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Form und Funktion der Modernisierung des Mythos Medea in Christa Wolfs "Medea. Stimmen"

Seminararbeit 2002 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. EINLEITUNG

II. ZUR MEDEA-FIGUR IN DER ANTIKE – MYTHISCHE GRUNDLAGEN BEI EURIPIDES

III. VERÄNDERUNGEN UND PARALLELEN IN DER DARSTELLUNG DER MEDEA-FIGUR BEI CHRISTA WOLF
1. Medeas Motiv zur Flucht
2. Medeas Beziehung zu Glauke
3. Die Rolle Kreons
4. Die Frage nach Medeas Schuld

IV. AUSGEWÄHLTE ASPEKTE DER AKTUELLEN THEMATIK DES VORLIEGENDEN WERKES
1. Das Sündenbock Phänomen
2. Streben nach Macht

V. SCHLUSSBEMERKUNG

VI. LITERATURVERZEICHNIS

I. Einleitung

Der Mythos ‚Medea‘ wurde in der Vergangenheit vielfach von Autoren aufgegriffen und in der Literatur verarbeitet und ist somit der wohl von allen antiken Stoffen am häufigsten behandeltste, wie die Dichtungen eines Ennius, Ovid, Seneca, Corneille, F. M. Klinger, Grillparzer, Jahn und Anouilh beweisen.[1]

Auch Christa Wolf nimmt in ihrem Roman ,,Medea. Stimmen” Elemente des antiken Mythos ,Medea’ auf und variiert und verändert ihn. In der vorliegenden Arbeit soll diese Bearbeitung des Medea-Mythos bei Christa Wolf sowohl in ihren Veränderungen als auch in ihren Parallelen analysiert werden.

Dazu wird es zunächst im ersten Kapitel notwendig sein, einen kurzen Überblick über die wichtigsten Handlungselemente des Medea Mythos zu geben. Grundlage des ersten Kapitels und damit der gesamten Analyse wird der Medea-Mythos nach Euripides[2] sein, da dieser den ursprünglichen Mythos als erster zusammenfassend erzählt hat.

Auf dieser Vorlage soll anschließend analysiert werden, welche Veränderungen Christa Wolf für ihre Version der ,Medea‘ vornimmt und inwiefern Parallelen zum ursprünglichen Medea-Mythos zu ziehen sind. Dies wird anhand von ausgewählten Handlungen und Beziehungen dargestellt, um schließlich auch Medeas Schuldfrage klären zu können.

Anschließend soll in einem weiteren Kapitel die aktuellen Thematik in Christa Wolfs Werk thematisiert und diskutiert werden. Interessant wird dabei sein, zu sehen, welche möglichen zeitgenössischen Probleme Christa Wolf mit dieser weit zurückliegenden Figur aufzeigen will.[3]

Abschließend erfolgt eine kurze Zusammenfassung der Analyse und Ergebnisse dieser Arbeit sowie ein Ausblick auf mögliche andere Analysepunkte in Christ Wolfs „Medea. Stimmen“.

II. Zur Medea-Figur in der Antike – mythische Grundlagen bei Euripides

Der Medea-Mythos ist in den letzten zwei Jahrtausenden immer wieder neu erzählt und literarisch bearbeitet worden. Charakteristisch ist dabei, dass es zu Beginn oft nur bruchstückhafte, teilweise widersprüchliche Überlieferungen gab.

Erst Euripides hat mit seiner Tragödie diesen Mythos zu einer übersichtlichen Handlung zusammen gefasst. Er übernahm die Grundzüge des Mythos Medea in seine Tragödie und integrierte einige neue Elemente. So hat er die „Gestalt und [den] Mythos zu dem gemacht [...], wofür die Medea heute bekannt ist.“[4]

Ausgangspunkt der Tragödie bei Euripides ist, dass die zauberkundige Medea, aus leidenschaftlicher Liebe zu Jason, aus ihrer Heimat Kolchis nach Korinth flieht, nachdem sie Jason geholfen hat, das goldene Vlies von ihrem Vater zu stehlen. Doch dadurch begeht sie Verrat an ihrem Vater und Bruder. Zudem wird ihr vorgeworfen, letzteren sogar getötet und durch ihre Zauberkräfte den Rachemord an Pelias, Jasons Onkel, herbeigeführt zu haben.

In Korinth wird Medea jedoch von Jason verlassen, der Glauke, die Tochter des Königs heiraten will, um so seine Existenz zu sichern. Aus diesem Grund wird Medea eine von Hass erfüllte, grausame Frau, die sich durch Betrug und List an ihrem Mann rächen will. Mit scheinbar aufrichtiger Freude lässt sie der zukünftigen Braut ein festliches Kleid überbringen. Dieses ist jedoch von Medea verzaubert und tötet Glauke und ihren zur Hilfe eilenden Vater Kreon durch Gift und Feuer auf qualvolle Weise. Diese Grausamkeiten aus rasender Eifersucht finden ihren Höhepunkt, als Medea zur Mörderin ihrer eigenen Kinder wird, um sich an Jason zu rächen. Um diesen grausamen Mord in Erinnerung zu halten, stiftet sie ein Opferfest und trägt somit selbst zur Festigung des Mythos bei.[5]

Diese beiden wichtigen Handlungselemente, Medea als Kindesmörderin und der Mord Medeas an Glauke wurden von Euripides neu eingefügt und sind weitgehend unhinterfragte feste Bestandteile des ;Mythos Medea‘ geworden.[6]

III. Veränderungen und Parallelen in der Darstellung der Medea-Figur bei Christa Wolf

Christa Wolf hat ihrem Roman „Medea. Stimmen“, diesen griechischen Mythos zu Grunde gelegt und bearbeitet.

Die Autorin übernimmt für ihre Version wesentliche Handlungselemente des überlieferten Medea-Mythos, wie z. B. Orte der Geschehnisse, Namen, Verwandtschaftsbeziehungen und Funktionen von Figuren. Sie fügt aber auch neue Elemente ein. Trotz aller Veränderungen, besonders in Hinblick auf Medeas Charakter, bleibt Medea aber dennoch als Figur der griechischen Mythologie erkennbar.

Auffällig dabei ist, dass Christa Wolf besonders die Elemente des Medea-Mythos, die heute am bekanntesten sind, größtenteils als ‚unwahr’ darstellt.[7] Diese Aspekte sollen im Folgenden ausführlich untersucht und erläutert werden

1. Medeas Motiv zur Flucht

Christa Wolf übernimmt in ihrem Roman die Ausgangssituation des euripideischen Dramas, sowie in weiten Teilen die vorkorinthische Lebensgeschichte Medeas.

Allerdings ändert sie Medeas Motiv zur Flucht aus Kolchis nach Korinth. Mit dieser Motivänderung geht auch eine Veränderung des Charakters Medeas einher, da ein Tatmotiv immer aus der inneren Verfassung resultiert und diese dadurch auch den Charakter widerspiegelt.

In Christa Wolfs Version nämlich, wird Jason zwar von Medea geliebt, aber sie ist „keine hilflose Sklavin sexueller Leidenschaften“[8]. Zwar gibt sie zu, dass sie Jason während der gemeinsamen Flucht lieben lernt, aber ein solch naiver Grund ist für sie nicht ausschlaggebend, um ihre Heimat zu verlassen. In Korinth wird schließlich deutlich, dass Jason ihr nicht mehr wichtig ist, gezeigt durch die neue Liebesbeziehung, die sie mit Oistos eingeht.[9]

Doch die Kolcher suchen einen Grund für Medeas Flucht aus ihrer Heimat. Sie sehen in Medea und Jason „von Anfang an ein Paar [und für sie] erklärt und entschuldigt die Liebe der Frauen zu einem Mann alles.“[10] Nur aus diesem Grund toleriert Medea dieses Motiv für ihre Flucht als eine Erklärung für die Außenstehenden.

Medea hat ein viel entscheidenderes Motiv zur Flucht: Sie verlässt ihre Familie und ihre Heimat aus politischen Gründen, denn Medea weiß um die Rolle ihres Vaters bei der Ermordung seines eigenen Sohnes. Dieser hatte seinen Sohn zur eigenen Machterhaltung getötet. Mit diesem Wissen konnte sie weder weiterhin mit ihrem Vater, noch „in diesem verlorenen, verdorbenen Kolchis”[11] leben, was sich nach dem Tod des Bruders in einer solchen Art und Weise veränderte, dass sie dort nicht mehr bleiben konnte und wollte.

So macht sie sich auf die Suche nach einem idealistischem Staat, um „eine höhere, menschliche Zivilisation zu finden.“[12]

2. Medeas Beziehung zu Glauke

Auch die Figur Glauke und die Beziehung Medeas zu ihr, bekommt durch Christa Wolf ein völlig anderes Gesicht.

Christa Wolfs Medea ist weder zu tiefst verzweifelt, noch von Hass und Racheplänen gegen ihre Rivalin erfüllt. Vielmehr verhält sich Medea Glauke gegenüber ehrlich und freundlich. Sie macht sich aufrichtig Sorgen, ob Jason gut mit seiner zukünftigen Frau umgeht oder ob er ihr etwas antut.[13]

Christa Wolf ist davon überzeugt, dass es in „annähernd matriarchalen Beziehungen zwischen Frauen [...] keine Eifersucht wegen eines Mannes“[14] geben kann. Daher hat sie auch dieses Element in ihrem Roman umgedeutet.

Medeas Verhältnis zu Glauke zeichnet sich durch freundschaftliche, fast schon mütterliche Fürsorge aus. Sie steht im engen Kontakt zu Glauke, indem sie sie häufig und regelmäßig besucht, obwohl es ihr vom König strengstens verboten wurde. Medea will Glauke nämlich körperlich und seelisch heilen: Sie macht ihr die gleichen Umschläge und summt dazu dieselben Lieder wie Glaukes Mutter. Außerdem gibt sie Glauke eine der widerlichsten Tinkturen zu trinken und zeigt ihr die Stellen ihres Körpers, von denen der Ausschlag sich zurückzieht.[15] Denn Glauke ist von einem Ausschlag befallen und hat ein Anfallsleiden. Medea sieht den Grund für diese Krankheit darin, dass Glauke die schlimmen früheren Ereignisse, die brutale Gefangennahme ihrer Schwester Iphinoe durch bewaffnete Soldaten, verdrängt hat. Dadurch hat sie schwere Depressionen und macht sich für ihr Leid verantwortlich. Zur Selbstbestrafung „zerreiß[t] [sie ihre] Kleider und zerkratz[t] [ihr] Gesicht“[16].

Medea will daher nicht nur den körperlichen, sondern auch den geistigen Heilungsprozess voran treiben und drängt Glauke immer wieder dazu, sich an die „Bilder der Vergangenheit“[17] zu erinnern.

Ein weiteres wichtiges Anliegen Medeas ist, Glauke in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken. Diese findet sich selbst äußerst hässlich und kann verstehen, dass kein Mann „gerne die blasse, unreine Haut, das dünne schlaffe Haar oder die linkischen Glieder eines Mädchen“[18] berühren mag. Um ihr ein stärkeres Selbstwertgefühl zu geben, bringt Medea Glauke anstelle der üblichen schwarzen Kleider bunte kolchische Webstücke, so dass sie sich wie eine andere Frau fühlt. Außerdem zeigt Medea Glauke Tricks, wie sie sich halten, wie sie laufen, womit sie ihr Haar waschen und wie sie es tragen soll. Diese Zuwendung ist für Glauke nicht nur Schmeichelei, sondern berührt sie tief in ihrem Innersten.[19]

Glauke kann die aufrichtige Beziehung zu Medea jedoch nicht dauerhaft erwidern. Nachdem Medea ihr geholfen hat die verdrängten Dinge ins Bewusstsein zu rufen, geht es ihr zwar besser, allerdings entfernt sie sich wieder und wird erneut krank. Sie will die gewonnenen Erkenntnisse nicht wahrhaben und gibt Medea die Schuld an ihrer innerlichen Zerrissenheit.[20] Einerseits bezeichnet sie Medeas Taten als schwarze Magie, wie es ihr von ihrem Vater eingeredet wird. Andererseits hat sie jedoch durch Medea hoffnungsvolle Tage erlebt und sich sogar noch mehr Hilfe von Medea gewünscht. Glauke hasst Medea also, weil sie sich von ihr im Stich gelassen fühlt und ist daher froh, Medea nicht mehr sehen zu müssen.[21]

Eine äußere Parallele zum ursprünglichen Mythos stellt die Situation um Glaukes Tod dar. Medea übergibt Glauke ihr eigenes Festkleid als Hochzeitsgeschenk. Dieses Gewand steht im engen Zusammenhang mit Glaukes Tod. Denn nachdem sie es angezogen hat, stürzt sie sich in einen Brunnen. Doch es besteht kein kausaler Zusammenhang zwischen dem Gewand und dem Tod Glaukes. Es ist jedoch insofern eine Verbindung zu sehen, dass Medea verbannt wird, obwohl sie Glauke das Kleid „großherzig, [...] ohne böse Absicht“[22] geschenkt hat. Dadurch wird Glauke ihre dringend benötigte Bezugsperson entzogen. In dieser Ausweglosigkeit stürzt sie sich in den Brunnen und begeht so Selbstmord.[23]

3. Die Rolle Kreons

Ein neues Element in Christa Wolfs Werk ist der Mord an Iphinoe, der ältesten Tochter des Königs und Schwester Glaukes. Dieser Mord ist aber ein streng gehütetes Geheimnis in Korinth. Durch dieses Element bekommt auch Kreon eine wichtige Bedeutung zugeschrieben.

[...]


[1] vgl.: Beck, Jan-Wilhelm: Euripides ‚Medea’: Dramatisches Vorbild oder misslungene Konzeption? In: Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen I. Historische Klasse 1998. S. 11ff. (künftig zitiert: Beck, Jan-Wilhelm)

[2] Euripides: Medea. Tragödie. Übersetzung von J. J. C. Donner. Stuttgart: Reclam 1972. (=Reclams Universalbibliothek, Nr. 849) (künftig zitiert: Euripides: Medea).

[3] vgl.: Warum Medea? Christa Wolf im Gespräch mit Petra Kammann am 25.1.1996. In: Christa Wolfs Medea. Voraussetzungen zu einem Text. Mythos und Bild. Hg. v. Marianne Hochgeschurz. Berlin: Janus press 1998. S. 49. (künftig zitiert: Warum Medea?).

[4] Beck, Jan-Wilhelm: S.3.

[5] vgl.: Euripides: Medea S. 5-56.

[6] vgl.: Roser, Birgit: Mythenbehandlung und Kompositionstechnik in Christa Wolfs "Medea. Stimmen“. Münchener Studien zur literarischen Kultur in Deutschland, 32. Frankfurt am Main [u.a.]: Lang 2000. S. 53. (künftig zitiert: Roser, Birgit: Mythenbehandlung)

[7] Roser, Birgit: Mythenbehandlung. S. 54f.

[8] Atwood, Margaret: Zu Christa Wolfs Medea. In: Christa Wolfs Medea. Voraussetzungen zu einem Text. Mythos und Bild. Hg. v. Marianne Hochgehschurz. Berlin: Janus press 1998. S.72. (künftig zitiert: Atwood, Margaret: Zu Christa Wolfs Medea.).

[9] vgl.: Roser, Birgit: Mythenbehandlung, S. 55.

[10] Wolf, Christa: Medea. Stimmen. München: dtv 2001. S. 25. (künftig zitiert: Medea. Stimmen)

[11] ebd. S. 95.

[12] Atwood, Margaret: Zu Christa Wolfs Medea. S. 72

[13] vgl.: Medea. Stimmen. S. 197.

[14] Warum Medea? S.51

[15] vgl.: Medea. Stimmen S. 130ff.

[16] Medea. Stimmen. S. 127.

[17] ebd. S. 143.

[18] ebd. S. 128.

[19] vgl.: Roser, Birgit: Mythenbehandlung. S. 57.

[20] Brunn, Anke: „… dass Menschen ohne Angst verschieden sein können!”. Gespräch mit Helga Kirchner und Lothar Vent über ihre Lektüre von Christa Wolfs Medea. Stimmen. In: Christa Wolfs Medea. Voraussetzungen zu einem Text. Mythos und Bild. Hg. v. Marianne Hochgehschurz. Berlin: Janus press 1998. S. 108 (künftig zitiert: Brunn, Anke: „… dass Menschen ohne Angst verschieden sein können!”)

[21] Medea. Stimmen. S. 139ff.

[22] Warum Medea? S.51.

[23] vgl.: Chiarloni, Anna: Medea und ihre Interpreten In: Christa Wolfs Medea. Voraussetzungen zu einem Text. Mythos und Bild. Hg. v. Marianne Hochgehschurz. Berlin: Janus press 1998. S. 115. (künftig zitiert: Medea und ihre Interpreten)

Details

Seiten
19
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638191609
ISBN (Buch)
9783638787628
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v13516
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Erziehungswissenschaft
Note
sehr gut
Schlagworte
Form Funktion Modernisierung Mythos Medea Christa Wolfs Stimmen Seminar Deutsche Sprache Didaktik

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