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Die moderne Erzählproblematik am Beispiel von Max Frisch: Stiller

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 32 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Die Identitätsproblematik als Kennzeichen der Moderne
I.1 Prägende Gesellschaftsstrukturen und Probleme
I.2 Die Sprach- und Realitätsskepsis bei Max Frisch

II. Die Erzählverfahren als Darstellung von Identitätssuche
II.1 Strukturierende Elemente des Romans
II.1.1 Die Fragmentarisierung der Zeitebenen und Perspektiven
II.1.2 Das „uneigentliche Sprechen“ durch einzelne strukturelle Romanelemente
II.2 Sprach- und Stilverwendung als „Spannung zwischen diesen Aussagen“
II.2.1 Gedanken über den Realitätsgehalt von Sprache
II.2.2 Die mehrdeutige Semantik der Tagebuchaufzeichnungen

Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

„Das ist die erschreckende Erfahrung dieser Untersuchungshaft: ich habe keine Sprache für meine Wirklichkeit!“ (Stiller, S. 841 ). Diese Erkenntnis ist immer wieder Anlass dafür, dass der Tagebuchschreiber alias „White“ in seinen Aufzeichnungen nach seiner eigenen Wirklichkeit und Sprache jenseits von Rollenzuweisungen und Klischeedenken sucht, mit denen er von seinen Bekannten konfrontiert wird. Durch andere sprachliche Darstellungsmöglichkeiten will er einer eindeutig fixierbaren Lebensgeschichte und Identität entgehen.

Dass der Einzelne in der modernen Gesellschaft gesellschaftlichen Abhängigkeitsverhältnissen unterworfen ist und sich der Prozess der Selbstfindung innerhalb zahlreicher Lebensmöglichkeiten äußerst schwierig gestaltet, hat Max Frisch sowohl philosophisch als auch romantheoretisch als Sprach- und Identitätsproblematik immer wieder thematisiert.

Diese Arbeit möchte sich der für „Stiller“ charakteristischen Identitätsproblematik unter diesem sprachphilosophischen und romantheoretischen Blickwinkel nähern und sich nicht einer eingehenden Analyse des Inhaltlichen und der problematischen Beziehungskonstellationen der Figuren widmen. Vielmehr soll untersucht werden, mit welchen sprachlichen und strukturellen Mitteln das Grundgefühl der Romanfigur: „Ich bin nicht ihr [!] Stiller“ (St, S. 49) als hintergründige „Realität“ des Textes hervorscheinen und sich entwickeln kann. Angesichts des umfangreichen Romans mit seiner komplexen Struktur ist man anfangs geneigt, in der multiperspektivisch angelegten Erzählung mit ihren zusätzlichen „Geschichten“ eine adäquate Form vorzufinden, die eine scheinbar vielseitige Betrachtung der Identität Stillers ermöglicht. Dass dies in der Tat die einzig mögliche sprachliche Darstellungsform von „Realität“ ist, jedoch nicht im Sinn einer scheinbar objektivierbaren Annäherung an die Person, soll anhand der Romangestaltung gezeigt werden. Nach einer Skizze der gesellschaftlichen und romantheoretischen Dimension von Max Frischs Wirklichkeitserleben und seiner Sprachskepsis soll die Roman- und Sprachgestaltung thematisiert werden, die gerade im „Nichtbenennen“ auf die andere Identität Whites – auf Stiller selbst hinweist. Ausgehend von der Romanorganisation auf struktureller Ebene soll von den größeren sprachlichen Einheiten (Geschichten) auf die Ebene der Reflexionen und Sprechhandlungen übergegangen werden, um die Gestaltung des Romans als Ganzes zu verdeutlichen, der in seiner Gesamtheit eine Imitation von Realität verhindert und gerade so der Thematik gerecht werden kann. Insbesondere für den Roman „Stiller“ sind romantheoretische Überlegungen von Bedeutung; darüber hinaus ist er häufig von der literarischen Öffentlichkeit als ein „Durchbruch“2 auch in formaler Hinsicht gefeiert worden.3 In der Forschungsliteratur dominieren jedoch meist vornehmlich inhaltlich orientierte Untersuchungen zum Identitätsproblem und der Bildnis- und Rollenproblematik; Fragen zu Erzählverfahren und Erzähltheorie sind bisher nur unzureichend beantwortet worden. Zum Roman „Stiller“ selbst liegen daher nur wenige spezifische Untersuchungen zur Funktionalität der Romanstruktur und Erzähltheorie vor. Wichtige Textanalysen kommen u.a. von Walter Schmitz, Horst Steinmetz, Rolf Kieser, Walter Jens, Karlheinz Braun, Juri Stromsik und Marianne Wünsch.4 Forschungsdesiderate bestehen in einer umfassenderen Darstellung der Poetologie und Sprachverwendung als strukturierende Elemente im Roman „Stiller“. Denn die Rezeption von „Stiller“ entsteht durch eine dynamische Textstruktur, durch die sich immer wieder neue Zugänge und Lesarten eröffnen und die sich „einer eindimensionalen Auslegung konsequent verschließt.“5 Darin lie]gt auch das Faszinierende des Romans: Ohne „Mitmachen ist der Stiller weder zu lesen noch zu begreifen“, wie Friedrich Dürrenmatt die aktive Leserrolle in seiner viel zitierten zeitgenössischen Beurteilung beschrieben hat.6

I. Die Identitätsproblematik als Kennzeichen der Moderne

I.1 Prägende Gesellschaftsstrukturen und Probleme

Im Gegensatz zur Situation der Literatur in der Schweiz konzentriert sich die Nachkriegsliteratur in Deutschland zunächst mehr auf allgemein gehaltene Themen statt Problemfelder des Individuums in der Moderne, wie sie noch vor 1933 thematisiert worden sind. Verbindende Erfahrungen für beide Gesellschaften ist jedoch die nach dem Zweiten Weltkrieg rasch entstehende Konsumgesellschaft, die weiter die negativen Tendenzen der Massengesellschaft, wie sie in den Zwanziger Jahren entstanden sind, forcieren: Entfremdung des Menschen durch technisierte Lebensformen, die mediale Übermacht der Bilder und Nachrichten sowie die zunehmende Anonymisierung und Fragmentarisierung des Lebens. Aus der Verdrängungsmentalität und dem empfundenen Werteverlust erwächst die Besinnung auf traditionelle Werte und eine materialistische Sichtweise der neuen Wohlstandsgesellschaft. Die kritische Haltung gegenüber der neuen Formalisierung und Reduzierung des Menschen auf bestimmte Rollen und vorgefertigte Erfahrungsmuster im „Zeitalter der Reproduktion“ (St, S. 186) ist somit auf wenige Schriftsteller und Künstler beschränkt. Auch sie teilen zwar die Erfahrung der geistigen Orientierungslosigkeit und Angst in einer übermächtig gewordenen Umwelt als Grunderfahrung der Moderne, wie sie schon in den Zwanziger und Dreissiger Jahren literarisch verarbeitet worden ist.

Statt von einer „Stunde Null“ muss man daher vielmehr von einer formalen und inhaltlichen Kontinuität wie auch weiteren Differenzierung sprechen, die der Komplexität der Epoche mehr gerecht wird.7 Mit ihrer Kritik an der restaurativen Gesellschaft, v.a. aber durch die empfundene „Erzählkrise“ entwickeln sie jedoch ihre avantgardistischen Qualitäten weiter, auch wenn das vorhandene Krisenbewusstsein sich weiterhin gleichzeitig in antipolitischen und antimodernen Zügen, in indirekten Darstellungsmethoden wie abstrakt-mythischen Erzählungen mit Parabeln und Allegorien, Grotesken und im Antinaturalismus zeigt.8 Gleichzeitig entstehen jedoch innovative Formen und existenzialphilosophisch beeinflusste Inhalte.9 Hintergrund für den Roman der kritischen Nachkriegsautoren ist die Suche nach Darstellungsmitteln bzw. der Funktion von Literatur überhaupt in einer Zeit, „die wir finster nennen“, wie Max Frisch es beschreibt.10 Der Sprachzweifel des Dichters, wie er in stellvertretender Form von Hugo von Hofmannsthals formuliert worden ist, mündet in eine radikalisierte Erzählkrise des Romans11, der mehr denn je durch den Verlust jeglicher Totalität und Ordnung gekennzeichnet ist und die Rolle des Erzählers in letzter Konsequenz ad absurdum zu führen scheint. Die in Teileindrücke zerbrochene Welt, die sich zudem durch den Zerfall eines unfassbaren Ichs nicht mehr aus einem innerem Erleben heraus beschreiben lässt, ist nur noch mit einer fragmentierten Romanstruktur und der Negation von Erzählung in den sprachlichen Diskurs zu überführen.12 Doch selbst diese Fiktionalisierung wird problematisch, wenn mit der schrittweisen Abkehr vom „absoluten Erzählen“ nur noch das Suchen nach ordnenden Zeichen und Bildern – der Schreibakt selbst - den Sinn von Fiktion markiert und zur einzig legitimen Erzählhaltung wird.13 Mit dem Bewusstsein, unbrauchbares, da unwahres Sprachmaterial mit stereotypen Konnotationen und verbrauchten Metaphern benutzen zu müssen, 4 beansprucht der Autor nicht, „Wahres“ schreiben zu können.14 In dieser Autorhaltung ist das Sprachmaterial von vornherein in seinem Sinngehalt relativiert, kann höchstens eine von mehreren möglichen Realitätsstrukturen darstellen und entzieht sich damit konsequent dem traditionellen Kunstanspruch von Literatur als Realitätsimitation.15 Mit insgesamt wenig politischen Aussagen und hinsichtlich des Theaters nicht zu provokativen Formen kann Max Frisch als kritischer Erzähler in dieser Hinsicht rasch neue künstlerische Maßstäbe setzen: Als Schweizer hat er sogar mehr Einfluss in der deutschen literarischen Öffentlichkeit als andere kritische Literaten der Fünfziger Jahre in der Bundesrepublik.16 Bereits in seinen frühen Stücken wie „Nun singen sie wieder“ (1946) oder „Die chinesische Mauer“ (1947), in explizit formulierter Form im „Tagebuch 1946-49“ hinterfragt er die Werte der deutschen und schweizerischen Gesellschaft nicht nur offensichtlich, sondern experimentiert gleichzeitig mit Darbietungsformen und entwirft dramaturgische Konzepte, die jeden Imitationsanspruch von Realität ablehnen.17 Wie ist für den Dichter Realitätsdarstellung überhaupt noch möglich – kann man mittels Sprache dem „Geheimnis“18 von Realität näher kommen, wie eine Kernfrage des schriftstellerischen Schaffens von Max Frisch lautet?

I.2 Die Sprach- und Realitätsskepsis bei Max Frisch

Im Gegensatz zu ebenso kritischen Autoren wie Wolfgang Koeppen oder Wolfgang Borchert, denen es vor allem um eine schonungslose (politische) Gegenwartsdiagnose der Nachkriegsgesellschaft geht, finden sich bei Max Frisch mehr individuelle bzw. philosophische Grundprobleme (ohne dabei Zeitbezüge aufzugeben).19 Zwar kritisiert er die bürgerliche Gesellschaft, die den Menschen normiert und auf Rollen festlegt, damit von der Suche nach seinem individuellen Leben entfremdet und nicht vor die freie Wahl seiner Existenz stellt (vgl. die Schweizdarstellung im vorliegenden Roman).20 Von zentraler Bedeutung für seine Werk ist jedoch die Frage nach der möglichen Individualität des Lebens bzw. die Identitätssuche, die in einer medialen Massengesellschaft schwerer denn je geworden ist und aufgrund des Sprachzweifels nur ein Spiel mit Rollen und Realität zulässt. Das Sprachproblem, durch das grundsätzlich keine individuellen Erfahrungen mehr darstellbar sind, hat den herkömmlichen Begriff der literarischen Fiktionalität 5 verändert.21 In geistesgeschichtlicher Hinsicht sind Friedrich Nietzsche und Hugo von Hofmannsthals Sprachskepsis, der Philosoph Sören Kierkegaard sowie die zeitgenössischen Existenzialphilosophen Martin Heidegger und Jean Paul Sartre für Max Frisch bedeutsam. In sein dramaturgisches Konzept nimmt er den Gedanken der Verfremdungstechnik von Bertold Brecht auf und wirkt mit seinen neuartigen formalen Experimenten spätestens mit „Stiller“ nachhaltig auf die kritische Nachkriegsliteratur.22 Mechanismus in den menschlichen Beziehungen, Rollenhaftigkeit, Entfremdung von der umgebenden Welt und Sprachunsicherheit, schließlich verhindertes Erleben, Monotonie, Angst vor Wiederholung, Isolation, Ohnmacht und die Sinnfrage sind Schlagworte, mit denen die Protagonisten Max Frischs charakterisiert werden können.23 Ein fragmentiertes Bewusstsein durch das „Nacheinander der Zeit“ verhindert ein wahres Leben als „Allgegenwart des Möglichen“ und bringt nur scheinbare „Erlebnisse“ hervor, so Max Frisch in seinen romantheoretischen Formulierungen.24 Existiert überhaupt eine Identität hinter der Realität bzw. einer Sprache, die fortwährend nur das abbildet, was sie durch ein stereotypes Bilderarsenal scheinbar wiedergeben kann und als „real“ zu wissen glaubt? Das Eigentliche, das Wesen des Menschen sieht er als „Geheimnis“, das als das „Unaussprechliche“ letztlich unfassbar bleibt, wie er es seine Romanfigur Stiller sagen lässt (St, S. 330). Durch „Erfindungen“ werde jedoch das (unbewusste) „Erlebnismuster“ erkennbarer, das gleichsam vor aller Erfahrung liege.25 Wenn das Ich nur dann eine Rolle darstellt, wenn es sich ausspricht, muss es in logischer Konsequenz durchaus „an sich“ Substanz besitzen: Es muss etwas „Nicht-Rollenhaftes“ im Sinn einer Identität geben – hinter und vor dem „Sich-Aussprechen“, die sich zur jeweiligen Rolle als „Entwurf der eigenen Erfindung“ in dialektischer Form verhält.26 Max Frisch sieht daher durchaus eine „Wahrheit“ in den Erfahrungen und Erlebnismustern vorhanden.27 Seine viel zitierte Aussage über die eigene Geschichte als Ausdruck verschiedener „Erlebnismuster“: „Jeder Mensch, nicht nur der Dichter, erfindet seine Geschichte“ 28, drückt daher nur seine kategorische Ablehnung des Wahrheitsgehalts von biografischen Daten bzw. einer als 6 faktisch `bewiesen´ geltenden Lebensgeschichte aus.29 Sie kann als fixierende Realitätsdeutung nichts Wahres über die Identität aussagen und im vorliegenden „Fall Stiller“ auch nicht ein juristisches Urteil begründen. Diese Auffassung von sprachlicher Darstellungsmöglichkeit, die für die Gestaltung von „Stiller“ konstitutiv ist, findet sich bereits in seinem „Tagebuch 1946-49“ literarisch verwirklicht.30 Die Tagebucheintragungen verdeutlichen die Kompliziertheit des in viele Realitäten fragmentierten, entindividualisierten Lebens sowie seine Einsicht, ein Stück Lebensgeschichte nur mittels Fiktionen und multiperspektivischer Sicht andeuten zu können.31 Rolf Kieser sieht in seinem literarischen Tagebuch eine zeitgemäße Antwort auf die moderne Erzählkrise, die bedeutsamen Einfluss auf die Entwicklung der Gegenwartsliteratur genommen habe.32 Fiktionales und Nicht-Fiktionales in Form von Ereignissen steht in seinen Notizen, Reflexionen und „Geschichten“ gleichwertig nebeneinander. Diese Montagetechnik, ein Spiegelbild für die Auflösung von traditionellen Formen im modernen Roman33, ist darüber hinaus seit der Jahrhundertwende immer deutlicher auch als Adaption medialer Darstellungstechnik zu interpretieren und wirkt demnach häufig als „filmisches Schreiben“ (short-cuts). Analogie- oder Konstrastmontagen reihen isolierte Bilder aneinander und können nicht mehr auf ein „Ganzes“, auf eine Totalität verweisen. Auch durch die Überzeugung der Autors, mit einem Ich nur eine austauschbare Erfahrung bzw. Fiktion abbilden zu können, wird permanent die Begrenztheit und Subjektivität des Standorts betont. Das Erzählte wird dennoch gerade so auf eine Art objektiver bzw. als lediglich Mögliches gezeigt und kann der Aporie entgehen, nur Unwahres durch Sprache zu vermitteln. Das Ich kann auf diese Weise einen diarischen Dialog mit dem lesenden alter ego beginnen, so dass Max Frisch trotz seines Sprach- und Realitätszweifels behaupten kann: „Schreiben heißt: sich selber lesen.“ Durch diesen raffinierten Kunstgriff - das „Tagebuch als Kunstform“34 – gelingt auch im Roman „Stiller“ durch verschiedene Textarten, Sprachebenen, verschachtelte Zeitebenen sowie mehrere Erzählperspektiven eine sprachliche Annäherung an das „Unaussprechliche“ menschlicher Identität und Realität. Die unverbundene Gegenüberstellung verschiedener Textarten sowie des Fiktionalen mit dem „real“ Erlebten ist auch hier das Darstellungsprinzip35, womit deutlich eine die Realität abbildende Totalität des Romans abgelehnt wird.36 Formen modernen Schreibens wie die Verfremdungs-technik, die Aufhebung von Zeit und Raum als Verdeutlichung des Imaginationscharakters von Geschichte37 und der Zitatcharakter von Sprache überhaupt finden auch hier ihre Anwendung.

Das Problem der Wiederholung (Kierkegaard) thematisiert Max Frisch ganz zentral in seinem Roman: Leben im „Zeitalter der Reproduktion“ (St, S. 186) als vorgeprägtes Klischee und Imitation von Literatur. Von Anfang an konfrontiert er seine Romanfigur mit der Problematik, das Leben innerhalb fertiger Erlebnismodelle erfahren und die eigene Individualität hinter Rollenzuweisungen daher erst entdecken zu müssen. Stiller versucht mit einem eigenen Sprachgebrauch, seiner Wirklichkeit näher zu kommen und eine Identität als Variante aus der Vielfalt des Möglichen sichtbar zu machen, die über biografische Details hinausgeht.38 Die Diskrepanz zwischen Wahrheit und Wirklichkeit und der schwierigen Suche danach wird geradezu das Grundthema des Romans mit dem Ausspruch „Ich bin nicht ihr Stiller!“ (St, S. 49) Es wird eine erfahrene, doch zugleich „unaussprechliche“ Wirklichkeit in kunstvoller und verwirrend vielschichtigen Art geschildert. So gilt es bei der Lektüre, die scheinbare protokollarische Objektivität des Erzählten, die Perspektive des Dargestellten zu hinterfragen und lediglich als vorläufige, als mögliche Realität zu erkennen. Bleibt der Roman für Max Frisch zwar noch „weitgehend in der Tradition des Illusionsromans“, da der Leser ständig eingeladen oder verführt werde, das Dargestellte zu glauben39, verweigert sich der Text in seiner Struktur und Sprachverwendung dennoch dem Anspruch einer „realistischen“ Darstellung. Mit welchen strukturellen und sprachlichen Darstellungsformen dies gelingt, soll im Folgenden gezeigt werden. Es wird die Funktionsweise des Romans skizziert, die sich durch verschiedene Erzählverfahren permanent der Generierung von fiktionaler Wahrheit verweigern kann und dennoch eine Realität „hinter“ der oberflächlich dargestellten Bedeutungsebene von Sprache sichtbar macht, was abschließend anhand einiger Beispiele konkreter Sprachgestaltung näher aufgezeigt wird.

[...]


1 Im Folgenden zitiert als „St“.

2 Petersen: Frisch, S. 188.

3 Zum Forschungsstand allgemein vgl. Schäfer: Rolle, S. 128-138.

4 Vgl. die Angaben im Inhaltsverzeichnis.

5 Balle: Literatur, S. 123.

6 Dürrenmatt. In: Schmitz: Materialien,: Frisch, Bd. 1, S. 81.

7 In diesen drei Jahrzehnten wird heute in der Forschung eine literaturgeschichtliche Einheit gesehen: Bis in die Fünfziger Jahre hinein besteht die zeittypische Koexistenz des Formkonservativen und Avantgardistischen. Schäfer: Bewußtsein, S. 58. Zu Elementen des modernen Erzählens vgl. Bürger: Prosa, S. 383-411.

8 Stromsik. In: Schmitz: Frisch II, S. 143f

9 Stephan: Frisch, S. 42f. Zu Frischs politischen Essays ebd., S. 43f.

10 Frisch: Tagebuch, S. 27. Über Bertold Brechts Gedichte schrieb er anerkennend, dass sie das Wahrhaftige abgebildet hätten, „nüchtern“, „unpathetisch“ und daher „wirklich“, ebd., S. 232.

11 Kieser: Tagebuch, S. 48f. Zum Problem der Erzählbarkeit von Wirklichkeit ebd., S. 44-54 und S. 63-68; als Stichwort zu nennen wäre hier auch der sog. „Realismusstreit“ der Fünfziger Jahre, der dies kontrovers diskutierte.

12 Gleichzeitig gibt es jedoch (modifizierte) Rückgriffe auf das Erzählen einer individuellen Figur. Hillebrand: Erzählstrategien, S. 374f.

13 Ebd., S. 378f. Vgl. Heimito von Doderers Vortrag über den modernen Roman 1959 und Theodor Adornos kritische Analyse 1954, ebd., S. 381. Vgl. zum Problem des Erzählens im modernen Roman ebd., S. 374-495.

14 Kieser: Tagebuch, S. 35. Frisch schreibt dazu auch einmal: „Erzählung: aber wie?“ In: Tagebuch, S. 124.

15 Stromsik. In: Schmitz: Frisch II, S. 145.

16 Schäfer: Rolle, S. 60-65.

17 Stephan: Frisch, S. 37. Hier auch eine Charakterisierung seines Schreibens und eine Skizze seiner frühen Stücke, S. 37-58. Zur diaristischen Erzählhaltung vgl. Kieser: Tagebuch, S. 22-28.

18 Frisch: Gesammelte Werke, Bd. II, S. 371.

19 Dennoch wird auch im Roman „Stiller“ die selbstgerechte, Konsum orientierte Nachkriegsgesellschaft der Schweiz, die kulturellen Klischees folgt und Menschen stereotyp nach zugewiesenen Rollen beurteilt, explizit kritisiert.

20 Weise: Struktur, S. 70.

21 Vgl. die Elemente des literarischen Tagebuchs in ihrer Entwicklung von Hugo von Hofmannsthal über Franz Kafka, James Joyce zum `Nouveau Roman´. Kieser: Tagebuch, S. 11.

22 Zu den geistesgeschichtlichen Einflüssen vgl. Lüthi: Frisch, S. 133-196 sowie Naumann: Kommunikation, S. 11-82.

23 Zum Entfremdungsgedanken im Existenzialismus und der Umsetzung in den Dramen vgl. Weise: Struktur, S. 54-64.

24 Wang: Zeit, S. 46.

25 Die scheinbare Ursache unserer Erfahrung ist nur deren Ausdruck, das Wenige, was „faktisch“ werde – „nennen wir´s die Biografie“ – sei nur fiktiv und fragmentarisch, „Ausläufer einer fiktiven Existenz“. Johnson: Stich-Worte, S. 127. Zu seiner Theorie über Fiktion und Wahrheit ebd., S. 126f.

26 Petersen: Frisch, S. 97.

27 Zur Erfahrung im Sinn Max Frischs vgl. Naumann: Kommunikation, S. 160-168.

28 Frisch: Gesammelte Werke, Bd. IV, S. 263.

29 Frisch betont vielmehr die Notwendigkeit, „immer aufs neue wirklich zu werden“. Frisch: Tagebuch, S. 23.

30 Vgl. hierzu knapp Müller-Salget: Frisch, S. 107-117. Zur Sprache des Tagebuchs vgl. Kieser: Tagebuch, S. 35-39.

31 Ebd., S. 14.

32 Kieser: Tagebuch, S. 12 u. 15.

33 Stephan: Frisch, S. 45. Vgl. dazu ein Gespräch mit Max Frisch, in dem er die Kombination verschiedener Textarten (Fiktion, Faktum und persönliches Leben) als Darstellungsprinzip erläutert. In: Arnold: Gespräche, S. 41, ausführlich zur Thematik ebd., S. 9-73. Vgl. dazu auch Schäfer: Rolle, S. 107-126.

34 Frisch. In: Arnold: Gespräche, S. 42.

35 Petersen: Frisch, S. 83

36 Zur „offenen“ Form des Dramas bzw. der Dramentechnik bei Max Frisch Geisser: Dramaturgie, S. 14-22.

37 Wang: Zeit, S. 27

38 Zur Thematik des versäumten Lebens bzw. des „Möglichen“ vgl. Gühne-Engelmann: Prosawerk, S. 36-44, 51-63.

39 Arnold: Gespräche, S. 43. Dies lässt sich vor allem in Hinblick auf seine „radikalere“ Lösung in „Mein Name sei Gantenbein“ verifizieren.

Details

Seiten
32
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640431908
ISBN (Buch)
9783640431816
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v135123
Institution / Hochschule
Universität Karlsruhe (TH) – Institut für Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Erzählproblematik Beispiel Frisch Stiller

Autor

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Titel: Die moderne Erzählproblematik am Beispiel von Max Frisch: Stiller