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Helmuth James Graf von Moltke: Konzept für ein föderalistisches Europa nach dem Nationalsozialismus

Hausarbeit 2002 18 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Helmuth James Graf von Moltke
2.1 Biographie
2.2. Einflüsse auf Moltke
2.3. Der Kreisauer Kreis

III. Der Weg zu einer Neuordnung...

IV. James Moltkes Europa
4.1. Die Denkschriften
4.2. Die europäischen Grenzen
4.3. Wirtschaft
4.4. Der Staatsaufbau von Moltkes Europa
4.5. Staatenbund, Einheitsstaat oder Bundesstaat?

V. Schlussbetrachtung

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Helmuth James Graf von Moltke wurde im Januar 1945 dafür, dass er nur „gedacht“[1] hat, hingerichtet. In der Literatur gilt Moltke mit Recht als ein Element des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. Hier fällt auf, dass er in der Regel in einem Atemzug mit dem Kreisauer Kreis genannt wird. Fast alle Veröffentlichungen über James Moltke befassen sich zumindest in gleichen Teilen mit ihm und dem Kreisauer Kreis. Oft werden die persönlichen Denkschriften Moltkes den Dokumenten des Kreisauer Kreises zugerechnet. Doch sollte man, gerade was gesamteuropäische Nachkriegspläne angeht, die Zielvorstellungen Moltkes und die Zielvorstellungen des Kreisauer Kreises, die auf der Diskussion vieler Menschen basieren, auseinanderhalten. Natürlich muss angemerkt werden, dass die Mitglieder des Kreisauer Kreises mit Sicherheit größten Einfluß auf das Denken Moltkes gehabt haben, doch unterscheiden sich die Denkschriften Moltkes erheblich von den Dokumenten des Kreisauer Kreises. Diese Arbeit möchte sich auf das Denken Moltkes konzentrieren, der Kreisauer Kreis soll deshalb nur knapp beleuchtet werden. So sollen Moltkes Neuordnungsvorstellungen für ein Gesamteuropa konkretisiert werden und der Versuch unternommen werden, dieses vermeintliche Staatsgebilde zu charakterisieren.

Die wichtigsten Schriften Moltkes zu diesem Aspekt sind ohne Zweifel seine Denkschriften „Die kleinen Gemeinschaften“ von 1939/40, „Über die Grundlagen der Staatslehre“, sowie die aufeinander folgenden Versionen „Ausgangslage“, „Ausgangslage“ (2. Fassung) und „Ausgangslage, Ziele und Aufgaben“ aus dem Jahr 1941, wobei die genaue Datierung der letztgenannten Denkschrift in der Forschung umstritten ist. Ferner geben die Briefe Moltkes[2] Aufschluss über sein Denken, auch wenn konkrete Zielvorstellungen dort weniger zu finden sind. Vor allem die Denkschriften zur „Ausgangslage“ bieten viel Stoff zu verschiedenen Interpretationen über die vorgeschlagene Staatsordnung und über Staatselemente bzw. über Moltkes Denken allgemein und werden in der Forschung kontrovers diskutiert. Daran möchte sich diese Arbeit beteiligen.

Zunächst soll in einer kurzen Biographie in das Leben Moltkes eingeführt werden und vermeintliche Einflussfaktoren genannt werden. Anschließend wird versucht, den Weg zu beschreiben, der nach Moltke notwendig sei, die Zielvorstellungen von einem föderalistischen Europa zu erreichen. Den Kern dieser Arbeit stellen schließlich diese Zielvorstellungen Moltkes dar. So soll der europäische Grenzverlauf, eine angestrebte neue Wirtschaftsordnung und die Staatsordnung an sich untersucht werden.

II. Helmuth James Graf von Moltke

2.1. Biographie

Helmuth James Graf von Moltke wurde am 11.März 1907 in Kreisau, dem heutigen Krzyzowa,[4] in Schlesien geboren. James Moltkes Mutter, Dorothy Rose-Innes, stammte aus Südafrika und war Tochter des dortigen Justizministers.[5] Sein Vater Helmuth Graf von Moltke, erbliches Mitglied des preußischen Herrenhauses, war Großneffe des Feldmarschalls Helmuth Carl Bernhard Graf von Moltke. Seine Kindheit und Jugend verbrachte James in Kreisau, reiste allerdings viel mit seinen Eltern zu den Großeltern nach Südafrika und Holland. Schulunterricht erhielt er zunächst zuhause. Ab 1922 wurde er in ein Internat nach Schondorf am Ammersee geschickt, wo er sich nicht wohlfühlte und sich gegen den dortigen Kollektivgeist wehrte,[6] was ihn und seine engsten dortigen Freunde schnell von Mitschülern und Lehrern isolierte.[7] Die letzten beiden Schuljahre bis zum Abitur besuchte er aus eigener Entscheidung das Realgymnasium in Potsdam. Im März 1925 machte er das Abitur und immatrikulierte sich für Rechtswissenschaften an der Universität in Breslau. Dort blieb er aber nur ein Semester lang, anschließend ging er dann nach Berlin, wo er zusätzlich noch Vorlesungen über Geschichte und Politik hörte. Allerdings ging er sehr unregelmäßig zu Vorlesungen, so dass er in Breslau zu Beginn seines Studiums sogar exmatrikuliert worden war. In Berlin lernte Moltke Eugenie Schwarzwald kennen, die ihm zu einem Studium in Wien riet, ihrer Heimat. Dort brachte sie ihn auf dem Anwesen ihrer Eltern mit Persönlichkeiten wie Bertold Brecht, Carl Zuckmayer oder Arnold Schönberg[8] zusammen. Schließlich lernte Moltke dort auch seine zukünftige Frau, Freya Deichmann, kennen. Im Jahr 1929 bestand Moltke, wieder in Breslau, sein 1.Staatsexamen mit "ausreichend".[9] Obwohl Moltke nun große Reisepläne hatte,[10] musste er nach Kreisau zurückkehren. Das Gut Kreisau war in den vergangenen Jahren in eine schwere wirtschaftliche Krise geraten. Durch unermüdlichen Einsatz[11] schaffte es Moltke, das Gut bis 1942 schuldenfrei zu bekommen.[3]

1931 heiratet Moltke Freya Deichmann, ein Jahr später zog das Paar nach Berlin, wo Moltke sein Referendariat am Oberlandesgericht ableistete. 1934 bestand Moltke das Assessorexamen, nachdem er zuvor zwangsweise an einem nationalsozialistischen Schulungslager für Juristen teilnehmen musste. Anschließend beantragte er die Zulassung als Rechtsanwalt und eröffnete 1935 zusammen mit Karl von Lewinski eine Kanzlei für Völkerrecht und Internationales Privatrecht. Gleichzeitig ließ Moltke sich in England zum Barrister ausbilden, 1938 erhielt er die Zulassung als Rechtsanwalt in England.

Unmittelbar nach Kriegsbeginn wurde Moltke, weil kriegsuntauglich,[12] als Kriegsverwaltungsrat im militärischen Geheimdienst des Oberkommandos der Wehrmacht zwangsverpflichtet.[13] Als Sachverständiger für Völkerrecht war Moltke bis zu seiner Verhaftung auf dem Gebiet des Kriegsrechts zuständig. Ab 1940 fing er an, Persönlichkeiten aus allen Bereichen um sich zu versammeln, um über die Zukunft Deutschlands und Europas zu debattieren. Diese Diskussionsrunden wurden später unter dem Namen „Kreisauer Kreis“ bekannt, benannt nach dem Ort der insgesamt drei großen Treffen auf dem Gut Moltkes. Im Januar 1944 wurde Moltke verhaftet, nicht, weil seine Arbeit mit dem Kreisauer Kreis aufflog, sondern weil die Gestapo herausfand, dass Moltke einen Freund vor dessen bevorstehender Verhaftung gewarnt hatte. Erst im Zuge der Ermittlungen zum Attentat auf Hitler vom 20.Juli 1944 kam Moltkes Tätigkeit ans Licht.[14] James Moltke wurde am 23.Januar 1945 hingerichtet.

2.2. Einflüsse auf Moltke

Im Folgenden sollen einige Aspekte, die m.E. wesentlich für Moltkes Prägung waren, beleuchtet werden. Moltkes Eltern gehörten beide der „Christian Science“ an, einer christlichen Sekte aus den USA,[15] deren Anhänger an die Heilung von Krankheiten und anderen Übeln durch Gebete und innere Läuterung glauben.[16] James Moltke und seine Geschwister blieben aber wie alle anderen Mitglieder der Familie evangelisch.[17] Auch wenn Moltke nicht der Kirche seiner Eltern angehören wollte, so war er doch überaus religiös, im Laufe der Jahre kannte er die Bibel nahezu auswendig.[18] Überhaupt herrschte im Hause der Moltkes eine große Freiheit im Denken,[19] vor allem durch die Mutter war die Atmosphäre in Kreisau sehr weltoffen.[20] Moltke besaß ein ausgeprägtes soziales Interesse,[21] so entwickelte er 1927 die „Löwenberger Arbeitsgemeinschaft“, ein freiwilliges Arbeitslager für junge Arbeiter, Bauern und Studenten, das soziale und politische Gegensätze überbrücken sollte.[22] Moltke reiste sehr viel in seinen „Wanderjahren“[23],1928 begegnete er dem kroatischen Bauernführer Radic, um über die Zukunft der Minderheiten auf dem Balkan zu diskutieren, überhaupt interessierten Moltke Minderheitenfragen sehr.[24] Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 kam für Moltke ein Amt im öffentlichen Dienst nicht in Frage.[25] Trotzdem wollte Moltke nicht nach England auswandern, um dort zu arbeiten, da sein Verantwortungsgefühl gegenüber Deutschland, seiner Familie und Kreisau hierfür zu groß war.[26] Auch eine Tätigkeit für den Völkerbund in Genf dachte er an, war aber zu enttäuscht vom Völkerbund, als dort zu arbeiten.[27] In seiner Tätigkeit im Geheimdienst des OKW bekam Moltke zunehmend unverfälschte Berichte über die dt. Kriegführung, insbesondere die Behandlung der Juden.[28]

2.3. Der Kreisauer Kreis

Im Hinblick auf Moltkes Denkschriften stellten die Mitglieder des Kreisauer Kreises[29] den größten Einfluß dar. Viele Mitglieder waren schon in der Löwenberger Arbeitsgemeinschaft aktiv, die sich als Vorphase der späteren Arbeit des Kreisauer Kreises bezeichnen lässt.[30] Mittelpunkt[31] des Kreisauer Kreises waren Moltke zusammen mit Peter Yorck von Wartenburg. Yorck, Jurist wie Moltke, hatte seit 1938 Zusammenkünfte mit Offizieren, Diplomaten u.a. abgehalten, wo über Grundsätze einer Reichsreform diskutiert wurde.[32] In dieser Zeit traf er auch mit Moltke zusammen, den er bis dahin flüchtig kannte.[33]

Um diese beiden Personen spannte sich ein Netzwerk von Intellektuellen aus allen Bereichen.[34] Zu jeder Fragestellung des Kreisauer Kreises wurden Spezialisten hinzugezogen. Da die Gefahr einer Entdeckung sehr groß war, wurde eine strenge Arbeitsteilung vorgenommen, nur Moltke und Yorck wussten von allen Aspekten der Pläne.[35] Seit Dezember 1940 fanden vorbereitende Besprechungen für eine Neuordnung nach dem Nationalsozialismus statt.[36] In drei großen Tagungen[37] wurden schließlich Protokolle sowie die „Weisungen an die Landesverweser“ und die „Grundsätze für die Neuordnung“ angefertigt.[38] Nachdem Moltke verhaftet worden war, schlossen sich viele Mitglieder Stauffenberg an und unterstützten ein Attentat auf Hitler. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer der Kreisauer Treffen wurden schließlich nach Prozessen vor dem Volksgerichtshof umgebracht.[39]

[...]


[1] vgl. von Oppen, Brief Moltkes an Freya vom 10.Januar 1945, S. 602. Eine Tat oder ein Umsturzversuch konnte Moltke von der Gestapo nicht nachgewiesen werden.

[2] von Oppen, „Briefe an Freya 1939-1945“.

[3] sehr ausführliche Biographien liefern Balfour, Helmuth James von Moltke 1907-1945, und van Roon, Neuordnung, S. 56 ff.

[4] vgl. von Schwerin, S.17.

[5] vgl. von Oppen, S.16.

[6] vgl. von Oppen, S. 17.

[7] vgl. von Schwerin, S.18.

[8] vgl. von Schwerin, S.19.

[9] vgl. von Schwerin, S.20.

[10] vgl. von Schwerin, in: Karpen/Schott, S.124.

[11] vgl. Brief Moltkes an Freya, in: Balfour, S. 50.

[12] vgl. Finker, S. 87.

[13] vgl. von Schwerin, S. 23.

[14] vgl. von Schwerin, S. 26.

[15] vgl. von Oppen, S.16.

[16] vgl. Finker, S. 61.

[17] vgl. Finker, S. 62.

[18] vgl. von Oppen, S. 49.

[19] vgl. Finker, S.61.

[20] vgl. van Roon, Widerstand, S.147.

[21] vgl. van Roon, Widerstand, S. 147.

[22] vgl. von Oppen, S.19

[23] vgl. Finker, S. 66. Es folgten Reisen in viele Städte Westdeutschlands, um mit Politikern und Studentenverbänden zu diskutieren und Verbindungen zu den Problemen Ostdeutschlands herzustellen.

[24] vgl. van Roon, Neuordnung, S. 453.

[25] vgl. von Schwerin, S.21.

[26] vgl. von Schwerin, S. 23.

[27] vgl. von Oppen, S.28. So wimmelte es für Moltke dort von Bürokraten, die sich ausschließlich als Vertreter ihres Landes fühlten und nicht als Völkerbundbeamte. Der Völkerbund müsse "unabhängige Macht" werden

(Brief an Freya vom 28. März 1935).

[28] vgl. von Oppen, S.41. Moltke setzte sich sehr für die Verhinderung von Geiselerschießungen ein, er verhandelte mit Generälen der Wehrmacht und der SS. Moltke hatte dabei wenig Erfolg, einmal gelang es ihm aber, eine Deportation dänischer Juden zu vereiteln helfen.

[29] Die Bezeichnung „Kreisauer Kreis“ wurde von der Gestapo geschaffen.

[30] vgl. van Roon, Widerstand, S. 143.

[31] vgl. van Roon, Neuordnung, S.223. Nur Moltke und Yorck wussten von allen Aspekten der Kreisauer Arbeit.

[32] vgl. van Roon, Widerstand, S.148.

[33] ebd.

[34] zum engsten Kreis hinter Yorck und Moltke gehörten: Dietrich von Trotha, Horst von Einsiedel, Sozialisten; Adolf Reichwein, Pädagoge; Hans Peters, Hans Lukaschek, Juristen; Carlo Mierendorff, SPD-Abgeordneter im Reichstag; Theodor Steltzer, Wirtschaftswissenschaftler; Augustin Rösch Alfrd Delp, Jesuitenpater (vgl. van Roon, „Widerstand“ und van Roon, „Neuordnung“)

[35] vgl. van Roon, Neuordnung, S. 223.

[36] ebd.

[37] 1.Tagung: 22. - 25. Mai 1942, 2. Tagung: 16.-18. Oktober 1942, 3.Tagung: 12.-14.Juni 1943.

[38] alle diese Dokumente zu finden in: Dossier. Kreisauer Kreis, hgg. von Roman Bleistein.

[39] von der Kerngruppe sind Yorck, Moltke, Trott, Haeften, Leber, Reichwein, Delp und Haubach hingerichtet worden. (vgl. van Roon, Widerstand, S. 159).

Details

Seiten
18
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638191418
Dateigröße
747 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v13491
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Historisches Seminar
Note
2.0
Schlagworte
Helmuth James Graf Moltke Konzept Europa Nationalsozialismus Föderalismus Organisationsprinzip Instrument Friedenssicherung

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