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Minne-Idealität in Ulrich von Zatzikhovens "Lanzelet"

Hausarbeit 2006 17 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Gliederung

1. Die Bedeutung der Minne in der höfischen Epik

2. Höfische Minne und damit verbundene Idealvorstellungen
2.1 Wesentliche Aspekte der höfischen Minne
2.2 Das Ideal höfischer Minne
2.2.1 Der ideale ritter
2.2.2 Die ideale vrouwe
2.2.3 Die ideale Minne – Beziehung

3. Die Minne – Beziehungen im „Lanzelet“
3.1 Unvollkommene Minne
3.1.1 Die Tochter des Galagandreiz
3.1.2 Ade
3.2 Ideale Minne zwischen Lanzelet und Iblis
3.3 Minnehaft bei der Königin von Plûrîs und die Mantelprobe

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Die Bedeutung der Minne in der höfischen Epik

Die Minne, so wie sie in den mittelhochdeutschen Werken verstanden wird, ist eine historisch einmalige, epochale Individualität.[1] Nur in der höfischen Literatur des Mittelalters wird diese Form der Liebe thematisiert, die in der Realität wahrscheinlich niemals gelebt wurde.

Im 12. Jahrhundert verfestigte sich beim höfischen Publikum der Gedanke, dass es in der Beziehung zwischen den Geschlechtern mehr geben muss, als das bloße Begehren und Nehmen der Frauen durch die Männer.[2] In diesem Zusammenhang entwickelte sich das Bedürfnis nach Literatur, die das Liebesthema behandelt und eine neue Sichtweise auf die zwischenmenschliche Ebene ermöglicht. Es entstand eine Vielzahl von Werken, die Minne als zentrales Problem darstellten und sich mit der Liebe auseinander setzten. Das zunehmende Interesse des höfischen Publikums an den Erzählungen der Artusdichter lässt sich auf die Spannungsmomente zwischen Welt, Gott und Minne zurückführen, die in der Epik dieser Zeit besonders vielfältig und oft dargestellt wurden.[3]

In den höfischen Erzählungen wurde entweder ein Teil der Handlung oder sogar ihr ganzer Verlauf beeinflusst durch die Emotionen und Beziehungen zwischen den Männern und Frauen. Sie waren neben den Aventiuren der Helden der zweite Hauptbestandteil eines Romans. Die zu bestehenden Abenteuer wurden oftmals verbunden und, bei siegreichem Bestehen, belohnt mit dem Erwerb einer Frau. Die Minne – Episoden waren in ihrer Ausgestaltung zwar sehr unterschiedlich, allerdings lässt sich im Vergleich der verschiedenen Werke eine bestimmte, universelle Idealvorstellung der höfischen Liebe herausarbeiten.

Im Folgenden werde ich den Begriff der höfischen Minne und die damit verbundenen Idealvorstellungen näher erläutern. Dafür werde ich den idealen Ritter, die ideale Edelfrau und die ideale Liebesbeziehung definieren, um dann zu untersuchen, inwiefern diese Idealvorstellung in die Konzeption der Minne - Beziehungen im „Lanzelet“ Ulrichs von Zatzikhoven eingeflossen sind und welche Bedeutung die einzelnen Minne – Episoden in diesem Werk haben. Besonders konzentrieren werde ich mich dabei auf die Beziehung zwischen Iblis und Lanzelet und die Frage, ob die Minne der beiden der Idealvorstellung der höfischen Liebe entspricht. Zuletzt werde ich darauf eingehen, welche spezielle Bedeutung die Minnehaft bei der Königin von Plûrîs für die Lanzelet – Iblis – Minne hat.

2. Höfische Minne und damit verbundene Idealvorstellungen

2.1 Wesentliche Aspekte der höfischen Minne

Höfische Minne ist ein komplexes Phänomen, dessen Bedeutungsvarianten und als wesentlich anerkannte Eigenschaften sehr vielfältig sind. Die entsprechende Fachliteratur bietet ein Fülle von stark voneinander abweichenden Definitionen, die sich zum Teil sogar widersprechen. Es gibt also kein einheitliches System der höfischen Liebe, aber dennoch einige häufig wiederkehrende Züge, die man als typisch ansehen kann.[4] Im Rahmen dieser Arbeit beschränke ich mich auf jene Aspekte, die in Verbindung mit den verschiedenen Minne– Darstellungen am häufigsten erwähnt werden und die mir selbst als am wichtigsten erscheinen.

In der heutigen Zeit ist es eine weit verbreitete Annahme, dass der Begriff minne sich nur auf die „zarte Liebe“ bezieht, die liebende Verbindung, die zwischen zwei Menschen besteht.[5] Dabei geht die ursprüngliche Bedeutung der minne weit darüber hinaus. Sie umfasst, neben dem gesamten Spektrum der Liebe zwischen Mann und Frau, ebenso die religiöse Liebe, also die Liebe Gottes zu den Menschen und die Liebe der Menschen zu Gott, sowie auch die politische Verknüpfung zweier Dynastien durch deren Erben, in den meisten Fällen durch Zwangsheirat.[6] Allen Erscheinungsformen der minne gemeinsam ist der spezifische höfische Charakter: Sie wird erschaffen und bedingt durch den höfischen Gesellschaftsentwurf. Die Artusepik nimmt ebenso wie die Minnelyrik ihren Ursprung in demselben Ambiente bzw. derselben Schicht, nämlich dem weltlichen Hof.[7] Die minne ist ein Teilbereich der höfischen Ideologie, ein wesentlicher Aspekt auf dem Weg zur inneren als auch äußeren Vollkommenheit.

In der mittelhochdeutschen Versepik bezeichnet die höfische Liebe vorrangig die Beziehungen zwischen ritter und vrouwe. Die anderen Bedeutungen können durchaus mitgemeint sein, stehen aber nicht im Vordergrund.[8] Die Bedeutungsvielfalt der Minne- Beziehung zwischen Mann und Frau impliziert die eheliche Liebe ebenso wie die heimliche Liebe gegen die Gebote und Vorschriften des Hofes und natürlich auch den Minnedienst, also die liebende Umwerbung einer vorbildlichen vrouwe. Unabhängig davon, um welche Form der minne es sich handelt, ist die Rollenverteilung der beiden an der Beziehung beteiligten Partner immer die Gleiche. Der Mann steht als Untergebener im Dienste seiner Frau, die auf Grund ihrer sozial höheren Stellung die Rolle der Herrin einnimmt.[9] Da die Frau durch ihre Konventionen und höfische Erziehung eng mit der Gesellschaft verbunden ist, wird sie zu einer Repräsentantin der höfischen Werte. Der Mann hingegen muss sich seine Stellung erst erringen. Die höfische Minne erfordert von ihm das Bemühen, besser und vollkommener zu werden, um sich seiner Frau würdig zu erweisen. Dabei geht es aber in der Regel weniger um die Person an sich, sondern vielmehr um die Werte, die von ihr verkörpert werden. In diesem Zusammenhang ist die minne eine Kunst und Wissenschaft, deren Spielregeln und Gebote von den Beteiligten gekannt und eingehalten werden müssen.[10]

Ihre Verwirklichung erfuhr die minne also in der Praktizierung höfischer Tugenden und der damit verbundenen Beachtung höfischer Umgangsformen. Die höfische Liebe erhielt dadurch einen gesellschaftlichen Wert, der sie zur Liebe eines Menschen machte, der nach der höfischen Vollkommenheit strebte.[11]

2.2 Das Ideal höfischer Minne

2.2.1 Der ideale ritter

Die Bezeichnung ritter bezieht sich in der höfischen Literatur in der Regel auf „…diejenigen, die Gott im Kreuzzug dienen, die einer Dame in der Minne dienen, die dem Nächsten in der Gefahrensituation einer âventiure dienen und helfen…“.[12] Während Herrschaft und Dienst in der Realität zwei völlig verschiedene Sachverhalte sind, schließen sie sich in der Fiktion offensichtlich nicht aus. Ein ritterlich Herrscher kann und muss zugleich im Dienste einer Frau stehen. Somit scheint der Ritterbegriff beide Elemente miteinander zu vereinen.[13]

Der ritter wird nicht als solcher geboren, aber er bringt die nötigen Dispositionen mit. Er legitimiert sich nicht nur durch seine adelige Herkunft, sondern auch durch seine eigene Leistung, durch seinen an den Dienst gebundenen Verdienst.[14]

Der ideale Ritter zeichnet sich vor allem durch eine Vielzahl von höfischen Eigenschaften aus. Die wichtigsten sind dabei die Gerechtigkeit, Freigiebigkeit (milte), das Einhalten spezifischer christlicher Forderungen, allgemeine Tugendwerte, Weisheit (bescheiden), Beständigkeit (staete) und natürlich auch Tapferkeit (belde).[15] Im Zusammenhang mit der Liebe spielt die Treue, im Sinne von fehlender Falschheit, eine herausragende Rolle. Das zentrale Ziel des Ritters ist, vor allem in der Artusepik, durch das Bestehen von Abenteuern (aventiure) und der dadurch erworbenen minne sein höfisches Ansehen zu steigern und somit êrê zu erlangen.[16]

[...]


[1] Vgl. Kolb (1958), S. 9.

[2] Vgl. Dinzelbacher (1986), S. 89.

[3] Vgl. Kolb (1958), S. 71.

[4] Vgl. Dinzelbacher (1986), S. 77.

[5] Vgl. Ehrismann (1995), (S. 137)

[6] Vgl. Wenzel (1986), S. 228f.

[7] Vgl. Dinzelbacher (1986), S. 80.

[8] Vgl. Müller (1986), S. 285.

[9] Vgl. ebd.

[10] Vgl. Bumke (1986), S. 520.

[11] Vgl. ebd., S. 525.

[12] Weddige (1997), S. 172.

[13] Vgl. Weddige (1997), S. 172.

[14] Vgl. ebd., S. 173.

[15] Vgl. ebd., S. 171.

[16] Vgl. Furstner (1956), S. 179.

Details

Seiten
17
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640432653
ISBN (Buch)
9783640432899
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v135154
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
2,0
Schlagworte
Minne Lanzelet Zatzikhoven Minne-Ideal Mediävistik

Autor

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