist aber auch einige spezielle Probleme auf.

Die vorliegende Seminararbeit beschäftigt sich speziell mit diesem Problem und es gilt herauszufinden, ob die “Rational Choice“- Theorie nach James Samuel Coleman (1926 – 1995) ohne weiteres auf Vertrauensbeziehungen, -systeme und deren dynamische Eigenschaften angewandt werden kann.

II. Begriffsklärung

- “Rational Choice“ nach James Samuel Coleman: Der Chicagoer Soziologe James Samuel Coleman geht davon aus, dass Akteure Handlungen auswählen, die die größte Befriedigung ihrer Interessen versprechen, d.h. sie verfolgen Intentionen und treffen daher bei der Wahl ihrer Handlungsmöglichkeiten eine rationale Entscheidung.[5] Jeder Akteur kennt die richtigen Mittel und Wege, um seine Ziele zu erreichen, aber er muss feststellen, dass er diese nicht allein kontrolliert.[6] Macht heißt für Coleman die Kontrolle über Ressourcen. Da jeder die Kontrolle über wichtige Ressourcen erlangen will, sind die Handlungen der Akteure in der Regel voneinander abhängig und aufeinander bezogen. Jeder Akteur ist bestrebt, seine Kosten möglichst gering zu halten bei maximalem Gewinn.[7] Das Ergebnis eines Ressourcenaustausches ist folglich kaum ein ideales, sondern meist nur ein soziales Optimum. Wo Akteure zusammen handeln, bringen sie Wirkungen hervor, die ihr weiteres Handeln prägen. In jeder Handlungssituation stören, fördern oder überlappen sich die Intentionen der Akteure, beeinflussen sich also wechselseitig.[8]
- „Badewannenmodell“: Wie in der Einleitung bereits erwähnt, versucht James Samuel Coleman das System über das Verhalten seiner Bestandteile zu erklären (s.o.). Zur Untermauerung, zur Verdeutlichung und zur Veranschaulichung seiner Theorie bedient er sich eines Modells, das aufgrund seiner Form auch als „Badewannenmodell“ bezeichnet wird[9]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abb. 1)[10]

III. Vertrauensbeziehungen, -systeme und ihre dynamischen Eigenschaften

James Coleman unterscheidet drei Arten von Vertrauensbeziehungen:

- Erstens können zwei oder mehr Akteure gleichzeitig sowohl Treuhänder als auch Treugeber von Vertrauen sein. Dies bezeichnet er als gegenseitiges Vertrauen.
- Zweitens kann ein- und derselbe Akteur als Treuhänder für einen Akteur und als Treugeber für einen anderen Akteur fungieren. Ein solcher Akteur ist nach Coleman das intermediäre Glied in einer Vertrauensbeziehung.
- Drittens gibt es Situationen, in denen ein Akteur dem Versprechen eines zweiten Akteurs nicht vertraut, aber dem Versprechen einer dritten Partei Glauben schenkt. Dieses Versprechen kann in einer Transaktion zwischen der ersten und der zweiten Partei Verwendung finden. Coleman bezeichnet diese Konstellation als „Drittparteien- Vertrauen“.[11]

Im Folgenden werde ich Beziehungen dieser drei Typen untersuchen. Dabei beginne ich mit solchen gegenseitigen Vertrauens, die wichtige systembezogene Eigenschaften aufweisen.

1. Gegenseitiges Vertrauen

Nehmen wir an, dass ein Junge, Gordon, und ein Mädchen, Elisabeth, in einem System gegenseitigen Vertrauens agieren, d.h. dass Gordon Elisabeth vertraut und umgekehrt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abb. 2)[12]

Nach James Colemans Analyse hängt Gordons rationale Entscheidung, Elisabeths Vertrauen zu rechtfertigen oder zu enttäuschen von dem unmittelbaren Gewinn ab, den das Enttäuschen des Vertrauens ihm bringen würde in Relation zu den Gewinnen, die ihm entgehen, weil Elisabeth ihm zukünftig nicht mehr vertrauen würde. Da aber Elisabeth auch als Treuhänder für Gordons Vertrauen fungiert, würden ihm weitere mögliche Kosten entstehen, wenn er ihr Vertrauen enttäuschte. So könnte sie bspw. nicht nur in Zukunft darauf verzichten, ihm Vertrauen zu schenken, sondern ihm zusätzlich seinen Vertrauensbruch damit vergelten, dass sie ihrerseits nun sein Vertrauen enttäuscht. Dies würde Gordon nicht nur um zukünftige Gewinne aus Elisabeths Vertrauen bringen, sondern ihm aus ihrem Vertrauensbruch auch noch Verluste erwachsen lassen. Folglich verschafft die Tatsache, dass Gordon auch Elisabeth vertraut, ihr eine Ressource, die ihn davon abhält, ihr Vertrauen zu enttäuschen.[13]

Die Bedingung gegenseitigen Vertrauens beeinflusst nach Coleman nicht nur Gordons Kosten- Nutzen- Kalkulation als Treuhänder, sondern auch als Treugeber. Als Treugeber muss Gordon die Wahrscheinlichkeit von Elisabeths Vertrauenswürdigkeit mit dem Verhältnis von möglichem Verlust zu möglichem Gewinn vergleichen. Die Tatsache, dass sie ihm ebenfalls vertraut, hat Folgen für beide Seiten dieses Vergleiches. Sie erhöht sowohl die Wahrscheinlichkeit, dass sie das Vertrauen rechtfertigen wird (s.o.), als auch seine möglichen Gewinne aus der Vergabe von Vertrauen.[14]

Für einen Akteur in einer asymmetrischen Vertrauensbeziehung, d.h. einer Beziehung, in der das Individuum entweder nur als Treugeber oder als Treuhänder fungiert, besteht folglich der Anreiz, diese in eine Beziehung mit gegenseitigem Vertrauen umzuwandeln[15]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abb. 3)[16]

Eine Möglichkeit, mit der bspw. der Treugeber, Elisabeth, den Treuhänder, Gordon, (vgl. Abb. 3, oberes Schaubild) dazu bringen kann, Vertrauen in sie zu setzen, besteht darin, Situationen zu schaffen, in denen der Treuhänder zum Treugeber wird, d.h. wo dieser ihr bspw. einen Gefallen tun kann. Falls dies Erfolg hat, wird für Elisabeth eine Verpflichtung geschaffen, die sie dazu benutzen kann, Gordons Vertrauensunwürdigkeit einzugrenzen. Andererseits liegt die Erfüllung der Verpflichtung auch im Interesse von Gordon.[17]

Eine weitere Möglichkeit, die sich der Treugeberin Elisabeth bietet, besteht darin, den Nutzen, den sie Gordon bietet, extrem zu erhöhen, indem sie bspw. „alles für den geliebten Menschen tut“. Dies wäre für Elisabeth eine rationale Handlungsweise, wenn sie Gordon dadurch bewegen würde, sie genauso zu brauchen, wie sie ihn braucht.[18]

[...]


[1] Diekmann/ Voss in: Die Theorie rationalen Handelns, S. 21.

[2] Coleman in: Foundations of Social Theory, S. 1 f.

[3] Vgl. Coleman in: Foundations of Social Theory, S. 2.

[4] Vgl. Coleman in: Foundations of Social Theory, S. 3.

[5] So Abels in: Einführung in die Soziologie, Bd. 2, S. 181 f.

[6] Diekmann/ Voss in: Die Theorie rationalen Handelns, S. 14 ff.

[7] Abels in: Einführung in die Soziologie, Bd. 2, S. 182.

[8] Abels in: Einführung in die Soziologie, Bd. 2, S. 183.

[9] Coleman in: Grundlagen der Sozialtheorie, Bd. 1, S. 7 ff.

[10] Abb. verallgemeinert übernommen aus: Coleman: Grundlagen der Sozialtheorie, Bd. 1, S. 10.

[11] Vgl. Coleman in: Grundlagen der Sozialtheorie, Bd. 1, S. 227 f.

[12] Abb. selbst erstellt nach: Coleman: Grundlagen der Sozialtheorie, Bd. 1, S. 115 – 149, S. 228 – 231.

[13] So Coleman in: Grundlagen der Sozialtheorie, Bd. 1, S. 115 – 149, S. 228 f.

[14] Vgl. Coleman in: Grundlagen der Sozialtheorie, Bd. 1, S. 228 f.

[15] So Coleman in: Grundlagen der Sozialtheorie, Bd. 1, S. 229.

[16] Abb. selbst erstellt nach Coleman: Grundlagen der Sozialtheorie, Bd. 1, S. 228 – 231.

[17] Vgl. Coleman in: Grundlagen der Sozialtheorie, Bd. 1, S. 229.

[18] Vgl. Coleman in: Grundlagen der Sozialtheorie, Bd. 1, S. 230.

Details

Seiten
17
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640427963
ISBN (Buch)
9783640425129
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v135207
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Staatswissenschaftliche Fakultät
Note
2,3
Schlagworte
Colemans Grundlagen Sozialtheorie Bezug Aspekt Vertrauens

Autor

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